Mondscheintag

Mond Du liegst auf dem Boden. Vor dem Eingang zu diesem merkwürdigen orangen Haus voller Lichtschranken und verwinkelter Gänge, die dir auch nach 2 Tagen noch immer nicht ganz klar sind, obwohl du dich normalerweise sehr schnell orientieren kannst.
Der einfache Gehweg, auf dem du liegst, ist noch warm von der Sonne, die in den letzten Tagen geschienen hat.

Du hast die Position eines gekreuzigten angenommen. Christliche Erziehung ist nicht mehr wegzubekommen, jedenfalls bleiben die Symbole für das Leid, das du ausdrücken willst, ohne es wirklich zu spüren.
Der Himmel über dir ist grau, unisfarben. Wie ein Schuhkartondeckel. Du wirst ihr diese Metapher erklären, ihr erzählen, dass du dich oft wie in einem Schuhkarton fühlst, und sie wird sagen, dass das eine guter Vergleich ist und diese ihre Einschätzung wird dich freuen. Aber jetzt liegst du nur da und starrst in den Himmel.
Luxemburgish summer weather“ hattest du gesagt. Man solle sich lieber daran gewöhnen.

Wie tot. Als wärst du gestorben, gegenüber vom Friedhof, es muss nicht einmal mehr ein Leichenwagen kommen. Wenn man sich beeilt, kann man dich noch ohne viel Mühe einfach herüberschleifen, über die Straße, in den Sarg und dann in die aufgewärmte Erde.
Das einzige, was sich zwischen deinen leeren Augen und der einfarbigen Wolkendecke befindet, sind die Blätter eines Baumes, die von unten aus fast schwarz wirken. Als wärst du gefangen in einem Film, der in schwarz-weiß gedreht ist, so lange du in diesen Himmel starrst.

Der Mond hatte die gleiche Farbe wie damals am Bodensee. Und die Fahrt hätte ewig dauern können, in diesem kleinen roten Ford Fiesta, durch die gelb beleuchteten Straßen. Im Radio spielten sie Sigur Rós.
Wenn es ewig so weitergegangen wäre, mit A. und L. auf der Rückbank, G. als Fahrer und du selbst auf dem Beifahrersitz, es wäre der Himmel gewesen. Eine unendliche Diskusion über Sex mit dieser Musik, die die Realität entfremdet im Hintergrund, während ihr durch die nächtlichen Straßen braust.

Sie kommt raus und setzt sich, nur einen Meter von dir entfernt auf den Boden. Das ist es jedenfalls, was du hören und in den Aufenwinkeln erahnen kannst, während du weiter den toten Mann spielst und in den Himmel starrst. Vielleicht bist du wirklich hier auf dem Boden gestorben, ohne es zu bemerken.
Und du fragst dich, ob sie dich für verrückt hält.

(Foto von Sven Scholz. Vielen Dank!)

6 Kommentare “Mondscheintag

  1. Der zweitbeste Sender Luxemburgs, 100,7 hat das Samstag Abends gespielt. Manchmal soll man die Gruppe auch auf dem besten Sender hören können. Und ein gewisser Blogger hat eine "Accreditation de presse" für das Open-Air Konzert eben jener Band in der Abtei Neumünster am Mittwoch. Ich fühle mich priviligiert. Sehr.

  2. Was? Wie? Sigur Rós nur als Hintergrundmusik? Das ist ja schon fast Blasphemie! :P Aber was für ein Radiosender spielt Sigur Rós?! Denn muss ich mir sofort einstellen :D

  3. Hallo Fireball!
    Es passt eigentlich nur indirekt zum Thema, aber ich hätte da einmal eine Frage, die sich mir rein interessenshalber aufdrängt: Warum wählen so viele Blog-Autoren (wie du auch) die Erzählform der zweiten Person (bzw. die "man"-Form) für persönliche Erlebnisse?
    Da du diesen Stil scheinbar ganz gerne wählst (auch in diesem Eintrag), hast du ja vielleicht auch eine Antwort darauf. :)

  4. irgendwie kann ich das nachvollziehen. nicht wirklich vielleicht. nicht den hintergrund. nur dieses gefühl oder ein ähnliches. ach, hmm, es gibt eben manchmal diese tage, wie das schon ian curtis so schön sang. these days.

    @faceless: manchmal tritt man einfach mal neben sich. zurück oder beiseite. manchmal aber sogar voran und man blickt auf sich zurück. das ist vielleicht eine form von distanz nehmen oder selbstobservierung. in blogs findet man doch ohnehin nicht die menschen dahinter. nicht mal als der schreibende.
    ein anderer grund ist, manchmal, das das leben eben so surealistisch ist und surealismus gibt es eben nur in der zweiten person. vielleicht noch in der dritten person, aber nie niemals in der ersten person. das geht gar nicht.
    ist natürlich nur meine meinung dazu..

  5. Jetzt bin ich wirklich neidig, ich habe mal wieder zu spät vom Konzert Wind bekommen, verdammt! Und 100,7 krieg ich nur mit sehr viel Rauschen, dabei wohn ich bei diesen bescheuerten drei Radiotürmen… Schade :/

    @ faceless
    Ich persönlich benutze die Form recht gerne um einen Text für den Leser persönlicher zu gestalten, da er durch die zweite Person selbst zum Subjekt wird. Ich erzähle sozusagen meine Geschichte aus der Sicht eines Anderen, des Lesers. "Individualising depersonalisation" (= "individualisierende Entpersönlichung") hat das mal einer meiner Professoren an der Uni genannt…

  6. Mhm, schon klar. Aber meiner Meinung nach ist es gerade deswegen eine Form, mit der man sehr aufpassen muss. Denn man muss die Geschichte so erzählen, dass sich der Leser auch wirklich hinein versetzen kann. Mir kommt es dann immer so vor, als ob der Autor davon ausgeht, dass sich der Leser in der gleichen Situation auch genau gleich verhalten würde. Meiner Meinung nach erfordert das sehr viel Fingerspitzengefühl und Vorsicht, was wohl auch ein Grund dafür ist, warum diese Form in der Literatur ein Nischen-Dasein fristet. Ich persönlich finde solche Texte bei Erlebnis-Erzählungen sehr anstrengend zu lesen; und genau deshalb fällt mir dieses Phänomen bei Blogs immer wieder auf.

    Das hat jetzt aber eigentlich gar nicht direkt mit diesem Eintrag oder Fireballs Blog zu tun, sondern rein mit dieser (zu) häufig gewählten Form in der Allgemeinheit der Blogs.

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