Projekttitel: EVA (voreilige Veröffentlichung im Sinne der computergesteuerten Unterhaltung des lechzenden Publikums) II

Was hier nun geschrieben wurde, soll und wird größer werden, ist meiner „Nuit Blanche“ entsprungen und dient zur Unterhaltung. Dies ist der zweite Zeitbombenpost.

Je mehr ich schreibe, desto mehr Zeit verrinnert, aber heute Nacht soll mir das egal sein. Ich schreibe wie ein Irrer, wie ein Verrückter, wie Jacobo Belbo, der seine gesamten Errinerungen auf in seinen Computer, diese tellurische, prähistorische Datenverarbeitungsmaschine eingibt und dann für immer verschwindet, irgendwo in Paris.
Aber seine Daten wurden nicht verarbeitet, bloss gespeichert. Dann kann ich auch auf Papier schreiben.

Paris. Es gibt kein Paris mehr, jedenfalls nicht in der Form, in der es uns in den Französischbüchern präsentiert wurde. Eifelturm, Arc de Triomphe, Louvre, das alles ist nicht mehr. Vielleicht hat man die Abtei auf Saint-Martin-des-Champs verschont, vielleicht wurde sie nicht von den Bomben getroffen, und das Pendel schwingt noch immer?
Was soll es? Es gibt sowieso keinen Sinn mehr dahinter, jetzt. Jetzt, wo alles zerstört ist und das einzige, was noch zu exsistieren scheint, diese gottverdammte Uhr ist, die tickt und tick und tickt.

Wenn ich manche Zeilen lese, sofort nachdem ich sie geschrieben habe, glaube ich für einen Moment, dass ich ausraste, verrückt werde. Dann sehe ich aus dem Fenster, sehe mir den gegenüberliegenden Hügel von E. an. (Oder das, was davon übrig geblieben ist.) und weiß, dass ich allen Grund habe, so zu schreiben.
Vielleicht aber auch doch nicht. Sehnen wir uns nach einem Jesus in der Todeszelle? Oder nach einem Buddah in einer Talkshow, fett und grinsend?
(Ich sollte aufhören, Propheten so zu beschreiben. Nachher habe ich mich doch geirrt und lande in einem Himmel vor einem Gott oder Propheten, den ich „fett“ genannt habe. Instant Karma is gonna get you…)

Wo soll ich beginnen? Vor allem, wie soll ich schreiben, wenn mich diese Uhr wahnsinnig macht. Je mehr ich schreibe, desto verrückter werde ich. Wie soll ich Zeugniss ablegen über meine Sicht der Dinge, meine Geschichte, wenn das Schreiben mich langsam aber sicher verrückt macht, und ich ganz genau weiß, dass ich noch sehr viel mehr verrückter würde, schriebe ich nicht den Lauf der Dinge auf, so wie ich ihn erlebt habe?

Es scheint mir ebenso unmöglich, als wolle man eine Karte seiner Narben zeichnen, ein Diagramm des Leidens, ohne die Leiden noch einmal durchleben zu müssen. Wenn Jesus am Kreuz hängt und an den Kreuzweg denkt, spürt der dann noch die drückende Last des Kreuzes an seinem Rücken, oder ist das Leiden der Kreuzigung so groß, dass es nicht mehr an die Kreuzwegleiden denken kann?
Muss ich mir denn die linke Hand abhacken, um ruhig mit der rechten schreiben zu können? Fürchte, das Blut würde das ganze Papier versauen, und sollte ich je die Verrücktheit besitzen, das ganze in eine Datenverarbeitungsmaschine eingeben zu wollen, so wäre eine abgehackt Hand hinderlich.

Man soll mit dem Anfang beginnen, wenn man eine Geschichte erzählen will. Problem: Keine Errinerung an den Anfang. Es gab keinen Hitler, der plärrte: „Ab soundsoviel Uhr wird zurückgeschossen!“. Es gab keine Kriegserklärung, keine Rede zur Lage der Nation, keine Sondersendung. Gab es überhaupt Krieg? Vielleicht ist auch nur ein Atomkraftwerk explodiert und ich habe Gedächnissschwund. Vielleicht habe ich meine Vergangenheit auch nur geträumt und errinere mich bloss nicht, dass alles schon immer so wahr, wie es jetzt ist.
Wenn ich träume, ich wäre ein Schmetterling, woher weiß ich dann, dass ich ein Mensch bin und schlafe oder, wenn ich wache, in Wirklichkeit träume und ein Schmetterling bin?
Es gibt keine Kanninchen mehr, oder jedenfalls habe ich schon seit Ewigkeiten keins mehr gesehen. Schon gar kein weißes.
Habe ich überhaupt schon jemals ein Kanninchen gesehen? Ich sollte anfangen, alles in Frage zu stellen. In meiner Verfassung ist das wahrscheinlich das Beste. Und das, was mir am schönsten erscheint, ist die Wahrheit, und am Schluss sterbe ich mit einer Überdosis Heroin in einem Bahnhofsklo. Oder schiesse mir mit einer Schrotflinte in den Kopf.
Die Wand müsste sowieso mal neu tapeziert werden. Zuerst aber die Uhr herunternehmen.

2 Kommentare “Projekttitel: EVA (voreilige Veröffentlichung im Sinne der computergesteuerten Unterhaltung des lechzenden Publikums) II

  1. "Oder schiesse mir mit einer Schrotflinte in den Kopf.
    Die Wand müsste sowieso mal neu tapeziert werden. Zuerst aber die Uhr herunternehmen."

    Hehe, sou gefälls de mer Brüderchen! *smile*
    Den Desequiliber as gudd fir den Equiliber, as dach logesch ;)

  2. Wenn du Kaninchen sehen willst, komm mal vorbei. Ein weisses kann ich dir aber nicht versprechen…

    Follow the white Rabbit!!

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