Cercidiphyllum japonicum

Dies ist der zehnte Teil einer Geschichte um ein Mädchen mit dem Namen Ina, ihren Exfreund und ihre Freundin.
1. Teil: Hoffnung. 2. Teil: Entmut. 3. Teil: Überwindung. 4. Teil: Türschwelle 5. Teil: Ina. 6. Teil: Vergessen. 7. Teil: Mullbinde.
8. Teil: Entscheidungsfindung 9. Teil: Dachboden.

Zoë legte ihre Hand vorsichtig auf die Seite und schloss den Ordner. Sie hob ihn so hoch, stand auf und tastete langsam nach dem Lichtschalter.
Wieder verwandelte sich der Dachboden in einen undefinierten grauweißen Raum. Wie in einem Traum, den sie immer wieder hatte. Darin wachte sie stets in einem mit Watte gefüllten Zimmer auf und versuchte dann – meistens vergeblich, den Ausgang zu finden.
Der frischgefallene Schnee bedrückte sie. Er bedeutete, dass der Herbst entgültig vorbei war und die Zeit der Kälte gekommen war, die sie stets mit Einsamkeit verband. Aber dieser Winter sollte allem Anschein nach anders werden als alle andern davor. Diesmal schien es tatsächlich so, als habe sie ein warmes Nest gefunden, in dem sie überwintern konnte.
Vor ihrem geistigem Auge tauchte bei diesem Gedanken das Bild eines zusammengekugelten Igels in einem Nest aus Blättern auf. Sie war sich nicht einmal sicher, ob Igel in solchen Nestern übernachten. Waren es nicht eher Haselmäuse, die solche Kugelnester aus Blättern bauten?

Blätter. Herbst. Das erinnerte sie daran, wie sie Ina kennengelernt hatte, wie sie ihre Freundin das erste Mal gesehen hatte. Das war im Herbst gewesen, vor nicht allzu langer Zeit.

Es war einer jener Herbstage gewesen, die einem sofort in den Sinn kommen, wenn man “Herbst”hört. Sonnig, nicht zu kalt und die Blätter der Bäume bunt gefärbt. Einer dieser Tage, die einen vergessen lassen, dass Herbst eigentlich meistens Regen, Kälte und Wind bedeutet, besonders wenn man in einer Gegend wie Ina wohnte, die wohl nur während des kurzen Sommers wirklich einladend war.

Sie wusste noch ganz genau, weswegen sie in der Stadt gewesen war und wieso sie den botanischen Garten besucht hatte. Nach dem Besuch beim Augenarzt, der wie immer viel zu lange gedauert hatte und eigentlich unnötig gewesen war, denn an ihrer leichten Kurzsichtigkeit, gegen die sie Kontaktlinsen trug, hatte sich seit Jahren nichts verändert, hatte sie gedacht, dass dies sei vielleicht einer der letzten Tage des Jahres sei, an dem so ein gutes Wetter herschte, deshalb müsse sie ihn so lange wie möglich geniessen.

Die Luft um die Bank, auf der Ina sass, in ihrem Mantel aus flauschigem, rosa Plüsch, der so überhaupt nicht zum Rest ihrer Erscheinung und ihrer Haltung passen wollte, war erfüllt von einem Geruch aus Lebkuchen und Zuckerwatte. Wie eine Aura hatte dieser Geruch gewirkt, von dem Zoë nicht hatte sagen können, woher er kam.
Etwas in ihr hatte sofort sehr stark auf Ina reagiert. In ihrem Bauch hatte sie ein leichtes Kribbeln verspürt als sie sie ansah. Irgendetwas in ihrem Körper, in ihrem Geist – oder wo auch immer, hatte ihr das Gefühl der Verbundenheit zu diesem traurig wirkenden Mädchen in ihrem knalligen Mantel da auf der Bank vermittelt.

Ohne Recht zu überlegen, was sie da genau tat, hatte sie Ina ein Lächeln geschenkt, zuerst zaghaft, dann mit der unmissverständlichen Mimik, die zu verstehen geben hatte sollen, dass das Lächlen kein zufälliges Schmunzeln war und ganz speziell Ina geholten hatte.
Und sie hatten sich direkt in die Augen geblickt.
Zoë hatte es in diesem Moment so geschienen, als wäre eine direkte Verbindung zwischen ihren Augen entstanden, ein unsichtbarer Tunnel zwischen ihren Pupillen, der sie beide auf eine magische Art und Weise verbunden hatte. Sie hatte ein warmes Gefühl auf dem Rücken gespührt, das gutartige Gegenteil einer Gänsehaut, und ihr war so gewesen, als spüre sie einen Teil von Inas Verzweiflung und Trauer und schicke ihr im Gegenzug einen Funken Hoffnung.

Irgendjemand, mit dem sie später darüber gesprochen hatte, hatte von wahrhaftiger “Liebe auf den ersten Blick”gesprochen, aber für Zoë was das hier etwas anderes. Es liess sich sicher durch irgendwelche hormonbiologischen Phänomene erklären, aber sie wollte das gar nicht wissen. Sie mochte die romantische, für sie schon fast mythologische Aura dieses Augenblicks und wollte ihn nicht wissenschaftlich erklären lassen. Manche Dinge mussten im Reich der Gefühle bleiben, um wahrer zu erscheinen.

Und dann hatte Ina zurückgelächelt.

Zoë war nicht sofort auf Ina zugegangen. Sie hatte noch nie den Mut für solche direkte Konfrontationen gehabt, deshalb war ihr erster Reflex gewesen, den Moment einen Moment sein zu lassen und hatte erstmal einige Schritte von der Bank weg gemacht. Aber diese merkwürdige Duft, fast wie Zuckerwatte, war ihr in der Nase und der Gedanke an Ina in ihrem Kopf geblieben.
Und so hatte sie instinktiv den Weg zurück zu Ina gesucht, über den Rasen, um auf einmal neben ihr zu stehen und sie mit unsicherer, fast zittriger Stimme zu fragen, ob sie sich wohl neben sie setzten könne.

Ina hatte ohne einen Funken der Verwunderung bejaht und für einen kurzen Moment lang richtig gestrahlt, als sei sie der glücklichste Mensch auf Erden.

“Ich liebe diesen Baum hier”, hatte Ina nach einigen Minuten der Stille gesagt, in der Zoë sie aus den Augenwinkel beobachtet – und heimlich auch angehimmelt – hatte.
Und ihr dann erklärt, dass der Geruch von dem Baum kam, unter dem sie gesessen hatte. Ein japanischer Kuchenbaum, dessen Blätter im Herbst die merkwürdige Eigenschaft hatten, nach Gebäck zu riechen. Zoë hatte ein Blatt vom Boden aufgehoben und dran gerochen. Ina hatte Recht gehabt, wie sie so oft Recht haben sollte. In ihrer poetischen Sprache hatte sie den Kuchenbaum als Baum der Hoffnung bezeichnet. Im Herbst, wenn alles verloren scheint, duftet er, nicht als Abgesang, sondern als Zeichen und Symbol dafür, dass selbst Verlust Wunderbares erschaffen kann.

cercidiphyllum japonicum cc by Jean-Pol GRANDMONT

Ina hatte zwischen den Zeilen ihren Verlust angedeutet hatte, den sie mit den Blättern der Bäume verglichen hatte, weil das einzige, was sie jetzt noch tun hatten können, war das symbolische Blatt ihrer Beziehung zwischen die Seiten eines Telefonbuches zu legen und es zu trocknen, um seine einstige Pracht zumindest in diesem fragilen, eindimensionalen Zustand zu bewahren.
Und währenddessen hatten die beiden sich einander angenähert, fast unwillkürlich.
Zoë wusste noch, dass sie sich einen merkwürdigen Moment lang klar geworden war, dass sie schon seit einiger Zeit Inas Hand streichelte.

Und so hatte alles angefangen, nach diesem Nachmittag unter dem Kuchenbaum war nichts mehr so gewesen, wie es einmal gewesen war. Eine offensichtliche Platitüde, die man jeden Tag als große Schlagzeile auf eine Zeitung setzen könnte. Aber dieser Tag war für Zoë der Wendepunkt gewesen, ein mystischer Fixpunkt, dem sie vielleicht mehr Bedeutung zumaß, als er es verdient hatte.

Zoës Herz pochte laut und kräftig, jetzt in der halbdunklen Kühle dieses staubigen Dachbodens, den sie nun mehr nur als Schatten wahrnahm, als sie ihren Weg zum Ausgang ertastete. Der Herbst war vergangen und die Blätter des Kuchenbaums dufteten nicht mehr. Sie versuchte, das ganze nicht in Verbindung mit den Ereignissen der letzten Stunden zu bringen. Sie sah Inas Exfreund nicht als eine Bedrohung, sondern mehr als eine interessante Gelgenheit, mehr darüber rauszufinden, was Ina nach diesem Sommer so verletzt hatte. Sie kannte zwar die groben Züge dieser Geschichte, aber bisher hatte sie noch keine Gelegenheit gefunden, mit ihrer Freundin über die Einzelheiten zu reden. Es war ja auch schwierig, solche Themen anzuschneiden, wenn man wusste, wie sehr ein Mensch darunter gelitten hatte und man selbst gerade erst dabei war, mit dieser Person eine Beziehung aufzubauen.

Vorsichtig schritt sie die Treppe hinab, versuchte instinktiv, so wenig Lärm wie möglich zu machen, obwohl sie ganz genau wusste, dass niemand im Haus schlief. Sie wurde meistens einige Stunden früher als Ina wach, deshalb hatte sie es sich zur Angewohnheit gemacht, sich während der Morgenstunden so leise wie möglich zu verhalten.
Die hölzerne Treppe war jedoch unbarmherzig und knarrte bei jedem Schritt, den Zoë machte.

Kein Geräuscht drang von der Küche hoch zu ihr. Ob sich Ina und ihr Exfreund einfach nur anschweigten, weil sie nach all der Zeit keine Ahnung hatten, was sie einander sagen sollten? Wieso stellte er nicht mehr Fragen über sie?
Es hatte sie verwundert und auch ein klein wenig verärgert, dass er nichts von ihr gewusst hatte. Hatte Ina es nicht für nötig gehalten, ihrem Ex zu erzählen, dass sie wieder vergeben war? Aber er hatte ja gemeint, die beiden hätten seit ihrer Trennung überhaupt keinen Kontakt miteinander gehabt. Und trotzdem wäre es Zoë lieber gewesen, wenn er von ihr gewusst hätte.
Vielleicht, weil sie das Gefühl hatte, etwas für Ina geopfert zu haben.

~

Er liess ein kleines Rauchwölkchen aus seiner Nase entweichen und starrte auf die fallenden Schneeflocken, wie sie das Land unter einer weissen Kruste begruben, es taub und dumpf machten. Die ersten Zeugen des Winters, der nicht nur die Kälte, sondern auch die Einsamkeit brachte. Ihm war im ersten Moment danach gewesen, sofort wieder in sein Auto zu steigen und ohne ein Wort zu sagen wieder zu fahren. Aber das konnte er nicht. Er wusste, dass er mit Ina reden musste, dass er seine Reflektionen mit ihr teilen wollte, das hässliche Ende dieses wunderschönen Sommers analysieren wollte.
Er wusste, dass er sich unbewusst davon erhoffte, dass sein Schmerz verschwinden und Ina ihm am Ende wieder um den Hals fallen würde und alles wieder so sei, wie es im Sommer gewesen war.

Er hörte, wie die Tür sich öffnete. Er blickte weiter geradeaus, obwohl es dort nichts zu sehen gab außer einer diffusen weißen Landschaft. Sein Auto konnte er gerade noch erkennen, aber sonst war alles nur erdrückender, schwerer Schnee, der sein Herz schwer werden ließ und seinen Verstand wie vernebelte.

Er wusste, dass es sich um Ina handeln musste, die ihren Platz in der wohlig warmen, gemütlichen Küche aufgegeben hatte, um mit ihm zu reden. In dieser Kälte, die ihm auf einmal richtig feindlich vorkam. Im Augenwinkel sah er, dass sie sich gegen die Mauer lehnte. Er vermutete, dass sie grinste, ohne Recht zu wissen, wieso.

Ein langer, tiefer Zug an der Zigarette, die zum Fixpunkt geworden war, weil in dieser weißen Einöde nichts anderes da war, an dem man sich orientieren konnte.

“Du rauchst also noch immer.”, meinte sie, und er konnte ihre Tonlage nicht deuten. Dabei war ihre Stimme nicht einmal ausdruckslos, aber angesichts der Einöde, auf die er blickte, schien nichts mehr tiefere Bedeutung zu haben.

Er atmete ein kleines Wölkchen aus Rauch aus, das sich mit seiner weißen Atemluft vermischte.

“Menschen änderen sich nicht, erinnerst du dich?”
Seine Stimme klang kälter und grober als er wollte. Wieso war er unwillkürlich so abweisend, Gegenteil von dem, was er eigentlich sein wollte?

“Und Menschen ändern sich.”
Diesmal hörte er ganz genau, dass sie lächelte.
“Aber vielleicht hast du Recht, im Grunde ändern sich nur Gewohnheiten und Äusserlichkeiten, während das Innere sich nur langsam entwickelt. Wie ein Stein, der mal von Moos, mal von Flechten, mal überhaupt nicht bewachsen ist, immer ein Stein bleibt und sich nur innerhalb von Jahrtausenden mit der Erosion verändert. Und eben diese Details, die sich verändern, sind es, die uns ausmachen und die einen Wandel ausmachen.”

Das war Ina. Ina, die poetische, Ina, die Philosophin, Ina, die in die Welt ihre Gedanken in einer Sprache beschreiben konnte, um die die meisten Dichter sie beneidet hätten. Das war die Ina, die er geliebt hatte und für die er diese Odysee auf sich genommen hatte.

Er machte den Mund auf, ohne genau zu wissen, ob er einen weiteren Zug nehmen oder Ina eine Antwort, die dann erst in seinem Mund wachsen sollte, geben wollte, als ein leises, aber deutlich vernehmbares Geräusch vom Dachboden zu ihnen drang. Eine Tür war geschlossen worden.

Eine Schneeflocke landete genau auf seiner Nasenspitze, als er sich bückte, um die Zigarette auszudrücken.

Photo cc by Jean-Pol GRANDMONT. Ausserdem ein Dank an Sara für‘s Betalesen.