EVA – Version 0.2

Wieder ein Zeitbombenpost. Fire ist weg und vergnügt euch mit der überarbeiteten und erweiterten Version von EVA

Uhr, Papier und Stift, Werwolf der Nacht

Diese Uhr macht mich wahnsinnig.
Nicht die Uhr an sich, es ist ein schönes Modell, vielleicht ein weig zu sehr „hip“, aber immerhin dezent, schlicht und nicht zu schreihend. Froschaugen auf weißem Hintergrund, keine Ziffern, sondern Punkte, schwarze Zeiger. Gekauft, da damals sofort Gefallen am grünen Motiv sowie die Schlichtheit gefunden. Ausserdem nicht sonderlich teuer.

Das, was mich wahnsinnig macht, ist nicht die Uhr selbst, ihr Aussehen, auch nicht ihr Funktionieren – sie ist für den Preis äusserst präzise und macht bei der Umstellung auf Sommer bzw. Winterzeit nicht viele Umstände, obwohl ich die Umstellung generell verabscheue. Nicht die Sommer- oder die Winterzeit, von manchen auch „Normalzeit“ genannt, stört mich, sondern der Fakt des Umstellens, das Aus-dem-Takt-Geraten, dieses Herumgedrehe an sämtlichen Uhren. Versprach man uns nicht vor Jahren schon den computergesteuerten Haushalt? Mein Kühlschrank bestellt noch immer keine Milch für mich. (Was wohl auch besser ist, immerhin wird mir jene, die in ihm steht, schon ständig sauer.)

Dieses Ticken treibt mich in den Wahnsinn. Der Tatbestand der Uhr an sich, ihre grundsätzliche Funktion, das ist es, was mir den Kopf zereisst, mir Qual bereitet und mir zahnschmerzähnliche Kopfschmerzen macht. Es ist wie Migräne, nur, dass der gesamte Kopf betroffen ist. Und dann ist das doch wieder eine Übertreibung, denn eigentlich bilde ich mir das nur ein, leide ich in Wahrheit doch nur seelisch. Was heißt hier „nur“? Genügt das etwa nicht? Muss einem Menschen denn immer gleich eine Hand fehlen, damit er sich beklagen kann?
Aber du hast doch noch eine Zweite!
Ich glaube Leute zu kennen, die so antworten würden.

Tick. Tack. Tick Tack. Tick Tack. Ohne Unterlass.
Stummer – nein, eben nicht stummer, lauter, schreiender Chronometer, Meßlatte meines Verfalls, Zeiger der verlorenen Zukunft und vergeudetenen Vergangenheit. Kann es ein schlimmeres Foltergerät geben? Sie einfach auschalten? Unmöglich, wird die Uhr doch gebraucht. Ein Fixpunkt an der Küchenwand. Küchenwäne fürchten das Vakkum, die Leere und wir Menschen mit ihnen, deshalb hängen wir Uhren oder Kritzeleien unserer Kinder daran. Ich habe keine Kinder. (In meinem Alter!) Und ich will auch keine, deshalb die Uhr. Ausserdem wäre ohne die Uhr ein hässlicher Schatten an der Wand. Die Uhr auschalten und wieder zurückhängen?
Was für einen Nützen hat eine Uhr, die nicht läuft? Ich kann doch keine kaputte Uhr an meiner Küchenwand hängen haben, wäre ich doch bei jedem Besuch, bei jedem anderem Benutzer dieser Küche gezwungen zu erklären, wieso da eine Uhr hinge, die nicht ginge.

Nein, das Ticken muss ertragen werden, wie Jesus von Nazareth sein Kreuz ertragen hat. Eigentlich hat er nur einen Balken getragen, so jedenfalls die Version des Religionsunterricht in der Grundschule. Anscheinend ist ein Balken aber schwer genung. Man stelle sich vor: Ein Jesus des 21. Jahrhunderts muss seine Giftspritze selbst tragen. Lächerlicher Kreuzweg von der Todeszelle zum Todesraum. Knapp 100 Meter, vielleicht auch etwas mehr.
Jesus von N. als Kanidat in der Todeszelle?
Man stelle sich ebenfalls vor. Budah im frühen 21. Jahrhundert als Übergewichtiger in Talkshows, ewig grinsend.
Ein Elleptiker bleibt ein Elleptiker, da ist nicht viel zu machen.
Budah als Kurt Cobain, das Gegenteil seiner Lehre lebend? Als sein eigener Antagonist?

Wirre Gedanken. Ich sollte aufhören, auf diese Uhr zu achten.
Zeit. Sobald ich an den äusserst abstrakten Begriff Zeit denke, sehe ich vor meinem inneren Auge das Titelbild eines „Was ist Was“-Buches mit dem Titel „Die Zeit“. Damals hat es mich schon beunruhigt, und zu dem Zeitpunkt hatte ich weniger Zeit hinter mir und noch mehr vor mir. (Wobei, bin ich doch noch nicht viel älter. Alles Sache der Interpreation, bzw. des Blickwinkels.) Eine Sanduhr und ein Auge. Und ich glaube, es war dieses Auge, als Symbol für das Unnahbare, das mir so unheimlich vorkam.
Je mehr ich schreibe, desto mehr Zeit verrinnert, aber heute Nacht soll mir das egal sein. Ich schreibe wie ein Irrer, wie ein Verrückter, wie Jacobo Belbo, der seine gesamten Errinerungen auf in seinen Computer, diese tellurische, prähistorische Datenverarbeitungsmaschine eingibt und dann für immer verschwindet, irgendwo in Paris.
Aber seine Daten wurden nicht verarbeitet, bloss gespeichert. Dann kann ich auch auf Papier schreiben.

Paris. Es gibt kein Paris mehr, jedenfalls nicht in der Form, in der es uns in den Französischbüchern präsentiert wurde. Eifelturm, Arc de Triomphe, Louvre, das alles ist nicht mehr. Vielleicht hat man die Abtei auf Saint-Martin-des-Champs verschont, vielleicht wurde sie nicht von den Bomben getroffen, und das Pendel schwingt noch immer?
Was soll es? Es gibt sowieso keinen Sinn mehr dahinter, jetzt. Jetzt, wo alles zerstört ist und das einzige, was noch zu exsistieren scheint, diese gottverdammte Uhr ist, die tickt und tick und tickt.

Wenn ich manche Zeilen lese, sofort nachdem ich sie geschrieben habe, glaube ich für einen Moment, dass ich ausraste, verrückt werde. Dann sehe ich aus dem Fenster, sehe mir den gegenüberliegenden Hügel von E. an. (Oder das, was davon übrig geblieben ist.) und weiß, dass ich allen Grund habe, so zu schreiben.
Vielleicht aber auch doch nicht.
Sehnen wir uns nach einem Jesus in der Todeszelle? Oder nach einem Buddah in einer Talkshow, fett und grinsend?
(Ich sollte aufhören, Propheten so zu beschreiben. Nachher habe ich mich doch geirrt und lande in einem Himmel vor einem Gott oder Propheten, den ich „fett“ genannt habe. Instant Karma is gonna get you…)

Wo soll ich beginnen? Vor allem, wie soll ich schreiben, wenn mich diese Uhr wahnsinnig macht. Je mehr ich schreibe, desto verrückter werde ich. Wie soll ich Zeugniss ablegen über meine Sicht der Dinge, meine Geschichte, wenn das Schreiben mich langsam aber sicher verrückt macht, und ich ganz genau weiß, dass ich noch sehr viel mehr verrückter würde, schriebe ich nicht den Lauf der Dinge auf, so wie ich ihn erlebt habe?

Es scheint mir ebenso unmöglich, als wolle man eine Karte seiner Narben zeichnen, ein Diagramm des Leidens, ohne die Leiden noch einmal durchleben zu müssen. Wenn Jesus am Kreuz hängt und an den Kreuzweg denkt, spürt der dann noch die drückende Last des Kreuzes an seinem Rücken, oder ist das Leiden der Kreuzigung so groß, dass es nicht mehr an die Kreuzwegleiden denken kann?
Muss ich mir denn die linke Hand abhacken, um ruhig mit der rechten schreiben zu können? Fürchte, das Blut würde das ganze Papier versauen, und sollte ich je die Verrücktheit besitzen, das ganze in eine Datenverarbeitungsmaschine eingeben zu wollen, so wäre eine abgehackt Hand hinderlich.

Man soll mit dem Anfang beginnen, wenn man eine Geschichte erzählen will. Problem: Keine Errinerung an den Anfang. Es gab keinen Hitler, der plärrte: „Ab soundsoviel Uhr wird zurückgeschossen!“. Es gab keine Kriegserklärung, keine Rede zur Lage der Nation, keine Sondersendung. Gab es überhaupt Krieg? Vielleicht ist auch nur ein Atomkraftwerk explodiert und ich habe Gedächnissschwund. Vielleicht habe ich meine Vergangenheit auch nur geträumt und errinere mich bloss nicht, dass alles schon immer so wahr, wie es jetzt ist.
Wenn ich träume, ich wäre ein Schmetterling, woher weiß ich dann, dass ich ein Mensch bin und schlafe oder, wenn ich wache, in Wirklichkeit träume und ein Schmetterling bin?
Es gibt keine Kanninchen mehr, oder jedenfalls habe ich schon seit Ewigkeiten keins mehr gesehen. Schon gar kein weißes.
Habe ich überhaupt schon jemals ein Kanninchen gesehen? Ich sollte anfangen, alles in Frage zu stellen. In meiner Verfassung ist das wahrscheinlich das Beste. Und das, was mir am schönsten erscheint, ist die Wahrheit, und am Schluss sterbe ich mit einer Überdosis Heroin in einem Bahnhofsklo. Oder schiesse mir mit einer Schrotflinte in den Kopf.
Die Wand müsste sowieso mal neu tapeziert werden. Zuerst aber die Uhr herunternehmen.

Im Nebenzimmer geht jemand auf und ab. L. Die einzige Person, die ausser mir noch zu leben scheint. Es stellt sich die Frage, wieso wir beide noch in diesem Haus wohnen, wo doch ausser uns niemand lebt. Ausserdem rätselhaft: Wieso ist sie noch immer bei mir? Wieso schläft sie noch immer mit mir?
Liebe war mir schon immer etwas unheimliches, aber die Abwesenheit von dem, was gemeinhin als Liebe bezeichnet wird. Ich nannte das mal „romantische Liebe“. Natürlich liebe ich L. Auf eine gewisse Art und Weise. Aber nicht so, wie es von einem erwartet wird – oder wurde, wenn man miteinander schläft.
Immerhin beruht das Ganze auf Gegenseitigkeit, und zumindenstens das ist tröstlich.
Nicht jedoch hilfreich.

Obwohl es hilft, mit ihr zu schlafen, oder sie in den Arm zu nehmen, ihre Wärme zu spüren. Manchmal genügt es auch schon, einfach nur mit ihr zu reden oder sie zu sehen. Nicht, um Befriedigung zu erhalten, sondern um das Wissens willen, dass man nicht vollständig durchgedreht ist.

Sie ist im Badezimmer. Schon über eine halbe Stunde. Aber ich höre, was sie macht. Beruhigend. Läge sie eines Tages tot in der Badewanne, ich würde wahrscheinlich aus dem Fenster springen. Was wäre eigentlich gewesen, wäre Kurt Cobain aus dem Fenster gesprungen? So wie es zu einem vollständig Irren eigentlich besser passt? Hätte da noch jemand behaupten können, er habe sich nicht selbst umgebracht? Vielleicht wusste er darum und wollte sich selbst mystifizieren.
Freitod zwecks Religionsbildung.

Sie föhnt ihre Haare.
Dabei gibt es da nicht so viel zu föhnen. Ausserdem ist es warm, grässlich warm.
Eigentlich müssten ihre Haare doch schon fast von alleine trocknen. Trotzdem föhnt sie sie, dem Ritual des Badens, des Reinwaschens folgend.
Ihre Erzählung, wie sie immer nach Ostern in den Fluss gestiegen ist, ganz nackt und danach ein Gefühl der Reinheit erfuhr. Mystische Osterwaschung einer Nichtgläubigen.
Ich fragte mich, wieso sie das so fühlte, aber irgendwann hat sie mich dann so lange beredet und mir geschwärmt, dass ich mitgekommen bin.

Es war Ostern, und die Sonne war noch nicht aufgegangen.
Ich zog mich mit dem Rücken zu ihr aus und sobald ich mich all meiner Kleidung entledigt hatte, ging ich in das Wasser.
Es war eiskalt. Ich fühlte, wie ich eine Gänsehaut bekam.
Die frische Nachtluft kühlte meinen noch trockenen Oberkörper ab. Ich hatte darauf geachtet, meine Intimssphäre so groß wie möglich zu halten, was gleichzeitig hieß, dass ich mich auch nicht heimlich umdrehte, wenn sie sich auszog.
Ich spürte die Strömung leicht gegen meinem Körper drücken, aber ich hielt natürlich stand.
Ich ging weiter in den Fluss hinein, bis mir das kalte Wasser bis an die Schultern reichte. Ich spürte den feinen Flusssand unter meinen Zehen. Mitterweile hatte ich mich an die Temperatur des Wasser gewöhnt, so weit man sich an so kaltes Wasser überhaupt gewöhnen konnte.
Sie war ebenfalls schon im Wasser, ihre Arme vor ihren Brüsten verschränkt, langsam tiefer gehend.
Nach einiger Zeit verliessen wir den Fluss, trockneten uns mit mitgebrachten Tüchern ab und zogen uns in aller Stille wieder an. Das frisch geschnittene Gras des Parkes kribbelte unter meinen Füßen.
Sie hatte Recht gehabt. Ich verstand nun.
Weniger das mystische, dafür aber mehr die körperliche Reaktion auf das Baden im eiskalten Wasser.
Eine Überdosis Glückshormone.

Die Uhr tickt unablässig. Es macht mich wirklich verrückt. Glaube ich.
Besser die Uhr anstarren als nach draussen schauen. Einzig der Himmel ist eine Errinerung an frühere Zeit, denn grau war er über E. schon fast immer. Das für den Himmel über E. typische Schuhkartonsyndrom. Ein einziges Grau, das so niedrig zu sein scheint, dass man glaubt, dass es auf den Hügeln aufliegt. Ich bin mir dann schon immer vorgekommen wie der Bewohner von Gottes Schuhkarton.

Irgendwann mal, während einiger Minuten in denen ich ein Talent dafür hatte, blöde Sprüche kommen zu lassen, entwickelte ich das Analchristentum, dessen Hauptthesis jene ist, dass das Universums in Gottes geheiligtem Arsch steckt. Ein weiteres Dogma war, dass der Darm Gottes nicht mit Bakterien, sondern mit Engeln besetzt wäre. Die Analchristentumtheologen würden also Dispute führen, in denen geklärt werden sollte, wie viele Engel auf die Darmschleimhaut Gottes passen würden.

Wie gesagt, eigentlich nur ein dummer Gedanke, der dann doch irgendwann Popularität erhielt.
Das Ticken der Uhr. Ich sollte anfangen, meine Geschichte zu erzählen.
Vielleicht liesse sich besser schreiben, wäre ich besoffener, bekiffter oder überhaupt ein klein wenig von beiden Zuständen.
Wobei, wieso noch Drogen nehmen, wenn man sowieso schon so wirr im Kopf ist, dass man es schafft, mehere Seiten über seine Uhr vollzukritzeln?
Beschriebene Seiten machen nicht so viel Angst wie leere. Horror vacui. Genau wie die Küchewand.

L. kommt aus dem Badezimmer, gibt mir einen Kuss auf den Nacken. (Sie mag diese kleinen Gesten, genau wie ich. Und wahrscheinlich braucht sie sie genausosehr wie ich auch.) Fragt kurz, was ich da schreibe, und ich erläutere es ihr, lese schon fast vor, was ich da zusammengekritzelt habe.
Sie meint, sie ginge jetzt ins Bett. Ohne Unterton, ohne Anspielung. Sie hat ihre Tage.
Ein guter Seemann sticht auch ins rote Meer.
Wen kümmert es, was gute Seemänner taten? Es gibt sowieso keine echten Seemänner mehr.
Hoffentlich kann sie schlafen. Aber ich habe das Gefühl, sie ist stärker als ich, wieso also sollte sie nicht schlafen können? Bin ich es nicht, der ihre Nähe sucht, der sich an sie herankuschelt in embryonaler Haltung?
Etwas in mir wehrt sich gegen diese Wahrheit, aber es ist die Wahrheit. Sofern man überhaupt von der Wahrheit reden kann.
Das sind Diskusionen, die ich ewig mit ihr führen kann, und bei denen ich immerzu Umberto Eco zitiere, ohne dessen Theorien noch vollständig im Kopf zu haben. Im Grund genommen stimmen wir jedoch überein. (Was die Frage aufwirft, wieso wir so oft darüber diskutieren, aber manchmal muss man auch einfach nur Meinungen austauschen, ohne zu streiten.)

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