Ein doppelgesichtiges Portrait

(Datum geschätzt)

In einer fernen Welt schrieb vor vielen Jahren ein Botschafter des Grafen Vladimir von Zang über den Hohepriester Gabriel, der Lehnsherr des Grafen war, einen Bericht, den ich hier wiedergeben werde:

„Der Hohepriester ist ein älterer Mann – ich schätze ihn auf knapp über fünfzig, trotzdem ist er sehr vital und im vollen Besitz aller seiner geistigen Kräfte. Seine hohe Gestalt unterstreicht die mächtige Stellung für die er wie von den Göttern auserwählt scheint. Stets trägt er herrliche Gewänder aus kostbarer Seide oder aus anderen wertvollen Stoffen. Um den schmalen, unbehaarten Hals hat er stets eine Art Schal, das Zeichen seines Standes, gewunden. Er ist aus Goldfasern gewoben, in die kleine Edelsteine eingearbeitet sind.

Sein Gesicht ist kantig, als habe der Gott Trelu'r es aus Holz geschnitzt, aber
seine Haut ist rein und von einer vornehmen Blässe, wie es sich für einen
Hohepriester gehört.
Ebenfalls für seinen Beruf typisch ist sein langer, spitzer Bart, der bereits
ergraut ist, obwohl das dichte, vornehm zu einem Zopf geknüpfte Haar seine
ursprüngliche haselnussbraune Färbung noch besitzt.
Die klaren, hellen Augen Gabriels – sie sind übrigens von dunkelgrüner Farbe –
strahlen Klugheit und Sinnesschärfe aus.
Sie sind, zusammen mit dem weisen Lächeln, das dieser Mann oft zeigt,
offensichtlich ein Zeichen für einen überaus intelligenten Lehnsmann.

Ich habe mir einige seiner Urteile angesehen, und soweit ich das abschätzen
kann, ist der Hohepriester ein strenger, aber äusserst gerechter Herrscher. Das
Volk fürchtet und verehrt ihn und mit ihm seinen Lehnsherren, so dass er ein
Garant für die Macht der Grafschaft von Zang ist.
Seine Tätigkeit als Hohepriester führt er gewissenhaft aus, und die Götter
danken es es ihm mit ausgiebigen Regenfällen und entsprechend reicher Ernte,
denn seine Vorratskammern sind stets gefüllt.
Ich, Botschafter Korun empfehle dem Grafen von Zang deshalb, den
Hohepriester Gabriel als Lehnsmann in Ehren zu halten. „

Mit diesen Worten schliesst der Bericht. Doch der Hohepriester Gabriel hatte nicht nur Fürsprecher, und wir können auf einen weiteren Text zurückgreifen -diesmal von dem gelehrten Raphael, der in einem Dorf unweit des Tempels, den Gabriel bewohnte, lebte:

„Wie leiden unter der Herrschaft eines grausamen Tyrannen, eingesetzt vom
weisen Grafen Vladimir von Zang, der sich offenbar hat verblenden lassen von
dem listigen Hohepriester Gabriel. Dieser ist seit einem Jahr der Lehnsmann
des Grafen und Hohepriester im Tempel, der unweit von hier liegt.
Er versteckt seine Grausamkeit unter prächtigen Kleidern, die er sich auf
Kosten des Grafen hat schneidern lassen. Sie verleihen ihm ein schönes, fast
königliches Erscheinungsbild, aber die Wirklichkeit sieht anders aus:
Den Schal, den er stets trägt, hat er aus dem Grab seines Vorgängers geklaut –
ich habe es gesehen, denn ich betete in jener Nacht im Totenschrein zu meinen
Ahnen.

Ich habe es meinem Nachbarn, dem Müller erzählt, und als Gabriel dieses Gerücht hörte, liess er mich für 35 Tage einsperren, vernichtete die Hälfte der Ernte meiner Familie und befahl, Salz über unsere Felder zu streuen, damit sie unfruchtbar würden.

Dies ist nur ein Beispiel für die brutale Weise, in der er die Bevölkerung knechtet, und die er selbst alllerdings als „gerecht“ bezeichnet. Er liess mehrere Leute öffentlich hängen, weil sie ihre Abgaben nicht leisten konnten. Er liess verkünden, dies sei notwendig zur Besänftigung der Götter, dabei verwendet er die Abgaben für seinen Kornspeicher und opfert nicht die Hälfte, so wie es vorgeschrieben ist.

Der einzige Grund, weshalb es regnet, ist wahrscheinlich der, dass Gabriel verbotene schwarze Magie betreibt und so die Ernte sichert. Während des einen Jahres, seit er über diese Gegend herrscht, gab es in der Provinz fünfzehn Missgeburten und drei Krankheiten, die ganze Dörfer heimsuchten und ausrotteten. Auf den Straßen wächst Unkraut, und die Steine der heiligen Stätten setzten Moos an. Dies alles sind eindeutige Zeichen dafür, dass schwarze Magie angewandt wird.

Ich bin nur ein alter Kräuterkundiger, der täglich seine Gebete spricht und den Leuten zu helfen versucht, aber so lange Gabriel an der Macht ist, wird diese Provinz unweigerlich ihrem Untergang entgegen steuern. Der Botschafter des Grafen wurde geblendet, so bleibt mir nichts anderes übrig, als diesen Bericht an den Grafen selbst zu schicken…“

Wer war Gabriel wirklich? Können wir dem Botschafter oder dem alten Kräutersammler trauen? Beide Berichte widersprechen sich, so ist es an uns, die Wahrheit herauszufinden.

Ein Kommentar zu “Ein doppelgesichtiges Portrait

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