Regen

Es regnet seit Tagen. So jedenfalls fühlt es sich an. Das Grau hat den Himmel über E. wieder, eine einziger Schuhkartondeckel anstatt eines Himmels.
Ich höre Mellon Collie and the Infinite Sadness und fühle mich verstanden. Oder eher: verbunden. Sich von Musik oder einem Musiker verstanden zu fühlen, habe ich schon immer für einen Trugschluss gehalten. Da müsste sich eher der Musiker verstanden fühlen, immerhin drückt er doch aus, und die Hörer interpretieren und verstehen möglicherweise. Dennoch will ich Niemandem das Gefühl des Verstanden-Werdens absprechen, kann ich mir doch gut vorstellen, dass es so ist.
Ich fühle mich bloß verbunden. Ein weißer Fleck auf der Karte meiner Erinnerungen, den diese Musik schemenhaft aufzeigt. Vielleicht auch bloß die Erinnerungen von jemand Anderem.

Es wird heller in meinem Zimmer, die Sonne scheint sich doch noch durchsetzen zu wollen an diesem Tag, der damit begann, dass ich vom Regen geweckt wurde und mein großes Dachfenster schloss, mit Freude bemerkte dass es Sonntag ist (und ich eine Woche Ferien habe) und mich noch für einige Momente hingelegt habe. Hätte ich unter dem Druck gestanden, aufzustehen zu müssen, wäre ich wieder in den Tiefschlaf gefallen, hätte merkwürdige, drogentripähnliche Träume gehabt und 15 Minuten später, dann natürlich viel zu spät, wieder aufgewacht und dorthin gerannt, wohin ich hätte rennen müssen.

Ich bin voller Melancholie. Wegen Dingen, an die ich mich nicht erinnern kann, vermutlich, weil ich sie noch nie erlebt habe. Ich sollte Geschichten über meine Jugend schreiben, die ich nie gehabt habe. Verschwende deine Jugend?
Gestern, als es gewittert hat, habe ich, einem merkwürdigen nostalgischen Reflex folgend, den PC ausgemacht und die Steckerleiste vom Strom getrennt. Und zwei Seiten geschrieben, auf der Hand, im Liegen. Das hat gut getan. Ich mag es, meiner Schrift zuzusehen. Schwarze Buchstaben in meiner Handschrift, die ich, wenn ich mir Mühe gebe, sehr mag, auf weißem Papier. Graues Heft.

Ich habe nun schon neun dieser Hefte, und bis auf zwei Ausnahmen sind sie alle grau. Ursprünglich hatte ich ein schwarzes Heft gewollt, aber es war ein graues dabei herausgekommen. Graues Heft, schwarze Tinte, Skizzen und Notizen. Grau, DIN A4 „Atoma“; das ist mein Moleskine. Vielleicht ist Schreiben das einzige, was irgendwie hilft.
Allerdings ist Lesen auch wichtig. Nobody loves me und Regentropfen auf deiner Nase sind heute noch so wahr wie zu dem Zeitpunkt, als ich sie geschrieben habe. Vielleicht sogar noch wichtiger.

2 Kommentare “Regen

  1. Hä? Wann hast du keine Jugend gehabt? Und ich dachte, du bist gerade mittendrin in einer durchaus erlebnisreichen Jugend?

  2. Pingback: Fireball’s Weblog - Literature is the new rock! » Blog Archive » Jahresrückblick

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