Die alten Medien und ihre “Blogs” (Zweiter, dafür aber nicht weniger schmerzhafter Teil)

Nachdem RTL ihre Blogs und Podcasts hatten, musste das zweitgrößte Revolverblatt Luxemburgs dann auch nachziehen: Das Tageblatt, auch bekannt als sozialistische Gewerkschaftszeitung des Großkapitals, hat jetzt auch sein Blog. Das ganze nennt man sinnigerweise »Tageblog« und wird auf der Homepage des Tageblatts mit den Worten »Kommentare & Leserreaktionen« beworben.
Symbolfoto: Erklärung für ein Klo
Symbolfoto: Japanische Erklärung für eine westliche Toilette. Passt auch zum Tageblog.(cc by Hilly)

Seit dem 3. September bloggt wird beim Tageblatt. Beteiligt sind die Damen und Herren Danièle Fonck, Francis Wagner, Fränk Hary, Guy Kemp, Helmut Wyrwich, Jean-Marie Backes, Léon Marx, Lucien Montebrusco, Philip Michel, Robert Schneider, Roger Infalt und Tom Wenandy. Alles Tageblattredakteure, die auch in dem gedruckten Blättchen manchmal ihre Meinung loslassen. Einen sogenannten Kommentar schreiben. Oh. Gibt es da etwa einen Zusammenhang? Hat man den gleichen Fehler wie RTL begangen?
Man hat. Vielleicht noch einmal schnell das positive: für das Tageblog gibt es einen seperaten RSS-Feed, jedoch nicht für die einzelnen Autoren, und man kann Kommentare schreiben. Was jedoch nichts am Inhalt ändert: Die Blogeinträge sind die Kommentare des gedruckten Tageblatts. Genau wie RTL versucht man auch hier, bestehenden Inhalt als etwas neues zu verkaufen, vor allem aber täuscht man etwas vor, was man nicht ist: ein Blog. Ein Blog hat nämlich eigenen Inhalt, es ist persönlicher als die Kommentare, die nur dann wirklich eine Meinung vertreten, wenn es um Fußballstadien geht, (edit) und vor allem: die Inhalte wurden für das Blog geschrieben. (/edit)
Und vielleicht, liebes Tageblatt, versteht ihr jetzt auch, wieso sich kaum jemand erbarmt, euch einen Kommentar unter die halbgaren Meinungen eurer Redakteure zu schreiben: Sie interessieren niemanden. Wieso auch? Dem Tageblattleser wird nichts Neues geboten, und wer sonst sollte eurer Internetangebot benutzen? Lieblos gemacht ist das ganz dann auch noch, denn die verpixelten und im Halbschatten aufgenommenen Autorenfotos wirken nicht so, als würde man es wirklich ernst meinen. Aber wenn die Agentur sagt, das sei klasse, dann ist es bestimmt auch klasse.
Das Ganze fällt mal wieder klar in die Kategorie »Nichts verstanden!«. Ich kriege selbst dann mehr Kommentare als ihr, wenn ich darüber schreibe, was ich auf dem Klo mache!
Es gibt gute Journalistenblogs. Aber momentan wage ich sehr zu bezweifeln, dass dies je in Luxemburg der Fall sein wird.
Fazit: Es schmerzt. Nicht nur, weil es zeigt, wie wenig die luxemburgische Presse von Web2.0 verstanden hat, nein, es zeigt auch, wie tot sie ist.
(Danke an E. für den sachdienlichen Hinweis!)

7 Kommentare “Die alten Medien und ihre “Blogs” (Zweiter, dafür aber nicht weniger schmerzhafter Teil)

  1. Ich bin da etwas anderer Meinung als du ;)
    Es ist nicht vorgeschrieben, was in einem Blog publiziert werden muss, um “Blog” sein zu dürfen, meiner Meinung nach. Ausserdem: die Beiträge sind kostenlos, nicht jeder ist Tageblatt-Abonnent, und vielleicht gibt es sogar einige die dieses Blog regelmässig lesen. Desweiteren hat man so als Zeitungsleser die Möglichkeit, zu den Artikeln aus der Zeitung die im Blog publiziert sind seinen Senf abzugeben (auch wenn’s bislang niemand macht).
    Aber mit deinem Alles-was-irgendwie-mit-Kommerz-zu-tun-hat-Blog-Bashing wird langsam langweilig ;)

  2. Nee, es ist nicht vorgeschrieben, das wäre ja langweilig. Vielleicht kann man aus inpace.lu auch ein Blog machen indem man die Todesanzeigen per RSS publiziert und es dann Blog nennt?
    Tatsache ist: Ausser RSS und Kommentarfunktion gibt es keinen Grund, das ganze Blog zu nennen. Die Artikel werden nicht FÜR das Blog geschrieben, was in meinen Augen ein Kriterium ist. Als Zeitungsleser konnte man auch früher schon Leserbriefe schreiben – was ebenfalls nichts mit Blogs zu tun hat. So gut und bereichernd eine Kommentarfunktion sein kann, wenn sie aufgrund langweiligen Inhalts nicht genutzt wird, nützt sie nicht viel. Es sollte bei einem modernen Webauftritt einer guten Zeitung eh möglich sein, Kommentare unter jeden Artikel zu setzen.
    Wie gesagt: Niemand kann es dem Tageblatt oder RTL verbieten, ihre Blogs, bzw. das, was sie dafür halten, Blogs zu nennen. Ich darf aber wohl die Zweitverwertung der Kommentare unkreativ, nicht des Titels Blogs würdig, un-web2.0llig und ein wenig stupide finden und das sagen.
    Mit Komerzkritik hat das übrigens wenig zu tun: Mich würde es wundern, wenn das Tageblatt mit seiner Internetseite bzw. seinem Blog noch Geld verdienen würde. Und wie gesagt geht es hier um Inhalte, und die finde ich schlecht.

  3. Ich bin wie Fireball der Meinung, dass der Begriff “Blog” unangepasst ist für die Seiten, die er kritisiert. Es entspricht nicht meinem Verständnis vom Begriff, auch wenn dieses Verständnis jetzt vielleicht als selektiv oder gar restriktiv rüberkommt.

    Ich möchte aber darauf hinweisen, dass natürlich jeder das Recht hat, eine Publikation “Blog” zu nennen, auch wenn die Verwendung dieses Begriffs bei anderen Kopfschütteln bzw. Unverständnis provozieren wird. Toleranterweise gestehe ich dieses Recht sogar dem Tageblöd oder dem nationalen Verdummungssender zu. ;-)

    Eine von mir wegen ihres Inhalts geschätzte Wochenschrift (deren URL ich aber einerseits wegen Überschwemmung von “Gästebuch”-Spam, andererseits wegen Web-1.x-und-da-hängengeblieben-Auftritt an dieser Stelle nicht zitieren will) benutzt den Begriff “Blog” übrigens für eine simple Zeitungsseite (jaja, aus P-a-p-i-e-r und ganz ohne Webseite geschweige denn Kommentare) benutzt, und das bereits seit längerer Zeit. Auf jener Seite werden ganz einfach Kurzmeldungen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft abgedruckt. “News-Ticker” wäre deswegen m.E. ein treffenderer Titel für besagte Seite, aber das klingt mittlerweile nicht mehr so hip wie “Blog”.

  4. Mir ist es eigentlich wurscht, wie ein Medium genannt wird. Ob dieses Tageblatt-Dings nun ein Blog ist oder nicht, darüber lässt sich wohl streiten. Meine beiden – zur Zeit ruhende – Blogs werden dem eigentlichen Blog-Begriff wohl auch allenfalls ansatzweise gerecht.

    Viel wichtiger finde ich aber, dass rtl und tageblatt überhaupt so langsam anfangen, das Medium Internet als Möglichkeit der Nachrichtenvermittlung zu entdecken. Wenn ich bedenke, wie die Tageblatt Inet-Präsenz noch vor einem guten Jahr ausgeschaut hat, da wurde bis heute doch so einiges an Verbesserungen eingeführt. Trotzdem bleibt noch vie zu tun. Vielleicht sind diese ersten Blogger-Versuche ein Schritt in die richtige Richtung. Auf jeden Fall bräuchten wir, was luxemburgische Nachrichten im Internet betrifft, dringend eine Alternative zu wort.lu. (à la tagesschau.de) Ob das nun Blog genannt wird oder nicht, ist mir, wie gesagt, ziemlich egal. Inhaltlich dürfte es für die “echten” Blogger eh keine Konkurrenz darstellen. Der Anspruch ist ja gar nicht zu vergleichen.

  5. Pingback: Fireball’s Weblog - Literature is the new rock! » Blog Archive » Jahresrückblick

  6. Pingback: Blogging like nobody’s reading | enjoying the postapocalypse

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