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Rote Zeichen

Ich taumele durch die kalte Stadt. Aus einem Mietshaus über einem Elektrowarengeschäft, wo sie vor allem Lampen verkaufen, schaut mir eine dicke Frau an, die davor mit ihrer Fliegenklatsche herum gewedelt hatte. Aus welchem Grund auch immer.
Wenn ich zurückblicke, sehe ich leichten Schneefall, obwohl es so kalt nicht einmal war.
Alles in allem war es doch schön.
Rote Zeichen im Kalender.
Todeslinien, Grenzen, wie im Krieg. Unübertretbar. Gewaltige, alles auffressende Monster aus roten Buchstaben, die das Ende von allem bedeuten.
Und dennoch nur ein Stück Papier.
Ein weißer Morgenhorizont über einer fahlen Graslandschaft, auf der der Schatten eines Zeppelins zu sehen ist.
„Alles ist noch so weit“, stöhne ich und weiß nicht einmal, was ich genau damit meine. Die Motoren sind nur leise und dumpf zu hören, kaum wahrnehmbar.

Zeppelin cc by rockstarassi

Der Nebel verschluckt alles, ohne gefräßig zu sein.
Die Kapuze ein wenig tiefer ins Gesicht
„Dies wird ein Krieg“, dachte ich, aber bis jetzt hat sich noch niemand so benommen.
Im Kopf versuche ich einige der roten Zeichen auszuwischen, taktiere, spiele Schach gegen mich selbst.
Führt das alles zu irgendetwas?
Kubakrise. Examen. Semester. Immer und immer und immer und immer und immer und immer wieder.
Der Kapitän hat eine Halbglatze, aber keinen typischen Schnurrbart, wie wir ihn uns alle für unsere Großväter gewünscht haben.
Ich bräuchte eine Schreibmaschine in meinem Kopf um dies alles richtig ausdrücken zu können.
Man sollte ein Buch schreiben und die Seiten per Laserstrahl in den Himmel brennen.
Nicht einmal Nebellichter würden jetzt noch etwas ausrichten.
Vielleicht wächst uns ja bald ein Horn?
Die 23 kleineren Dieselmotoren der Vernunft schweigen heute, denn auch sie sind Gewerkschaftsmitglieder.
STREIK! STREIK! ANARCHIE! KOMMUNISMUS! SPRENGT ALLES, AUCH DIE SCHWEINE!
Es gilt, alle Verhältnisse umzustürzen, in denen der Mensch …
Marx hasste Trier, und wir fahren zum Einkaufen dorthin.
In Polen hingen die Sterne besonders tief.

Langsam schaufeln sich die Rotoren des Zeppelins durch den dicken Nebel.
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Podcast: Angscht a Schrecken am Iwerwaachungstaat

Es gibt ja immer Leute, die Angst und Schrecken mal in „politisch“ haben wollen. Ich bin ja der bescheidenen Meinung, dass dieser Podcast immer schon politisch war und ist. Aber bitte, heute, heute ist euer Tag, denn heute ist Angst und Schrecken politisch …

[audio:http://media.switchpod.com//users/angschtaschrecken2008/angschtaschrecken82.mp3]
MP3-Download Angscht a Schrecken am Iwerwaachungstaat

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Katzengras

„Gras? Was für Gras meinst du, verdammt? Ich weiß bei dir wirklich nie, ob du Wiesengras oder die Droge meinst!“, schrie er in die Freisprechanlage.
„Wenn ich Gras sage, meine ich Gras! Glaubst du etwa wirklich, ich füttere meine Katze mit Cannabis?“, plärrte der Angesprochene ziemlich unverständlich aus den Lautsprechern zurück.
Es stürmte und neben dem heftigen Windgeräusch, ein bedrohliches Rauschen, das beständig zu hören war, kam auch noch hinzu, dass diese verlassene Straße geradewegs in ein Funkloch führte.

Das alles vereinfachte die Kommunikation nicht gerade. Manfred Rosenfeld verstand nur die Hälfte von dem, was sein Gesprächs- und Geschäftspartner Stéphane Berri ihm mitzuteilen versuchte. Mal ganz abgesehen davon, dass er sowieso nur die Hälfte der Zeit den Sinn und Zweck dieser telefonischen Mitteilungen, die ihn in letzter Zeit immer öfter erreichten, wirklich kapierte.

„Berri, wieso erzählst du mir, dass du deine Katze mit Gras fütterst? Und vor allem: Gibt es nicht sogar spezielles Katzengras?“
Wieder knackte und rauschte die Leitung, während Berri redete:
„Du hattest doch auch mal eine Katze, oder? Vielleicht weißt du ja, wie viel Gras so ein Tier braucht, am Tag oder so …?“
Rosenfeld seufzte. Als habe er nicht genug damit zu tun, den Wagen auf dieser holperigen, windigen Straße zu halten!
„Ich habe meiner Katze noch nie Gras gegeben, weder Katzengras noch Cannabis oder Fußballrasen! Vielleicht hat sie ja mal passiv einen Joint mitgeraucht, aber das wolltest du doch bestimmt nicht wissen, oder?“

cure grass addiction cc by mikelens

Erneut musste er einer Windböe entgegen steuern, als Berri ihm antwortete:
„Ja! Mach dich ruhig lustig über mich! Nachher stirbt das Tier noch an einer Überdosis Chlorophyll! Ich …“
Rosenfeld hörte, dass Berri noch irgendetwas sagte, aber er konnte außer einzeln Wortfetzen nichts mehr verstehen.
Er schrie, als müsse er gegen den Geräuschsturm aus Wind und Übertragungstörungen ankämpfen:
„Berri! Ich versteh dich nicht! Ich bin in einem Funkloch!“

Dramatisch klang das. Wie ein letztes SOS vor dem Untergehen. Dann das Besetztzeichen, 440 Hertz, wohlbekannt und mit leicht unangenehmen Erinnerungen verbunden.

Das Windgeräusch wirkte plötzlich angenehm leise. Die Straße wurde wieder besser. Jetzt eine Tüte Gras, und die Welt wäre wieder in Ordnung!
Das wäre ja alles kein Problem gewesen, wäre das nicht genau die Art zu denken gewesen, die Berri zu dem gemacht hatten, was er heute war: ein brillianter Programmierer zwar, aber sozial völlig inkompetent. Berri war Rosenfelds Meinung nach überhaupt nicht in der Lage, die Wichtigkeit von seinen persönlichen Problemchen abzuschätzen. Wahrscheinlich war er jetzt gerade dabei, irgendjemanden anderen mit seinem Katzengrasproblem vollzulabern und dabei Wörter wie „Cholorphyllvergiftung“ zu gebrauchen als sei das das Normalste der Welt. Und er glaubte halt auch, dass Gras alle Probleme aus der Welt schaffen könnte.
Mittlerweile hatte der Wind ganz nachgelassen, er war auf jeden Fall nicht mehr zu hören. Einzig das gleichmäßige Brummen des Motors unterbrach die Stille.
Dieses Auto hatte natürlich auch kein Radio.

Wieso schaffte er es eigentlich nie, Berri verständlich zu machen, dass er ihm mit seinen „wichtigen Fragen“ furchtbar auf die Nerven ging? Normalerweise konnte er sich doch gut durchsetzen, aber Berris Gedanken sprangen in einem Gespräch so schnell hin und her, dass es quasi unmöglich war, ihn zu fassen und auf etwas fest zu nageln.

Unwillkürlich gab Rosenfeld mehr Gas, als konnte er seine Unzufriedenheit so loswerden, sie mit dem Kraftstoffluftgemisch in das ewige Auf-und-Ab der Kolben schicken, wo sie angesaut, verdichtet, gezündet und abgesaut würden. Wenigstens wusste er noch, wie ein Motor funktionierte, auch wenn er bei einer Panne kaum in der Lage gewesen wäre, einen zu reparieren, das Wissen um die vier Takte hatte er noch. Die Art von Wissen, die man nur in Quizshows und auf langweiligen Parties benutzen konnte.

Er störte ihn, dass ihn so ein dummer Anruff so lange beschäftigte. Oder war es mehr, dass es im Moment für ihn einfach nichts gab, woran er anderes denken konnte, von einem gewissen Mädchen, an das er nicht denken wollte, mal abgesehen?
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Großherzogtum der Angst

Hier mein Redebeitrag zu der freedom not fear!-Demonstration am 11. Oktober 2008 in Luxemburg/Stadt.

Wéi den Hunter S. Thompson, amerikaneschen Journalist an Auteur kuerz no den Attentater vum 11. September 2001 vun engem „Kingdom of Fear“, engëm Kinniksräich vun der Angscht, geschriwwen huet, konnten déi meescht vun eis nach net wëssen, dat mir eis e puer Joer duerno an engëm Grand-Duché vun der Angscht erëmfannen géifen.

An Angscht a Schrecken ginn stänneg verbreet:
den westafrikaneschen Drogendealer, den islamisteschen Terrorist, den „auslänneschen“ Messerpicker, den autonome Chaot – sinn nëmmen e puer vun deenen Gestalten, virun deenen mir stänneg Angscht gemaach kréien.

An well mir alleguerten esou vill Angscht hunn, mussen mir eis schützen. An dat geet anscheinend nëmmen, wann mir gefilmt ginn beim Akafen, op der Autobunn, am Zuch, bei eisen Rendezvousen um Aldringer. Dat geet anscheinend och nëmmen dann, wann eis Verbindungsdonnéen gespäichert ginn, all Obenthalt an Hotelen an Jugendherbergen protokolléiert ged, wann mir en biometreschen Pass hunn, asw…

„Mee et huet jo keen eppes ze verstoppen?“
Ma dach! All Mënsch huet eng Privatsphäre! Scholden, Nervendokter, Krankheeten, Bezéiungen, Reesen, Iwwerzeegungen, asw, asw.
Donnéen sinn ni sécher! Net beim Staat, an schon guer net bei Firmen, wéi mir an denen leschten Deeg erëm esou beandrockend bewissen kruten.

Et hätt en net d‘Ofsicht, en Iwwerwaachungsstaat ze erichten, héiert een europawäit vun den Politiker. Ma dat erënnert mech un eng gewëssen Mauer, déi och keen se ze errichten d‘Ofsiicht hat.

An Däitschland gett een méintelaang iwwerwaacht an agespaart, wann en an enger wëssenschaftlecher Arbescht déi selwecht Wierder wéi lenk „Krimineller“ benotzt. Virum G8 kruten Leit hir Haiser duerchsicht, well se Aueren an Knupperten am Keller haten!
Do ass den Iwwerwaachungsstaat net méi wäit!

Mee et geet net nëmmen ëm eng imaginativ „Sécherheet“, mee och ëm knallhaart wiertschaftlech Interessien.
D‘Film an Musekindustrie, déi bis op e puer luewenswärt Ausnamen nach ëmmer net kapéiert huet, dat den Internet an senger Grondarchitektur wéi eng gigantesch Kopiesmaschinn funktionéiert, versicht all „Pirat“ virun een Gericht ze kréien – mat Hëllef vun Verbindungsdaten!

Hei ged eng ganz Bevölkerung kriminaliséiert. Jiddereen ged verdächteg. Vum Pirat zum Terrorist ass et net méi wäit! Aueren an Knupperten am Keller ginn jo schon duer!
An esou verdächtegt een den aneren, keen traut sech méi an wat kennt dobäi raus? ANGSCHT!

An et hëlleft näischt, Paranoia ze kréien an all Gerücht iwwert Handyortung asw. ze gleewen!

Paranoia ass de Buedem fir déi stohlen Beem un denen d‘Iwerwaachungskameraen wuessen!
Paranoia ass d‘Grondlag vum Iwerwaachungsstaat!

An esou stinn ech hei, als stolze Pirat an ruffen zesummen mat ierch an dem Recht vun der Welt – well mir sinn haut net alleng op de Stroossen:

Fräiheet, net Angscht!
Fräiheet, keen Groussherzogtum vun der Angscht!

(Nach dem Schreien Halten dieses Redebeitrags hatte ich übrigens den Rest des Tages Halsschmerzen.)

Rheinufer

Rheinufer, denke ich. Immer nur Rheinufer.
Ein Schiff mit bunten Girlanden zieht vorbei.
Du bist Ostern nicht Baden gegangen, hast dich nicht rheingewaschen und bereust das immer noch.
Rheinufer.
Dir fällt nichts ein, du blickst in den leeren, grauen Himmel und auch von da fällt nichts, kein Regen, kein Meister, keine Inspiration.
Rheinufer.

Rheinufer (cc by phototram)

Diese Stadt hat dir schon einmal nicht gut getan, dich in den Wahnsinn getrieben.
„Du Ratte!“. Irgendwo spricht jemand mit einem Telefon.
Ein schneeweißer Dom, Bahnhofskapelle, mit dem Dreck nur von Friedenstauben.
M., L., S. und B. verschwinden in einem U-Bahnschacht. Wie Rohrpost verlieren wir uns. zwischen zwei Rheinufern.
In meinem Kopf nur Ufer und U-bahn, nur Stadt und Plan, alles kreist sich um die Engel des Elfenbeinturms.
Als gäbe es keine andere Zeit. Es bleibt doch immer noch ein Ticket, eine Wegbeschreibung, ein Kölsch, ein Gedanke, ein anderes Mal, eine Decke, ein T-Shirt, ein Stift, ein Block, eine Lampe, sonst nichts.
Der Kreist schließt sich. Am Rheinufer?
Das ist nicht wahr.
Die Straße, die alle Romantik besiegt, führt nach Luxemburg.
Wie gut, dass ich die Bahn nehme.

(Photo cc by phototram)

Meeresbiologie

Ich stand vor diesem Meeresbiologen und fragte mich, während er mich herzlich, fast schon zu freundlich begrüßte, was ich hier eigentlich tat. Aus einer Bierlaune heraus hatte ich beschlossen, doch mal einen Meeresbiologen zu interviewen.
Das Bier vom Vortag war mir auch noch sehr präsent, als ich umständlich in meiner Tasche nach Mikrofon, Ständer und Aufnahmegerät fischte und jedes Teil umständlich aus den Schutzhüllen fummelte. Ich spürte eine Schwere in all meinen Gliedern, während mein Magen sich anfühlte, als würde das Bier der Vornacht dort die Oktoberrevolution nachspielen.

Schweinswale

Der Mann gegenüber von mir war sichtlich ausgeruhter als ich. Sein Händedruck war fest, seine Augen klar, während ich mich nur darüber freuen konnte, dass ich nicht zu Kopfschmerzen neigte.

„Herr Schwein…“, wollte ich beginnen, als er mich schon unterbrach:
„Es heißt Professor Schweint.“

Seine Stimme klang belehrend, aber nicht wütend. Mir wurde noch mal klarer, dass ich überhaupt nicht wusste, wieso ich nach einigen Bieren beschlossen hatte, heute einen Walforscher mit einem Mikrofon zu traktieren. Vor allen Dingen hatte ich keine Ahnung, was ich den guten Professor Schweint fragen sollte. Die Nacht war mehr als nebulös – ein Wunder schon, dass ich jetzt überhaupt hier saß und mich – mit Mühe und Not zwar, aber immerhin – gerade halten konnte.

„Professor Schweint, sie sind also Walforscher. Können sie unseren Hörern etwas über die Situation der Wale erzählen?“
„Ich beschäftige mich hauptsächlich mit Schweinswalen, davon soll es in deutschen Gewässern mehr als 6000 geben, 600 allein hier in Mecklenburg-Vorpommern.“

Ich musste grinsen ob der Namensgleichheit von Professor Schweint und seinen Forschungstieren, konzentrierte mich dann aber wieder auf die nächste Frage:
„Gibt es auch noch andere Wale in Deutschland? So Killerwale oder sowas?“

An seinem Blick sah ich, dass er „Free Willy“ nicht so toll gefunden hatte. Trotzdem war seine Antwort ruhig, vielleicht ein Hauch von Gereiztheit in der Stimme:

„Im Sommer war vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns ein ungleich größerer Buckelwal aufgetaucht. Das war für uns alle ein sehr interessanter und schöner Moment, dieses Tier zu untersuchen!“

Er kramte in seinen Unterlagen und zeigte mir ein Bild auf dem ziemlich viel rotes Fleisch oder Gewebe zu sehen war. Ich weiß bis heute nicht, was es genau war. Wahrscheinlich hatten sie dem armen Tier einen Kamera in den Anus geschoben.

In meinem Magen war gerade der Zar enthauptet worden.

Ich rülpste eine Entschuldigung, griff nach Mikro und Aufnahmegerät und stürzte aus Schweints Büro, Richtung Klo.
Das Gebäude verließ ich schnellen Schrittes mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze.

Über Wale habe ich nie wieder etwas gemacht.
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Podcast: Angscht a Schrecken am Verso

Eine neue Musicbar ist in Luxemburg/Stadt aufgegangen. Und als Gonzojournalist muss man natürlich die erstbeste Gelegenheit ergreifen, um sich den Laden mal genau von Innen anzusehen…

[audio:http://media.switchpod.com//users/angschtaschrecken2008/angschtaschrecken81.mp3]
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Messie

Kaffeesatz schmeckt mir überhaupt nicht.
Messie. Messie-ahs.
Nessie. Loch Ness.
Wer will das eigentlich sehen?
Wer will all den Krempel
              denn eigentlich
                sehen riechen fühlen hören?
Wer will meine Sammlung denn überhaupt sehen?
Übereinandergehäuft stehen und liegen da
Zeitungen Zeitschriften Zeitmesser
Messer Löffel Gabeln
Kisten Kasten Kartons
Bücher Bände Briefe
Proben Probanten Bandwürmer
Nummern Ziffern Zahlen
Dosen Tüten Tütchen
Flaschen Flakons Einmachgläser
bis an den Rand gefüllt mit Erinnerungen
überquellend
Wer will all diesen Müll?
Niemandichwiralle
Ekel erregend
Knietief im Schlamm
stapfe ich durch diesen Dreck
teile ihn, zerteile ihn, verteile ihn
an dichunseuchalle
denn dies ist mein Text
        dies ist mein Innenleben
        dies ist meine Requisite
        dies ist mein Ein- und Alles
        dies ist mein Vieles- und Nichts
        dies ist mein Dreck!

Aber man weiß ja nie, wann einem der Kaffee ausgeht.
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Aus dem Film des Lebens rausgehen

Ich dachte halt, da würd jetzt noch was kommen.
Wie im Kino, nach dem Abspann, da kommt ja auch manchmal noch was. Aber da bleibt man sitzen.

Ich bin eben nicht sitzen geblieben, sozusagen.
Ich bin aus dem Film des Lebens raus gegangen. Das ist eine passende Metapher, aber das nützt ja auch nichts mehr.
Wenn man aus einem Film rausgeht, sieht man nur die Popcornbar. Oder heißt es Snackbar? Egal, Sie wissen ja, was gemeint ist!

Auf jeden Fall dachte ich, das würd dann jetzt besser werden. Deshalb find ich es auch komisch, dass Sie mich jetzt hier so verhören. Bin ja schließlich nicht der Erste, der das gemacht hat, was? Und als Schwerverbrecher können Sie mich auch nicht bezeichnen, hab ja niemandem weh getan. Nun gut, mir selbst vielleicht, aber das ist … oder war ja mein Problem.

Probleme hatte ich ja eh genug. Die Frauen sind mir ja immer alle weggelaufen. Weswegen können sie sich ja denken.
Das mit dem Arbeiten war auch so eine Sache. Wer mag schon jeden Tag das Gleiche tun? Ich mochte es ja, dahin zu gehen, war nett, das Gebäude und die Leute so. Aber jeden Tag Zahlen eintippen und rechnen und ausdrucken, dazwischen nur ein Kaffee und eine Stulle?
Arbeitslos wär aber auch doof gewesen.

Mir fiel auch irgendwie nichts mehr ein, was ich hätte tun können. Hab alles mal probiert:

  • Fußball (zu viel Laufen)
  • Radfahren (zu wenig Radwege)
  • Squash (zu schneller Ball)
  • Kino (zu langweilige Filme)
  • Musik (zu viele Noten)
  • ein Hund (zu viele Haare)
  • Fallschirmspringen (zu hoch)
  • und so weiter …

Dann hab ich mir halt gesagt, hörste halt auf. So mit Atmen und Verdauen und all dem Kram. Vor allem mit Verdauen. Konnt ich noch nie ausstehen, dieses Verdauen. Hatte da auch ständig Probleme mit.
Mal zu fest, mal zu flüssig, zu hell, zu dunkel – irgendetwas war ja immer.
Da bin ich schon froh, dass es vorbei ist.

Ich meine, klar hätte man noch viel machen können. Reisen zum Beispiel. Wollte immer mal die Pyramiden sehen. Aber mit meinem Darm und dem Essen bei denen da, das wär ja eh nicht gut gegangen. Oder glauben Sie, die hätten da ein Klo in die Pyramiden eingebaut?

Und wenn da jetzt nichts kommt, isses auch gut.
War ja mal ganz interessant, so zu sterben. Und so.
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