Ich kam mir vor wie in einer fremden Welt

approximativ zurückdatiert

„Ich kam mir vor wie in einer fremden Welt..“, so lautete der letzte Satz, den Mana in ihr Tagebuch schrieb, bevor sie es beiseite legte.

Sie lehnte sich zurück und genoss die Musik, die aus anderen Sphären zu stammen schien, ein akutischer Orgasmus, der in ihrem Kopf Bilder fremdartiger Landschaften hervorrief, als würden sich die Gedanken der Musiker konkret veranschaulichen. Doch auch Erinnerungen an den voherigen Tag drängten sich ihr auf und liessen sie nicht mehr los.

Seufzend griff sie wieder nach dem Tagebuch, drehte die Musik etwas leiser, so dass sie nicht mehr übermachtig von ihr beherscht wurde, dass sie sich auf nichts anderes mehr konzentrieren konnte.
Wieder und wieder las sie die Zeilen, die sie erst vor kurzem mit schwarzer Tinte in ihr kleines schwarzes Heft, ihr persönliches Logbuch, eingetragen hatte.

Sie schloss die Augen und lies die Ereignisse Revue passieren.

Alles hatte damit angefangen, dass sie bei einem guten Freund übernachtet hatte. Sie waren zuvor ins Kino gegangen und es war zu spät gewesen, um noch nach Hause zu fahren.

Ihren Elltern war es ohnehin egal, wo sie schlief – immerhin befanden sie sich gerade auf einer Kreuzfahrt in der Karibik und hatten andere Sorgen. Mana war Siebzehn und konnte, jedenfalls für zwei Wochen, auf sich selbst aufpassen.

Was auch immer ihre Eltern davon halten mochten, sie hatte mit ihrem besten Freund in einem Bett geschlafen. Zu etwas anderem als ungewollten Berührungen war es allerdings nicht gekommen.

Ali und Mana hatten lange geschlafen, und seine Eltern waren längst aus dem Haus, als die Beiden frühstückten.

Dann dieser Joint.

Mana hatte schon öfters Gras geraucht, und sie kannte die Wirkung auf ihren Körper. Für sie war der unregelmässige Drogenkonsum ein Genuss, wie für andere Leute das Glas Wein am Abend.

Ali war mit ihr nach Hause gefahen, aus welchem Grund auch immer.
Im Zug war der Rausch am stärksten zu spüren gewesen. Eine wollige Müdigkeit lullte sie ein und sie lehnte sich zurück.
Sobald der Schaffner passiert war, holte Ali seinen Discman hervor und reichte Mana einen der Ohrstöpsel.

Sie hatte es einfach auf sich wirken lassen, die vorbeiziehende Landschaft, die wunderbaren Wolkenformationen und die Musik.
Eine Melodie, erzeugt von Instrumenten, die sie nicht bestimmten konnte und eine ätherische Stimme, die über die Liebe sang. Manas Fähigkeit, klar zu denken kam ihr abhanden. Sie hörte auf, ihren Zustand zu analysieren, wie sie es sonst ständig tat.

Die Realität wurde unwirklich, auch wen dies ein Paradox war, die Droge – Mana wusste nicht, ob die Musik oder das Gras sie mehr beinflusste – ermöglichte solche Widersprüche.

Alles um sie herum wurde weich, als bestände selbst die Luft aus unsichtbarer Watte. In ihren Kopf verschmolz die Musik mit anderen Sinneseindrücken und synthetisierte sich zu folgendem Bild:

Die Wolken schienen die Musik zu verdinglichen, die hügelige Landschaft wurde von der Melodie erschaffen, jeder Baum wurde zu einer Note und jede Note zu einem Baum, aus den sanften Hügeln wurden Takte, aus den Takten wieder Hügeln.

Es war eine fremde Welt und doch so vertraut. Mana nahm sie immer verschwommener wahr, als fahre der Zug im Schneckentempo, obwohl er das gleiche nervöse Tempo beibehielt, mit dem er sie und Ali nach Hause beförderte.

Sie stiegen aus, ohne dass Mana aus ihrem wundervollen Tagtraum erwachte. Ali hatte ihr mittlerweile beide Ohrstöpsel überlassen.

Sie war wirklich in einer anderen Welt. Es musste einfach so sein, denn alles erschien ihr so neu.
Den kühlen Wind, der durch ihr langes, hellbraunes Haar blies, spürte sie zum ersten Mal bewusst, obwohl sie schon oft geglaubt hatte, ihn zu spüren. Sie sah, und es war sie, als wäre sie vorher blind gewesen, die vielen Farbvariationen, die allein der Himmel bot.

Ali liess ihr den Discman und die CD, als er sich verabschiedete.
Doch etwas störte Mana noch, selbst einen Tag danach.
Er hatte gesagt, die Euphorie sei unmöglich allein auf den Joint zurückzuführen, das was Mana erlebt habe, sei wohl vor allem durch die Musik ausgelöst worden.

Mana sehnte sich nach diesem Gefühl. Für einige Momente hatte sie an nichts denken können, ihr Kopf war vollkommen leer gewesen, und es hatte sich wundervoll angefühlt, besonders für jemanden, der ständig alles analysierte und durchdachte.

Sie wusste, dass sie allein durch Ruhe und diese Musik wieder für einige Sekunden diesen Zustand erreichen konnte, und diesen Gedanken empfand sie als tröstlichen.

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