FrühlingsErwachen

Well Erna, you've asked for it…

Sie strich mir durchs Haar.
Ich sah sie etwas verwirrt an, und sie antwortete mir darauf nur mit einem Lächeln.
Die schon sehr tiefe Wintersonne fiel auf ihr kurzes, hellbraunes Haar. Ich mochte ihre Frisur, die ich nicht mit irgendeinem Namen hätte bezeichnen können. Ihr Haar ging ihr bis kurz über die Ohren und hatte etwas fransiges, verwuscheltes.
Besonders hervor stach die Haarsträhne, die sie mit einem einfachen Bindfaden zusammengebunden hatte. Es errinerte mich wage an irgendeinen Film oder irgendeine Serie, aber ich wusste nicht, wo ich diese Errinerung einordnen sollte.
Ich mochte es, und fand, es passte zu ihrem Gesicht, ein wenig knabenhaft, ein wenig kindlich, wiederum nicht wirklich zu definieren.

Damals, als L. mich fragte, ob ich solche Gesichter mochte, hatte ich ihr einen Satz hingeworfen, der alle Möglichkeiten offen liess, da ich mir nicht die Tür einer Möglichkeit durch so eine Aussage verschliessen wollte. Dabei hatte ich mir vielleicht gerade dadurch eine Möglichkeit verdorben – wer weiß das heute noch so genau? Ich hatte mein Verhalten auf sie übertragen, ohne überhaupt ahnen zu können, wie ihr Verhalten aussah und weswegen sie eine solche Frage überhaupt gestellt hatte. Jedenfalls war die Antwort nicht ganz wahrheitsgemäss gewesen, auch wenn die Aussage durchaus korrekt war.

ch betrachtete sie für einen Moment und lächelte dabei nur, obwohl ich im den gleichen verwirrten Gesichtsausdruck hatte, auf den sie mit Lächeln geantwortet hatte. Ich wusste nicht, was ihre doch recht plötzliche Berührung zu bedeuten hatte. Es hatte sich merkwürdig angefühlt. Gut, aber dennoch fremd. Das erste Mal, dass sie mich absichtlich berührte, noch dazu mit einer bisher nicht gekannten Zärtlichkeit.

In mir erwachen Errinerunsfetzen, von denen ich nicht weiß, ob sie der Realität entsprechen, aus Träumen sind oder ob ich sie einfach nur so erfunden habe. Ich kann das wirklich nicht sagen, aber es ist merkwürdig. Es ist, als ob ich, wenn das wirklich stattgefunden haben sollte, daneben stand und die Szene beobachtet habe. Was dafür spricht, dass ich mir diese „Errinerung“ eingebildet habe. Aber woher soll ich wissen, was real war und was nur ein Trugbild, fühlt sich in meinem Kopf doch alles gleich an?
Ihre Berührung: In der Errinerung so, wie wenn sie zu ihm „Ich liebe dich sagt!“. Eine bisher nie erlebte Zärtlichkeit.
Ich blickte sie an. Direkt in die Augen. Sie waren nicht braun, wie ich bis dahin gedacht hatte, sondern eher grünlich mit kleinen, braunen Punkten. Ich konnte mich nicht erinnern, sowas schon einmal gesehen zu haben. Aber war es nicht im Allgemeinen so, dass niemand auf der ganzen Welt die gleichen Augen hatte wie jemand anderes?
Obwohl ich manchmal Augen sah, die keinen Glanz hatten, stumpf waren, austauschbar, wie vom Staub blind gewordene Fenster, dabei vordergründig, ohne ein Geheimniss zu verstecken.
Ihre Augen waren da ganz anders. Als hätten sie mehere Schichten. Die braunen Punkte wirkten wie Seerosenblätter auf einem grünen See.
Ich spüre ihren Atmen auf meinen Lippen, so nahe waren wir uns gekommen.

Das einzige Mal, dass ich wirklich das Bedürfniss verspürte hatte, einen Menschen zu küssen. Also richtig, mit Zunge und allem drum und dran. Sie war verdammt nahe an meinem Gesicht, was einen guten Grund hatte und ihre Stimme in dieser merkwürdigen, vielleicht auch ein wenig stressigen Situation ein beruhigend. Und ich hatte Gedanken, die ich lieber nicht zu laut dachte, da sie sich sonst vielleicht zu Erwartungen bilden würden.
Wenn es nicht so war, dass die stillen und leisen Gedanken, die nur im Hinterkopf herumwispern, in Wahrheit zu Erwartungen heranreiften, wenn man nicht über sie nachdachte.
Ich küsste sie nicht. Es wäre nicht fair gewesen, es in dieser Situation auszunützen.

Sie küsste mich. Ich wusste nicht recht, wie mir geschah, aber ich küsste zurück. Genoss es, ihre Zunge zu spüren, mit ihr zu spielen, wie ein stummer Dialog, der zwar mit unserer Zungen, jedoch ohne Worte geführt wurde.
Ohne zu zögern legt sie ihre Hände um meinen Hals, streichelt ihn langsam mit ihren Daumen.
Ich brauche ein wenig Zeit, um mich an ihre Nähe zu gewöhnen und lege meine Arme um ihre Taille.
Wie als Antwort darauf strich sie mit ihren Händen über meinen Nacken, meinen Rücken hinunter und unter mein T-Shirt.
Steg
Ihre Hand auf meiner nackten Hand. Sicherlich ist das einmal passiert, aber ich frage mich, ob es absichtlich passiert ist. In der Realität, meine ich. Ich habe wirklich Schwierigkeiten, Träume, Gedankenfetzen und die Errinerung an das, von dem ich glaube, dass es wirklich passiert ist, auseinander zu halten. Vielleicht, weil ich müde und betrunken war, als die Dinge passiert sind, von denen ich glaube, dass sie passiert sind, aber nicht weiß, ob sie in der Realität passiert sind.
Dann stellt sich die Frage, ob das wirklich einen Unterschied macht.

Alles ging ganz schnell. Unsere Körper reagierten aufeinander, wie chemische Elemente. Meine Hände fingen an zu kribbeln und ich spürte das wollige Gefühl des Neuen, als sie ihren wohlgeformten Körper enthülte – und mich, als sie schon dabei war, ebenfalls entkleidete. Ich war zu erregt, zu sehr damit beschäftigt, ihren Körper, diese unbekannte, schöne Landschaft, diese Hügel und Täler zu erkunden, als dass ich meine Überraschung über ihre Schnelligkeit Ausdruck hätte verleien können.

Bis hierhin sind es nur Vorstellungen gewesen. Woher soll ich wissen, was real war und was nicht? Es gibt kein Zeichen mehr dafür. Ich kann mich daran erinnern, Papst gewesen zu sein, wenn ich nur will. Ich hatte bereits das Gefühl, an Orten gewesen zu sein, die ich nur aus Erzählungen kannte, von denen ich noch nicht einmal Bilder gesehen hatte, und trotzdem waren mir diese Errinerungen so real vorgekommen wie alle anderen Errinerungen, die ich habe.
Ich glaubte sogar mit Bestimmtheit zu wissen, an einem Ort gewesen zu sein, den ich nur in gezeichneter, sicherlich erfundener Form gesehen habe. Und wenn diese Errinerung ja wohl sichtlich nicht stimmt und sich trotzdem so anfühlt wie alle anderen Errinerungen, woher soll ich dann wissen, wie sich eine echte von einer falschen unterscheidet?

Sie erkundete meinen Körper, und ihr erschien er, so wie sie später berichtete, ebenfalls als Neuland, als zu erforschendes Territorium. Ihre Finger taten gut und lösten ein erregendes Kribbeln auf meiner Haut aus, das ich so lange wie möglich verspüren wollte.
Nach ihrer Hand kam ihr Mund, und nach ihrem Mund ihre Zunge.
Wieder verlor ich mich in ihren Augen, die sie offen hielt, was mir im ersten Moment ungewöhnlich erschien, bis mir auffiel, dass ich meine Augen, um die ihrigen zu sehen, ja auch zwangsläufig offen haben musste, und dann wurde es für mich plötzlich widersinnig, überhaupt daran gedacht zu haben, die Augen zu schliessen. Wir lagen beide nackt übereinander, für einen Moment völlig still. Ich lauschte ihrem Herzschlag, ihrem Atem, genoß es, ihre Wärme zu spüren, einen lebenden, echten Menschen auf mir liegen zu haben.

„Wenn du die Augen schliesst, sind deine anderen Sinne viel geschärfter. Du spürst besser, hörst besser, riechst besser.“, hatte S. damals gesagt. Ich hatte ihr zugestimmt.
War es bloss Opportunismus oder doch wirkliche Zustimmung gewesen?

Langsam gipfelte es in dem, von dem ich einige Minuten davor nicht zu Träumen gewagt hätte. Sie genoß jede Phase, jeden Stoss, jede Bewegung. Kontraktion der Muskeln. Für einen kleinen Moment waren wir keine Menschen mehr, nur noch ineinanderfliessende Gefühle. Wärme, Euphorie, Erregung, Lust.
Dann wieder Augenkontakt, und ich verhaarte für einen Sekundenbruchteil reglos, bevor ihre – oder ist es unsere? Vielleicht stammt sie auch von jemand anderem? – Magie mich wieder fing, ich wieder in diesem Gefühl versank wie in einer Wolke von Hormonen und Gefühlen. In meinem Nervensystem feuerte jemand mit pyrotechnischem Material.

In meinem Kopf ist es dunkel. Es ist, als müsse ich gewisse Bilder, Gedankenfetzen – oder eher, Gedankenknäuel – mit „real“ oder „unreal“ klassifizieren, und das kann ich nicht. Wahrscheinlich fehlt mir die Hirnregion dazu, oder sie hat eine andere Funktion übernommen. Das muss es sein, ein Teil meines Gehirns unterliegt einer Fehlfunktion, und anstatt mir zu sagen, was real und was alles andere als real ist, erfindet es Dinge, schlimmer noch: es vermischt alles.

Wir kamen nicht gemeinsam, sie ist schneller als ich – als wäre ihr Verhalten ein Omen dafür gewesen, oder eher: eine selbsterfüllende Prophezeihung?
Sie erfüllte mir einen Wunsch, was ich mir, ihrem Lächeln zufolge, wohl verdient hatte. Berührung ihrer Zunge.
Wieder Blickkontakt, und einen Moment lang spürte ich nichts anderes, als ihren Blick, um dann, noch einmal, in meinen Gefühlsrausch zu fallen.
Berührung, Feuchtigkeit, Lust.
Orgasmus.

All diese Fragen, wie es wäre, als Junge, die ich immer bereitwillig beantworte, die Blicke der weiblichen Answesenden gespannt auf mich gerichtet. Ich habe es versäumt, zurückzufragen. Aber vielleicht interessierte mich die Antwort auch gar nicht. Es ist sowieso unbeschreiblich. Nicht einmal annährend lässt sich dieses Gefühl, diese Mixtur von Eindrücken und Gedankenfetzen, die allesamt miteinander durch den Körper rasen, als elektrische Impulse über die Nervenbahnen, beschreiben.

Unsere Körper, nun wieder unschuldig, lagen eng nebeneinander, an manchen Stellen aneinander, während unsere Seelen, wenn ich das so nennen kann, sich noch immer umarmen. Ich war zu erschöpft, um mich zu regen.
Und es genügte auch, sie anzusehen, sie neben mir zu wissen.

2 Kommentare “FrühlingsErwachen

  1. Hmh – also mir gefällt der Text – trotzdem gibt es irgendwas, was mich dran stört, weiß bloß noch nicht was.

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