Wieso ich blogge (IV) oder: Die gottverdammte Revolution revisited

Blogs sind die besten Medien der Welt. Das könnte man behaupten und dabei vielleicht vergessen, dass die „old media“ in Punkto Einflussnahme alles übertreffen, was sich Blogs je vorstellen könnten. Millionen Leser, Hörer oder Zuschauer, die nie von Weblogs gehört haben und das Internet genauso passiv benutzen wie ihren Fernseher, sind ein schlagkräftiges Argument.

Aber wie lange noch? Meine Generation, und die, die nach mir kommt, wächst mit Blogs, Wikipedia und der Möglichkeit, selbst „Medium“ zu sein, auf. Wir waren die ersten, die unsere Pubertät in Blogs ausgelebt haben, unser Heranreifen mit Worten und Bildern an die Öffentlichkeit gebracht haben. Ich will nicht behaupten, dass dies ein bewusster Prozess gewesen wäre, jedenfalls bei mir war es das nicht. Ich wollte es „allen zeigen“, was ich heute jeden gottverdammten Tag tue, und das brachte jene Dinge mit sich. Ich habe geschrien, geschwärmt, chiffriert und verschlüsselt. Und tue dies heute auch noch.

Wir bereits erwähnt gehöre ich der ersten Generation an, die dies tut. Und ich wage zu behaupten, dass das Fernsehen in seinen beschränkten Möglichkeiten zur Interaktivität nicht mehr „das“ Medium sein wird oder kann für eine Generation, die die Interaktivität und Verknüpfungsmöglichkeiten des Internets von klein auf kennengelernt haben.

Und damit werden auch neue Blogger und Blogleser entstehen, die damit die Wichtigkeit von Blogs steigern. Es war nie leichter, seine Meinung kundzutun und sie einer gigantischen potentiellen Leserschaft zur Verfügung zu stellen. Es gibt kein Medium, das so schnellen, individuellen und oft auch persönlichen Dialog über sich selbst und seine Inhalte erlaubt.

Keine andere Medienlanschaft ist vor „Gleichschaltung“, rein kommerziellen Interessen und ähnlichem so sehr geschützt wie die Blogosphäre. Blogs mit kommerziellen Interessen werden wohl in der Minderheit bleiben, auch wenn es mehr werden; das ist auch noch nicht unbedingt „schlecht“ oder „böse“. Und selbst wenn: Es gibt so viele Blogs, die Blogosphäre )oder die Blogklumpensammlung) ist so komplex, dass diese Dinge gar nicht ins Gewicht fallen, und der Leser hat die Macht, mit dem Blogger zu diskutieren oder das betreffende Blog nicht mehr zu lesen.
Und vor allem: Es entsteht, anders als in anderen Medien, ein Dialog darüber. Blogger und Blogs schauen sehr oft „in den Spiegel“ und denken über sich nach.

Blogs sind subjektiv, sie gaukeln keine objektive Berichterstattung vor. Man weiß quasi, „woran man ist“.

Blogs werden die klassischen Nachrichtenmedien nicht ersetzen können (und wollen es wohl auch nicht), aber deren Funktionsweise und Autorität mehr und mehr in Frage stellen und sie ergänzen.
Blogs sind in Betracht auf die klassischen Medien subversiv. Nicht nur, weil sie die Inhalte hinterfragen können, sondern weil die Nutzer und die Blogger selbst eine andere Form der Kommunikation verlangen werden.

Ist das realistisch? Kommentarfunktionen auf Internetangeboten der Presse sind selten und bieten fast nie einen Dialog. Spätestens mit der Einführung des elektronischen Papiers, das sicher kommen wird, wird es auch für die „gedruckte“ Zeitung technisch möglich sein, diese Funktion einzubinden.

Mit der Zeit wird die Generation derjenigen, die in eine Welt mit Blogs geboren wurden, die Mediennutzung wie sie heute existiert, komplett umkrempeln und die „old media“ dazu zwingen, einen Dialog mit ihnen, den Nutzern, einzugehen. Oder auch nicht. Vielleicht wird sich die Medienlandschaft durch Blogs, Podcasts, Vlogs und ähnliches auch „bloß“ enorm diversifizieren. Oder, aber das halte ich für unrealistischer, Blogs werden „bloß“ ihren kleinen Einfluss behalten, aber wird werden dennoch unseren Spaß haben. Und bei aller Revolutionsphilosophie ist das doch noch immer das wichtigste.

2 Kommentare “Wieso ich blogge (IV) oder: Die gottverdammte Revolution revisited

  1. Zur Zeit machen sich ja wieder viele Blogger Gedanken darüber, warum sie überhaupt bloggen. Also ich finde die ständige Auseinandersetzung auf jeden Fall wichtig. Wenn man nicht mehr darüber selbst reflektiert warum man dieses oder jenes überhaupt macht, stumpft man meiner Meinung nach ab und fängt sogar unterbewusst an die Dinge zu automatisieren. Was bei simplen Tätigkeiten, wie zum Beispiel bei der Nahrungsaufnahme, durchaus Sinnvoll ist, das Vorgänge automatisiert werden, wäre beim Blogdings der Todesstoß.
    Kommerzielle Blogs sollen durchaus auch ihre Berechtigung haben und wie du schon schreibst man braucht sie ja nicht zu lesen. Wobei meine persönliche Meinung ist, das kommerzielle Blogs irgendwie sinnlos sind. Hier werden nur die Tools benutzt, aber sonst wird dort gerne Mal Subjektivität oder aus anders herum Objektivität vorgetäuscht, die dort definitiv nicht vorhanden ist. Wenn ich mir die "Blogs" in der Firma ansehe, für die ich arbeite, könnte ich nur in die Ecke kotzen. Man kann (oder sollte bestimmt auch nicht) den Begriff Blog in eine Schublade schmeissen, aber Blogs die wie Newsseiten oder Lonksammlungen aussehen sind in meinen Aigen keine Blogs. Bei Blogs erwarte ich Subjektivität, weil ich wissen will wie der Blogger über dies und das eben denkt.

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