Der Löffelmörder (Kapitel 2)

approximativ zurückdatiert

Kapitel 2: Knockin' on Hell's Door

Joel war sich bewusst, dass jemand ihm folgte. Und er konnte sich denken, wer es war. Die Batterien seines Discmans waren leer, und so hörte er ausnahmsweise die Geräuche, die seine eigenen Schuhe und die seines Verfolgers verursachten. Er musste sich beherschen, um sich nicht umzudrehen. Kurz überlegte er, was er tun sollte. Er fasste einen Entschluss. Er ging weiter bis er vor sein Haus kam. Er blieb stehen, drehte sich um und blickte in die Augen Daniels.
„Hey…was machst du denn hier?“
„Ich..“
„Du spionierst mir nach, was? Glaubst du wirklich, ich würde jemanden aus meiner eigenen Klasse umbringen?“ Joel blinzelte kein einziges Mal, als er das sagte. Kalt und gefühslos wanderten die Worte über seine Lippen. „Nein, natürlich nicht, aber ich dachte mal, ich sehe mir an, wo du wohnst, wenn ich schon hier bin.“ Joel hasste Lügen. Es gab nichts, was er mehr und so abgrundtief hasste wie Lügen. „Klar. Sieh zu, dass dir nichts passiert. Es scheint gefährlich zu sein hier, in letzter Zeit.“ Er würde ihn umbringen. Aber er würde nur eine Zugabe zu Vanessa sein, sozusagen das Sahnehäubchen. Kein einzlenes Projekt. Aber dafür würde sein Tod schmerzhafter sein.
~**~

Gegen halb vier setzte strömender Regen ein. Niemand würde Daniel vor sieben Uhr zuhause erwarten. Er wusste nicht recht, was er von Joels Warnungen halten sollte. Ob er irgendwas gesehen hatte? Eher nicht. Allerdings hatte der Typ eine solche Kühle, dass man ihm zutrauen könnte, die Morde begangen zu haben. Daniel schlenderte durch die Fussgängerzone, obwohl er nicht recht wusste, was er da sollte. Leute hasteten durch die breite Strasse, andere bummelten ruhig und blieben vor jedem Laden stehen. Doch niemand schien sich für den Löffelmörder zu intressieren. Für manche Leute schien er sogar eine Art Kultfigur geworden zu sein. Beim Vorbeigehen hörte Daniel Witze über Löffel und Wirbelsäulen. „Wie abscheulich!“, dachte er, obwohl er wusste, dass er früher auch solche Witze gemacht hatte. Aber dies war nun eben etwas anderes.
Er ging in einen Laden und kaufte sich ein Buch über Runen. Er wusste, dass der Mörder Runen in die Leichen eingerizt hatte, man wusste nur nicht, welche es waren und was sie zu bedeuten hatten. Er glaubte zwar nicht wirklich daran, aber vieleicht würde er es herausfinden.

~**~

Ancalagon, gelesen Ankalagon, deshalb die Runen für A, N, K, A, L, A, G, O und N. Aber in Cirth, den Zwergenrunen von Tolkien, geschrieben. Nur wenige kannten diese Runen überhaupt, und noch wenigere waren imstande, sie zu lesen. Und selbst wenn, was half Ancalagon einem weiter? Nicht viele wussten, wer oder was Ancalagon ausser einem nettem Chatpseudonym wirklich war: Der größte und schrecklichste Drache Mittelerdes, vorkomment im Similmarillon. Ein wunderbarer Pseudonym für einen Mörder, fand Joel. Er mochte Drachen, und Ancalagon war dem „roten Drachen“ von Thomas Harris nicht zu ähnlich, auch wenn wenige Dinge die beiden verbanden. Zum Beispiel war der Rote Drache ebenso wie Ancalagon oft ausgestossen worden, hatte wegen seines äusseren nicht dazugehört. Aber was die Art und Weise, wie sie töten anging, so waren sie grundverschieden. Der Drache hatte seine Opfer totgebissen, weshalb die Presse ihm den Spitznamen „Zahnschwuchtel“ gegeben hatte. Aber Ancalagon, Ancalagon tötete anders. Präziser, und wohl auf den Schmerz bedacht, den er seinen Opfern zufügte. Zuerst lagen sie alle Halbnackt auf seinem „Operationstisch“, dann erklärte er ihnen, wieso er sie umbrachte und wie er es tun würde. Ganz ruhig, wie ein Arzt, der einem Patienten schildert, was bei einer Blindarmentfernung geschah. Nämlich den Wurmfortsatz des Blindarms, der in den meisten Fällen entzündet ist, abschneiden. Joel überlegte, ob der Daniel nicht zuerst den Blindarm entfernen sollte. Aber es entsprach nicht seinem Styl. Seine Opfer starben immerhin nicht an ärtzepfusch, sondern an einer kunstvollen Art des Mordes. Nun, mit Ausnahme von Daniel natürlich. Den müsste man etwas brutaller bestrafen, so dass er merken würde, dass Lügen kurze Beine haben. Kalt lächelte Joel und sah auf sein Dachfenster, und bemerkte mit Bedaueren, dass der Schneefall dem Regen gewichen war.
Alles hatte an genau einem solchen Tag begonnen. Grau, Joels Eltern erst sehr spät wieder zu Hause, und eine Wut auf irgendein blondes Mädchen. Er hatte ihren Namen jetzt vergessen, er war ihr auch egal. Sie war nur die Generalprobe für sein künstlerisches Schaffen, dass ihn später mit Gott gleichsetzten würde. Immerhin musste er sich einige antatomische Kentnisse aneignen, um den idealen Punkt zu finden, wo er den Löffel ansetzten und wo er schneiden musste. Und so war diese Wut gerade richtig gewesen, um sein Schaffen zu beginnen. Er hatte 3 Menschen getötet, und er verspürte keine Reue. Sie hatten ihm alle auf eine gewisse Weise wehgetan, und das alleine war schon ein Grund, ihm zu helfen, gottgleich zu werden.

~**~

Es war spät geworden. Daniel wollte noch einmal in die Wohngegend von Joel gehen und dann auf seinen Bus warten. Vieleicht würde er ja eine verdächtige Gestalt entdecken. Die Regen hatte aufgehörte, die Strasssen waren nass und der Himmel hatte eine Art grau-blau angenommen, das den nahen Sonnenuntergang bezeugte. Daniel war, als würde er in die Hölle eintreten.
Irgendwo hier trieb sich ein Verrückter umher, der wahlos Leute umbrachte, und ihnen wie vermutet wurde, bei lebendigem Leibe die Wirbelsäule herausriss.
Irgendwo hier lebte der Mörder, der diese 3 Mädchen so grausam zu Tode gequält hatte.
Hier lebte das Schwein, das Vanessa auf dem Gewissen hatte!
Der Gedanke entfachte in ihm neuen Mut, es stärkte ihn ungemein.
Aber was wollte er eigentlich?
Rache für Vanessa?
Oder einfach nur wissen, wieso sie gestorben war?
Ein komischer Mix aus beiden und noch einem anderem Gefühl, das er nicht richtig beschreiben konnte, das ihn antrieb. Er ging nochmal die Strasse entlang, in der Joel wohnte. Es war nun vollständig dunkel, niemand ausser ihm war auf der Strasse. „Du willst also wissen, wer der Löffelmörder ist?“ Jemand hatte ihn von hinten gepackt und hielt ihm ein Messer gegen die Gurgel. Eine jugendliche Stimme, die eiskalt wirkte, drohte ihm: „Eine Bewegung, und ich schneide dir die Pulsader durch, aber nicht die Luftröhre. Dann läufst du hier blutend durch die Strassen, bis irgendwer dich findet!“ Daniel wagte es kaum, zu atmen. Er war in der Falle. Der Löffelmörder – der Stimme nach anscheiend wirklich Joel, hatte ihn.

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