Quelle horreur

Was für ein Horror, grob übersetzt, meinte gestern eine Frau im Supermarkt, als zwei Mädchen Hand in Hand an ihr vorbeigingen. Ich war mir erst nicht sicher, ob die Person mit dem Kurzhaarschnitt weiblich sei, aber als ich näher war, sah ich dann, dass es sich offensichtlich um ein lesbisches Päarchen handelte. Ich fühlte mich merkwürdig, weil ich die erschreckende Aussage der Frau mitbekommen hatte und gleichzeitig irgendetwas in meinem Gehirn so geschaltet ist, dass ich Lesben erstmal „süß“ finde. Also eine komische Mischung von grundlosem Anhimmeln und einer Solidarität, die ich nicht kommunizieren konnte (oder nicht wusste, wie.)

Und dann stell ich mir Fragen. Nicht nur über mein eigenes Verhalten, sondern auch darüber, wie solche Äusserungen zustande kommen. Wieso wird Homosexualität als etwas “schlimmes”oder ekliges empfunden? Und wieso finde ich das bei Mädels „süß“ und bin zumindest der Meinung, dass es sich hierbei um eine Art Verbundenheit, vielleicht ausgelöst durch relativ intime persönliche Erfahrungen mit Lesben/Bi-Mädchen und nicht um ein Pornoklischeedenken handelt?

Die Beiden sahen auf jeden Fall glücklich aus, und im Nachhinein freut mich das vielleicht am meisten.
Das alles sind Fragen, die mich beschäftigen, hier in Marseille, wenn ich nicht gerade durch Landschaften wie diese hier stolpere:

Calanches de Marseille et Cassis

13 Kommentare “Quelle horreur

  1. Hat die Frau ihr “Quelle horreur” denn auch wirklich auf die beiden bezogen und nicht etwa auf die Preise des Supermarkts? ;)

    Davon abgesehen hat die Toleranz es oft schwer, sich gegen Engstirnigkeit zu behaupten.

    Und ich bewundere, wie es dir immer wieder gelingt Gegensätzliches gleich mehrfach in einem Post zu vereinen.

    Hast du noch mehr Fotos irgendwo?

  2. Wieso dürfen homosexuelle Päarchen noch immer nicht heiraten? (Und ich meine jetzt nicht in der Kirche, dass die sowas nicht ändern, find ich zwar sehr traurig und blöd, aber irgendwo versteh ich es-vielleicht)
    Vielleicht haben wir auch noch dieses Problem, da viele Leute noch immer für Homosexuelle sagen “ach er/sie ist so eine(r)”. Als wären sie Kranke, die geheilt werden müssen. (Ist übrigens auch die Stellung der luxemburgischen katholischen Kirche)
    Aber na gut, ich kanns nicht ganz nachvollziehen und werde es wohl auch heute Abend/Nacht nicht. :)

    Und ich schliesse mich Georges an, gibt es noch mehr Fotos? Sieht nämlich wunderschön aus… :)

  3. Auch wenn man kein Anhänger der katholischen Kirche ist, übt sie konstant Propaganda aus, und eben auch über indirekte Kanäle (z.B. über das “Luxemburger Wort”), der man ausgesetzt ist ob man nun will oder nicht. Und die meisten Menschen sind doch zu faul und/oder blöde um so etwas kritisch gegenüberzustehen.

    Was ich interessant finde ist deine Aussage, du fändest es bei Mädchen süß. Warum nicht auch bei Kerlen? Ich finde es süß, wenn zwei Menschen sich lieben, egal welches Geschlecht sie nun haben. Es ist doch wunderschön wenn man sieht wie zwei Menschen sich gegeseitig alles bedeuten. Und warum heißt es bei Schwulen oft, “ist mir im Prinzip egal, aber er soll die Finger von mir lassen”? Als normaler Mensch springt man doch auch nicht gleich auf jeden der nicht bei 1…2…3 die Flucht ergriffen hat. (Überhaupt hasse ich solche Sätze, das ist wie wenn man sagt “ich bin ja kein Rassist, aber die [beliebige Nation hier einfügen]…”)

    Menschen haben nunmal Angst vor dem was sie nicht verstehen, und Homo- und Bisexualität (ebenso wie Trans- und Asexualität) wird leider auch heute noch vielerorts missverstanden. Ich war aufgrund meines Freundeskreises schon oft in Schwulen- und Lesbenbars, und würde man jeden Menschen mal einen Abend in so eine Bar stecken, würden sie merken, dass es dort eigentlich nicht anders ist als sonstwo. Man sieht vielleicht mehr Menschen eines bestimmten Geschlechts, aber die unterhalten sich auch bloß miteinander, treffen Freunde… Okay, man wird als Typ in einer Schwulenbar öfters vom Barkeeper auf die Wange geküsst, na und?! Und wenn man dann mal einer meint, man sei süß, klärt man ihn halt auf. Klar gibt’s hartnäckigere, aber passiert einem doch manchmal auch beim anderen Geschlecht.

  4. […Was ich interessant finde ist deine Aussage, du fändest es bei Mädchen süß. …]

    Das finden übrigens die meisten Männer.
    Ich nehme an, dass es ein Urinstinkt sein muss, als der Homo sapiens noch in Horden zusammenlebte wie die Gorillas und andere Affenarten, bei denen ein Männchen auch mehrere Weibchen um sich hatte.

  5. Ich hab ja nicht gesagt, dass ich es nicht auch süß finde. (Wobei mir das Wort “süß” hier nicht so recht zusagt, aber mir fällt gerade kein besseres ein.) Schwule Paare gibt es aber auch zuhauf in der Natur, also warum finden das die meisten nicht auch süß? Man müsste es doch zumindest dahingehend begrüssen, dass diese Männer keine Konkurrenz mehr darstellen im Kampf um die Fortpflanzung. Und bevor jetzt wer auf die Idee kommt zu sagen, Lesben wären ja auch keine potenziellen Partnerinnen: diese Frauen kann man als Mann trotzdem noch vergewaltigen und so den Fortbestand seiner Gene sichern.

    (Und bevor mir jetzt hier irgendwer die Wörter im Mund umdreht: Dieser letzte Satz ist rein evolutionstheoretisch zu verstehen! Sag keiner nacher, ich würde denken man dürfe/solle Frauen vergewaltigen.)

  6. Mädchen widerum finden Schwule süß… also, wenn man die Masse an slashfics betrachtet, ist da was, was weibliche Seelen zum Klingen bringt. Vielleicht hat es was mit dem verschobenen Gleichgewicht von Nähe und Distanz zu tun. Als Beobachterin eines schwulen Pärchens oder Beobachter eines lesbischen Pärchens fällt man als Sexualpartner von vornherein aus, deswegen kann man eine ganz andere gefühlte Nähe entwickeln. Ein bisschen so, wie alte Leute frischverliebte Teenager süß finden, weil dieser Lebensabschnitt schon so lange und unwiderbringlich weit weg ist.

    Lesben finde ich ein wenig einschüchternd. Aber das mag aus den Zeiten stammen, als Lesben immer Recht hatten, weil sie per Liebesleben die einzig wahren Feministinnen waren. Während Heteras potentielle Verräterinnen waren, weil sie ja immer mit dem Feind ins Bett gehen.

  7. Ach und die Steinzeit… och NÖ! Wenn man eine Behauptung über das menschliche Verhalten unverrückbar einzementieren will, dann sind es entweder die Gene oder die fiktive Urhorde. Die immer wieder aufs Neue durch Rückprojektion gebastelt wird, analog zu Zirkelschlüssen wie: Menschen tragen Brillen, denn der Herrgott in seiner unendlichen Weisheit schuf dem Menschen die Nase, auf dass er eine Brille trüge.

    Bei real existierenden Naturvölkern ist, soweit man vergleichbare Daten hat, das Verhalten gegenüber Lesben und Schwulen ganz unterschiedlich, mal werden sie ausgestoßen, mal werden sie als harmlose Exzentriker geduldet, mal bringen sie Glück und Regen und werden Schamanen. Eine gemeinsame Grundhaltung, wohlmöglich noch auf der Basis einer Überlegung wie “die Erhaltung der Horde wird gesichert durch…” gibts nicht.

  8. Hunn de Moien am Tube zu London zwou Lesben gesinn, déi sech gekusst hunn. Woer am Ufank iwwerrascht. Haaptsächlech wëll se net wéi Kampflesben ausgesinn hunn … ganz au contraire! ;)

    An zu Soho lafen natiirlech och e Koup Lenkser ronderem. Mir awer egal, Haaptsaach die jeweileg Läit sinn zefridden :)

    Ka mir dach egal sinn, wat déi doheem man.

  9. Hetero-Frauen finden Schwule süß und Hetero-Männer finden Lesben süß. Das finde ich erstmal recht belustigend. Ich glaube, green_wasabi’s Erklärung geht da schon in die richtige Richtung. Damit ich das als Solidarität verstehen kann, fehlt mir da aber die Reflexion dieses Reflekts und die Ausweitung daraufhin, dass Liebe eben Liebe ist, egal zwischen wem. Es geht mir auch darum ernst genommen zu werden mit einer nicht-Hetero-Sexualität. Süß gefunden werden ist da vielleicht ein Anfang, aber es wäre doch sehr bedauerlich, wenn es dabei bleibt. Meiner rein subjektiven Wahrnehmung her tun sich die meisten Homo- und Bisexuellen mit einem Coming Out bei Menschen gleichen Geschlechts deutlich schwerer – und da ist man dann in einem kleinen Teufelskreis: Ich oute mich als Lesbe weniger bei Frauen, weil ich von denen eher Ablehnung erwarte – aber da das viele so halten, kennt jede heterosexuelle Frau mehr Schwule als Lesben und ist das dann auch eher “gewohnt”. Dazu kommt noch aus lesbischer Sicht das Problem der Unsichtbarkeit. Die Situation, die in dem Post beschrieben wird, ist recht untypisch. Denn zwei Mädchen, die händchenhaltend durch die Gegend laufen, müssen ja nicht unbedingt lesbisch sein. Einem Schwulen sieht man es eher an, dass er schwul ist – das liegt meiner Meinung nach daran, dass das das Bild von Männlichkeit in unserer Gesellschaft deutlich enger ist als das Bild von Weiblichkeit.
    Die Frage, wieso Menschen eigentlich homophob sind, kann ich natürlich auch nicht beantworten. Meiner Meinung nach liegt das v.a. an der Annahme einer Zweigeschlechterordnung und der damit verbundenen tief verwurzelten Ansicht, dass Sex und Fortpflanzung zwingend verknüpft sind. Alles andere (“Propaganda”) ist meiner Meinung nach v.a. eine Auswirkung dieser metaphysischen Annahmen und nicht ihr eigentliches Problem.

  10. Eine Erklärung für Homophobie ist, dass der heterosexuelle Betrachter sich und seine sexuelle Identität in Frage gestellt fühlt. Also sich nicht mehr als allgemeingültig und Mittelpunkt der Welt empfindet und das dann in Abgrenzung und Hass umschlägt. Wobei Süßfinden der äußerste Ausläufer genau dieses Reflexes sein kann – was süß ist, bedroht mich nicht. Teddybären gab es erst, als man nicht mehr Gefahr lief, im Wald von einem realen Bären gefressen zu werden.
    Nur süß gefunden zu werden kann auch sehr beengend sein. Man möchte nicht immer die lustige, schrille Tunte spielen müssen, um gemocht zu werden, sondern einfach nur sein Leben leben. Bzw, für eine Frau ist das Niedlich-sein in Männeraugen häufig eine böse Falle. Kann frau gleichzeitig süß und die Vorgesetzte sein?

  11. Pingback: Der Apfelwodka | enjoying the postapocalypse

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