Brücke

approximativ zurückdatiert

Mitten auf der Brücke blieb sie plötzlich stehen und kehrte um.
Der kalte Winde wehte durch ihr kurzes, dunkelbraunes Haar.
Er sah sie zurückkommen, und erstaunt blickte er in ihre traurigen, himmelblauen Augen.
„Was ist los?“
Die Verwunderung in seiner Stimme war deutlich herauszuhören.
„Ich weiß nicht. Es geht nicht. Ich kann einfach nicht weiter.“
Er wusste nicht, was er tun oder sagen sollte. Ihre Stimme klang nicht verzweifelt, eher kalt, als wäre das, was sie sagte, eine sachliche Feststellung.
Er betrachtete sie, sah in ihr blasses, von einigen spärlichen Sommersprossen gesprenkeltes Gesicht auf ihren schmalen Mund, in die schwarzen umrandeten Augen.

Sie stand sich gegenüber, auf dieser Brücke; ihr farbiges Oberteil war unter der dunkelen Jacke versteckt, seine ganze normale Alltagskleidung war weder bunt, noch düster.
Sie schweigen sich an.

Die Stille war unangenehm. Sie vermischte sich mit dem ewig gleichen, monotonen Rauschen des Wassers unter ihnen und dem heisern Krächzen eines Raben, der irgendwo in einem Baum saß.
Schwere graue Wolken trieben, wie gigantische tief hängende Luftschiffe am Himmel, und stärkten die melancholische Stimmung der Beiden.

Lara rang sich nach dieser bedrückenden Pause zu einem Satz durch, weil er nichts von sich gab. Es schien schwer, etwas zu sagen, aber die Stille war noch unerträglicher.
„Kevin, ich weiß nicht, was los ist in dieser Welt, in der es scheinbar nur um Geld, Macht und Sex geht, ich weiß nicht, was mit mir los ist, dass ich es nicht einmal schaffe, über diese Brücke zu gehen. Das Einzige, was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass dies nicht gut ist.“

Kevin fand, dass ihre Stimme immer noch trocken, fast kalt klang, aber irgendwo hatte er eine Spur von Verzweiflung festgestellt.
Vielleicht hatte es an der Art gelegen, wie sie ihre Worte gewählt hatte, oder viel mehr daran, welche Worte sie nicht benutzt hatte. Er wusste genau, das sei gerne geflucht hätte, dass sie am liebsten „gottverdammte Brücke“gesagt hätte. Wieso blieb sie so distanziert?

Er antwortete:
„Ich weiß auch nicht, was mit uns und dieser verdammten Welt passiert, in dir wir ungefragt hineingeboren werden, mir einem Drang nach Leben, der so stark ist, dass die Mehrheit geduldig auf den Tod wartet und sich ihn nicht wünscht. Ich weiß nicht, was das soll und ob sich irgendwer was dabei gedacht hat, oder ob alles nur ein verdammter Zufall war.“

Sie richtete ihren Blick auf ihn. In ihren Augen war weniger Traurigkeit als zuvor, und sie wirkten größer als zuvor.

„Du fluchst und machst deinem Ärger über die Welt Luft. Ist das der richtige Weg?“
Kevin wusste sich keinen Reim zu machen auf Laras Gedankengänge, die sie laut artikulierte. Ihm schien es, als drückten die Wolken auf die Beiden, und diese fühlbare Last schien ihren Frust herauszupressen. Ihm kam eine Eingebung, wie ein Blitz, der einen Befehl erteilte, den der mechanisch ausführte.

Er streifte seinen Ärmel nach oben und hielt seinen nackten Arm hoch.
Er war übersät von paralellen Schnittwunden.
Lara sah, dass er sie sich selbst zugefügt hatte. Ritzen, nannte man das. Sie war erschrocken, obwohl sie nicht wusste, ob des Anblickes wegen, oder wegen der abrupten Bewegung.
„Das ist jedenfalls auf keinen Fall der richtige Weg. Ich wollte sichtbare Narben für meine inneren Wunden. Aber es gibt keinen Grund, sich zusätzliche Schmerzen zuzufügen, wenn man sowieso ein Leben voller Leiden führt!“

Sie verneinte mit einer Kopfbewegung.
„Ich denke, dass Kämpfen der richtige Weg ist. Nicht gegen, sondern für das Leben.“
Kevin schob seinen Ärmel wieder über seinen Arm.
„Das klingt weise. Aber braucht man nicht eine Waffe, um kämpfen zu können?“
„Unser Geist ist unser Schwert. Wenn wir Dinge erfinden, schreiben, malen, dann schärfen wir dieses Schwert. Manchmal zerbricht es und wir müssen es neu schmieden. Ein solcher Tag ist heute.“

Kevin lächelte.
„Du hast Recht. Lass uns gehen, es ist spät.“
Sie nickte, und auch auf ihrem blassen Gesicht war für einige Sekunden ein Lächeln zu sehen.

Sie ging über die Brücke. In der Mitte blieb sie stehen, drehte sich um und rief:
„Bis bald, Kevin!“
Es kam ihr vor, als habe sie ihr Schwert in die Scheide gesteckt, um besser laufen zu können. Für den Augenblick war sie außer Gefahr.

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