49°36'36″ N 6°7'40″ E (II)

Du kamst wie ein Dieb in der Nacht. Einfach die Straße, die dan doch ganz unerwarteterweise stark befahren war, überquert, vorbei an den japanischen Touristen mit ihren viel zu großen Rucksäcken, die zeigten, dass sie den Weg nicht kannten. Du hast diesen verschlungenen Pfad, vorbei an dem Zitat von Goethe, dass er von jedem Ort hätte sagen können (Vielleicht lobte er auch einfach nur einen Puff?) auch noch nie genommen. Unter der Brücke hindurch, von der du dich fragst, nach welchem Schloss sie benannt ist, denn du siehst hier bloss Burgen, Wehranlagen, Kasematten, die zahnlosen und doch auch in dieser Form noch beeindruckenden Überreste des Gibraltar des Nordens.

Vorbei an den nackten Felsen, die laut dem Hinweisschild für Touristen von Eidechsen bewohnt sind, über die kleine Brücke, die mindestens vier verschiedene Um- und Wiederaufbauten erlebt hat, über die Alzette, die eigentlich nur braun kennst.
Hier hat sie noch eine grünliche Farbe, die sie wohl auch schon im 16. Jahrhundert hatte, als diese Brücke erbaut worden ist.

Und jetzt sitzt du hier im Schatten dieses alten Gefängnisses, nimmst ab und zu einen Schluck Orangensaft, der herrlich kühl ist.
Genauso wunderbar temperiert ist die Brise, die von Zeit zu Zeit sanft durch das Tal weht und deine Haut streichelt.
Im Vorhof des Gebäudekomplexes, glasüberdeckt, was wohl das Credo der modernen Architektur ist, die alte Innenhöfe wohl immer mit Glas überdeckt, dort also, wo du später deine Kontaktperson treffen wirst, ist eine Rezeption. Da stehen viele wichtige Menschen in warmen Anzügen, die Frauen mit Blusen etwas leichter gekleidet, die Männer jedoch in den Anzügen schwitzend. Du hörst Klaviermusik, vermischt mit dem Stimmgewirr der Schwitzenden und du siehst jene, denen es unter dem Glasdach zu heiß geworden ist.

Man hat, aus welchen dir unzusammenhängenden Gründen auch immer, eine Torwand aufgestellt und feiste Herren schiessen, in einer Hand ihr Sektglas noch haltend, auf sie.
Erfolglos übrigens.

Und du sitzt seit fast schon einer Stunde hier und geniesst einfach nur das Leben. Auf dem blauen Himmel über dir, fast wolkenlos, der den Abend, welcher sich eigentlich bloss in der angenehm gesunkenen Temperatur bemerkbar macht, noch nicht erahnen lässt.
Hier, nicht einmal 20 Meter entfernt von dieser Rezeption, scheint das Leben sehr viel leichter. Vor allem kühler als unter einem Glasdach.

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