Nacktschnecken. (in einer Welt ohne Jahreszeit)

Auf diesem Hügel sitzen und sich, einem merkwürdigen Impuls folgend, mit dem Kopf in Richtung Boden legen. Die Stadt steht Kopf und man hat das Gefühl zu fallen, obwohl man sicher liegt und die Kräfte der Schwerkraft einen sicher halten. Vertigo. Der Heimweg, mit Sigur Ros aus dem Paradies zurück in die Stadt. Die einsamen Laternen beleuchten das hohe Gras, das auf den Hügeln wuchert orange und gibt der Szenerie einen unwirklichen Schein.
Überall sind Nacktschnecken. Wieso überqueren sie die Straße? Es sieht aus wie in einem Film.
Darf die Realität nicht aussehen wie in einem Film? Muss immer alles so deutlich sein wie am Tag, so grell von der Sonne beleuchtet? Du bist doch auch eher ein Kind der Nacht?

Wieder wanderen deine Gedanken nach Paris. Du warst dort und hast es fast vergessen. Du warst genau zwei Stunden in der Stadt des Pendels. Im Untergrund, den Weg tastend, irgendjemanden fragend, der meinte, in Luxemburg wäre es legal, zu kiffen. Du hast ihn nicht berichtigt. Es ist gut, wenn die Menschen ihre Träume behalten. Es war dunkel, aber an den Mauern war Literatur. Oder hast du das alles nur geträumt? Du hattest keine Zeit, vor das Pendel zu treten und niederzuknien und endlich zu wissen. Bilder in deinem Kopf bauen sich auf und zerstören sich sobald sie ihren Zenit ereicht haben, wieder selbst, wie ein Kaladeidoskop der Herrlichkeiten in der Hölle.

Berührungen. Alles bloss geträumt? Du solltest morgen nach Krümmeln suchen. Aber was für Beweise wären das? Du bist dir nicht sicher, was in dir vorgeht. Alles ist vage, undefiniert. Ihr sitzt beide am Feuer, an der ewigen Flamme, die hier nicht einmal metaphorisch gemeint ist und du denkst, dass jetzt eigentlich der Moment wäre. Aber es passiert trotzdem nichts. Du bist zu feige, ihre Hand zu nehmen und zu gestehen, dass du gerne hättest, dass da etwas passieren würde. Und dann, obwohl du nicht einmal sicher bist, ob es nicht eine furchtbar dumme Idee ist, versuchen wollen, zu beweisen, dass es sich lohnt, zu hoffen. Die Sterne sind über dir, aber es gibt keine Hilfe. Diffuses Licht aus der Urzeit, nur dazu da, uns zu zeigen, wie klein wir sind.
Die Grillen singen, weil sie Sex haben wollen, nicht um zu zeigen, dass Sommer ist. Eine Welt ohne Jahreszeiten. NGE.

Nächtliche Wanderungen durch merkwürdige Konzeptgärten. Du möchtest fast stolpern, ohne genau zu wissen, was das auslösen würde. Gute Gespräche bei Sternenschein. Schreiben. So viel redest du übers Schreiben, dass du ganz vergisst, es zu tun. Und dann kommt ein Buch und bringt dich aus der Fassung, dass du eine Woche lang nichts liest. Du weißt nicht, wie lange es her ist, dass du so lange nichts gelesen hast. Und wieder bist du in deiner Kindheit, in der du tagelang gelesen hast, Bücher über Abenteuer, die du selbst hättest erleben wollen, die dir aber immer verwehrt blieben.

All die Leute tauchen wieder auf, teilweise scheinen sie die Erinnerungen verdrängt zu haben, teilweise ist es schön, immer noch gemeinsam daran denken zu können. Vater und Mutter spielen. Die Kindheit der Anderen. Erzählungen von früher, die sich anfühlen wie gezuckerte Fotographien mit Gelbstich. Technicolorschlittenfahrten, als das Farbfernsehen noch selten war. Elterliche Abenteuer, in der gleichen Reihe mit den Kindern von Büllerbö.

Was bleibt, ist das bittersüße Gefühl der Melancholie und des Versagens. Es wieder einmal nicht geschafft haben, den Kopf so zu leeren, wie es gut gewesen wäre. Metamechanik des Gehirngetriebes. Dieselpunkbiologie.

2 Kommentare “Nacktschnecken. (in einer Welt ohne Jahreszeit)

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