Badezimmer

Das Badezimmer ist viel zu hell jetzt. Früher waren die Fliesen rosa und das warme, aber schwache Licht über dem Spiegel ließ einem das eigene Spiegelbild wie ein Polaroidfoto erscheinen, wie weich gezeichnet.
Es ist warm, als du herein kommst, einen großen Krug Tee in der Hand, obwohl du sie erst vor wenigen Minuten eingeschaltet hast. Du fragst dich kurz, wieso das Badezimmer so schnell heiß wird, während die Heizung in deinem Zimmer nur blubbert, das Zimmer aber ewig kalt bleibt.

Die Gedanken wirbeln wild durcheinander. Unerfülltes Sexualleben prallt gegen wiedergefundene Gedichte. Du liegst im Bett und wünschst dir, sie würde neben dir liegen, obwohl dort überhaupt kein Platz ist. Merkwürdige Flugblätter über vermisste Hunde. All deine Wünsche bedeuten nichts, denn du wünschst sie nicht wirklich. »Es ist einfach nur langweilig.«, meint sie und du weißt nicht, was du sagen sollst. Dazwischen die Flucht vor den eigenen Eltern, wie aus einem dieser Drogenbücher, die man in der Schule lesen musste. Unwirklich, ihre Stimme am Telefon. Du wolltest vorlesen. Die Sterne verschwinden im Regen, der alles verschluckt. Jetzt ist der Winter schon wieder fast vorbei. Sie spielt mit dem Gedanken, dir Texte zu zeigen. Das ist fast so gut wie Sex. Mit Zwanzig hat niemand mehr Illusionen. Du weißt noch, dass du geträumt hast, aber die einzige Erinnerung ist eine karamellfarbene Pampe, die wie aus einem Fleischwolf gepresst durch deinen Kopf zieht. Ein verwischtes Bild, auf in Großbuchstaben mit eben dieser Pampe »SEX« geschrieben steht. Alles unklar. Vielleicht ging es auch nur um Geld. Der Frühling, der Sommer, er wirkt bedrohlich. Unfälle auf den Vogelfelsen irgendwo am Mittelmeer. Wie lange kannst du dir das alles noch anhören?

Der Spiegel wirkt wie ein scharfes Messer, das die unbarmherzige, haarige Realität hervorzeigt. Vielleicht sehen alle anderen durch deine Kleider hindurch, erkennen das Monster, das sich darunter verbirgt, und das ist der wahre Grund. Das wäre nett, immerhin kannst du wenig dafür und bist dennoch Schuld. Das warme Badewasser lässt dich alles vergessen. Ein Krug voller Tee und ein Buch mit melancholischen Kurzgeschichten.
Dies ist der Himmel. Für kurze Zeit.

Ein Kommentar zu “Badezimmer

  1. So, damit hat jetzt meine literarische Woche angefangen. Und ich müsste mir auch mal wieder Zeit für den Himmel nehmen statt ständig im Regen zu stehen.

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