49°36'36″ N 6°7'40″ E

Das Gibraltar des Nordens, so wurde die Stadt, in der ihr arbeitet, früher genannt. Heute ist es nur noch ein wichtiges Bank- und Regierungszentrum in Europa. Ihr fahrt nach einem harten Arbeitstag in den gläsernen Prunkbauten, Stunden in vollklimatisierten Büro im Bus. Ihr seid die kleinen Rädchen, die das System im Gang halten, ihr alle.
Da werden noch wichtige Telefonate geführt oder sich über Arbeitskollegen unterhalten. Alles schon gehört, immer der gleiche Einheitsbrei. Ihr wart noch einen Kaffee trinken, oder auf den Feierabend anstossen, immerhin ist heute Mittwoch, das muss doch gefeiert werden. Ausserdem wolltet ihr nicht zur Rush-Hour nach Hause fahren, was ja absolut verständlich ist. Voll ist der Bus trotzdem. Aber es gibt Hoffnung. Eine Straßenbahn wird gebaut werden.

Früher gab es mal eine Straßenbahn. Als die Autos dann kamen, hat man die Gleise entfernt, weil die Leute mit den Fahrrädern steckengeblieben sind.

Aber heute fährt ja niemand mehr Rad.
Und ich steh mittendrin und denk mir, ich bin ein Sandkorn im Getriebe. Wie ihr mich alle anstarrt, und ich frag mich, wieso nur. Meine Haare? Es gibt schlimmeres, aufälligeres. Ich habe heute ein Mädchen gesehen, mit pink-schwarzen Haaren. Ich fands toll, aber euch würden doch die Augen rausfallen, was?

Oder schaut ihr nur so griesgrämig, weil ihr gerne bei der Eröffnung des Merkur-Geschäftes dabeiwärt, die einen Platz gemietet haben und kurzerhand ein Zelt drumrumgebaut haben. Und Kronlüster hängen vom Zeltdach. Da darf sich dann die Creme de la Creme de la Creme treffen und sich gegenseitig beteueren, wie wundervoll doch alles ist, besonders das Essen und diese herrlich kreative Idee. Dabei ist es völlig überdimensioniert, der Laden hat nicht mal die Hälfte der Fläche, die beansprucht wird, um die Eröffenung zu feiern. Und wahrscheinlich ist das Essen nicht mal gut.

Das ist euch aber egal, ihr wärt gerne dabei, ihr wärt gerne wichtig. Ihr wärt gerne die Creme de la Creme de la Trüffelcreme in Langousten. Aber ihr seid es nicht. Arbeitet ihr überhaupt in einer der vielen Banken? Oder einfach nur in einem Bekleidungsgeschäft für Normalsterbliche, wo die Eröffnungsfeier im Laden war und nicht auf einem gemieteten Gemeindeplatz rund um einen Brunnen?

Das Licht der Abendsonne fällt in den Bus und taucht die Szenerie in ein warmes Licht. Ich lächele.

14 Kommentare “49°36'36″ N 6°7'40″ E

  1. Ich wusste, das sowas kommt. Ich wusste es.
    Es war einfach nur ne Stichprobe "Leute im Bus".
    Mehr nich. Wieso entschuldigst du dich dafür, Statistik gehabt zu haben? Übrigens is das auch mit ein wenig gesundem Menschenverstand zu verstehen, dafür brauch ich keine Statistik gehabt zu haben. (Dafür. Für andere Dinge muss man das vielleicht schon gehabt haben. Keine Ahnung, ich hatte nie Statistik.)

    Ja, die Leute sind bloss Leute. Und trotzdem fühl *ich* mich unter diesen arbeitenden Leuten die ein Sandkorn im Getriebe zwichen den Rädchen. Ich benutz das Wort Metapher jetzt nicht.

    Unerheblich. Hab ich gesagt, dass es unerheblich ist, wenn da eine Boutique eröffnet wird? Ich fands nur pompös und übertrieben. Und finds merkwürdig, wenn man sich wünscht, bei so etwas dabei zu sein. Aber klar, man kanns auch merkwürdig finden, auf ein Nick Cave Konzert zu wollen, wieso denn auch nicht.

    Nichts für ungut.

  2. Okok, lassen wir das mit dem gegenseitigen Unterstellen oder so tun als ob oder so rüberkommen oder es so verstehen oder whatever. Is blöd.

    Ja, es war Busfahren ohne Kopfhörer. Und im Stehen in einem vollbesetzten Bus mit glotzenden Leuten. Dafür nette Lichteffekte. Don't let it get to you, wie meinste das?
    Boutiqueneröffnungen *sind* unerheblich. Aber mit so ner Verhüllung eines öffentlichen Platzes tut man sehr viel Aufsehen erregen. ABer es ist trotzdem ne riesige Seifenblase, in die die Leute da eintreten.
    Ach, und magst du einen Kommentar-Account haben? *schleim*

  3. Es ist so meine Erfahrung, dass bunte Haare heutzutage niemanden mehr schwer schockieren. Ist natürlich leicht, sich eine Stichprobe "Leute, die in mein Feindbild passen" zu basteln, un anschließend erstaunt festzustellen, dass man ja genau diese Leute nicht leiden kann, aber die Grundgesamtheit ist um einiges größer. (ah, sorry. Statistik gehabt.)

    Zweitens: Es ist vielleicht ein System – na klar ist es ein System – aber die Leute sind Leute, keine Rädchen. Bloß weil Menschen einen geregelten Arbeitstag haben, haben sie noch lange nicht ihr Gehirn an der Garderobe abgegeben. Ich will ja nicht abstreiten, dass es erhebliche Mengen doofer Leute gibt, aber denk dir mal, die haben jeder eine Selbstsphäre, die ist genausogroß wie deine. Ist das nicht hübsch?

    Es kann dir ja durchaus unerheblich erscheinen, auf was andere Leute so abgehen, z.B. Kaufhauseröffnungen (oder whatever. Eröffnungen halt), aber denk dir mal, denen man unerheblich erscheinen, auf was du so abgehst. Aber nee, ihnen fallen dann die Augen raus.

    Pff. Aber wer bin ich, dass ich dir deine Misanthropie ausreden will :)

  4. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht zynisch, wenn ich sage, dass du deine Rechtschreibesachen dann nicht mehr in einem zweiten Post machen müsstest. Na ja, anderseits sehen 5 Kommentare von aussen besser aus als 4.

    Ehm, das mit dem irrationalen Weltbild klingt schön und gut, aber wieso sollte ich selbst diese irrationalen Gedanken nicht posten? Bzw. wärs besser, sie als solche zu kennzeichnen?

    Mhmm, es war ja eine verhüllte Scheußlichkeit. Also musste man reinsehen und dann vorbeigehen.

  5. Yeah, aber wusstest du auch, warum sowas kommt? Mit deiner Unterstellung, ich wär zu blöd, Metaphern zu begreifen, beschäftige ich mich jetzt nicht. Dafür entschuldige ich mich, dass es eventuell so rübergekommen ist, dass ich dich für zu blöd halte, Wörter wie Grundgesamtheit und Stichprobe zu verstehen. Wollte nur verdeutlichen, dass die Wortwahl mit meiner heutigen Statistikvorlesung zu tun hatte und ich nicht *ständig* so rede, thanks.

    Zweiter Absatz: an deinem Gefühl kann ich nichts ändern. Und ich *weiß*, dass Busfahren ohne Kopfhörer (just assuming) erheblich nervt. Ich halt aber dein Denken (System, Rädchen, Sandkorn) für eine Spur schwarz-weiß. Wäre die Frage zu klären, ob Kognition Emotion bedingt oder umgekehrt. Aaanyway. I believe what I'm trying to say is: don't let it get to you.

    Pompös und übertrieben, das ist für mich, einem für das Weltgeschehen eher, jawohl, unerheblichen Anlass den Anschein zu geben, dass gerade etwas Wichtiges passiert. Mir schon klar, dass du das Wort nicht benutzt hab. Und ich finde Boutiqueneröffnungen unerheblich. Nicht?

  6. Don't let it get to you – also, ganz grob gesagt, sollte man möglichst das Gefühl, dass alles scheiße ist, nicht das Denken soweit beeinflussen lassen, so dass man *denkt*, dass alles scheiße ist. Wenn man also in 'nem Bus steht und die Menschen doof findet bzw. merkwürdig, worauf die alles abzugehen imstande sind, heißt das nicht, dass die nun in der Realität alle eindimensional-doof sind, bzw. die ganze Welt doof ist. Das heißt halt einfach nur, dass man 'nen schlechten Tag hat. Oder anders: irrationale Gefühle als solche erkennen. Das heißt noch lange nicht, dass man plötzlich einen besseren Tag hat, aber es kann dazu beitragen, dass man kein irrationales Weltbild entwickelt, weil, alle Menschen blöd zu finden macht einen gelegentlich einsam :)

    Ähm. Je mehr ich schreibe, desto unklarer wird mir die Sache. Und Seifenblasen? Sind doch super. Um's mit Max Goldt zu sagen: genieße den Zauber, an Scheußlichkeiten seitlich dran vorbeizugehen.

    Kommentar-Account: also, geklaut hat noch keiner meine Identität. Ich glaube nicht, dass ich das brauche, aber ist deine Seite.

  7. Na ja, Festzelt. Halt einen öffentlichen Platz verhüllt. So, dass jeder sieht "Da drin ist was, was du nicht sehen sollst."

    Wieso spricht man jemandem die Menschlichkeit ab, wenn man ihm zum Mitglied einer Schafherde deklariert? Das man das tut, was "alle" tun, heißt ja noch lange nicht, dass man nicht menschlich nicht. Vielleicht ist auch gerade dieses Gruppenverhalten menschlich, menschlicher als das, was ich "durchziehe".
    (Womit ich nicht gesagt haben will, dass ich nie Gruppenverhalten zeige.)

  8. Fire, es geht doch nicht ums Posten. Du sollst alles posten. Es ist halt so, dass ich hier Ansätze gesehen hab, die dazu führen *könnten*, dass irgendjemand versucht, anderen Menschen die Menschlichkeit abzusprechen. Schafherde halt. Das Kennzeichnen bringt's nicht, der durchschnittliche Leser ist imstande, Irrationalität zu erkennen.

    Also, Festzelt? Ich glaube nicht, dass ich in Festzelten jemals etwas hübsches gesehen habe. Also scheußlich.

  9. hab ich doch schon mal, aber hier nochmal, für sie:
    fire (ät) joeladami punkt net

    Nee, ich bin ein halbes Jahr ohne Musik mitm Schulbus gefahren. Irgendwann gings mir so auf die Nerven, dass ich endlich Abhilfe geschaffen habe und mir nen Billig-MD-Player gekauft habe. Und je nachdem, was man hört, wirkt die Welt furchtbar lächerlich.

  10. Ich sag euch was. Ich kann eigentlich nicht mit Walk- pardon Mp3 Player Bus etc fahren. Ich bin immer gespannt was die Leute so erzählen. Eigentlich istdas auch 80% Dreck was die so reden, aber es ist sehr lustig. Man ist gefangen in einem ewigen Loriot Sketch. Ich lach heut noch über Dinge die ich vor 10 Jahren in der Straßenbahn hörte.
    So hinrlose ewig kopfhörertragende finde ich regelrecht albern.
    Ich will sagen, daß genau die apathisch lauschenden dieses "Rädchen im Uhrwerk" Gefühl multiplizieren.
    Arbeiten, Walkman, schlafen,Walkman,Arbeiten.

    Wie comme schon sagt. Alle naja fast alle, die da rumlaufen haben eine Sphäre. Zwar eine andere aber nur weil ich diese Sphäre nicht verstehe, muß sie nicht flasch sein. Ich amüsier mich drüber, aber nun ja. So ist das halt.

    Hr. Feuerball, könnten Sie mal ihre email für mich rausgeben, ich müsste ihnen mal dringend mailen.

  11. Ja, den Platz, den man gemeinhin als "de Bour" bezeichnet (und wo normalerweise die "Punks" sitzen). Na ja, Kaufhaus wär ein wenig übertrieben, es war "nur" eine Modeboutique.

  12. Meinst du den Jan-Palach-Platz (mit der Säule), wo das Zelt rum herum gebaut wurde? Und das ist für eine Kaufhauseröffnung? Das finde ich ja allerhand! Nachher setzt sich noch jemand als "Event" in Brand, oder wie? Dass es mit dem Kommerzialismus bereits soweit hier ist, hätte ich nicht gedacht.

  13. Einen Teil der Menschlichkeit, ja, weil Menschen sich generell nicht ausschließlich nur als soziales bzw. nur als individuelles Wesen identifizieren. (Dazu muss man bedenken, dass eine Identifikation über z.B. Ablehnung bestimmter Gruppen auch eine soziale ist.)

    "Wieso spricht man jemandem die Menschlichkeit ab, wenn man ihm zum Mitglied einer Schafherde deklariert?" – der Satz ist lustig. :)

    "Das man das tut, was "alle" tun, heißt ja noch lange nicht, dass man nicht menschlich nicht." – stimmt.

    "Vielleicht ist auch gerade dieses Gruppenverhalten menschlich, menschlicher als das, was ich "durchziehe"." Das ist Quatsch. Du bist ein Mensch, ergo ist dein Verhalten menschlich. (Wenn du jetzt sagst, du seist aber doch ein Drache, dann, äh, überles ich das, jawohl!). Ja, Gruppenverhalten ist menschlich, aber es gibt nicht nur eine Gruppe (sondern viele und Subgruppen und soweiter). Die Leute im Bus scheinen für dich in dieser Situation eine Outgroup sein, mit dem Mädchen mit den bunten Haaren hast du mehr gemeinsam, Ingroup also. (Ob sie das genauso sieht, weiß ich nicht.) Das alles hübsch dynamisch, d.h., Outgroup kann morgen Ingroup sein, wenn du die doofen Leute aus dem Bus auf sagen wir einer Antikriegsdemo wiederfindest.

    Eine Gruppe ist allerdings mehr als nur die Summe soundsovieler Individuen, die hat noch eine eigene Dynamik. Aaanyway, Zugehörigkeiten zu Gruppen sind nicht die einzigen definierenden Merkmale einer Persönlichkeit, und zur jetzigen Zeit und in westlichen Kulturkreisen auch nicht die prägenden.

Leave a Reply

Your email address will not be published.