Das komplizierte Innenleben eines mit einem Geistesblitz durchzuckten Blindarms

Heute morgen ist die ganze luxemburgische Armee an mir vorbeigefahren, als ich unschuldig und nichts Böses denkend auf der Bushaltestelle auf meinen Bus wartete, der mich planmässig verspätet in die Schule bringen sollte.
Ein Bus, 4 Geländefahrzeuge und 6 Lastwagen, davon 2 mit dem roten Kreuz drauf. Das sieht ganz so aus, als würde Belgien bald eine luxemburgische Invasion erwarten – damit hätte unser Premierminister die totale Macht über Brüssel und wir endlich einen Zugang zum Meer.

Trotz dieses merkwürdigen Zwichenfalls haben unsere heldenhaften Heimatschützer in grüner Uniform mich nicht als potentiellen Hobbyterroristen erkannt und so konnte ich – mit einer Verspätung, wie immer – betrachtet als stummen Zeichens meines Ganzkörperprotestes gegen das System, die Schule und das völkerrechtlich wahrscheinlich unerlaubte Einsperren in Klassenräumen ohne eine geignete Beschäftigung zu geben, in mein Klassenzimmer eintreten, wovon aus wir direkt ins Videozimmer geleitet wurden, um uns „Traumschiff Surprise“ anzusehen, also, die erste Stunde davon, denn länger als eine Stunde bekamen wir den Saal nicht. (Was für ein Glück! Je länger der Film wird, desto schlechter wird er. Die Anspielungen in der ersten Dreiviertelstunde sind ganz okay und sogar witzig, aber danach wirds einfach nur noch lächerlich.)

Nach einer weitern unsinnigen Freistunde, die sich die Leute mit Auf-dem-Schoß-von-Anderen-sitzen-und-sich-auf-den-so-entblössen-Hintern-oder-ins-Dekoltee-schauen-lassen, Kartenspielen auf Sich-auf-die-Hände-malen vertrieben haben, gab es dnan zwei Stunden lang Handballspiele gegen eine Parallelklasse, was hauptsächlich ein Ausdruck des gegenseitigen Hasses war, jedenfalls auf den Zuschauerränge, auf denen ich die allermeiste Zeit verweilte – was sich mitunter in solchen und ähnlichen Lautäußerungen ausdrückte:
Die Tussen da spielen überhaupt nicht mit, die schauen bloss, dass ihre Titten richtig sitzen und freuen sich dann, wenn sie den Ball einmal bekommen
Ich denke, ich muss mich dazu nicht mehr äussern.

Alles in allem haben wir heute sagenhafte 3,5 Stunden von Sieben „etwas gemacht“. Ich denke, meine prophezeiten 100% „Nichts-Tun-Stunden“ werden sich morgen bewahrheiten, jedenfalls stehen die Zeichen dafür alle gut. Was Mist ist, denn man fühlt sich absolut nutzlos und bekommt bloss nochmal bewiesen, dass man dahin gehen „muss“ – jedenfalls, wenn man ne Schulbildung haben will und sich seine Entschuldigungen noch nicht selbst schreiben kann. Oh, Verfall aller Werte, oh schöne neue Welt, quo vadis?

Desweitern hat Fire Erfahrung in der Neugestaltung von Kellerräumen, aber kennt das Tapzeieren noch aus Kindstagen, wo seine jetztige Wand tapeziert wurde. Übrigens hat Fire laute bunte Punkte auf seiner Tapete, die waren allerdings drauf, und er hat keine dazugemalt, obwohl die Dame im Geschäft damals meinte „Die ist gut, nicht wahr? Da kann man drauf malen und niemand bemerkt es.
Fire fand den Kommentar ziemlich dämlich, denn er glaubte, dass seine Eltern es wohl merken würden, wenn er auf die Tapete malen würde, denn das sähe noch niemals so aus wie das Tapetenmuster. Ausserdem hatte er einmal auf seine Tapete gemalt und gehörig Ärger dafür bekommen, er hatte überhaupt keine Lust, auf die Tapete zu malen.
Damals entschied sich Fire, der noch nicht Fire war, für eine Dino-Banderole, die auf Kopfhöhe durch sein Zimmer rollt, das ewig gleiche unrealstische Urzeitmotiv wiederholend.

Das bringt mich auf die Bemerkung, das das Schöne an dieser Dino-Manie war, dass ich bereits als Kindergartenkind so 15 Namen von Arten längst ausgestorbener Riesenechsen kannte und fehlerfrei aussprechen konnte – ausserdem wusste ich über ihre Nahrungsgewohnheiten und ihre „Waffen“ Bescheid.
Ich meine, all die verlorenen Generationen danach, was haben die gelernt? In was sich Pikachu entwickeln kann? Wie man die Punkte auf Yu-gi-Oh-Karten zusammenzählt?
Dann lieber Dino-Manie.

2 Kommentare “Das komplizierte Innenleben eines mit einem Geistesblitz durchzuckten Blindarms

  1. Hey Joël!
    Du bass dach sou een bestiechlechen Autor.
    Waat wells de fir nach en Kapitel Löffelmörder?

    *love this one*

    mix

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