Ist Kapitalismus die Weltreligion des 21. Jahrhunderts?

Einige Gedanken von Joel Adami und Gilles Baatz

Seit vielen Jahren regiert nur noch der Gedanke an der Geld die Menschheit – oder zumindest die Menschen in den so genannten Industrienationen (jene in den Entwicklungsländern scheinen für uns sowieso nur dann zu existieren, wenn die Caritas zu Spenden aufruft.)
Rückt nach Gott und dem Menschen nun das Geld in den Mittelpunkt unserer Denkens, unseres Weltbildes? Oder ist dies bereits lange passiert – und sind wir in Wirklichkeit schon lange Anhänger einer neuen Religion, deren Gott das Geld ist?

Geld – ein Gott mit vielen Namen

Dollar, Euro, Yen – dies sind nur wenige Namen eine einzigen „Gottes“. In den traditionellen und antiken Religionen haben viele Götter oder Heilige mehrere Namen oder Beinamen. Ebenso stellen in polytheistischen Religionen mehrere Götter die Gesamtheit der Religion dar, repräsentieren die gleiche Botschaft.
Kann man das Geld in seinen vielen Formen und mit seinen vielen Namen nun schon mit einem Gott vergleichen? Sicherlich nicht, aber wir wissen, dass die Menschen einer Sache, die ihr wichtig ist, viele Namen oder Bezeichnungen geben.

Geld – ein göttliches Zeichen?
Doch befassen wir uns näher mit einer Strömung des Christentum, nämlich dem Calvinismus, welcher seinerseits wieder ein Ableger der Protestanten ist. Johannes Cauvin, Begründer dieser Strömung, wurde 1509 in Nordfrankreich geboren und musste wegen seiner evangelischer überzeugung zuerst nach Basel, dann nach Genf flüchten.
1559 gründete Cauvin, auch Calvin oder Calvinus genannt, eine Akademie, wo er seine Lehre verbreitete. Diese beinhaltet, dass Gott allmächtig ist und die Menschen schon vor ihrer Geburt zum Guten oder zum Schlechten prädestiniert sind. Dies bedeutete aber für Sünder keine Entschuldigung, auch sie sollten Gottes Herrlichkeit anerkennen. Calvinisten sahen in ehrlich erwirtschaftetem Reichtum ein Zeichen Gottes, zu den Guten, den Auserwählten zu zählen. So wurde also schon im 16. Jahrhundert Geld in Europa zur Glaubenssache, und diese Glaubensrichtung währt bis heute an, besonders in Amerika.
Wenn Geld, Reichtum, ein hoher Rang im kapitalistischen System zum Zeichen von Gott, wie weit ist der Schritt dann noch, bis Geld zum Gott selbst wird?

Ein Tempel eurem Gotte
Sehen wir uns die heute, kapitalistisch geprägte Gesellschaft an und vergleichen sie mit der christlich geprägten Gesellschaft und Kultur. Zahlungsmittel sind heute wie damals Geld gewesen, jedoch wurde das Geld im Mittelalter oft als Tauschwert übergangen und man tauschte die Materialien direkt, während das Geld heute in vielen Währungen, als Münzen, Papierscheine, Wertpapiere und Aktien, über Kreditkarten und Transaktionen, bei denen nur noch Zahlen auf Konten geändert wurden, seinen Besitzer wechselt.
Im Mittelalter waren die höchsten und prächtigsten Gebäude die Kirchen und Kathedralen. Die Arbeiter bekamen, wenn überhaupt, nur wenig Lohn, und sahen bei der Mithilfe zum Bau eines Gotteshauses ihren eigentlichen Lohn, bzw. glaubten, dass sie diesen Lohn im Leben nach dem Tod von Gott erhalten würden.
Heute sind die höchsten und schönsten Gebäude keine Gotteshäuser mehr, sondern Prestigegebäude, Wolkenkratzer und Bürogebäude der Banken und mächtigen multinationalen Firmen. Kann man diese schon als Tempel für den Kapitalismus, bzw. für das Geld betrachten?
Früher gab es viel mehr Messen als Heute, und nicht nur im Christentum, sondern auch in anderen Religionen glaubten die Menschen, dass ihr Gott bzw. ihre Götter ihre Zukunft, ihr Glück, ihr Schicksal bestimmten würden.
Heute machen wir unser Glück vom Geld abhängig. Aber es geht noch viel weiter: in unzähligen „Zeremonien“ suchen wir das Glück um „das große Geld“. Die täglichen Gewinnspiele im Radio, Quizsendungen, die wöchentliche Ziehung der Lottozahlen, das „Glücksrad“, und viele weitere mehr.
In Kasinos suchen die Menschen ihr Glück an Automaten, an Spieltischen, Videoleinwänden, beim Kartenspiel und beim Würfeln. Kann man diese vielfältigen „Geldmaschinen“ als eine Art Reliquien der neuen „Geldreligion“ ansehen? Sind die neuen Wallfahrtsorte Kasinos, suchen wir heute in einer bunten Spielwelt unser absolutes Glück, versuchen unser Geld auf „wundersame“ Weise zu vermehren?
Im Mittelalter wurden sehr viele Heilige verehrt – und nicht nur das Christentum kennt die Verehrungen von gläubigen und besonders frommen Menschen. Priester, Mönche, Bischöfe und der Papst waren respektiere Persönlichkeiten. Wie ist es heute? Die größten Stars sind die, die das meiste Geld haben. Täglich werden sie uns vorgeführt, in Fernsehshows, Büchern und Zeitschriften erfahren wir jedes Detail über ihr Leben, können ihnen zusehen, wie sie ihr Geld ausgeben und uns wird ständig bewusst gemacht, wie viel Geld sie haben, wie reich sie sind und wie toll es anscheinend ist, so viel Geld zu haben.
Eine düstere Episode im Mittelalter waren die Kreuzüge, welche aus religiösen Grunde geführt wurden. Heute werden Kriege des Geldes wegen geführt, wie das neuste Beispiel, der Irakkrieg, welcher wohl die unersättlichen Kassen des ExxonMobile-Konzerns (in Europa „Esso“) weiter füllen wird.
Tempel, Aberglaube, Reliquien, Wunderglauben, Heilige, Kriege – alles nur wegen dem Geld? Haben materielle Dinge wirklich so viel Macht über uns Menschen, dass wir den Schlüssel zu ihnen schon beinahe anbeten und verehren?

Ist Geld nun wirklich eine Religion?

Ich glaube, diese Frage können wir mit einem „zum Glück noch nicht“ beantworten. Jedoch sollten wir nicht zu schnell urteilen, denn nur, weil niemand etwas explizit als seine Religion bezeichnet oder es anbetet, kann es noch immer der Mittelpunkt seines Lebens, den Dreh – und Angelpunkt all seines Schaffen sein.
So würde ich das Geld heute zwar als allgegenwärtig und vielen, vielleicht viel zu vielen Menschen zum absoluten Lebensziel und -Sinn geworden bezeichnen, jedoch nicht als „richtige“ Religion. Einfach aus der Ursache heraus, dass niemand wirklich das Geld als Gott anbetet. Nichtsdestotrotz ist der Vergleich mit einer Religion oder einer Lebensphilsophie nicht unsinnig es ist die Mühe wert, genauer betrachtet zu werden.
Wir müssen uns jedoch bewusst machen, was im Leben wirklich zählt – ideelle Werte oder materielle Besitztümer, die wir immer nur für eine bestimmte Zeit haben können. Aber ich denke, diese Entscheidung muss jeder für sich treffen.Kommentare:

Endlich mal jemand, der die Sache ähnlich sieht wie ich.
anonymous, Sep 30, 2005 23:52

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