Freewriting #7

Was war diese ganze »Liebe« überhaupt? Konnte man dieses Gefühl irgendwie beschreiben, in Worte fassen oder auch nur erahnen, was es eigentlich bedeutete? Sie wollte eine Beziehung, aber war das direkt Liebe? War eine engere Freundschaft mit Küssen und Sex nicht auch eine Beziehung? Und war es wirklich das, was sie wollte?

Sie wollte ihn vorlesen hören. Sie wollte selbst ein wenig zu dem, was er erzählte, kritzeln, vielleicht sogar diesmal Etwas konkretes, schönes zeichnen. Das war doch eigentlich eine schöne Arbeitsteilung: Er schrieb diese wunderbaren Geschichten und Gedichte, sie zeichnete dazu die Bilder, die er in ihren Kopf zauberte. Aber sie würde es bestimmt wieder nicht schaffen, das abzubilden, was er in ihrem Kopf hervorrief. Aber er könnte Liedtexte schreiben, und sie würde sie für ihn spielen. Wenn es sein musste, auch nackt.

Brachte eine gemeinsame künstlerische Betätigung zwei Menschen näher? War es einer Beziehung förderlich, sich auch auf diesem doch sehr persönlichem Gebiet zu ergänzen? Und vor allem: Machte sie sich nicht zu viele Hoffnungen in ein Gespenst, das sie nicht einmal wirklich kannte?

Sie Strich über ihren glatten Beine, an der Stelle wo ihre Hose auf ihre Socken traf. Da sie im Schneidersitz auf ihrem Bett saß, war dort ein Stück nackte Haut zu sehen. Sie mochte es, glatte Beine zu haben und diese zu berühren. Ein Gefühl von Reinheit, Unberührtheit, ja Jungfräulichkeit.

Dabei war Ina doch alles andere als unberührt und jungfräulich. Ihr Exfreund hatte mal gemeint, sie wäre versaut, aber das hatte er positiv gefunden. Sie wusste nicht, ob das stimmte. War „versaut“ nicht nur eine Messlatte, die jeder anders legte? Sie hatte ihre Bedürfnisse, ihre Triebe und sie hatte die mit ihm zusammen ausgelegt, und das war schön, und, wie sie fand, richtig.
Aber sie meinte nicht nur ihre sexuelle Unversehrtheit, die ihrer Meinung nach nicht mehr existierte. Es war etwas anderes, ein großer dunkler Fleck tief in dem Brunnen ihrer Seele, der sie störte, den sie eigentlich verabscheute und sie dennoch zu dem Menschen gemacht hatte, der sie heute war.

Hatte jeder einen dunklen Fleck tief in seinem Inneren? Sie stelle sich ihn noch einmal vor. Seine Haare, einen Hintern, eine Augen, sein Körper, den sie gutausehend fand, von dem sie aber nicht wusste, ob sie ihn nicht bloß hochromantisierte zu dem Helden ihrer feuchten Träumen, von denen sie in Mädchenzeitschriften immer gelesen hatte, die sie aber nie gehabt hatte. Wie sah sein Inneres aus? Ina glaubte, dass jemand, der so wunderbare und schöne Texte schrieb, nur eine wunderbare und schöne Seele haben konnte, aber was war das für ein Gedanke? Als ob die Schönheit der Seele mit der äußeren Schönheit zusammenhängen würden! So etwas wollte sie eigentlich nicht denken.

Sie betrachtete noch einmal ihr Zimmer, und ihr Blick fiel auf ihr großes Bücherregal, in dem nicht nur die verlorenen Träume ihrer Kindheit, sondern auch jene Werke standen, die sie in jüngster Zeit beeinflusst hatten, die sie inspiriert und ermutigt hatten, wieder zu träumen. War das nahende Ende der Pubertät der Beginn einer neuerlichen Entdeckung der Magie, eine Wiederverzauberung der Welt und des Lebens?

Ina vermisste das Gefühl, das sie in ihrer Kindheit gehabt hatte. Regenbogenfarbene Tagträume waren damals an der Tagesordnung gewesen. Was war heute daraus geworden?

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