Der Tag vor der Entscheidung

Nachdem morgen also die Luxemburger vor der Wahl stehen, die Welt zu retten (JA) oder sie untergehen zu lassen (NEIN), war denn heute auf der Titelseite des Luxemburger Wortes, das sich selbst mit „Für Wahrheit und Recht“ untertitelt, als Titelbild eine Menge Politiker und in großen, Bild-artigen Lettern „Wir wählen JA“ zu lesen.
Gut, eine gewisse politische Färbung kann ich jeder Zeitung zugestehen.
Dass sie sich aber zum plumpen Regierungspropagandawerkzeug degradieren lässt, spricht nicht gerade für Qualität – und wie schon mal erwähnt, handelt es sich hier um die meistgekaufte Zeitung in Luxemburg.

Da das Volk, sich selbst als „gute Europäer erster Stunde“ sehend, aber eine Horde von feiger Hobbits ist, das, wenn überhaupt, die Faust nur in der Tasche ballt, sich aber so leicht manipulieren lässt, wird unser allseits geliebter verehrter vergötterter Premierminister Jean-Claude Juncker seinen Posten wohl behalten und nach den nächsten Wahlen dann der Obermacker der EU werden, und ach, was werden wir alle stolz sein auf ihn, ein echter Europäer und sollte er jemals abkratzen, benennen wir 93 Straßen nach ihm und bauen ihm ein Denkmal.
Jedenfalls erpresst er die luxemburgischen (Ausländer dürfen ja eh nicht abstimmen!) Bürger mit seiner Rücktrittsdrohung. Neben den apokalyptischen Visionen von wegen „Luxemburg wird aus der EU rausgeworfen, wenn ihr Nein sagt!“ (Wieso eigentlich nich gleich „Luxemburg wird nach Afrika verlegt!“?).

Ach, und die Wahlzettel sind auch geschickt gemacht, das Ja ist rechts und das Nein links. Jeder, der mal eine Bildanalyse gemacht hat, weiß ja, wie der Blick wandert: von links oben nach rechts unten. Ich frage mich, wieso überhaupt noch ein Referendum gemacht wird – scheint man dann demokratischer? Will Juncker seinen Homologen zeigen, dass er, im Gegensatz zu den französichen und niederländischen Staatsoberhäuptern, seine Hobbits im Griff hat? Wo die Volksvertreter doch eh nach dem Referendum noch einmal über die Verfassung abstimmen werden – und ich weiß jetzt schon, dass das Wort, für das sie sich entscheiden werden, nur zwei bzw. auf französich drei Buchstaben hat.

Jedenfalls kann man den linken Nein-Kräften, also der linken Partei, den Kommunisten und allen voran das „Komitee für das NEIN“ nicht vorwerfen, sie hätten nichts getan – schon seit Monaten sieht man überall, besonders im Süden des Landes und in Luxemburg-Stadt, Plakate und Aufkleber für das Nein, während die Regierung erst viel später mit ihrer Kompagne angefangen hat. Allerdings hat sie auch sehr viel mehr Geld (und Parteien) dafür.
Was die Grünen sich leisten, ist allerdings auch toll: „Ein kämpferisches Ja“
Toll, und was kreuzt ihr morgen an? „Ja, aber…“?`

Zusammengefasst: Ein quasi abgekartetes Spiel. Wobei ich mich irren könnte (Ich hoffe es!), da in den Umfragen die meisten Leute unentschieden oder für das Nein waren. Aber hier darf man ja 6 Wochen vor den Wahlen keine Umfrageergebnisse mehr veröffentlichen, von daher ist das ganze sehr wage. Vielleicht habe ich morgen Abend einen Grund, „stolz“ auf meine Nation zu sein. Aber ich fürchte, ich werde eher entäuscht werden.

4 Kommentare “Der Tag vor der Entscheidung

  1. "Vielleicht habe ich morgen Abend einen Grund, "stolz" auf meine Nation zu sein. Aber ich fürchte, ich werde eher entäuscht werden."

    Wie so viele stolz darauf sind, dass sich ihre Nation weiterhin auf die Ideologien des 20. Jahrhunderts konzentrieren und verlassen…

  2. Missinterpreation ist auch eine Kunst.
    Es geht mir und den meisten Nein-Sagern hierzuland nicht um ein "Zurück zu den Nationalstaaten" oder ein "Raus aus der EU.". Es geht einfach nur um eine Verfassung und darum, dass dort Dinge dort drin stehen, die einem nicht gefallen.
    Und da kann man nicht einfach "Ja" sagen, weil man für 50 Jahre Wirtschaftswachstum in den Arsch kriechen will, denn diese sogenannte Verfassung gilt für die Ewigkeit und ist quasi unmöglich zu ändern. Man wird nur einmal gefragt, und das ist jetzt.
    Und der Neoliberalismus ist auch eine Ideologie des 20. Jahrhunderts.

  3. 1. Die Regierung behandelt sie wie eine Schafsherde. Das war mein Punkt.

    2. Beispiele zu was? Ich wollte mit meinem Post vor allem die relativ undemokratischen Mittel aufzeigen, mit denen die Regierung das "JA" gepusht hat. Wenn du Beispiele gegen die EU-Verfassung aus luxemburgischer Sicht willst, verweise ich dich auf http://www.constitution.lu
    (Ganz einfach aus dem Grund, weil *ich* die Verfassung auch nicht gelesen habe, aus gleichen Gründen wie du. Allerdings glaube ich, mich ordentlich darüber informiert zu haben.)

  4. 1. Aber Fire, man kann nicht einfach die Anhänger der jeweils anderen Meinung als Schafherde bezeichnen. (Okay, hobbits. same thing.)

    2. Fire, nenn mal Beispiele. Einige deiner Leser haben die EU-Verfassung nicht gelesen, unter anderem, weil sie gar nicht drüber abstimmen. Und lernen müssen.

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