Livin La Vida Loca

Das Handy klingelte. Eine polyphone Kakophonie. So empfand es Jay jedenfalls. Wie jedes Mal, wenn dieses Mobiltelefon klingelte. Ein „normaler“ Klingelton musste noch erfunden werden.
„Ja?“
„Jay?“
„Ja?“
„Was machst du?“
„Ausser, dass ich gerade eine Flasche Apfelsaft und eine Flasche Rum vor mir stehen habe, aus denen ich abwechselnd je einen Schluck nehme? Nichts.“
Er nahm einen Schluck Apfelsaft. Einen kleinen.
„Lass uns ausgehen heute Abend.“
„Es ist bereits Abend. Wenn wir heute überhaupt noch ausgehen, dann gehen wir heute Nacht aus.“
Jay nahm einen Schluck Rum. Einen bedeutend größeren. „Ja, mein ich ja.“
„Und wohin gedenkst du zu fahren?“
„Nach Luxemburg/Stadt. Du weißt genau, wohin.“
„Hollerischer Straße.“
Jay nahm keinen Schluck Apfelsaft. Es gab keinen Grund mehr dazu.
„Du weißt schon, dass es dunkel ist und ich leicht angetrunken bin und wir nicht vorhaben, uns auf der Tanzfläche aufzuhalten?“
„So war das gedacht.“
Jay leerte die Flasche mit dem Apfelsaft.
„Ich bin in 10 Minuten bei dir, K. Du willst doch sicher, dass ich fahre?“
„Genau. In 10 Minuten vor meiner Haustür.

Jay stand auf und zog sich ein anderes T-Shirt an, sprühte Deo unter seine Achseln und band sich ein schwarzes Kopftuch in Piratenart um.
Handy, Geldbörse sowie der Schlüsselbund verschwanden in seinen Hosentaschen.
Auf dem Gang zum Klo betrachtete er sich selbst im Spiegel. Das Kopftuch saß perfekt, seine hellbraunen Haare kamen so gut zur Geltung und seine grünlichen Augen stachen ab.

Cowboystiefel waren das einzige, was seine Erscheinung richtig zur Geltung brachte. Also zog er Cowboystiefel an.
Ein letzter Schluck Rum, dann verließ er das Haus und stürzte hinaus in die Sommernacht.

Er stürzte allerdings bloß eine Stufe weit, dann stand er auf Bürgersteig und neben seinem Auto. Die Nachtluft duftete wunderbar. Es war eine von jenen Nächten im Sommer, die fast genauso heiß waren wie die Tage, die ihnen vorhergegangen waren. Der Asphalt strahlte noch zusätzliche Hitze ab.
Das erste, was Jay im Auto, dieser alten Klapperkiste, wie er sie zu nennen pflegte, obwohl sein Wagen noch gar nicht so alt und auch nicht klapperig war, tat, war, sich eine Zigarette anzuzünden. Er wusste, dass es das brauchte.
Als zweites ließ er den Motor an.

„12 Minuten, Jay. Du hattest doch 10 Minuten gesagt.“
„Sollte ich dem Tod je vor meinem großen Puddingschüsseltag begegnen, werde ich ihm aufrichten, dass er die 2 Minuten deines Lebens, die ich dir gestohlen habe, von meinem Leben abzählen soll und mich 2 Minuten vor meiner Zeit abholen kommen soll.“
„Das ist Ok.“
„Schwachkopf. Die 2 Minuten hätten wir sonst sicher an Ampeln gestanden. Ich bin sicher, jetzt sind alle Grün, die ansonsten Rot gewesen wären. So hast du durch mich nichts verloren.“
Er zündete sich die zweite Zigarette an, während K auch das Fenster des Beifahrersitzes herunter kurbelte. Er sagte nichts mehr.
Jay hätte ihn auch nicht verstanden. Dazu war die Musik viel zu viel laut. Jay hörte während dem Autofahren immer eine Band namens „Atari Teenage Riot“, welche ihm zufolge einen Mix aus Hardrock, Techno und Geräuschen aus alten Computerspielen machten. Im Gegensatz zu 99% der Menschheit empfand Jay diese Töne als Musik, nicht einfach nur als unvorstellbarer Lärm.

Jay behauptete auch, der würde die Texte mitsingen. In Wahrheit wusste er sehr wohl, dass es mehr ein Schreien als ein Singen war.
Er gab Gas. Und K stellte sich wie immer zwei Fragen:
1. Hatte sich Jay Musik ausgesucht, die zu seinem Fahrstil passte, oder einen Fahrstil, der zu seiner Musik passte?
2.Wieso fuhr er mit diesem Irren in einem Auto? Und wieso ließ er IHN fahren?

Nach gut 35 Minuten schweigsamer (aber höllisch lauter) Fahrt waren die beiden an ihrem Ziel angekommen und standen vor der Tür eines Clubs, der neben den 3 anderen Szene-Clubs von Lux/City stand.

Jay klopfte an. Es gab eine Klingel, aber er zog es vor, anzuklopfen. Die Wirkung war sowieso die Gleiche.
Die Tür öffnete sich, ein Schrank von einem Mann erschien. Er war ungefähr 2,30 Meter groß und mindestens halb so breit. Er hatte eine Glatze, schwarze Augen und die schmalsten Lippen, die Jay bis jetzt gesehen hatte. Den Türsteher hatte er hier noch nie gsehen.
Er war genauso bekleidet wie der Rest der Belegschaft des Clubs. Ein zartrosaes Hemd und engere Jeans, als man es von Männern gewohnt war.
Auf seinen haarigen Armen hatte er links einen Anker, rechts einen Totenschädel mit gekreutzen Knochen tätowiert. Ausserdem einen durchgestrichenen Frauennamen auf seiner Hand, vermutlich von einer verflossenen.

„Ah, ein Bruder!“, sagte Jay freundlich, „du musst wissen, wir sind nämlich auch Piraten.“
Er zeigte auf sein Kopftuch.
„Und diese Spelunke, diesen fabelhaften Club, von den nur du uns trennst, waren wir beide schon öfters. Und ehe wir das Recht des „Parley“ anwenden müssen, wirst du uns doch sicher reinlassen, oder? Wir wollen nämlich sowieso ins Hinterzimmer.“

Der Riese blinzelte einmal und trat wortlos zur Seite. Jay und K. Traten ein.
Ihnen schlug eine Hitzewelle mit dem gesammelten Geruch einer Disko ein. Jay zufolge bestand der grundsätzlich aus folgenden Bestandteilen: Schweiß, Zigaretten, Parfum und Deo, ranziger Seife vom Klo und dem Geruch von Kotze, der durch die Ritze der Klotür hindurchdrang, selbst bei sauberen Diskos oder Diskos mit sauberen Klos.

Die Wände waren mit Tapeten ausgekleidet. Mit 70er Jahre Tapeten. Wahrscheinlich hatte der Besitzer nicht irgendwelche Retro-Modelle gekauft sondern diese Tapete im Keller seiner Oma gefunden. So sah es jedenfalls aus. Jay fand es wunderbar.
Als hätte das alles noch nicht genügt, wurden tanzende rosa Strichmännchen an die Decke projiziert.

Es lief gerade „Holding for a Hero“. K, groß, schlank, fast schon schlaksig, mit seinen längeren blonden Haaren und seinen braunen Dackelaugen, empfand das Lied als einen furchtbaren Diskotrack mit weiblichen Gesang aus den 70er-80er Jahren des 20. Jahrhunderts.
Jay bewegte sich während dem Gehen rhythmisch zur Musik und sang mit, mit ähnlich hoher Stimme wie die Sängerin, nur für K. hörbar.

Der versuchte sich möglichst unaufällig durch die tanzenden Menschenmassen zu bewegen und gleichzeitig so wenig Körperkontakt wie möglich zu verursachen.
Jay hingegen tanzte ganz bewusst ein Mädchen an, über das ganze Gesicht grinsend. Seine schlechte Laune war verflogen. Er hatte Spaß daran, sich so verrückt wie nur möglich zu benehmen. Wobei er nicht fand, dass es wirklich verrückt war, was er tat. Er amüsierte sich bloß.
Und bezeichnete die meisten seiner Taten als pure Ironie.

Das Mädchen war sexy. Sie trug knappe Kleidung, was bei der Hitze und überhaupt an einem Samstag Abend keine Besonderheit war. Und dennoch hatte sie das gewisse Etwas, was Jay suchte und K nie fand. Ihre kurzen, schwarzen Haare hatten grüne Strähnen und auf ihrer Schulter war eine Libelle tätowiert. Sie bewegte sich in der gleichen Art und Weise zur Musik wie Jay es tat. Mit purer Ironie, die nur eingeweihte – in diesem Falle bloß dieses Mädchen, Jay und K, der es sich wie immer denken konnte, aber nicht wirklich verstand, erkennen konnten.

Sie trug Sandalen. Das übertraf selbst Jays kühnste Träume. Er imitierte einige Tanzschritte aus „Pulp Fiction“, und das Mädchen machte es ihm gleich.

Sie hatte wunderschöne Augen, fand K. Und einen wirklich sexy Körper. Aber er war nicht gekommen, um zu tanzen. Er versuchte Jay das klar zu machen.
Sein Versuch bestand darin, Jay auf die Schulter zu tippen.

Der hatte verstanden, beugte sich zu dem Mädchen vor und flüsterte etwas in ihr Ohr. Sie trug nur einen schwarzen Ohrring, der aussah wie aus Fimo. Es war einen von denen, die in ein etwas gedehntes Ohrloch passten. Äußerst interessant, wie Jay fand.
Sie strahlte ihn mit ihren hellbraunen, fast gelblichen Augen an und nickte begeistert.

Er legte seinen Arm um ihre Schulter und drückte sich so, noch immer halb tanzend, durch die Menge.Das Mädchen, so schien es K., sang ebenfalls zu diesem Lied, was merkwürdigerweise noch immer andauerte und von Sekunde zu Sekunde unerträglicher wurde.

Auf einmal sah er einen alten Bekannten, den er seit einigen Monaten nicht mehr gesehen hatte, am Tresen stehen und schrie Jay ins Ohr, er solle doch noch ein wenig tanzen, das Hinterzimmer könne auch noch einige Minuten warten, er müsse jetzt noch einen mit dem Bekannten trinken.
Sprachs, setzte sich neben den Betreffenden an den Tresen und bestellte sich eine halbe Liter Dose Tequilla-Bier.
Sein Bekannter hatte sich nicht viel verrändert. Er trug noch immer Hemden und weite Jeans. Seine vormals blonden Haare hatte er braun gefärbt und sich glatt vor die hellblauen Augen gekämmt. Diese waren allerdings verdeckt. Er trug eine riesige Sonnenbrille. Eine von denen, bei denen normalerweise das Wort „Porno“ nicht lange auf sich warten liess. Und er trug sie mit voller Überzeugung. Merkwürdigerweise stand sie ihm auch noch.

Das grausame Lied hatte endlich aufgehört. Aber die Musik wurde, so empfand es K. jedenfalls, nicht besser. Ein kurzer Blick auf die Tanzfläche zeigte, wie Jay und seiner Gefährtin das Lied gefiel. K. war es lieber, das Schauspiel nicht einmal aus den Augenwinkeln betrachten zu müssen. Er schrie seinen Freund an, weil die Musik eine Lautstärke erreicht hatte, die jede andere Form von Kommunikation unmöglich machte.
Viel hatten sich die Beiden sowieso nicht zu sagen. Dieses Wiedersehen war nur eine bessere Gelegenheit, einen halben Liter Tequilla-Bier zu trinken und ausserdem auch noch die wichtigen Daten, Freundin, Auto, Job, auszutauschen. Desweiteren wurde sich gelegentlich auf die Schulter geklopft und auf einen Frauenarsch gezeigt.
Das halt, was Jungs, die glauben, sie könnten nicht tanzen, in einer Disko so tun.
Jay wusste, dass er nicht tanzen konnte.
Er tat es trotzdem. Mit vollster Überzeugung, und wie quasi alles an diesem Abend, aus purer Ironie.
Sie schien es zu lieben, und er war dabei, ihren Körper immer mehr zu lieben. Er hoffte, dass sie das Hinterzimmer noch mit so vielen körperlichen Kräften verlassen würde, dass der Beischlaf noch vollzogen werden konnte. Sie tanzte verdammt gut. Dh. Eigentlich tanzte sie genauso wie er, aber mit ein bisschen mehr Lebensfreude. Für ihn war es mehr ein Spiel, das er mit der Musik, seinem Zustand und den Mittänzern (am liebsten Mittänzerinnen) spielte.
Sie spielte das Spiel mit ein klein wenig mehr Einsatz als er, so schien ihm. Oder sie spielte besser als er.
Aber das hätte er niemals zugegeben.

Er legte seine Hand auf ihre Hüfte und tanzte enger mit ihr. Sie stieg voll darauf ein, drückte sich enger an ihn. Und die beiden tanzten Hüfte an Hüfte, inmitten einer Masse von Menschen, die ernsthaft zu dieser Musik tanzten, die wahrscheinlicht nicht einmal wahrnahmen, wie lustig die Beiden die ganze Situation fanden.

Und trotzdem war irgendetwas anders als sonst.
„Ach ja. Du hast deine Hände an den Hüften einer Chica, die du dir in deinen kühnsten Träumen nicht hättest vorstellen können. Und du wirst mit ihr ins Hinterzimmer gehen. Und du wirst sie wieder da raus bringen. Und du wirst Sex mit ihr haben. Du bist der glücklichste Mensch auf Erden. Im Universum. In allen existierenden Universen. Das glücklichste Wesen, das je gelebt hat und je leben wird. In allen Universen, die je existiert haben und je existieren werden.“, dachte er.

Das war einer von Jays Gedankengängen, deren Kern nicht ganz ironisch war.
(wird fortgesetzt)

Ein Kommentar zu “Livin La Vida Loca

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