Axolotl copykills

photo cc by Roselle Kingsbury

Wie alle Menschen, die gerne schreiben und von sich glauben, einen Funken Talent zu besitzen, würde ich gerne einmal ein Buch veröffentlichen, das dann in den Feuilletons (in Frankreich wird das Wort übrigens vor allem für Soaps verwendet) der Zeit, FAZ, des Standards und eventuell auch noch der Taz hochgelobt wird. So war ich auch etwas neidisch auf Helene Hegelmann, die diesen Wunschtraum bereits mit siebzehn Jahren erleben darf.

Oder durfte. Denn Helene hat beim Verfassen von Axolotl Roadkill fast wortwörtlich in Airens Werk Strobo abgeschrieben, wie einer meiner persönlichen Helden, Deef Pirmasens aufdeckte. Das macht gerade ordentlichen Medienrummel.

Mich stört, dass die Autorin jetzt oft als Kind bezeichnet wird. So falsch Hegemanns Verhalten auch war, persönliche Angriffe sind nicht zu rechtfertigen und es ist für mich etwas leicht gegriffen, zu sagen, die ist so jung, die weiß es nicht besser. Wenn plagiieren als falsch verstandene „Remix“-Kultur gedeutet wird und die Autorin nicht als medienkompetent genug, den Unterschied zu verstehen, gebrandmarkt wird, dann steht sie vielleicht doch für den Umgang der Erwachsenen mit den Kindern des neuen Jahrhunderts. Mal abgesehen davon, dass ich es für hochgradig lächerlich halte, einen Stellvertreterroman schreiben zu wollen, wenn man am 11. September 2001 gerade mal acht Jahre alt war, die Demonstrationen gegen den Irak-Krieg nur vom Hörensagen kennt, usw. Genauso gut könnte ich einen Stellverteterroman für die 1990er schreiben, Nirvana hat mich in meiner Jugend ja auch viel bewegt.

Dann stellt sich die Frage, ob nicht ein Pornotag für Feuilletonisten geführt werden sollte. Damit würden zu ausgiebige Beschäftigungen mit Büchern von jungen Frauen, die über ihr Sexualleben schreiben, vielleicht nicht in Hypes ausarten, die sich später als heiße Luft entpuppen. Wie wichtig die Literatur bei den Lobhudeleien über Axolotl Roadkill waren, zeigt Willi Winkler bei der Süddeutschen. Ausgiebig wurde sich mit der Frisur der Autorin befasst.

Und dann: Wie sieht es bei mir selbst aus? Hegemann hat nicht nur bei Airen abgeschrieben, sondern auch den Song Fuck U der Band Archive übersetzt und als ihr eigenes Werk ausgeben. Da greift das schlechte Gewissen. Ich habe Ina und Zoë abgeschrieben schon sehr oft aus Lieder, die mich gerade bewegt haben, zitiert. Und das auch nicht immer sehr kenntlich gemacht. Vor allem auf dem Werk der Einstürzenden Neubauten ist die eine oder andere Zeile.

Was tun? Darauf verzichten will ich nicht wirklich, denn oft sind es die Sätze, die mir beim Schreiben in den Kopf kommen und ein spielerischer Umgang mit Zitaten und Motiven aus der (Pop)Kultur macht schon seit einiger Zeit das aus, was wir Kultur nennen. Ich werde die Zitate, die sich im übrigen durchaus in Grenzen halten (die vorhin erwähnten Ina und Zoë-Texte sind, soweit ich das überblicke, völlig frei davon), kennzeichnen (etwa durch Verlinkung auf den Originaltext).

Denn schlimmer noch als Eigenlob ist Lob, das man für etwas erhält, das man gar nicht gemacht hat.

14 Kommentare “Axolotl copykills

  1. Wenn ich hier Spiegel Online zitieren darf:

    “Siv Bublitz, Leiterin der Ullstein Buchverlage, wo “Axolotl Roadkill” erschienen ist, sagt: Der Verlag habe seine Autorin vor Drucklegung des Buches gefragt, ob sie Quellen oder Zitate verwendet habe. Hegemann habe die Tragweite dieser Frage unterschätzt, so die Verlegerin, die sich um eine nachträgliche Abdruckgenehmigung bemühen will. “Über die Verantwortung einer jungen, begabten Autorin, die mit der ‘Sharing’-Kultur des Internets aufgewachsen ist, mag man streiten”, sagt Bublitz. Der Ullstein-Verlag vertrete aber eindeutig die Position, dass Quellen genannt und ihre Verwendung vom Urheber genehmigt werden müssen.”

    Demnach waren es nicht die Medien, die Hegemann ihr unbedarftes “Kindsein” im neuen Jahrtausend als Quasi-Freibrief für ihre Inanspruchnahme der Passagen aus den Blogs zugeschrieben haben, sondern der Verlag selbst.

  2. Virginia Woolf, TS Eliot, James Joyce, nur um einige zu nennen, haben allesamt Zeilen aus den Werken anderer abgeschrieben. Bewusst – denn für sie bedeutet das Schreiben eines Textes auch die Erkenntnis des literarischen Erbes. Ein Zitat muss man daher nicht gleich kennzeichnen, denn jeder Autor paraphrasiert beim Schreiben zumindest einige der Werke, die ihn beeinflussen. So gesehen muss man, wenn man etwas abschreibt keine Buße ablegen. Nur ist Abschreiben nicht gleich Abschreiben, und da ich “Axolotl Roadkill” nicht gelesen habe, will ich nicht darüber urteilen inwiefern Hegemann plagiert. Sollte sie extensiv zitiert haben, so wäre das natürlich nicht besonders lobenswert.

  3. So wie ich diverse Artikel verstanden habe geht es hier nicht um Zeilen sondern um ganze Textpassagen und es wird auch nicht als Hommage an diejenigen Autoren genutzt sondern wie ein DJ remixed und einmal durchgeschüttelt.
    Dass Zitate von anderen Autoren in vielen wenn nicht den meisten Büchern vorkommen ist unbestritten, dass es soweit geht dass ein Verlag rückwirkend versucht eine Abdruckgenehmigung zu bekommen heisst für mich aber definitiv dass es sich hier um mehr handelt.

    Ganz allgemein krieg ich schon das Kotzen wenn ich einen Begriff wie Sharing-Kultur höre, was soll das sein ? Und wenns sowas gibt heisst es allerhöchstens dass man für den persönlichen Gebrauch und ohne dafür Geld zu kriegen mit anderen ein eigenes Werk teilt einfach weil man gerne Freude macht. Wo da der Zusammenhang sein soll zu Plagiarismus muss man mir mal erklären, bzw ist die andere Art von Sharing-Kultur, die ganz normale Piraterie die illegal ist und die mit Kultur gar nichts zu tun hat.
    Hach wie ich es liebe wenn mit der Brechstange und falsch verstandenen Stereotypen versucht wird maximal damage-control zu machen und business zu wahren.

    Dabei ist es doch ganz einfach: hat das Mädel kopiert so ist es des Plagiats schuldig und hat in Literaturkreisen nichts zu suchen das Buch wird nicht gedrückt und fertig.

  4. Mia: Da magst du Recht haben, das macht es aber nicht besser.
    Chris: Es geht durchaus um mehere Seiten. Wenn die Gefühlskonserve wieder online ist, sieh dir den Artikel an, da ist sehr sehr viel übernommen worden und halt nicht gekennzeichnet worden. Aber danke für deine Analyse, ich denke dass du Recht hast damit.
    Serge: Ich sehe einen großen Unterschied zwischen “eine digitale Kopie anfertigen” und “ein Plagiat verkaufen”.

  5. den rein rechtlichen Kram kann man in dieser Situation glaub mal kurz beiseite lassen und einfach sagen: wer’s (in solch einem Maße) nötig hat, hat nix drauf

  6. “Die soziale Lüge
    Wenn ich lüge, dann neurotisch und zwanghaft. Meine Lügen er-
    geben sich aus einer Abhängigkeit von metaphysischen Begeben-
    heiten. ”

    Das ist ein Auszug aus ihrem Buch,ich heul vor lachen

  7. Ganze Textpassagen einfach Wort für Wort zu kopieren, und diese dann als eigene Kreationen auszugeben, finde ich sehr, sehr schwach.

    Sich von anderen Werken inspirieren lassen ist ja ok und normal. Einfach ganze Teile anderer Werke ohne Quellenangabe zu kopieren disqualifiziert aber meiner Meinung nach den ‘Plagiaristen’ automatisch, da er oder sie ja nicht einmal, wie zum Beispiel ein DJ, aus etwas Altem etwas Neues schafft (da der Text ja 1:1 übernommen wird).

    Und irgendwie wird der Leser ja auch veräppelt. Man weiss ja nicht mehr: Hm, hat das die Autorin jetzt wirklich selbst so gut beschrieben oder hat sie einfach nur wieder Passagen kopiert?

    Ausserdem ist es auch eine Sache des Respekts und des Anstandes des eigentlichen Schöpfers gegenüber.

  8. @Serge:
    Ich habe bisher keine der Artikel über Hegemann gelesen, und das Ganze wahrlich bloß durch Schlagzeilen verfolgt, daher weiß ich nicht wieviel sie zweckentfremdet hat. Leider verbringe ich den Großteil meiner Zeit mit echter Literatur und kann mir daher nun wirklich kein wahres Urteil über die junge Dame erlauben. :)

  9. Um bei den Begriffen der Medien zu bleiben (wie unpassend sie teilweise auch daher kommen) gilt für mich persönlich bei Texten das Selbe wie bei Musik: Kreatives Remixen ist okay und kann als eine Verbeugung vor dem Künstler gesehen werden. Der Urheber sollte aber kenntlich gemacht werden. Paste’n’copy und es für seine eigene Arbeit ausgeben ist.. Scheiße! Und das weiß man auch mit 17. Das weiß auch meine Tochter, die erst 8 ist.

  10. Hihi, das ist schon möglich. Vielleicht ist ihre Figur sogar eine gewaltige Mary Sue. Aber um das zu wissen, müsste ich das Buch lesen, worauf ich momentan keine Lust habe. Vielleicht, wenn die Sache “geklärt” ist.

  11. Mit siebzehn darf man Mary Sues schreiben, wann sonst? Das Problem scheint nur zu sein, dass dem Feuilleton elementare Medienkompetenz aus nicht feuilletonfähigen Kulturbereichen fehlen.

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