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Die Nacht

Als es die Nacht war.

Es ist diese eine Nacht im Jahr, die nur für mich mit Bedeutung aufgeladen ist. Ein weiteres Rund um unser Zentralgestirn herum ist beinahe beendet. Ich möchte dramatische Musik aufdrehen und über und über mit Symbolen bemalt in den Garten treten, eine Fackel in der Hand und ein mystisches Ritual durchführen. Krähen und Elstern sammeln sich im Garten und nicken mir wissend zu. Die Nacht, sie gehört mir, ich ertrage ihre Schwere ohne zu leiden.

In Wirklichkeit werde ich nur in den Garten gehen und rauchen und bedeutungsschwanger in den Himmel schauen und Schwärze sehen und warten, bis sie zurückstarrt. Früher habe ich oft Dinge an diesem Tag gesehen, die wie ein Zeichen wirkten. Einmal bin ich morgens zur Schule und ein Regenbogen war zu sehen, als ob die meteorologischen Bedingungen sich um mich kümmern würden.

Vielleicht wird die Person, die wir einst Ruth nannten, auftauchen. Unvermittelt, ohne ein Geräusch zu machen, vor mir stehen und grinsend mit dem Kopf nicken, woraufhin ich sprachlos bin und auch einfach nur nicke. Ich ziehe meine Kapuze tiefer ins Gesicht und falle der Person, die wir einst Ruth nannten, um den Hals. Wir drücken uns so fest wie es Menschen sonst nur in Filmen tun.

Es ist diese eine Nacht im Jahr, über dem schwarzen Rauch der Fackel kreist einsam eine Elster.

Das Äquinoktium (verspätet)

Als der Sommer zu Ende war.

„Das war er also, der letzte Tag des Sommers.“, sage ich und schaue in den Regen. Es hat angefangen. Das Datum ist sehr passend, ab jetzt kriecht die Dunkelheit nicht mehr langsam heran. Ich sehe mein Gegenüber, die Person die wir einst Ruth nannten, nicht an, während ich spreche. Was vor allem daran liegt, dass wir nebeneinander sitzen und in diesen Regen starren, der so ungewohnt wirkt.

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Das Schuhkartongrau

Als ich über ein „irgendwie“ diskutierte.

„Erzähl mir doch mehr davon.“
Die Person, die wir einst Ruth nannten, sieht mich erwartungsvoll an, während ich den süßen Pfirsich kaue und der Saft mir durch den Mund schießt. Sie lächelt wieder dieses ernste, ehrliche Lächeln, das ich von ihr eigentlich nicht kenne. Was die Kontaktsperre mit Menschen – oder in diesem Fall metaphysischen Wesen – so anstellt. Der Boden ist immer noch nass, die Luft ist immer noch feucht, der Himmel hat immer noch dieses Schuhkartongrau, das ich in meiner Jugend so hasste.

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Der Regenpfirsisch

Als ich das Obst aß.

Ich beiße in den Pfirsich. Es regnet, und die Tropfen fühlen sich kalt und scharf auf an meiner Haut. Der nasse Betonboden liegt voll mit Rosenblättern, die es nicht mehr geschafft haben. Mir gegenüber steht immer noch die Person, die wir einst Ruth nannten, und lächelt mich an. So freundlich, als habe es ihren Zynismus, mit dem sie Selbsterkenntnis aus mir herauskitzeln wollte, nie gegeben. Der Pfirsich schmeckt genauso süß und saftig wie er gerochen hat, was ein wahrhaftiges Wunder ist, hat die Person, die wir einst Ruth nannten, ihn doch von einem Quittenbaum gepflückt, der zudem zu diesem Zeitpunkt noch in voller Blüte stand.

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Der Betonhof

Als ich getröstet wurde.

Wir stehen also im Garten. Die Person, die wir einst Ruth nannten, unter dem Quittenbaum und ich in dem Betonhof, nahe dem Wasserbecken, in dem kein Wasser ist. Wir schauen uns an und ich ziehe verwirrt eine Augenbraue hoch. Verwirrt, weil mein Gegenüber tatsächlich ein warmes Lächeln zeigt und nicht ihr übliches spöttisches Grinsen, mit dem sie mich dazu bringen will, mehr von mir selbst gegenüber mir selbst preiszugeben, als mir liebe wäre. Nichts dergleichen heute. Alles, was überhaupt auf ihre extradimensionelle Existenz hindeutet, ist der saftige, duftende Pfirsich in ihrer Hand.

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Der Blütenstaub

Als ich besucht wurde.

Ich blinzele. Und als ich die Augen wieder komplett öffne, sind 51 Tage, eine Stunde, acht Minuten und 47 Sekunden vergangen. Ich stehe in keinem Wald mehr, falls ich je wirklich in einem Wald gestanden bin. Ich stehe in meinem Garten. Er gehört nicht nur mir, aber ich nenne ihn der Einfachheit halber so. Wir gehen mit Gärten, in denen wir uns aufhalten, in denen wir arbeiten, eine Art symbiotische Beziehung ein, egal wie groß oder klein unsere Aktivität ist. Bevor ich weiter über die metaphysischen Verbindungen zwischen Menschen und Gärten nachdenken kann, höre ich eine Stimme, die ich 51 Tage, eine Stunde, 14 Minuten und 29 Sekunden nicht gehört habe. In diesen Zeiten ist das eher ein Grund zur Besorgnis, weswegen ich mich erschrocken umblicke, noch bevor ich wahrnehme, was gesagt wurde.

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Der Anfang

Als ich den Mond sah.

Als ich meine Augen wieder öffne, stehe ich im Wald. Es ist jener Wald, in dem ich öfters mit dem Hund gehe, so matschig und nass und kalt und dunkel wie immer. Hat es hier begonnen? Nicht weit von dem Weg, auf dem ich stehe, sind die alten Minen, ich muss nur die Treppen hinabsteigen, mich gut an dem Stahlseil festhalten und einen Schritt vor den anderen setzen, dann spüre ich schon den kalten, muffigen Wind, der aus ihnen weht.

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Der müde Blick

Als ich aufräumte.

„Gib mir deine Erklärung. Ich möchte es endlich wissen, nach all diesen Jahren.“, flehe ich die Person, die wir einst Ruth nannten, an. Ich erwarte keine Antwort. Zumindest keine klare. In all dieser Zeit, in der ich mich mit ihren orakelhaften Sprüchen herumplagte, habe ich noch nie eine klare Antwort bekommen, warum erwarte ich jetzt eine?
„Oh, du hast schon klare Antworten bekommen. Du hast sie nur nicht annehmen wollen.“
Ich hätte genau das erwarten können, aber aus irgendeinem Grund dachte ich, es würde etwas kommen, was ich besser verwerten könnte. Ich schließe die Augen. Der Abgrund, der nur aus Sternen besteht, macht mich schwindelig.

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Der verdammte Wespenschwarm

Als es immer noch kribbelte.

Ich halte inne. Ich weiß nicht, ob ich wirklich loslaufen soll. Meine Hand fühlt sich auf einmal kalt an, da niemand sie hält. Sie kribbelt dafür umso mehr, es tut schon beinahe weh. Manchmal wünsche ich mir, es gäbe eine gute Erklärung dafür, die nicht „psychosomatisch“ lautet, dann hätte ich zwar seit über 15 Jahren eine schreckliche Krankheit, die dafür sorgt, dass meine Hände kribbeln, aber immerhin eine befriedigendere Erklärung.
„Du willst eine befriedigendere Erklärung?“, fragt mich die Person, die wir einst Ruth nannten.

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Das Ungleichgewicht

Als meine Hände nicht aufhörten.

„Nein, du musst mir meine Träume nicht erklären“, sage ich zu der Person, die wir einst Ruth nannten. Ich weiß selbst, was sie bedeuten. Eine Person, die ich lange nicht gesehen habe und immer schon unglaublich hübsch fand – für die ich also eine ästhetische Anziehung verspürte – hatte irgendein Foto gepostet oder ich musste aus einem anderen Grund an sie denken und deswegen träumte ich davon. Außerdem wird mein Körper nicht oft genug gedrückt, weswegen ich schon merkwürdig zucke, wenn jemand mich freundschaftlich auf die Schulter klopft. Ich bin fast schon wütend über die Suggestion, ich würde meine eigenen, wirren Träume nicht verstehen.

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