Schlaflos in Augsburg Oder: Eine Karte aus Ettelbrück Oder: Andersrum! Oder: Tintenkleckse auf einem Butterbrot

Ich habe sie direkt bemerkt, als ich in den Zug gestiegen bin, mit Lisa. Wir haben Kaugummi gekaut, Lisa und ich, und der Kaugummi hat wirklich ganz entsetzlich und schrecklich geschmeckt.
Ihr Piercing in der Lippe oder an der Seite der Lippe oder wie man diese Stelle auch immer genau nennt, ist mir zuerst aufgefallen. Oder sie ist mir zuerst durch ihr Piercing aufgefallen.
Ich habe mit Lisa geredet, ich weiß nicht mehr genau über was, und ich habe sie die ganze Zeit lang angesehen, dieses Mädchen, das mit diesem jüngeren Typen geredet hat, auf Deutsch, und nicht wie ich in meiner benebelten luxemburgischen Agoranz gegenüber Leuten Trackingrucksacken geglaubt habe, Niederländisch.
Sie hatte braunes Haar, lang und wild. Und ich glaube, dass eine Dread drin war. Jedenfalls eine schöne Perle, und dafür braucht man meistens eine Dread.
Und sie hatte zwei Pullis übereinander an, oben einen braunen mit Kaputze und einem gelben Aufdruck.

Und dann stiegen wir aus, und mein Plan, im Vorübergehen „Nice Piercing“ zu sagen, wurde über den Haufen geworfen, weil wir uns zum Aussteig begaben und sie war direkt vor mir. Wir warten vor dem Ausstieg, dass der Zug stehenbleibt, und ich lächele, sie lächelt, und ich sage ihr auf Englisch, dass sie ein schönes Piercing ist, sie versteht nicht ganz, fragt nach, ich sage es nochmal, und sie lächelt, bedankt sich.
Dann rausteigen, einmal kurz nach hinten sehen, durch die Unterführung, mit Lisa zu ihrem Fahrrad und von dort aus nochmal zur Unterführung blicken. Und sie kommt auf uns zu und fragt nach Zigaretten.
Ich rauche nicht.
Aber ich habe mir nie so sehr gewünscht zu rauchen wie in diesem Moment.

Lisa meinte, ich hätte ihr meine Handynummer geben sollen. Aber nein, es genügte, einmal angelächelt zu werden. Es genügte vollends, sich selbst zu beweisen, dass es Leute gibt, die einen von sich aus anlächelen, und dass ich andere Leute einfach so ansprechen kann, wenn ich wirklich will. (Von vorher konsumierten Substanzen will ich mal absehen, ich denke, dass es auch ohne die gegangen wäre, vielleicht sogar besser.)
Um die nichtvorhandene Poesie dieses Eintrages vollends zu zerstören: Danke an Comme für die Karte.
Charlie Johnny und die Schokoladenfabrik ist toll, wa?

Leave a Reply

Your email address will not be published.