Der Löffelmörder 2 (Kapitel 1)

approximativ zurückdatiert

Kapitel 1: It rains the water of Styx

Joel trug seinen Löffel immer bei sich. Es war lange her, dass er zum letzten Mal gegen eine Wirbelsäule gestoßen war, und so war die Berichterstattung in der Presse zum Verschweigen gekommen und kaum noch einer erinnerte sich seiner Taten ständig. Mit Ausnahme von seiner Klasse.

Er beobachtete sie jeden Tag, mit einer diabolischen Genugtuung, wie sie zusammen zuckten, wenn jemand die Namen „Daniel“ oder „Vanessa“ sagten. Und, er beobachtete sie in der Kantine. Es war herrlich, mit anzusehen, wie sie die Löffel nahmen, bei dem Anblick zusammen zuckten und sich dann dennoch überwandten, damit ihren Pudding zu essen. Und immer, wenn er einen Löffel in der Hand hatte, genoss er es.

Es war Sommer geworden, und er saß oft im Garten, während er Eis aß. Mit Vorliebe aß er Waldfrüchtesorbet. Blutrot. Es glänzte auf dem Löffel. Er aß ständig mit ihm. Es fiel niemandem auf. Er wusch ihn selbst und beschmutzte den Löffel, den er bekam, mit Essen. Es sah so aus, als würde er ein ganz normales Leben führen. Auf dem Löffel hatte er die Runen eingeritzt. Aber so klein und so fein, dass niemand sie sah, wenn er nicht wusste, wo er sie suchen musste.

Aber Joel hatte keine Lust mehr, länger auf der faulen Haut liegen zu bleiben und sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Aber ihm fiel niemand ein, der ein mögliches Opfer sein könnte. Musste er, Ancalagon, sich nun schon jemanden suchen, den er umbringen konnte? Niemals.

Seine Opfer waren zu ihm gekommen und er hatte gespürt, dass die Zeit reif gewesen war. Er hatte es einfach gewusst. Auch bei Daniel. Das Wetter war sehr schwül, bald würde ein Sommergewitter aufkommen. Joel leckte seinen Löffel ab und steckte ihn in die Tasche. Er würde einen Spaziergang machen.

Die Lautsprecheranlage der Fußgängerzone spielte ein Lied, den Joel aus irgendeinem blutrünstigen Film kannte. Nicht, dass die Art von Musik, die in Horrorfilmen verwendet wurde, normalerweise in Fußgängerzonen gespielt wurde. Es war harmlos wirkendes Geduddel. Ein ganz unschuldiger, wenn auch trauriger Song. Aber für jeden, der den Film gesehen hatte, bedeutete der Song noch etwas anderes. Er verband die Musik mit den Taten, die im Film zu sehen waren.

So war es auch mit dem Löffel. Normalerweise dachte niemand an blutrünstige Morde, wenn er einen Löffel sah. Wer aber die Geschichte des Löffelmörders, seine Geschichte, die Geschichte von Ancalagon dem Blutrünstigen, kannte, der verband den Löffel mit einer brutalen Art und Weise zu töten. Joel liebte den Gedanken, dass jeder, der an einen Löffel dachte, daran dachte, wie er die Wirbelsäule aus seinen Opfern hebelte.

Er befühlte den Löffel in seiner Hosentasche, nur um sicherzugehen, dass er noch da war. Dann setzte er sich auf eine Bank und beobachtete die Leute um ihn herum. Niemand interessantes. Eine Horde von Siebtklässlern, die ihr Wochenende verbrachten, indem sie die Nerven der Leute in der Fußgängerzone strapazieren – ohne dass es ihnen aufgefallen wäre. Sie lärmten herum, fühlten sich groß und stark, nur weil sie nicht mehr in den Grundschule waren.

Falsche Ignoranz. Eine Lektion würde jedem von denen gut tun, aber darauf hatte Joel keine Lust. Es war nicht seine Aufgabe, anderer Leute Kinder zu erziehen. Sein Blick wanderte weiter. Familien. Mütter, die ihre Kinderwagen , voll gepackt mit Einkäufen nach Hause schoben. Väter, die mit ihren Kindern ein Spielwarengeschäft besuchten, um ihnen Wasserpistolen zu kaufen. Uninteressant.

Danach fiel sein Blick auf die gegenüberliegende Terrasse einer Konditorei. Unter großen, dunkelgrünen Sonnenschirmen saßen die Gäste im Schatten. Es war hauptsächliche ältere Damen und Herren, die ihren Kaffee tranken und dabei entweder ein Eis oder ein Stück Torte aßen. Als er sein Auge schweifen ließ, eindeckte er dennoch etwas interessantes: Drei Mädchen, ungefähr in seinem Alter, etwas jünger vielleicht, aber sein Jahrgang. Neben einer Brünette und einer Rothaarigen, die allem Anschein nach Rastalocken hatte, saß eine Blondine.

Sie war schön. Nicht dick, eine schöne Figur. Ein schmales Gesicht, auf dem er, wenngleich das aus der Entfernung schwer zu sagen war, einige Unreinheiten vermutete. So etwas machte ihm nie viel aus. Er fand dieses Mädchen atemberaubend schön – und er spürte einen fast unwiderstehlichen Drang, ihre Wirbelsäule genauer zu inspizieren. Vielleicht sollte er ihr diesmal anbieten, sich mit einem Kuss frei zukaufen – um sie nach diesem dennoch umzubringen.

Ein leises, böses Lächeln huschte über sein Gesicht. Er kreuzte die Arme hinter dem Kopf, lehnte sich zurück und beobachtete still die drei Mädchen von seiner Bank aus.

Sie aß ein Eis, mit einem langen Löffel. Er musste wieder lächeln. Er dachte an ein altes Sprichwort, was er irgendwo aufgeschnappt hatte, wahrscheinlich wieder einmal Harris und Dr. Lecter. Es hieß: „Wer mit dem Teufel speist, braucht einen langen Löffel.“ Esslöffel waren lang. Ironie des Schicksals. Er betrachtete sie, wie sie ungeniert das Eis mit ihrer rosa Zunge von dem kalten Stahl ableckte.

„Merkwürdige Art, Eis zu essen.“, Dachte er, „Aber sie wird ja auch eine merkwürdige Art zu sterben haben.“

Das erwartete Sommergewitter setzte ein. Der Regen kam und die Leute verließen fluchtartig die Fußgängerzone. Joel blieb sitzen, und schaute den drei Mädchen weiterhin zu. Sie trennten sich, die Brünette verließ die beiden anderen und ging, allem Anschein nach, nach Hause. Die beiden anderen standen ebenfalls auf und gingen in Richtung Alzette. Joel folgte ihnen mit ziemlich großem Abstand. Er hatte keine Angst, sie zu verlieren. Er kannte die Rothaarige und wusste, wo sie wohnte – und alles deutete darauf, dass die beiden Nachbarn waren, oder wenigstens nahe beieinander wohnten.

Sie hatten sich gerade getrennt, und Joel folgte der Blondine – seiner Blondine. Sie würde bald ihm gehören. Er brauchte nicht viel zu tun, nur sie zu beobachten. Langsam folgte er ihr, betrachtete ihr vom Regen durchnässtes Haar, ihre bleich wirkende Haut, ihren schönen Körper, durch das nasse, an der Haut anliegende Top zusätzlich betont. Und er betrachtete ihren Rücken, ihre Wirbelsäule, die ihr Gehirn mit dem restlichen Körper verband, von der aus ihre Nervenimpulse durch den Körper flossen.

Betört von ihrem Anblick blieb er an eine Laterne gelehnt stehen und folgte ihr noch mit seinem Blick, bis sie ihr Haus erreicht hatte und hinein ging. Er wartete eine Minute lang und ging dann zu dem Haus, um sich die Hausnummer anzusehen. Er fand, dass ein Spaziergang nach Hause nicht schlecht war und nahm einen längeren Weg, der entlang der Alzette verlief, und vorbei an einem großen Parkplatz, der so gut wie leer war. Anscheinend waren alle vor dem Unwetter geflüchtet.

Es donnerte.
Regen machte Joel nichts aus. Er mochte ihn zwar nicht sonderlich, aber eigentlich hatte er bis jetzt erst einen Tag erlebt, an dem er wirklich mit dem Wetter zufrieden gewesen war. Graue Wolken und ein warmer Wind. Er erinnerte sich nur zu gerne an diesen Tag. Obwohl eigentlich nur das Wetter gut gewesen war, mehr nicht.

Er fand sich auf dem verlassenen Parkplatz wieder. Es regnete in Strömen und beständig zuckten Blitze durch die dicken, schwarzen Wolken.

Ungefähr 15 Meter vor ihm stand ein Mann mit einem langen Ledermantel, der ihm bis zu den Stiefelansätzen ging. Er sah sehr bleich aus. Er blickte Joel mit seinen wachen, kohleschwarzen Augen an. Sein Haar, nicht ganz so dunkel wie sein Mantel, aber auch schwarz. Er schien unschlüssig, und doch hatte er auf eine merkwürdige Art und Weise eine bedrohende Wirkung auf Joel. Der Mann wirkte komplett deplatziert auf dem Parkplatz.

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