_

Baumkuchen

Dies ist der zwölfte Teil einer Geschichte um ein Mädchen mit dem Namen Ina, ihren Exfreund und ihre Freundin.
1. Teil: Hoffnung. 2. Teil: Entmut. 3. Teil: Überwindung. 4. Teil: Türschwelle 5. Teil: Ina. 6. Teil: Vergessen. 7. Teil: Mullbinde.
8. Teil: Entscheidungsfindung 9. Teil: Dachboden. 10. Teil: Cercidiphyllum japonicum 11. Teil: Meeresrauschen

Zoë sah ihn an.
Noch immer stand er vor dem Küchentisch, in der Mitte von Inas Küche, ihrer Küche.

Zusammengekauert wirkte er, obwohl sein Rücken gerade war, seine Haltung aufrecht. Das Gedicht hatte etwas in ihm ausgelöst, eine tiefe Traurigkeit schien ihn jetzt wie eine Aura zu umgeben. Woran machte sie das fest? An den scheinbar ausdruckslosen, hellgrünen Augen? Oder an dem leichten Zittern, das noch immer durch seine rechte Hand zuckte?

Bleich war er, als sei ihm das Gedicht nicht gut bekommen. Bleicher noch als vorhin, als sie ihm die Tür aufgemacht und er sie in Inas Boxershorts gesehen hatte.
Sein Bart wie ein grünlich-schwarzer Schatten auf dem Gesicht.
„Struppig“ fiel Zoë dazu sein. Fast so lang wie die erst kürzlich geschnittenen Haare. Ihr gefiel das nicht, so kurze Haare. Das wirkte beinahe militärisch. Es wollte – zumindest in ihrem Kopf – nicht so recht zusammenpassen mit dem Rest von ihm, der unmilitärischer nicht hätte sein können.

Er trug einen dicken, dunklen Baumwollpulli mit einem bunten Aufdruck, Jeans und verschlissene Stoffturnschuhe. Klein wirkte er, obschon einen guten Kopf größer als Ina, und der reichte sie ja auch nur bis zur Stirn.

Sein Gesicht, jetzt von dieser Traurigkeit, die ihn wohl wie ein Schock erwischt hatte, gezeichnet, gefiel ihr. Die Gesichtszüge nicht zu kantig, aber auch nicht kindlich wirkend, die Lippen schmal und die Nase kurz, dafür aber hoch.

Durch seine weite Kleidung nicht sie nicht genau sehen, wie sein Körper darunter aussah, aber er erschien ihr attraktiv. Das war ja auch ein sehr diffuser Begriff – aber dies waren nun einmal die Wörter, die ihr in den Kopf kamen, wenn sie ihn ansah. Was bedeutete dieser Begriff eigentlich? Es gab keine Definition, und jeder Versuch, zu definieren, was man selbst attraktiv fand und was nicht, würde zwangsläufig scheitern. Denn Gefühle waren nicht wie wissenschaftliche Definitionen, sondern schwammig und voller Graustufen, die niemand so recht fassen konnte. Oft hatte Zoë sich gewünscht, die Dinge in ihrem Gehirn fassbar zu haben. Ihre Gefühle und Gedanken ansehen zu können wie in einem Bilderbuch, einer Tabelle, einer Datenbank. Und sie dann weglegen zu können in ein Regal, um sie nicht ständig mit sich herumschleppen zu müssen.
Dann war ihr Blick wieder auf Ina gefallen und all diese Wünsche waren verschwunden, mit einem unhörbaren „Plop“ in ihrem inneren Theater.

Langsam, fast wie in Zeitlupe wanderte sein Blick erst auf sie, dann hinüber zu Ina. Die Müdigkeit in seinen Augen war einem anderen Gefühl gewichen, ohne jedoch aus seinem Gesicht zu verschwinden.

Das Gedicht hatte wohl die Erinnerungen an die Bucht und die Situation, wie sie beide in eine Decke eingewickelt an diesem schmalen Strand gelegen hatten und das Gedicht geschrieben hatten, wachgerufen, aber es waren auch noch ganz andere Dinge an die Oberfläche gelangt.
Wie eine Welle wurde er von diesen Bildern überrannt, unter Wasser gedrückt, während der Gischt über ihm schäumte. Auch diese Metapher sah er vor seinem Inneren Auge, während gleichzeitig eine Art Film in seinem Kopf ablief:

„Du weißt ganz genau, weswegen wir hier sind.“
Keine Antwort.
„Einmal im Jahr kommen wir hierher und klingeln an dieser Wohnungstür. Du weißt das doch.“
„Wir kennen uns doch erst ein paar Monate. Und ich war hier noch nie!“
Stimmung wie in einem halb ernstgemeinten Gangsterfilm, gezwungen-lockeres Gespräch. Nur nicht die eigene Anspannung zeigen, lieber verwirrt wirken.
„Hey, ich habe dir bestimmt noch hundert Mal erzählt, dass ich jedes Jahr einmal hierher komme, an der Wohnungstür klingele und mich einige Stunden mit der alten Frau, die hinter dieser Wohnungstür lebt, unterhalte. Und meistens gibt es auch noch Kuchen.“

Er sah sie fragend an und meinte dann, wieder in diesem Ton, von dem sie überhaupt nicht wirklich sagen konnte, ob er nun ernst gemeint war oder nicht, obwohl sie ja eigentlich wusste, dass dies alles nur ein furchtbar ironisches Gespräch war. Furchtbar auch deswegen, weil es sie insgeheim quälte, dass er sie jetzt vielleicht mit einer allzu flapsigen Bemerkung verletzen könnte – und natürlich auch umgedreht.

Es roch nach Staub und altem Holz.

Bild einer Holztreppe cc by emiliecollins24

„Du besuchst deine Großmutter echt nur ein einziges Mal im Jahr? Da bin ich ja noch treuer …“
„Sie ist nicht wirklich meine Großmutter. Eher so etwas wie eine Großtante. Glaube ich zumindest. Ich blicke bei all diesen Verwandtschaftsgeschichten nie so wirklich durch. Vielleicht ist sie auch meine Cousine 5. Grades oder so was.“
„Auf jeden Fall besteht irgendeine Verwandtschaft zwischen euch und du klopfst einmal im Jahr hier an diese Tür?“

Ina sah ihn ernst an, sah, dass er erschrak und antwortete dann mit einem Lächeln:
„Ja, ganz genau so ist es. Ich wusste doch, dass du es ganz genau weißt. Du musst nicht glauben, dass es immer klappt, den Unwissenden zu spielen.“

Die Stufen knirschten leise. Sie musste sich bisweilen mit viel Kraft am Treppengeländer festhalten und sich selbst hochhieven, da die Treppe sehr steil war.
Ihre Hand an dem warmen, glatten Material.

„Ich habe mir das jetzt in den letzten zwei Minuten so zusammengereimt. Und wieso genau kommst du gerade heute hierher. Und was für Kuchen gibt es?“

Er keuchte leise. Wieder grinste sie. War er nicht der sportlichere von Beiden? Sollte sie nicht schon längst nach Luft schnappen, während er die Stufen spielend leicht überwinden sollte? Offensichtlich waren die Rollen in ihrer Beziehung nicht so verteilt, wie man sich das auf den ersten Blick vorstellte. Vielleicht gab es aber auch keine Rollen. Eine Beziehung war ja auch kein Theaterstück.

„Baumkuchen. Und es ist ihr Geburtstag. Und weil Baumkuchen unser gemeinsamer Lieblingskuchen ist.“

Er grinste sie an, als würde sie das, was gesagt hatte, nicht wirklich ernst meinen.
Ina sah ihn an, und zum ersten Mal an diesem Nachmittag sah sie wirklich ernst aus, und so war auch jeder Hauch von Witz oder Zweideutigkeit in ihrer Stimme verschwunden:
„Ich mag diese Frau wirklich sehr. Sie ist alt, redet manchmal Blödsinn, so wie alte Leute es eben manchmal tun, aber nichtsdestotrotz wirkt sie sehr weise auf mich. Sie weiß viel über das Leben. Und ist das nicht das größte Geschenk, das man im Alter erfahren kann?“

„Meine Familie scheint zum Jungsein verdammt, meine Großeltern und sonstige Verwandten, die alt und weise sein könnten, sind alle tot. Ich weiß nicht mal, ob ich jemanden kenne, den ich als „weise“ bezeichnen würde.“

„Deshalb schätze ich meine Großtante ja auch so!“
Sie lächelte, ohne das der ernste Blick aus ihrem Gesicht wich.
„Bereit? Und benimm dich, ja?“
Er hätte am Liebsten „Ja, Mutti!“ geantwortet, riss sich jedoch zusammen. Ina war selten so ernst, ja geradezu feierlich. Und das wollte er ihr nicht nehmen, nicht diese Stimmung zerstören.

Das alte Holz und der Staub verströmten einen eigenartig vertrauten Duft.

Ina klopfte mit der Faust gegen die Wohnungstür.
Genau dreimal. Zufall oder Klopfzeichen?

Einen Moment lang geschah überhaupt nichts.
Die Treppe knarrte, ohne dass Schritte zu hören gewesen wären.

(Image cc by emiliecollins24)

Gonzo, but not forgotten

So untertitelt Ian Williams im Guardian von gestern seinen Artikel A defence of Hunter S Thompson, the 60s and gonzo journalism.

Und auch wenn er Thompsonfans wenig neues erzählt, so ist es dennoch wichtig, daran erinnert zu werden, was für einen Wert Journalismus hat, der eben nicht so tut, als würde er objektiv berichten, sondern seine Meinung nie versteckt und als Reporter im wahrsten Sinne des Wortes seine Eindrücke schildert.

Driving home for Xmas

Dabei ist doch noch überhaupt nicht Weihnachten. Vielleicht solltest du die Geschichte auch anders erzählen?
Heiligabend/Weihnachten 2007. Du fährst von der Sendung nach Hause, nachdem du dich von A. verabschiedest hast und hörst T.s Weihnachtspodcast und kommst in diese merkwürdige Stimmung, die zu Hause sofort wieder zerstört wird.

Heute hingegen fährst du nach der Sendung nach Hause, nachdem du dich von I. verabschiedest hast und hörst Mogwai. Du hast auch kein Gefühl, aber es ist auch nicht Weihnachten.
Vielleicht bist du traurig. Weil niemand an deiner Seite ist. Noch vor drei Stunden hättest du gesagt, das wäre dir egal.

Ist es aber anscheinend noch immer nicht. Ein Lichtermeer im Höllenschlund. Xenonstrahler und Weihnachtsbäume. Rückfahrtsfahren ist die einzig richtige Art des Reisens.
Was passiert mit dem Regen, wenn du im Zug sitzt? Eine Erektion in der Kathedrale. Maria, gebenedeit seist du unter den Marxisten, denn die Frucht deines Leibes war eine Pflaume.
Ein Lampenschirm aus Hymen. Alarmstufe Grün!
Atomgetriebene U-Boote in einem Meer aus Gedankeneiter und Gefühlsgedärmen.
Kaum sehen sie das Festmahl, stürzen sich eine Horde Weißkopfseeadler drauf und fressen so viel, dass sie zu nass sind, um wegzufliegen. Fütterung der Veganer.

Neonblaue Lichter säulengleich im Nachthimmel, immer auf der Suche nach illegalen Einwandern, welche auf Rentieren reiten. “Gilbert, setz an all Wagon den FSZ erem zereck, dann kann et erem fonktionéiren!”, plärrt es in die post-postrock Stille, ungeplant, ungewollt, kryptisch, was auch immer.
Am Ende jeder Episode ist immer alles egal. Kinder sterben, Wale explodieren, es regnet Feuer und Blut – aber nachher ist doch immer alles so, wie es war, nur ein Jahr älter, eine Umdrehung mehr, 1000 Kilometer näher am Ziel.

Das unglaubliche Glück, schöne Momente zu erleben ist nur wenigen von uns gewährt. Für den Rest ist die Welt ein Schlammteich voll Kot und Erbrochenem, in dem wir uns täglich sieben mal baden, um uns von unseren Sünden zu befreien. Was soll das?
Das ist doch alles Blödsinn! Oder?
    Bitte sag, dass es Blödsinn ist!
    Ich will mir meine Zähne nicht mit dem Erbrochenen von Salamandern waschen!
    Bitte sag, dass es Blödsinn ist!

Ein Schuss. Stille. Vielleicht auch ein Verkehrsunfall.
Da. Alles kommt wieder an die Oberfläche. C. Sie ist nicht an Weihnachten gestorben.
Du möchtest weinen, aber zu lange schon ist dein Kopf eine Salzwüste.

[0812221814]

Jagd

DieJulia hat mich mit ihrem kulinarischen Schüttelreim zur Jagdsaison daran erinnert, dass ich schon etwas länger plane, etwas über das Thema Jagd zu schreiben.
Ich möchte anmerken, dass ich mir aufgrund meiner Ausbildung einbilde, relativ viel Ahnung von den Thema zu haben und keiner extremer Ideologie nachzueifern. Ich werde auch vor allem auf die Situation in Luxemburg eingehen, da es die ist, die ich am besten kenne.

Aber das ist ja eigentlich schon das große Problem: Jeder, der eine Meinung zur Jagd hat, bildet sich ein, furchtbar viel Ahnung zu haben. Was dann oft nicht so sehr der Fall ist.

Ist Jagd notwendig?
Um es kurz zu machen: Ja, Jagd ist notwendig. Es gab immer schon Tiere, die Jagd auf das heute gejagte Wild gemacht haben. Diese Super-Prädatoren wie der Wolf und der Luchs sind größtenteils verschwunden und werden auch so schnell nicht zurück kommen. Die Populationen von Rehwild und Schwarzwild (Wildschweinen) sind in den letzten Jahren enorm gestiegen. Es ist quasi unmöglich, Rehe und Wildschweine im Wald zu zählen und auf brauchbare Zahlen zu kommen. (Auf der dänischen Halbinsel Kalø wurden unter größten Anstrengungen 70 Rehe gezählt, als man einen Totalabschuss durchführte, zählte man 213 Tiere.) Die hier genannten Populationsanstiege berufen sich also auf die einzigen Zahlen, die zur Verfügung stehen: die Zahl der abgeschossenen Tiere.

Die Wildschweine haben sehr viel bessere Lebenskonditionen, seit intensiver Maisanbau betrieben wird. Was wiederum zu sehr viel Wildschaden führt. Schädigen die Wildschweine in den Wäldern selbst kaum Bäume (höchstens einzelne Stämme, an denen sie sich nach einem Schlammbad abreiben, was aber wirtschaftlich absolut verträglich ist), so sind die Schäden in der Landwirtschaft relativ groß.
Wildschweine haben keine „eingebaute“ Populationskontrolle wie beispielsweise Füchse, bei denen bei hoher Populationsdichte nur ein Α-Weibchen Junge gebärt, dh. aus einer kleinen Rotte Wildschweine kann sehr schnell eine sehr große werden, welche natürlich auch sehr viel mehr Futter braucht. Wildschweine haben unter den momentanen günstigen Bedingungen eine Vermehrungsrate von 150 bis 200% pro Jahr. In den letzten Jahren kommt verstärkt das Problem der vielen aufeinander folgenden Mastjahre hinzu, dh. die Wildschweine leben quasi im Schlaraffenland – und vermehren sich dementsprechend.
Weitere mögliche Ursachen der Populationsexplosion der Wildschweine sind die starke Fütterung durch Jäger, die gezielte Hege der Bachen (man schießt keine weiblichen Tiere, um mehr Nachwuchs zu erhalten), milde Winter und der naturnahe Waldbau – welcher natürlich auch für mehr Nahrung sorgt.

Die Population des Rehwildes ist seit den 60er Jahren steigend. Wurden 1960 noch etwas über Tausend erlegte Rehe gezählt, so waren es um 2000 über 7000. Beim Reh ist allerdings zu bedenken, dass der Populationszuwachs wesentlich geringer ist als beim Schwarzwild, da eine Rehgeiß meistens zwei Kitze auf die Welt setzt. Eine Überpopulation, die weniger Nahrung bietet, bedingt auch, dass weniger Kitze durchkommen.
Rehe verursachen eine ganze Reihe von Schäden, vor allem im Wald. Man unterscheidet zwischen Fegeschäden und Verbissschäden. Fegeschäden werden von Böcken verursacht, die die anfänglich vorhandene Haut über ihren Geweihen an Bäumen abfegen, was wirtschaftlich wenig von Bedeutung ist. Die Verbissschäden sind jedoch schwerwiegender und werden mit steigender Rehpopulation schlimmer.

Da Rehe sogenannte Konzentratselektierer (Artikel vom Hirsch verlinkt, da sich hier der Begriff erklärt wird – Rehe und Hirsche haben aber sehr wenig gemein!) sind, d.h. energiereiches Futter benötigen, fressen sie vor allem die energiereichen Knospen von jungen Bäumen (da kommen Rehe besser dran!). Entfernt man den Terminaltrieb (die Knospe, die später einmal der Stamm wird), kommt es zur Bildung von Bonsaibäumchen.
Bei wenigen Rehen stellt das noch kein großes Problem dar, in der waldbaulichen Planung rechnet man immer mit Verlust und pflanzt deshalb mehr – wenn es Naturverjüngung gibt ist das Problem bei einzelnen Pflanzen nicht sonderlich schwerwiegend. Fehlt jedoch nun andere Äsung (Nahrung) und ist die Rehdichte hoch, kann der Schaden von den einzelnen Pflanzen schnell auf den kompletten Ausfall einzelner Baumarten (Eiche und Kirsche werden bevorzugt) bis hin zu einer Situation, in der nicht einmal mehr Naturverjüngung ohne Schutzmaßnahmen mehr möglich ist, reichen. Rehe können sogar verschiedene Pflanzen lokal ausrotten, z.B. die Türkenbundlilie.
Anzumerken vielleicht noch, dass der Vebissdruck auf eine Pflanzung (Kulturfläche) in einem äsungsarmen Gebiet (also ein Gebiet, in dem es sehr wenig andere Pflanzen gibt, an denen sich Rehe bedienen können) trotz geringer Rehdichte sehr hoch sein kann. Waldbaulich kann man Rehen begegnen, indem man artenreiche Mischwälder und gut strukturierte Waldränder gestaltet und fördert – was natürlich Arbeit bedeutet!

Übrigens ist die Winterfütterung von Rehen ziemlich Unsinn, da Rehe im Winter normalerweise ihren Magen so umstellen, dass sie mit sehr wenig Nahrung zurechtkommen (die Entwicklung der Föten steht ebenfalls still). Füttert man sie, so stellt sich der Magen nicht um und man muss bis ins späte Frühjahr weiter füttern, da die Rehe sonst eingehen.

Was ist denn mit den Prädatoren?
Der einzige Super-Prädator, der in Luxemburg vorkommt, ist der Uhu. Und das auch nicht gerade in atemberaubenden Zahlen. Vor allem ist ein Ein-Meter-Vogel auch nicht unbedingt das Tier, das unsere riesigen Reh- und Wildschweinpopulationen dezimiert.

Der Luchs wird oft als möglicher Superprädator in Luxemburg zitiert. Nun, auch wenn Luchse nicht, wie das oft angenommen wird, riesige Wälder brauchen und sich nur auf 500 Meter vom Waldrand entfernen (ein telemetrisch beobachteter Luchs ist zwei mal durch Zürich gelaufen), so brauchen Luchse dennoch ein ziemlich großes Territorium. Man könnte sich durchaus einige Tiere in den Ardennen, dem Ösling und der Eifel vorstellen. Gerüchten zufolge gibt es auch schon einige wenige Luchse in Belgien. Allerdings wäre der Luchs eher ein Gast in Luxemburg, der alle paar Wochen oder Monate mal ein Reh erlegt und sonst wenig zur Verkleinerung der Populationen beitragen würde. Fazit: Schön wärs, aber der Nutzen ist eher klein.

Der Wolf ist das nächste Kandidat auf der Prädatorenliste – und meiner Meinung nach der vielversprechenste. Definitiv auf dem Weg der weiteren Ausbreitung wird der Wolf wohl von alleine in den nächsten 50 Jahren irgendwann in Luxemburg ankommen. Dafür wäre er allerdings ziemlich effektiv, vor allem was die Rehpopulationen angeht. Schafherden können durch Hunde gut geschützt werden. Wildschweinrotten können größer werden, dh. mehr Schweine in einer Gruppe, wenn eine ständige Nahrungsquelle vorhanden ist (Maisfeld oder Futterstelle im Wald). Wölfe haben auch den Vorteil, dass sie, anders wie der Luchs, dessen Jagderfolg vom Überraschungseffekt abhängig ist, vor allem junge, kranke oder schwache Tiere angreifen.
Noch gibt es die Wölfe aber nicht – und es scheint mir zumindest auch nicht so, als gäbe es politischen Willen, welche auszusetzen.

Was kann man an der Jagd kritisieren?
Mein Problem mit Jagdgegnern/Jagdkritikern ist, dass sie oft ziemlich dämliche Argumente haben. Man kann einfach nicht mit „Die armen Bambis“ und die angeblich brutalen Jagdhunde argumentieren. Auf jeden Fall dann nicht, wenn man sich ebenfalls für den Luchs oder den Wolf stark macht. Ich vermute jetzt einfach mal, dass ein Tod durch die Kugel, wenn sie denn sauber trifft (mit flüchtenden Tieren hat man selten die Chance für einen zweiten Schuss), „humaner“ ist als von einer Meute Wölfe kilometerweit gehetzt zu werden und dann totgebissen zu werden. Überhaupt frage ich mich, ob die Tiere den Schuss hören, denn die Kugel ist ja schneller als der Schall.

Fütterung von Wildtieren ist kontraproduktiv und gehört verboten, was im neuen Jagdgesetz ebenfalls der Fall sein wird. Wie es sich mit der Äsung (zum Anlocken) verhält, mag ich nicht genau sagen. Es kommt dort wahrscheinlich auch auf die Menge an.

Fuchsjagd bringt nicht sehr viel, sie ist oft sogar kontraproduktiv
. Aber es gibt auch außer „die armen Tiere“ nicht wirklich viel Argumente dagegen. Man sollte sich als Jäger halt nur bewusst sein, dass es wegen Fuchsbandwurm auch noch gefährlich ist und man deshalb wohl sehr wenig davon hat, einen Fuchs zu schießen. Aber das ist ein Punkt, den man sicherlich kritisieren kann: Trophäenjagd anstatt Wildregulierung.
Auch das System in Luxemburg das, einen ja menschenrechtsverachtend dazu zwingt, als Grundstückbesitzer Mitglied in einem Jagdsyndikat zu werden, dh. in dem Club, der dafür sorgt, dass man Geld für die Jagdpacht und den Wildschaden bekommt, kann man sicherlich kritisieren. Es dürfte wohl auch kein Geheimnis sein, dass die Jägerzunft in Luxemburg oft aus der Oberschicht besteht, was zumindest bei mir einen merkwürdigen Beigeschmack erzeugt.

Ich kann nicht einschätzen, wie die Situation in Luxemburg momentan ist. Es gibt sicherlich einige schwarze Schafe unter den Jägern – vielleicht auch mehr, als man glauben mag, vielleicht aber auch weniger. Vielleicht kommt mit einer neuer Generation Jäger auch ein Wechsel der Methoden und vor allem des „Spirits“, mit dem die Jagd betrieben wird.

Falls ich jetzt irgendwo einen Fehler begangen habe – was bei der komplexen Materie sicherlich leicht der Fall ist, so bitte ich, mich darauf hinzuweisen. Und auf eine Diskussion freue ich mich schon!

SciFan

Für alle, die etwas mit Science-Fiction und Fantasy anfangen können und sich nicht scheuen, Samstags das Radio/ein livestreamfähiges Gerät anzuschalten und sich zutrauen, luxemburgisch zu verstehen:
Morgen Samstag startet das Raumschiff die Sendung SciFan auf Radio ARA. Alle zwei Wochen werden euch Gérad Kraus und seine Crew (ich hör jetzt auf mit den Raumschiffwitzen, versprochen!) Samstags von 13 bis 14 Uhr mit Neuigkeiten, Reviews, Berichten, Wissenswertem und Interessanten aus der Welt der Fantastik verwöhnen. Zu empfangen auf den Frequenzen 103,3 und 105,2 MHz sowie als livestream (mp3 und aac+) auf ara.lu

Meinungsfreiheit

Eben sah ich folgenden „Status“ bei einem meiner Facebookkontakte:
XY* thinks people with limited understanding of morals, history and consequences should shut up and not mess with social and political issues

Ich finds erst Mal erschreckend, sowas von Jugendlichen in einem halbwegs aufgeklärten, westeuropäischem Land lesen zu müssen. Ich meine, Ok, ich will auch nicht, dass Nazis den ganzen Tag auf der Straße stehen und ihre Parolen schreien, genausowenig will ich keine Post von Pierre Peters, PI lesen müssen oder den ganzen Tag Gebrabbel vom ADR hören. Und trotzdem müssen in einer Demokratie, in einer freien Gesellschaft alle Menschen gleich behandelt werden – und dazu gehört die Meinungsfreiheit. Ich bin der festen Überzeugung, dass eine Gesellschaft nur dann funktionieren kann, wenn jeder seine Meinung kund tun darf, solange er sich dabei an gewisse Regeln hällt. Und gesellschaftlicher Konsens über schwierige Themen wie beispielsweise die Sterbehilfe lässt sich nur dadurch erreichen, dass man auch die Argumente der Gegenseite hört.
Anderen Leuten den Mund verbieten heißt meistens, zu glauben, man wüßte selbst besser, wie es laufen sollte. Das klingt für mich ungefähr so wie „Ich schreib jetzt meine eigene Wikipedia!“.
Jede Diktatur zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Meinungen von Kritikern verbietet, deren Werke verbrennt, sie einsperrt, foltert, tötet, usw. – immer aus Furcht, die eigenen Argumente wären nicht die Besseren. Und ich weiß zumindest von meinen Argumenten gegen die ADR, Pierre Peters, PI und sonstige Nazis, dass sie besser sind als deren. Was aber nicht heißt, dass es nicht wichtig ist, dass auch diese Menschen ihre (in meinen Augen durchaus verquere) Meinung äußeren dürfen.

Ihre Meinung ist mir absolut zuwider. Jedoch würde ich mich dafür totschlagen lassen, damit Sie sie äußern dürfen! (Voltaire Evelyn Beatrice Hall, unter dem Pseudonym Stephen G. Tallentyre in „Die Freunde von Voltaire“, 1906. Das Zitat wird in dieser Form oft fälschlich Voltaire zugeschrieben (Wikiquote)

(*Name von der Reaktion geändert)