Teetisch

(Dies ist meine Teilnahme an diesem Wettbewerb.)

Mit einem Lächeln auf den Lippen betrachtete er ihre bunten Ringelsocken, die einen starken Kontrast zu seinen schwarzen bildeten. Die nassen Schuhe hatten sie ausziehen müssen, immerhin war ihr Heim nicht irgendein Heim und ihre Eltern nicht irgendwelche Eltern. Es war also – auch wenn ihre „Erzeuger“, wie sie sie nannte, nicht zugegen waren, denn sie bevorzugten die klimatischen Bedingungen der Karibik während der zwei ersten Adventswochen – von Vorteil, einen möglichst günstigen Eindruck zu hinterlassen.

Er bewegte seine Zehen leicht. Sie waren noch kalt von dem regnerischen Anfangsdezemberwetter, das nicht nur Kälte, sondern auch eine einfarbige, eintönige, graue Wolkendecke über die Stadt gebracht hatte.
Spielerisch berührte er ihre Zehen mit seinen.
Sie zog ihren Fuß nicht zurück. Er blickt sie an und sah ein Lächeln in ihrem Gesicht. Er mochte es.
Ihre Züge gingen leicht ins knabenhafte und waren dennoch weiblich, und ihre breitere Unterlippe, in der sie ein Piercing hatte, trug zu diesem Gesamtbild genauso bei wie ihre hellen, grünlichen Augen.

Sie setzte ihre Füße auf das Sofa, zog die Beine an und umschlang sie mit ihren Händen und setzte den Kopf auf ihre Knie, grinste.
„Es ist dir doch nicht kalt, oder?“
In ihrer Stimme war ehrliche Besorgniss zu hören, obwohl sie nicht aufhörte, zu Grinsen.

„Nein, es ist gut so, aber wolltest du mir nicht einen dieser merkwürdigen Kräutertees zeigen?“
Wieder lächelte sie, diesmal ein wenig überlegen.
„Wenn ich dir den Tee zeigte, hättest du nicht sehr viel davon, was?“
– „Na ja, „anbieten“ zu sagen wäre ein wenig…“

Sie unterbrach ihn und ergänzte lachend:
„Unangemessen gewesen?“ Du musst der Kulisse hier nicht Respekt zollen. Mach es dir bequem und warte einen Augenblick.“

Er sah zu, wie sie aufstand und mit gemächlichen Schritten sich Richtung Tür des geräumigen Wohnzimmers bewegte. Eigentlich passte sie noch weniger als er in das Ambiente – die Kulisse, wie sie es genannt hatte, teuere Möbel aus vorigen Jahrhunderten, gemacht für die Ewigkeit. Ganz besonders fiel ihm ein kleiner, runder Teetisch auf, der just vor dem sicherlich teureren Ledersofa stand, auf dem er saß.

Ihre schlanken Beine bewegten sich um den Tisch herum, und er, vielleicht nur einen Meter von ihr entfernt, blickte an ihrer verschlissenen und bemalten Jeans entlang, über ihr Hinterteil, ihre schlanke Taille, ihren Oberkörper, der, obwohl er unter einem dicken und weitem Kaputzenpullover versteckt war, vielversprechendes erahnen ließ, ihre schwarzen Haare, die sie nur bis zum Kinn trug

Als sie den Raum verlassen hatte, wich die Spannung von ihm und er versuchte ihren „Anweisungen“ folge zu leisten. Das Entspannen fiel ihm jedoch in der fremden und vor allem ungewohnten Umgebung schwer. Hier sah alles, vom Parkettboden über die Möbel bis zu den Wänden so aus, als wäre es nicht nur sehr teuer, sondern auch verdammt leicht schmutzig zu machen.

Nachdem er einige Zeit lang mit ehrfürchtigen Blicken die Ausstattung des Wohnzimmers betrachtet hatte, kam sie mit zwei Tassen Tee zurück. Sie servierte sie auf einem Tablett, auf dem die beiden Teetassen standen. Sie setzte sie auf den Teetisch und verschwand erneut mit dem Tablett in der Küche. Er rückte näher zu dem Tisch und betrachtete, was sie ihm, oder vielmehr ihnen, gebracht hatte.
Die Tassen waren aus Porzellan und waren mit blauen Blümchen verschnörkelt. Sie standen auf einem Unterteller, der im gleichen Stil gehalten war. Auf diesem lag ein ebenso verschnörkelter wie edler Löffel, von dem er vermutete, dass er aus Silber war. Jedenfalls war er auf Hochglanz poliert.
Er tauchte seine Finger in das Zuckertöpfchen und fischte sich zwei Stücke Kandiszucker heraus, die er danach sanft in den Tee herabsinken ließ und peinlich genau darauf achtete, keine Spritzer auf dem Tisch zu verursachen.

Er hörte, dass sie in das Wohnzimmer zurückgekehrt war, drehte sich jedoch nicht um, obwohl er ihre Blicke genau spürte. Tat so, als wäre er völlig in Gedanken versunken und damit beschäftigt, den Zucker mit dem Löffel zu zerstoßen und ihn dann darin aufzulösen.

Sie setzte sich neben ihn und strich mit ihrer schlanken Hand über den Tisch. Ihre Fingernägel waren schwarz gefärbt, genauso wie sie ihre Augen dezent schwarz umrandet hatte.
„Der Teetisch hier ist Mahagoni. Mein Vater hat ihn angeblich zu einem Spottpreis bei einem Antiquitätenhändler in Berlin gekauft.“
Der Klang ihrer Stimme war voller Ironie. Er wusste, sie gab überhaupt nichts auf dieses teurere Möbelstück, für sie hätte auch ein anderer, x-beliebiger Tisch seinen Dienst getan.

„Er schleppt dauernd irgendwelches antikes und sauteures Zeug an. Wenn etwas dran kommt, meckert er, wenn wir es nicht benutzen, regt er sich noch viel mehr auf. Also ist es wahrscheinlich besser, ein paar Spritzer Tee auf dem „edlen Holz“ zu hinterlassen, damit er sieht, dass sein teurer Teetisch auch benutzt wird.“, spottete sie weiter.

Als er nach der Tasse griff, strich er absichtlich über ihren dünnen, gepflegten Finger, die noch immer auf dem Tisch lagen. Aus dem Augenwinkel heraus nahm er wahr, dass sie ihren Kopf zu ihm gedreht hatte. Aber er ließ sich Zeit. Langsam hob er den Beutel aus der Tasse, drückte ihn mit dem Löffel aus und legte ihn auf die Untertasse. Dann hob er die Tasse hoch, sog den würzigen Geruch des Tees ein, nahm einen kleinen Schluck und blickte sie dann erst an.

Sie lächelte, aber in ihrem Blick hatte sich etwas verändert. Er konnte nicht mit dem Finger darauf zeigen und bestimmen, was es genau war, aber etwas hatte sich verändert.
Ihre Zunge fuhr mit einer langsamen Bewegung über ihre Oberlippe.
„Schmeckt er?“

Erst im Nachhinein bemerkte er, dass er ihre Zungenbewegung kopierte, ungewollt, unkontrolliert, bevor er antwortete:
„Ja. Ungewohnt, aber lecker.“
„Wenn mein Vater wüsste, dass ich Teebeutel in diesen Tassen benutzte, er würde mich umbringen.“, meinte sie, wieder grinsend.
„Was ist an einem Teebeutel so schlimm?“, fragte er erstaunt.
„Er nennt es: die totale Abwesenheit von Stil. Er setzt Teebeutel auf die gleiche Stufe wie Ikea und H&M.“
„Und wie siehst du die Sache?“
„Ich denke, er hat Recht damit, wenn er sagt, dass diese Möbel für die Ewigkeit gemacht sind und so hässlich finde ich sie nicht. Und Teebeutel in teurem Porzellan ist für mich der absolute Luxus. Die Revolution im Wasserglas, sozusagen.“
„Du spinnst.“
„Nein, ich bin nur eine Ignorantin.“, meinte sie spöttisch und griff zur Tasse.

Er sah ihr zu, wie sie den ersten Schluck nahm. Sie hob die Tasse hoch, ihre schlanken Finger um das edle Porzellan, sog den Duft ein. Bei ihr sahen all diese Bewegungen elegant aus, selbst das Schlucken schien nichts mehr mit Nahrungsaufnahme zu tun zu haben, sondern nur noch zur Vollendung einer schier magischen Prozedur zu dienen.

Diesmal berührte er ihren Fuß nicht nur kurz. Gezielt massierte er die Stelle zwischen Zehen und Fuß, rieb die Seite seines Fußes sanft gegen ihren, wie eine Katze, die sich schnurrend an einem Bein entlang reibt.

Sie erwiderte seine Berührungen indem sie näher zu ihm rückte und mit dem Zeigefinger seine Finger streichelte. Er blickte sie an und sah ihr Lächeln, ihr verändertes Gesicht, das er nun deuten konnte.

Der Tee konnte jetzt warten.

8 Kommentare “Teetisch

  1. uah ;) net schlecht. Just plaatzeweis puer Widderhuelungen (spottete,spöttisch, ..) Fannen och dass de bessen zevill op dem Meedchen sain Spott insistéiers ;) mee am groussen ganzen OK.

  2. Im großen Ganzen gut aufgebaut, ich finde es gut dass die Geschichte so ruhig und langsam verläuft. Was mich stört ist der Ausdruck "saugen" (Dann hob er die Tasse hoch, SAUGTE den würzigen Geruch des Tees ein, nahm einen kleinen Schluck und blickte sie dann erst an.), das passt einfach nicht…

  3. "sog" steht jetzt da. Und bleibt auch da stehen, denn das eigentlich viel zu tiefe und wahrscheinlich geräuschvolle einziehen des Duftes mit der Nase passt zu dem Typen, der sich zwischen antiken Möbeln nicht wie zu Hause benehmen kann und gesagt bekommt, er solle es tun.

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