Meine Provinz

Auf der Bushaltestelle vor dem Schulhof der Grundschule von E. wird ein Auto von der Polizei kontrolliert. Du siehst das Blaulicht schon von weit her. Es ist eine nasse, kalte Herbstnacht, wie so viele Nächte in diesem elendigen Loch, dieser stinkenden Kleinstadt, die sich in das Tal drückt, als wolle sie besonders viel von dem Nebel in sich aufsaugen, der den Flüssen und Bächen an den Morgen entsteigt und oft bis in die Nacht hinein nicht verschwindet. Die Nacht hat den Vorteil, dass du die bedrückende Wolkendecke nicht siehst, die am Tag so oft über der Stadt hängt und dir manchmal das Gefühl gibt, kaum noch atmen zu können.
Deshalb flüchtest du oft in die Hauptstadt, die größer und teilweise schmutziger als E. ist, und dir trotzdem – oder gerade deswegen, einen Trost bietet. So hast du es auch an diesem Tag gemacht, und jetzt bist du wieder hier, in diesem Ort, von dem du mal scherzhaft behauptet hast, hier würde der Weltuntergang beginnen.
Du kannst dir keinen Ort vorstellen, an dem die Apokalypse einen besseren Anfang nehmen könnte als in dieser gottverlassenen Kleinstadt.

Jeder, der an der Haltestelle vorbeifährt, tut dies im Schritttempo. Es muss ja aufregend sein, was sich da abspielt, denkst du dir. Vielleicht ja ein Unfall und es gibt zumindest ein wenig Blechschaden zu bestaunen. Sonst passiert hier ja nichts.
Als du selbst einige Schritte weiter in Richtung Haltestelle gemacht hast, siehst du das starke Licht einer Taschenlampe, die offensichtlich den Kofferraum des Wagens, der nicht der Polizei gehört, ausleuchtet.

Es fängt an zu regnen.Ein kleiner Tropfen trifft deine Nasenspitze. Gleich wird die Stadt in der abscheulichen Mischung von orange gelben Straßenlicht und nassglänzndem schwarzen Teer erscheinen und der starke Nieselregen wird dich durchnässen. Aber die Stadt wird er nicht reinwaschen. Es wird nicht weniger stinken in diesem Loch, noch wird der Schmutz verschwinden. Alles wird beim Gleichen bleiben, mit dem einzigen Unterschied, dass E. danach neben den Attributen schmutzig und stinkend auch noch „glitschig“ tragen wird. Dazu das Licht, das dir absolut gegen den Strich geht.

Es stößt dich ab, diese feuchte Mischung zwischen orange gelben Straßenlaternen und dem schwarzglänzendem Teer der Straße, als habe sich jemand zuviel Orangensaft getrunken und sich an Lakritze überfressen und diese Mischung halbverdaut der Kloake übergeben.
Nein, der Regen wird hier nichts ändern. Höchstens die Sicht wird gereinigt, aber das macht auch bloß den Blick frei für mehr schmutzige Details, anstatt des Regens riecht man dann den modrigen Geruch von dem von den Schieferdächer heruntergefallenem Moos.

Du näherst dich immer weiter dem Auto. Nach dem Kofferraum wird die Motorhaube hochgeklappt und auch diese von den Uniformierten beleuchtet. Wahrscheinlich suchen sie nach Drogen. Völlig unspektakulär. Wie oft passiert sowas wohl am Tag? Drogen sind längst kein Phänomen der Großstädte mehr, wenn sie je waren. Selbst in der Hauptstadt, die nicht mal eine Millionenstadt ist, soll es eine der größten offenen Drogenszenen Europas geben. Vielleicht liegt es einfach daran, dass es zu wenig Ecken gibt, in denen die Leute sich verstecken können.

Es ist deprimierend zu sehen, dass eine Polizeikontrolle, ob es nun um Drogen, Alkohol oder den Reifendruck geht, soviel Aufsehen erregt. Fast wunderst du dich, dass noch kein Mob um die beiden Fahrzeuge herum entstanden ist. Aber dazu wohnen, und bei dem Gedanken musst du fast wieder schmunzeln, hier zu wenig Leute. Trotzdem ist es ein Armutszeichen, dass die Leute hier im Schritttempo an dieser Schule vorbeifahren und gaffen, dass ihnen die Augäpfel fast auf dem Kopf fallen. Würde das passieren, gäbe es wenigstens etwas, wofür es sich lohnen würde, im Schritttempo daran vorbeizufahren.

Und dann siehst du sie. Sie trägt einen Rock, der eigentlich schon zu kurz ist für diese Jahreszeit, ein Oberteil, dass du nicht mehr wirklich beschreiben kannst, eine braune Jacke, die sie dir unglaublich sympathisch macht, weil sie eine gewisse Wärme ausstrahlt, die du nicht wirklich begreifen und deshalb auch nicht erklären kannst. Ihre Beine sind von einer lila Strumpfhose bedeckt, die irgendwie nach Spitze aussieht, aber du glaubst, einige Löcher zu erkennen, was dazu führt, dass dir das Adjektiv „punky“ in den Sinn kommt. Das trifft es aber nicht wirklich. Sie hat eine Mütze auf, so dass du ihr Haar nicht siehst, das kurz sein muss. Kurz und braun. Vielleicht hast du es doch gesehen und bloß nicht darauf geachtet. Wie dem auch immer sei, du bist dir im Nachhinein sicher, dass sie kurzes braunes Haar gehabt hat.
Ein schönes, rundes Gesicht, das noch einmal mehr Wärme ausstrahlt als der Rest ihrer Erscheinung. Wie eine Fackel im Dunkel der Provinz.

Als sie sieht, dass du sie ansiehst, lächelt sie dich an, und dir wird noch einmal wärmer. Und dann sagt sie, leise, aber hörbar „Moien!“. Und du antwortest ihr, ein wenig zögerlich weil du sie nicht kennst, ebenfalls mit „Moien!“ Und lächelst während dem Versuch, nicht Rot im Gesicht zu werden.
Du könntest jetzt das übliche Spiel spielen und in Gedanken mit einem lautmalerischen „Ratterratterratter“ andeuten, dass du in deinem Gedächtnis fieberhaft nach ihrem Namen oder zumindest der Verbindung suchen würdest.
Aber das würde die Magie des Augenblicks zerstören.

Ein Kommentar zu “Meine Provinz

  1. Ech fannen deen heiten text wiekrleg dek gudd =) Oh
    mega gudd geschriwen, ech keint dat mol ent RESPEKT un dech =]

    mdk <333333

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