Märchen aus dem Pleistozän

evolutionspsychologie

In Grommels Post über die luxemburgische Piratenpartei kam es, und das nicht wirklich unprovoziert (Edit 6/10/09: die entsprechenden Posts sind merkwürdigerweise verschwunden?) von mir, über eine Diskussion über Sexismus und Geschlechterrollen. Ich war ein wenig erstaunt über Blödsinn wie „Fußballhormone“ und die Theorie, dass Homosexuelle während der Schwangerschaft „zu viele Hormone“ vom „anderen Geschlecht“ bekommen haben. Und lange konnte es natürlich auch nicht dauern, bis jemand kam, der etwas von Höhlenmenschen und Jägern und Sammlerinnen schrieb.

Ich hatte das Gefühl, dass die Diskussion ein wenig aus dem Ruder geriet habe deshalb entschlossen, einen Artikel über meine Sicht der evolutionären Psychologie zu schreiben. Einerseits, weil es einfacherer ist, als in der Hitze des Gefechts einen Kommentar zu schreiben, den ich aber noch abschicken muss, ehe ich zum Zug muss, den ich fast verpasste, weil ich so lange schreibe und der dann glücklicherweise ein paar Minuten Verspätung hatte und zweitens, weil ich keine Lust habe, darüber zu diskutieren, ob „Homosexuelle das dritte Geschlecht“ sind oder ob ich persönlich lieber mit Puppen gespielt hätte oder aus der Emma vorgelesen bekommen habe, als ich jünger war. Sprich: Ich will bei einem Thema bleiben und es nicht durch wortergreifungsstrategieähnliche Manöver ersetzen lassen.

Es gibt sehr viele gute Argumente gegen Evolutionspsychologie. Aber fangen wir vorne an, nämlich bei der Methode. Die ist nämlich schon sehr kritisch, da die Annahmen der Evolutionspsychologie oft auf tönern Füßen stehen. Es gibt nämlich sehr wenige Fakten aus dem Pleistozän, der Zeit der evolutionären Entwicklung des Menschen. Es gibt keine verlässlichen Daten zur Population, Habitat, Lebens- und Essgewohnheiten, was bedeutet, dass die meisten evolutionspsychologischen Annahmen eben genau das sind: Annahmen. Und auch die wenigen Knochenfunde sind nicht immer sehr aufschlussreich. So herrscht bis heute Streit drüber, ob Lucy nicht eher Luca war und ob frühe Hominiden überhaupt gejagt haben oder nicht eher zum größten Teil Aasfresser waren.

Außerdem können keine Kausalzusammenhänge geschlussfolgert werden, denn dafür müssten experimentell eine Variable manipuliert und ihre Auswirkungen auf eine andere Variable erfasst werden, und das in einem experimentellen Rahmen, der möglichst wenige andere Einflüsse zulässt – und das ist, es sei denn, die Evolutionspsychologen erfinden eine Zeitmaschine, nicht möglich.

Viele evolutionspsychologische Hypothesen sind sogenannte „Just-So-Stories„. Das heißt, die Verhaltensunterschiede in heutiger Zeit werden erklärt, in dem man die Verhältnisse vor tausenden Jahren hin gebogen werden. Damit lässt sich so ziemlich alles erklären, auch widersprüchliche Beobachtungen. Solche Geschichten sind nicht falsifizierbar.

Was wäre zum Beispiel, wenn man in psychologischen Tests ein besseres räumliches Erinnerungsvermögen bei Männer feststellen würde? Evolutionspsychologen würden auch dazu eine „evolutionäre“ Erklärung finden, bspw., dass Männer sich sehr genau die Wasserstellen merken mussten, an denen sie ihre Jagdbeute wieder finden konnten.

Oft sind die „Erkenntnisse“ von Evolutionspsychologen über angeblich universelle Wesenszüge von Menschen sehr stark von ihrem eigenen kulturellen und sozialen Kontext abhängig. So wurde Steven Pinkers Buch „The Blank State“ vorgeworfen, die Mainstream-Sicht der Clinton-Ära wieder zu geben. Wobei auch viele Evolutionspsychologen versuchen „universelle“ Modelle zu entwickeln.

Reduktionismus ist ein weiteres Argument gegen die Methodik der evolutionären Psychologie. Man geht hierbei davon aus, dass die Biologie zwangsläufig die Psychologie mit sich bringt. Hierbei wird vergessen dass unsere Gehirne sich nicht nur aus den „Bauplänen“ der genetischen Information entwickeln, sondern sehr sehr mehr durch die Entwicklung, die dieses Gehirn durchmacht. Übrigens sind vollständig entwickelte Gehirn ohne sonstige Anhaltspunkte selbst für Neurobiologen nicht als männlich oder weiblich zu bestimmen. Stoffwechsel, Durchblutung, und Strukturen sind so identisch – und innerhalb der Geschlechtergruppen wiederum so verschieden – dass die Frage nach dem Geschlecht nicht anhand eines Gehirns beantwortet werden kann.

Evolutionspsychologie geht davon aus, dass unser Gehirn modular aufgebaut ist und es für jede Situation ein Modul gibt, das die richtige Reaktion darauf hervorruft. Jedoch zeigen empirische Studien, dass viele Reaktionen eben nicht vorprogrammiert sind, sondern von der Situation, der Umgebung und wahrscheinlich auch der Prägung des kulturellen Umfeldes abhängen. So ist beispielsweise längst bewiesen, dass der Mythos, Männer würden sich am Meisten von Frauen mit „Sanduhrfigur“ angezogen fühlen, Unsinn ist und das, was als attraktiv empfunden ist, von Kultur zur Kultur ändert.

Als Evolutionspsychologie erfunden wurde, ging man übrigens davon aus, dass die menschlichen Gene quasi identisch mit denen von vor 50.000 Jahren sei. Genetiker haben herausgefunden, dass es scheint, als seien manche Gene nur 10.000 Jahre alt – oder sogar jünger. Aber Geschichten vom Ackerbauer- und Viehzüchter in der U-Bahn sind sicherlich genauso spannend wie Jäger und Sammler in der Vorstadt …

Natürlich ist es schwer, alle Argumente gegen Evolutionspsychologie aufzulisten, außerdem bin ich werder Archäologe oder Psychologe und kann mich eigentlich nur auf die Quellen, die ich im Netz finde, verlassen. Hier noch ein paar Bemerkungen von Comme, (danke übrigens!) die sich durchaus auskennt:
1) deskriptiv != präskriptiv: selbst wenn es biologisch begründete Geschlechtsunterschiede gibt, müssen daraus noch lange keine Vorschriften für das menschliche Zusammenleben erwachsen.
2) Bisher belegte Unterschiede sind wesentlich kleiner, als das in den Medien so dargestellt wird; die Varianz innerhalb der Gruppen ist größer als die zwischen den Gruppen.
3) Kausalrichtungen: z.B. muss nicht sein, dass ein höherer Testosteronspiegel bei Männern zu höherer Aggression führt, der Spiegel kann vielmehr auch ein Korrelat des Aggressionslevels sein.

Zum Abschluss noch eine Liste von guten Artikeln zum Thema:
Freitag: Wird man als Frau geboren?
Skeptic.com: Sex, Jealousy & Violence
Michael Lenz: Evolutionspsychologie – Kritische Einwände aus interdisziplinärer Sicht
Newsweek: Why Do We Rape, Kill and Sleep Around?

Photo cc by Stefan Kloo

9 Kommentare “Märchen aus dem Pleistozän

  1. Respekt, däi Schräifstil ass definitiv sophistkeiert. Deng Argumenter usech stinn awer op wackelegen Been an en plus hues de e puer wesentlech Aspekter vergiess/ignoréiert.

    Ech ginn awer lo net hei op se an well ech den Owend selwer nach en Post zum Thema posten wäert.

    A nach eng Keier Merci fir mech mat Faschoen ze vergläichen. Ass och eng Manéier fir mat Kritik emzegoen.

  2. kurz die diskussion überflogen, kleiner punkt zu warum frauen nicht gejagt haben: schon mal wem eingefallen dass es wenig verhütung gab und die Frauen die also biologisch körperlich auf der höhe gewesen wären zu jagen wohl 90% der zeit schwanger rumliefen… ?
    argumente bitte bis zum ende durchdenken.
    ansonsten evolutionspsychologie ist wohl sehr lustig aber mM nach unbrauchbar für so diskussionen wie hier ablaufen. es ist ja wohl eine unpräzise “wissenschaft” und die argumente und gegenargumente die mir hier so um die ohren fliegen erinnern eher an ein stammtischgeplänkel als an sonst was. es gibt studien zu allem und jedem und jeder wird welche finden die seine sichtweise untermauern.
    macht euch selber einen gefallen und seht ein dass für uns moderne Menschen die wissenschaft die neue religion ist: man darf sich ruhig mit vorsicht drin bewegen und zumal nicht alles glauben.

  3. Ich denke meine Argumente, wieso solche Spekulatiounen nicht als Erklärung für heutige Geschlechterrollen dienen können, habe ich in diesem Artikel klar dargelegt. Und du hast natürlich Recht damit, dass es für Laien wie wir es alle sind, wohl wirklich schwierig ist, die wissenschaftlichen Argumente wirklich zu verstehen. Kann auch gut sein, dass wir uns die Theorien zusammensuchen, die unserer Weltsicht am ehesten entsprechen. Allerdings denke ich, dass die hier geäußerte Kritik an der Evolutionspsychologie durchaus berechtigt ist, da diese Wissenschaft eigentlich fast nur auf Spekulationen beruht.

  4. Wenn du Löcher in meinen Argumenten siehst, kannst du diese ja gerne aufzeigen. Ich denke aber, dass die angebrachten Kritikpunkte an der Methodik der Evolutionspsychologie durchaus bestehen können. Es sind im Übrigen nicht “meine Theorien”, sondern Kritikpunkte, welche aus der Wissenschaft kommen.
    Ich würde dich genauso bitten, von solchen unqualifizierten Kommentaren abzusehen, vor allem, da du ja behauptest, einige Gegenargumente zu haben, diese aber noch nicht gesichtet wurden.
    Meine Quellen findest du übrigens am Ende des Artikels.

  5. Wenn ich mir diese Artikel so anschaue, dann kommt Evolutionspsychologie nicht nur genderpolitisch, sondern allgemein menschlich sehr unsympathisch daher: reduziert den Menschen jenseits von kulturellen oder psychologischen Gegebenheiten auf einen Sklaven seiner Gene, rechtfertigt allerlei hässliche Verhaltensweisen als der Fortpflanzungsrate dienlich und hat einen marktschreierischen “Studie beweist: Sport macht fett und Schokolade macht schlank!”- Stil.

  6. “Just so stories”, die sich allerdings auf einige Fakten stützen. Zumal viele der Geschlechterunterschiede um die es dort geht, nicht aus der Evolution hergeleitet, sondern nur durch sie begründet werden. Die Herleitung erfolgt in der Biologie und Medizin.

    Was ist eigentlich mit den Just So stories im “Genderbereich”. Wenn Judith Butler sich auf das Inzesttabu a la Freud stützt, dann ist das ja auch erst einmal eine Just so story oder gibt es da Belege?

  7. Christian: Probier mal folgendes – halte deinen Kopf in eiskaltes Wasser, Mund und Nase auch. Warte 5-10 Minuten.

  8. @Björn

    Du meinst Leute mit anderer Meinung als die, die du gut findest, sollten sterben? Etwas hart und diskussionsfeindlich aus meiner Sicht.

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