Plädoyer für die Postapokalypse

Es wird keine Apoklaypse mehr geben.
Sie hat ganz einfach schon stattgefunden, und niemand hat es mitbekommen. Ich weiß auch nicht, wann sie war, und das ist auch völlig unerheblich.
Es bedeutet auch keineswegs, dass von jetzt an alles besser wird. Vielleicht wird es besser, vielleicht schlechter, wahrscheinlich wird es einfach so weitergehen wie bisher – was auch immer das bedeutet.

Ich sitze in nem Zug, werde nachher durch nasse und mehr oder weniger dreckige Staßen wieder nach Hause gehen.
Genügt das, um sagen zu können: die Apokalypse war schon?
Ja, genügt es. Wir haben den Untergang der Welt verpasst. Ganz einfach übersehen, so wie wir die globale Verdüsterung jahrelange übersehen haben. Wir haben auch übersehen, dass Pflanzen Methangas produzieren. Und morgen werde ich wahrscheinlich einen noch schrecklicheren Artikel über ein noch schrecklicheres Ding, das wir einfach so „übersehen“ haben, lesen.Und ich sage jetzt: Wir haben die Apokalypse übersehen. Vielleicht lag es daran, dass sie nicht auf dem Fernsehen übertragen worden ist, live, oder wie die Franzosen sagen: en direct. Aber es gab ja auch überhaupt nichts zu übertragen. Es gab keine Show, kein Boom, kein garnichts. Vielleicht hat es ganz leise „Klick“ gemacht, aber das ist im Geschnatter der Talkshows und Wettervorhersagen untergegangen.

Um zu meinem Zug-Beispiel zurückzukommen:
Ich weiß nicht, von was der Strom kommt, mit dem dieser Zug fährt. Wahrscheinlich aus irgendeiner fossilen Energiequelle, die wir in ein paar Jahren verbraucht haben werden.
Aber dann wird die Welt nicht untergehen.
Denn sie ist schon untergegangen. Es wird einfach so weitergehen.

Irgendwer, der religiös motiviert ist, wird jetzt fragen, was denn mit Jesus ist. Oder sonst irgendeinem Heiland, der vor oder nach dem Weltende zurückkommen wollte oder seinen Gläubigen das versprochen hat.
Ich glaube nicht an solche Dinge, habe aber eine Antwort parat:
Jesus (oder wer auch immer) war hier. Vielleicht war er Martin Luther King, Gandhi, John Lennon, der Papst der nur 3 Monate Papst war und aus dem Dorf meines Opas kam. Jedenfalls wurde er dann umgebracht. Oder Jesus war irgendein Entwicklungslandkind, das an Hunger gestorben ist. Oder er ist noch hier und wird in irgendeiner Nervenheilanstalt behandelt. Aber wenn er wirklich existiert(e) und zurückkommen sollte, dann war oder ist er bereits hier.
Und eins der Dinge, die einfach niemanden aufgefallen sind. Mir ja auch nicht.
Jedenfalls nicht rechtzeitig.

Alles ist schon die gelaufen. Es wird keine Renaissance mehr geben, keine neuen Stile, es wird bloss noch kopiert und collagiert werden.

Wir müssen uns ganz einfach klar sein:
Die Welt ist bereits untergegangen, wir haben es nicht bemerkt, die Apokalypse wird nicht wiederholt werden, und niemand hat eine Kopie auf VHS.

Was tun wir jetzt mit diesem Wissen?
Vielleicht sollten wir uns zurücklehnen und auf die große Revolution warten. Aber wenn die je kommen soll, ist das mit dem Zurücklehnen eine schlechte Idee. Ausserdem ist die Gefahr, dass wir auch die verpassen, groß.

Wir leben in einem postakopalytischem Szenario. Dadurch ändert sich nichts von selbst. Weder zum Guten, noch zum Schlechten.
Dies ist kein Abgesang. Wofür auch?
Der große Knall wird nicht kommen.

Jetzt liegt es aus uns, zu sehen, wie es weitergeht.

7 Kommentare “Plädoyer für die Postapokalypse

  1. GOTT (weinerlich): Ich bin der liebe Gott, mein Junge, mein armer Junge!
    BECKMANN: Ach, du bist also der liebe Gott. Wer hat dich eigentlich so genannt, lieber Gott? Die Menschen? Ja? Oder du selbst?
    GOTT: Die Menschen nennen mich den lieben Gott.
    BECKMANN: Seltsam, ja, das müssen ganz seltsame Menschen sein, die dich so nennen. Das sind wohl die Zufriedenen, die Satten, die Glücklichen, und die, die Angst vor dir haben. Die im Sonnenschein gehen, verliebt oder satt oder zufrieden – oder die es nachts mit der Angst kriegen, die sagen: Lieber Gott! Lieber Gott! Aber ich sage nicht Lieber Gott, du, ich kenne keinen, der ein lieber Gott ist, du.

    Wolfgang Borchert, Draußen vor der Tür. Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will.

    Kennst du bestimmt, lieber postapokalyptischer Fireball. Großen Beifall aus Wien!

  2. Oh den Gedanken hatte sicher schon viele.
    Wann aber passierte es?
    Technische Revolution? Tschernobyl? oder Entschlüsselung des Genoms?
    Vielleicht lacht mann in 500 Jahren über unsere Dummheit.
    Wahrscheinlich wird man uns aber unsere Dekadenz (die Dir und mir wie Weltuntergang vorkommen) vor.
    Dieses überall konsumieren und wenn es geht gleichzeitig.
    Ich kann ganze Konzertsäle mit mir rumtragen und in perfekter Qualität hören, ich habe heißes Wasser aus der Leitung. Trotzdem sind wir nie zufrieden. Wo fängts an wo hört es auf?
    Wir können nur abwarten bis es zusammenbricht, meint man. Ichteile aber auf jeden Fall Ihre Gedanken

  3. hmm, die apokalypse… christlicher kindergeburtstag (also geburt des antichristen)… eine band spielt auf (heavently angels) und hat nur posaunen dabei. armseelige vorstellung, das. und schlecht produziert. ja, ja, die ungeheuer und das schaf reißen die schow auch nicht mehr raus. kein wunder das das nicht live übertragen wurde. lief aber bestimmt auf arte. nicht gerade als themenabend. so eine apokalypse ist natürlich keine populäre telenovella.
    derweile odin, thor und freya auf das neue jahr nach den grauen tagen anstoßen, warten die propheten immer noch auf die apokalypse.
    "hoch, ja, hmm, wann kommt sie denn?"
    "der 'hannes hat sich bestimmt verrechnet!"
    "als ob die um 90 n.chr. gut rechnen konnten tun!"
    "ja, aber ich hab' doch jetzt schon alles verkauft und freue mich schon auf die zeit nach den jüngsten gericht!"
    "als ob sie dich ins paradis lassen würden, herr gott nochmal!"
    "und watt is denn nu mit der apokalypse?"
    IST ABGESAGT! DER VORVERKAUF IST IN DEN LETZTEN JAHRHUNDERTEN SO SCHLECHT GELAUFEN! UND MEIN SOHN HAT SEIN AUFRITT AUCH ABGESAGT! IST BEIM SNOWBOARDEN.
    "schade eigentlich, gott. kann man nichts machen."
    "ja, schade."
    VIELLEICHT IN TAUSEN JAHREN WIEDER! DER KARTENVORVERKAUF BEGINNT 500 JAHRE VORHER AN ALLEN THEATERKASSEN!

  4. Pingback: Fireball’s Weblog - Literature is the new rock! » Blog Archive » Postapokalypse

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