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Der Nichtvorsatz

Als ich mir nichts vornahm.

„Und, hast du dir etwas für das neue Lebensjahr vorgenommen?“, fragt mich die Person, die wir einst Ruth nannten. Ich liege immer noch mit meinem Kopf in ihrem Schoß, sie streichelt immer noch über mein Gesicht, wir sind immer noch nicht verschmolzen, obwohl ich das bereits längere Zeit vorausgesagt habe. Meine Augen sind geschlossen. So muss ich nicht sehen, in welchem Raum wir uns befinden, welches Obst die Person wieder isst oder welche physikalischen Gesetze diesmal nicht so funktionieren, wie sie sollen.

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Die arbiträre Zeitspanne

Als ich die Welt für einen kleinen Moment in Ordnung fand.

Mein Kopf liegt immer noch im Schoß der Person, die wir einst Ruth nannten. Ich weiß nicht, was das heißt, was es ausdrücken soll, wieso sie mir über das Gesicht streichelt, langsam, beruhigend. Ich muss an meinen Bart denken. Den Teil, den ich wachsen lassen will und der Teil, der seit über eine Woche wächst, weil ich ihn nicht rasiert habe. Was ich aber fest vorhatte.

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Der Schoß

Als ich (wieder einmal? Schon wieder? Noch immer?) müde war.

„Du weißt das doch eigentlich.“
Die Stimme klingt tadelnd. Als hätte ich mich über eine Regel hinweggesetzt. Dabei stimmt das nicht, ich habe mich lediglich nicht so sehr ausgeruht, wie ich es hätte können. Aber es ist nicht so, als ob ich mich überanstrengt hätte – es hat nur merkwürdig an meinen Kräften gezerrt, ohne dass ich es bemerkt habe.

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Die Plüschigkeit

Als ich über Begrüßungsfloskeln stolperte.

„Ich vermisse höchstens das Gefühl, das ich damit verbunden habe. Die Welt als neuen, aufregenden Ort, zu dem mir alle Türen offenstehen, auf dem noch Nebel und Raureif klebt wie kühles Geschenkpapier.“
Die Person, die ich einst Ruth nannte, zieht eine Augenbraue hoch. Bewundernswert, dass sie so sehr Kontrolle über ihre Mimik hat, wie ich sie einfach nie haben könnte, so sehr ich mir es auch wünschen würde. Sie mustert mich mit interessiertem Blick, als habe ich etwas komplett abwegiges gesagt.

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Das Loungen

Als ich unkomfortabel gemütlich saß.

„Hallöchen!“
Ich weiß sofort, wer da spricht. Vielleicht, weil es vergleichsweise selten passiert, dass der Raum um mich herum kippt, ich aber sitzen bleibe und nach einer 281 Grad-Drehung nicht zweimal mit dem Rücken auf dem Boden liege. Und dieser stattdessen unangenehm angenehm in eine Chaise-Lounge gedrückt wird, auf der ich nunmehr sitze und diese schreckliche Begrüßung höre.

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Das Jubiläum

Als es wirklich der Tag war und ich es fast vergessen hätte.

EIn grüner Hügel, ein grauer Himmel, alles verschwommen und verwischt.

Als ich die Tür öffne, regnet es schon wieder. Gerade eben hatte ich noch in der Sonne gesessen, oder zumindest in dem Schatten neben der Sonne. Nun schüttete es auf den Beton, laut und nass (wie das Regen eben so an sich hat, es wird niemanden überraschen) und mein Weg wurde etwas länger, umständlicher, mühsamer.

„Ich dachte, wir könnten uns auch mal in einem nicht-metaphorischen Raum treffen.“

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Kein Raum

Als ich den Pfirsich ganz schlucken wollte.

Pfirsiche

„Warum ist alles so schwer?“
Ich seufze. Und seufze nochmal. Und wenn es mir nicht schon selbst peinlich wäre, ich seufzte auch noch ein drittes Mal.
Ich wüsste so gerne, warum ich alles so schwierig finde, warum mir jeder Atemzug so viel Kraft abverlangt, warum sich alles in mir sträubt, so bald ich nur an komplizierte Dinge denke. Und mit kompliziert meine ich: Morgens aufstehen.

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Die Brandung

Als ein Monat und zehn Jahre vergangen waren.

Luftbildaufnahme von Wellen, die gegen Felsen schlagen

Jetzt dauert es bereits ungefähr einen Monat. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen will, denn ich merke es ja doch nur, wenn ich alleine bin, wenn ich darüber nachdenke, wenn ich meine Gedanken nicht auf anderes lenke. Ich komme mir immer noch unglaublich lächerlich vor damit, ich möchte immer noch jede Menge Ausreden erfinden.
„Es ist auch ein Monat her, dass wir nicht mehr gesprochen haben.“

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Die Kernspaltung

Als ich den Kern traf.

Hauling crates of peaches from the orchard to the shipping shed, Delta County, Colo.

Unter Beobachtung schreiben ist immer merkwürdig. Meistens können die Menschen gar nicht auf mein Display sehen, oder nicht in mein Notizbuch. Das ist gut, denn mit Schreiben verhält es sich wie mit dieser merkwürdigen Theorie aus der Physik, dass sich Dinge verändern, sobald sie beobachtet werden. Ich weiß nicht, ob das nicht einfach auf alles zutrifft, was beobachtet wird. Verändere ich mein Verhalten, wenn ich mich selbst beobachte? Ich beobachte mich seit 96 Tagen selbst. In einer Form, die ich so noch nie praktiziert habe. Es ist ein Experiment.

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Der Apfelwodka

Als ich mich beim Bloggen streamte.

Das ist alles überhaupt nicht verwirrend.
„Wer kommt überhaupt auf so eine Idee?“, fragt die Person, die ich einst Ruth nannte.
„Ich“, antworte ich, „weil es nie genug Möglichkeiten gibt, sich vor der ganzen Welt (okay, es schauen vielleicht zwei Leute zu und die Kamera-Einstellung ist sowieso nicht sehr vorteilhaft) lächerlich zu machen.“
Die Person, die ich einst Ruth nannte, schüttelt den Kopf, als sei das überhaupt nicht klar, als könne sie meine Gedanken nicht nachvollziehen, wie sie es sonst kann.

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