Freewriting #5

Eigentlich gehört der Text noch zu Donnerstag, jedenfalls zum gefühlten Donnerstag. Es sind diesmal 2688 Zeichen geworden und ich bin sehr zufrieden damit. Auch wenn mich die Müdigkeit dann doch ein wenig gebremst hat.

Trotzdem mochte Ina ihr Buch. So unglücklich sie auch über den Inhalt war, so sehr war es dennoch ein Teil von ihr, den sie nicht missen wollte. In den Rändern waren manchmal kleine Erwähnungen über ihr Gefühlsleben zum Zeitpunkt des Eintrags. Sie dachte daran, was sie an dem Tag geschrieben hatte, als ihr Ex sie verlassen hatte. Bzw. als die Beiden sich getrennt hatten. Wie es genau gewesen war, wusste sie immer noch nicht. Vielleicht war sie auch gegangen?

Der Rand von dem Tag war gänzlich schwarz, auf den Seiten war jedoch ein Gedicht, über einen kleinen Vogel, der von der Freiheit singt. Es reimte sich nicht. Eigentlich reimte sich nie etwas, was sie aufschrieb, und wenn, dann hatte es zwar den Charme von lustigen Kinderreimen, nicht jedoch irgendetwas, was sie gerne veröffentlicht oder gar gesungen hätte.

Er schrieb viel. Jeden Tag, soweit sie wusste. Er hatte, das hatte er auf jeden Fall erzählt, ein ganzes Regel voll mit Notizheften, in denen er seine Gedanken, sein Gefühlsleben und auch Gedichte aufgeschrieben hatte. Sie stellte sich seine Schrift vor. Gerade und symmetrisch, sehr gepflegt, dabei nie dreckig oder verschmiert, selbst wenn er so schnell schrieb, wie er nur konnte, weil er fürchtete, die Gedanken könnten ihm davonfliegen. Nicht so wie ihre Schrift. Ihre Schrift war nicht einmal das, was man eine »typische Mädchenschrift« nannte und gemeinerweise durch eine sehr dicke Füllfederspitze zustande kam. Sie schrieb am liebsten mit einem sehr dünnen Fineliner und kritzelte nur. Wenn sie dann doch mal mit der Feder schrieb, verschmierte sie alles, weil sie Linkshänderin war und besonders bei »guten Einfällen« so hastig schrieb, dass es nachher eine wahre Plage war, die Einfälle noch zu entziffern.

Er hatte gesagt, er würde sein Heft mitbringen. Er nahm sein Heft sowieso überall mit hin und schrieb im Bus oder im Zug. Damals, als er sie zum ersten Mal gesehen und sie ihn zum ersten Mal wahrgenommen hatte, hatte er nicht geschrieben. Die Strecke war ihm zu kurz gewesen, und so hatte er nur einen Zettel an sie geschrieben. Die stammte allerdings aus seinem Heft. Ina glaubte, dass dies etwas zu bedeuten hatte. Jemand wie er würde nicht so leichtfertig seine kostbaren, wenn auch noch unbeschriebenen Seiten abreißen, um Telefonnummern auszutauschen. Ein kleines weißes Licht blitzte in ihrer inneren Dunkelheit auf. Es war das, was man gemeinerhin Hoffnung nannte. Sie wollte es wieder verdrängen, denn sie wollte sich nicht schon wieder mit zu hohen Erwartungen selbst verletzten. Aber vielleicht hatte sie diesmal doch Recht? Vielleicht war er wirklich so perfekt, so wundervoll, wie er manchmal – wenn auch nur in ihren Träumen, schien?

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