Die Stimme

Als ich mich der Bedrohung von Innen stellte

Ausschnitt aus einem Gemälde. Es sind vor allem Wolken und am unteren Bildrand Berge sowie ein Federschmuck eines Helmes zu erkennen.

Sobald die Wörter meinen Mund verlassen haben, wird mir klar, was für eine banale Frage das war, die ich da gestellt habe. Das sollte jedoch niemanden überraschen, am allerwenigsten mich. Ich war noch nie sonderlich schlagfertig, und im Moment kann ich einfach nicht anders, als mich wundern, was das alles zu bedeuten hat. Wo bin ich? Tief unter der Erde, im Brunnen, in einer Kathedrale aus Beton, die aus mysteriösen Gründen hier angelegt wurde? Oder doch immer noch im Großen Seelenzeppelin, das über der stürmischen See stur seinen Kurs hält – und ich in seinem Maschinenraum, den ich nur selten betrete?

Egal, wo ich mich wirklich befinde: Die Person, der diese Stimme gehört, sollte nicht hier sein.

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Maschinenraum

Als ich endlich merkte, dass ich gar nicht tief unter der Erde war

Betonstruktur mit einem Vorsprung.

Das Summen klingt mechanisch und dennoch melodiös. Immer wieder wandert mein Blick nach oben, an den Betonstrukturen entlang, bis ich meinen Kopf so sehr in den Nacken legen muss, dass es schmerzt. Ich versuche, meine Augen weiter nach oben zu rollen, so dass ich vielleicht endlich den unsichtbaren Chor, den ich vermute, im Augenwinkel erhaschen kann. Aber da ist nichts. Egal wie lange ich versuche, sämtliche Ecken, Nischen und Alkoven in dieser merkwürdigsten aller Kathedralen zu untersuchen, ich sehe keine robentragenden kapuzenbedeckten Gestalten, die dieses Geräusch, das ich immer noch als Gesang missverstehe, verursachen könnten. Ich stehe immer noch vor einer Konsole, meine Hände bewegen sich unwillkürlich darüber, ich drücke Knöpfe, die ich nicht sehen kann, mechanisch, muscle memory, als würde ich ein Passwort eingeben, das ich seit Ewigkeiten kenne.

Das Geräusch wird unerträglich laut und schrill.

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Podcasting

Als ich ein paar Gedanken über das Sprechen im Netz aufschrieb

Ein auf alt getrimmtes Mikrofon vor einer weißen Wand, an dem ein buntes Poster hängt.

Zu allererst: Die neuste Folgeirgendwas mit meta“ ist gestern kurz vor Mitternacht erschienen. Wir haben am Sonntag aufgenommen, Montag, Dienstag und Mittwoch habe ich daran geschnitten. Ich mag die Folge sehr gerne, weil ich mich an einigen Stellen mit Soundeffekten austoben konnte. Die Hoffnung, dass nicht nur ich das lustig finde, ist zumindest da und bisher hat mir noch niemand erzählt, dass er*sie es sehr nervig findet. Katja und ich sprechen in der aktuellsten Episode über Baby Shark, Marie Kondo, Birdbox, besprechen wie immer eine Episode BoJack Horseman und rezensieren einen Käse.

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Gesten

Als ich einen Text vom letzten Sommer bloggte

Cold Brew-Kaffee mit einem Eiswürfel, stilecht serviert in einem Marmeladeglas

Wir sitzen in dem Buchladen, der auch ein Café ist und Bagels verkauft. Es ist ein heißer Sommer in Berlin, so wie vor einem Jahr, als wir uns das erste Mal getroffen haben und all dies anfing. Ich trinke einen cold brew, weil ich das letzte Mal als wir hier waren schon einen cold brew getrunken habe und gerne eine Tradition daraus machen würde. Weil ich jeder noch so kleinen Geste gleich eine tiefsinnige Bedeutung geben würde, weil irgendein Teil von mir dann doch ein hoffnungsloser Romantiker ist.

Was ich natürlich niemals zugeben würde.

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Die Silvesternacht

Als ich zu meinem großen Erstaunen schon wieder einen Traum notieren konnte

Eine (vermutlich weiblich gelesene) Person, deren Gesicht unscharf und im Halbdunkeln liegt hält eine Wunderkerze. Der Großteil des Bildes ist schwarz.

Ich verbringe den Jahreswechsel bei S., die im Traum irgendwo im hohen Norden Luxemburgs wohnt. Wir haben etwas miteinander, oder zumindest habe ich das Gefühl, dass dem so ist und wir liebevoll miteinander umgehen und im Raum steht, dass wir Sex miteinander haben. Eigentlich sollte ich vor Mitternacht mit dem letzten Bus nach Hause fahren, stattdessen überlegen wir uns aber einen Plan, mit dem ich bis Mitternacht bleiben kann. Dazu müssen wir selbst einige Stationen mit dem Bus fahren, um einen analogen Fahrplan anzuschauen oder einfach zu testen, ob unsere Theorie stimmt. Wo genau „nach Hause“ ist, weiß ich nicht, es kommt mir vor als würde ich noch zum Flughafen müssen oder hätte eine längere Reise vor mir.

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Ein erstaunlich kleiner Weltuntergang

Als ich mal meine Schlüssel vergaß

Ein alter Schlüssel an einer Schnur vor einem Karton.

„Es musste ja einmal so kommen!“, denke ich und setze mich ins Café am Ende der Straße. Seit ich mit 16 das erste Mal zwei Wochen alleine zu Hause war, während meine Familie in Urlaub gefahren ist, hatte ich diese Angst, meinen Schlüssel zu vergessen. Was vor allem daran lag, dass wir eine Tür hatten, die „ins Schloss“ fiel und die wenig Spielraum für Fehler zuließ. Das Haus, in dem ich jetzt wohne, hat eine ähnliche Tür, die Angst war aber nicht mehr so groß. Ich habe mir einfach über die Jahre angewöhnt, vor dem Verlassen des Hauses nachzufühlen, ob ich meinen Schlüssel eh habe.

Auf der Arbeit ist einfach: Wir schließen die Räume zur Redaktion beim Verlassen immer ab, dafür brauche ich einen Schlüssel, also habe ich den dabei. Heute bin ich zeitgleich mit einer Arbeitskollegin raus – und prompt habe ich meinen Schlüssel im Büro liegen gelassen. Zum Glück gibt es bei uns in der Straße ein Café, in dem ich im Warmen warten kann, bis eine der Personen, mit der ich das Haus teile, zu Hause ist. Alles also nicht so schlimm. Gebraucht hätte ich aber weder den Schreckmoment, noch die Wartezeit, die sich wenig angenehm gestaltet (es ist laut und eher ungemütlich). Natürlich überlege ich jetzt auch, ob die Schlüssel nicht verlorengegangen sein könnten und ob sie wirklich da liegen, wo ich vermute, dass sie liegen. Aber ich bin mir sicher. Ich weiß, wann ich sie zuletzt hatte und ich weiß, dass ich das Büro einen Ticken zu schnell verlassen habe.

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Wie das Netz aussieht

Als ich zwei Links zum Thema vom Vorpost postete

Ein Switch mit vielen bunten Ethernet-Kabeln

Lustig, wie der Zufall manchmal so spielt. Gestern bloggte ich darüber, dass ich IRC-Kanäle und insgesamt ewig langes Chatten vermisse, heute spülte mir Twitter wie zum Dank dafür zwei Artikel zum Internet in die Timeline. Der erste behandelt ebenfalls die Nostalgie, mit der manche von uns an das alte, langsame, hässliche Netz zurückdenken.

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#chat

Als ich darüber nachdachte, welche digitalen Kommunikationsformen mir mittlerweile fehlen

Foto eines alten Computers, auf dem ein IRC-Chat läuft. Die Schrift ist grün auf schwarzem Grund.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Facebooks Messenger die beste Idee war, die das Netzwerk je hatte. Nicht, weil der Messenger technisch überzeugen würde oder irgendeine Funktion hätte, die ich in einem anderem Chat-Dienst vermissen würde, sondern für Facebook selbst halt. Das de facto-Telefonbuch des Internets mit einem Direktnachrichtendienst zu verbinden klingt im Nachhinein zwar sehr logisch, ist aber wohl für viele ein Grund, doch zähneknirschend auf der Plattform zu verbleiben – einfach um ohne große Umstände erreichbar zu sein.

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Vibration

Als ich (sehr müde) über meine Müdigkeit sinnierte

schwarz-weiß Foto von Betonstrukturen. Unten im Bild ist Wasser zu erkennen.

Das Summen wird noch lauter. Es fühlt sich an, als würde die gesamte Halle vibrieren. Mir bereitet das keine Sorgen. Ich trete vor die Konsolen aus Beton und berühre instinktiv eine der kleinen Leuchten. Sie fühlt sich nach Beton an, der sich in der warmen Sommersonne aufgewärmt hat. Absolut glatt, keine Erhebung oder ein anderes Material. Mich stört das nicht, auch wenn es mich vermutlich sogar verstören sollte. Ich weiß immer noch nicht, warum ich hier bin, aber es fühlt sich richtig an.

Ich kann schlecht mit meinem Energiehaushalt umgehen. Ich gebe natürlich gerne der Dunkelheit, die seit gefühlten Monaten anhält, die Schuld. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich jeden Tag viel zu lange warte, bis ich anfange, Texte zu schreiben und dadurch immer länger wach bin, als ich es eigentlich sein wollte. Ich kann mich natürlich nicht mehr erinnern, wie genau das 2018 war, als ich nicht jeden Tag bloggte – vermutlich schaffte ich es auch durch irgendeine Prokastinationsmagie, um etwa die gleiche Zeit ins Bett zu gehen und mich dann zu wundern, warum ich müde bin.

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Ithaka

Als mir alles vertraut und dennoch so falsch erschien.

Blick von unten nach oben aus einem Betonschacht. Einige Meter über dem Blickpunkt ist eine sternenförmige Plattform.

Ich betrete die Kathedrale aus Beton. Das Surren, das ertönt, sobald der Raum – oder etwas in dem Raum – erkannt hat, dass ich mich in ihm aufhalte, wirkt keinesfalls bedrohlich. Die Lichter werden ebenfalls heller, als wolle mir ein System zu verstehen geben, dass ich hier zuhause bin. Noch erkenne ich keine Struktur, keine Geräte, mit denen ich kommunizieren könnte. Obwohl ich keine Ahnung habe, was das hier soll, fühlt sich alles vertraut an. Ich verstehe meine eigene Reaktion nicht – eigentlich müsste ich zittern, schreien, eine Gänsehaut haben oder zumindest müssten sich meine Nackenhaare aufstellen. Aber nichts dergleichen.

Der Raum fühlt sich merkwürdig, beinahe schon unheimlich vertraut an. Also eigentlich nicht unheimlich, sondern heimlich. Oder heimisch. Die Betonstrukturen bilden einen Halbkreis. Teilweise sind es lediglich Klötze, in denen Lichter eingesetzt sind, teilweise sind es Skulpturen, die meterhoch in die Höhle ragen, deren Decke ich nicht erkennen kann. Denn noch andere der Betonstrukturen scheinen Pfeiler zu seinen, oder dekorative Elemente, die sich verästeln, einander überkreuzen, sich gegenseitig stützen, ohne dass ich wirklich einen Sinn erkennen kann. Ich finde sie ästhetisch ansprechend. Eigentlich sollte mich das alles schwindelig machen. So viel weiß ich. Aber das tut es nicht.

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