fuck your friends!

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fuck your friends, fuck heteronormativity
Ich meine das durchaus wörtlich. Aber vielleicht sollte ich anders anfangen.

Immer, wenn ich über Feminismus, Homophobie, Sexismus oder sonstige Gender Issues rede, versuche ich zu betonen, dass auch Heterosexuelle und Männer unter den gängigen Rollenbildern und Gesellschaftsnormen, die so schön unter dem Begriff Heteronormativität zusammen gefasst sind, leiden. Männer werden als unmännlich betrachtet, wenn sie Gefühle zeigen. Und selbst wenn diese Rollenbilder so langsam aufweichen (vor allem am linken Rand der Gesellschaft), so scheinen sie im größten Teil der Bevölkerung immer noch fest zementiert. Erst heute las ich einen Facebook-Kommentar, der es als großes Wunder bezeichnete, dass zwei Männer kochen würden, während eine Frau Fußball (Vielleicht schreibe ich auch mal einen Artikel dazu, wieso ich die Weltmeisterschafts-Veranstaltung aus verschiedenen Perspektiven ziemlich nervig und nicht unterstützenswert finde) schaute.

Ein Aspekt, der meiner Meinung nach zu wenig Beachtung findet, sind nicht heteronormative Beziehungsformen. Insbesondere dann, wenn es sich um Beziehungen von Menschen handelt, die sich selbst als hetero identifizieren (oder so identifiziert werden). Gut, es mag den Begriff Polyamory geben, der vor allem auf Liebesbeziehungen mit mehren Menschen gemünzt ist. Ich bin der Meinung, dass Liebesbeziehungen zu mehreren Menschen möglich sind und es wohl vor allem die gesellschaftlichen Schranken in unseren Köpfen sind, die die meisten von uns davon abhalten, so etwas überhaupt zu versuchen. Ergebnis davon: Menschen werden unglücklich, weil ihre Beziehungen nicht so ablaufen, wie sie sich das erwarten – ohne zu hinterfragen, wieso sie sich das so erwarten.

Nicht alle sexuelle Beziehungen basieren auf Liebe/Verliebtheit. Manche basieren auf Freundschaft, Zuneigung, Sympathie oder auch „nur“ sexueller Anziehung. Als jemand, der in solch einer „Beziehung“ (selbst der Begriff riecht nach verliebten Pärchen!) steckt, nervt es mich enorm, mich immer wieder dafür rechtfertigen zu müssen. Das geht soweit, dass ich es eher vermeide, davon zu reden, um nicht wieder in Erklärungsnot zu geraten. Um nicht wieder erklären zu müssen, dass die Person, mit der ich regelmäßig schlafe, nicht „meine Freundin“ (im Sinne einer auf Liebe basierenden, romantischen Beziehung ist), ich sie „trotzdem“ (wieso trotzdem?) mag und den Status einer romantischen Beziehung auch nicht anstrebe.

Was fehlt? Eine Begrifflichkeit? Mir gehen alle Bezeichnungen à la „Freundschaft plus“, „Friends with benefits“ oder gar „Fickbeziehung“ nicht weit genug. Vor allem wird durch diese Bezeichnungen suggeriert, dass es sich bei Sex mit Menschen, zu denen man ein freundschaftliches Verhältnis hat, um eine abnormale Sache handelt und Sex nur bei Menschen in einer romantischen Beziehung vor zu kommen hat. „Offene Beziehung“ suggeriert wieder Gefühle wie Liebe oder Verliebtheit, die ich jedoch nicht finden kann – was mich, wie bereits erwähnt, nicht sonderlich stört.

Ich weiß nicht, ob es eine Begrifflichkeit geben muss. Und noch viel weniger, wie diese lauten sollte. Mir wäre ein gesellschaftliches Bewusstsein ob der Tatsache, dass es neben (Zweier)beziehungen noch viel mehr gibt, wichtig. Es gibt wohl genug Menschen, die wegen ihres Sexlebens ein schlechtes Gewissen haben oder gar unglücklich werden, weil es nicht der gesellschaftlichen „Norm“ entspricht. Oder noch schlimmer, sozialem Druck ausgesetzt werden, weil ihr Sexleben als „schlampenhaft“ bzw. ablehnungswürdig betrachtet wird. Am liebsten möchte ich raus aus der Rolle, mich ständig dafür rechtfertigen zu müssen, nicht verliebt und trotzdem glücklich zu sein. Und das, ohne Schweigen zu müssen. (Was nicht heißt, dass ich jeder und jedem von meinem Sexleben erzählen muss. Das wäre ja noch schöner!)

Also: Es ist nichts dabei, Sex mit Freund_innen zu haben. Niemand muss sich an das Ideal von Zweierbeziehungen halten. Nicht mal an das Ideal von romantischen Beziehungen. Und umgekehrt kann es genauso romantische Beziehungen geben, in denen kein Sex vorkommt. Aus welchen Gründen auch immer.
Wichtig ist meiner Meinung nach, mit Sexualpartner_innen zu kommunizieren, Wünsche, Vorstellungen und Ängste mit zu teilen. Und selbst glücklich zu sein.
Und genau deswegen gehört der gesellschaftliche Druck aufgehoben.

61 Kommentare “fuck your friends!

  1. Thierry:

    > Ich habe aber auch genug männliche Personen in meinem Freundeskreis, die gar kein Problem damit haben sich mit Zunge zu küssen, sonst aber mehr macho sind als ein klischeehafter Italiener. Warum muss du annehmen, dass zwei Menschen die sich leidenschaftlich küssen schwul sind? Warum können das nicht auch einfach zwei Menschen sein, die diese fiktiven Grenzen zwischen den Geschlechtern einfach nicht sehen und sich – ohne sexuelle Erregung – einfach küssen wenn sie das wollen?

    Machohafte Kerle, die sich mit der Zunge küssen? Es gibt auch nichts, was es nicht gibt ;)

    Aber wieso küssen sie sich dann mit der Zunge, wenn keine sexuelle Erregung im Spiel ist? Ok, aus Neugierde, als Provokation etc kann ich das ja verstehen.
    Küssen mit der Zunge tut man doch normalerweise weil es physisch gut tut, oder? Echt, warum?

    Beim Küssen mit der Zunge hört’s dann aber auf, oder wie? Alles weitere würden auch diese Machos, die Typen mit der Zunge küssen, als schwul empfinden?

    Und du widersprichst dir wieder in deinen Fragen: ‘leidenschaftlich küssen’ beinhaltet ‘sexuelle Erregung’. Und nur auf den Mund küssen ist wieder einmal nicht leidenschaftlich küssen.

    > Was mich stört ist nicht, dass ich abgestempelt werde. Was mich stört ist das Abstempeln an sich. Mich stört dieses Verlangen mancher Menschen, alles zwanghaft zu kategorisieren. Was soll an einer weiblichen Busfahrerin oder einem Steward denn so abwegig sein?

    Der Mensch hat generell die Tendenz zum Kategorisieren. Wie soll er sich auch sonst zurecht finden?? Aber natürlich können sich Fehler einschleichen. Oft geschieht dies automatisch und/oder ist das Resultat früher Erfahrungen, Clichés, etc. Daran kann man aber arbeiten, allerdings ist es nicht einfach, da es ja schon relativ ‘tief eingeprägt’ ist.

    > Aber in einer heterosexuellen Beziehung, in der einer fremdgeht wird mit offenen Karten gespielt?

    Natürlich nicht. Aber hier werden ja die alternativen Beziehungen als soviel besser, ehrlicher, etc dargestellt …

    > Erstens gibt es sehr viele Menschen, die überhaupt gar keine Familie wollen (ich kenne genug solcher Menschen).

    Ich könnte ja nun wieder einmal fragen, wie alt diese Menschen sind aber ok … ich weiss ja selbst nicht ob ich Kinder haben möchte. Allerdings bin ich der Meinung, dass sie zum Leben dazu gehören und man wichtige Erfahrungen verpasst, wenn man keine hat … aber dies ist wieder ein ganz anderes Thema.

    > Und zweitens ist eine vage Behauptung à la “generell längerfristige Konsequenzen” kein Argument – was willst du uns denn damit sagen?

    Dass all diese Sexbeziehungen, diese polyamourösen Abenteuer usw kurzfristig Spass machen können aber auf längere Zeit aber auch nicht unbedingt die Lösung oder befriedigender sind … aber naja, Beziehungen, gleichwelcher Art, sind ja selten problemlos.

  2. Ntess:

    > Wo du doch so ein Freund von Definitionen bist: Was ist eine Familie?

    Ich habe natürlich von Blutsfamilie gesprochen. Natürlich kann man sich aber auch Ersatzfamilien suchen oder aufbauen.

  3. @Grommel

    Polyamouröse Beziehungen gibt es in vielen verschiedenen Arten. Es gibt Beziehungen, in denen beide Partner jeweils einen weiteren festen Partner haben. Es gibt Beziehungen, in denen beide Partner sich gegenseitig die Freiheit geben mit anderen Menschen Sexbeziehungen zu führen. Es gibt Singles, die eine oder mehrere Sexbeziehungen haben usw. usf. ….

    Speziell in Bezug auf “friends with benefits/Sexbeziehung”: nur weil keine Liebe im Sinne der romantischen Liebe in der monogamen Paarbeziehung vorhanden ist, heißt es noch lange nicht, dass sich diese Menschen nicht gegenseitig unterstützen könnten und würden.

    Ich würde nicht behaupten, dass polyamouröse Beziehungen einfach sind – jedoch trifft dies auf jegliche Beziehungsform zu. Zur Polyamory: Natürlich sind Menschen eifersüchtig, natürlich gibt es bestimmte Gesundheitsaspekte (safer sex) zu beachten, natürlich gibt es den Faktor Zeit (ja, der Tag hat nur 24 Stunden ;-) ) …. es ist Beziehungsarbeit nötig – aber das betrifft ebenfalls die monogame Paarbeziehung. Du schreibst es schon selbst – “Generell ist es aber wohl in keiner Art von Beziehung immer leicht …”

    Niemand kann vorhersagen, ob er/sie sich nicht doch in den Sexpartner verliebt. Tritt jener Fall ein, ist es definitiv nicht einfach damit
    umzugehen, wenn der/die Andere nicht verliebt ist. Aber auch hier spielen Ehrlichkeit und Respekt eine wichtige Rolle. Die Beziehungsform
    soll auf gegenseitigem Einvernehmen basieren und nicht auf falschen Hoffnungen. Ein Generalrezept wird es wohl kaum geben um mit einer
    solchen Situation der einseitigen Verliebtheit umzugehen – und das betrifft beide Seiten.

    Sicherlich wird es Menschen geben, die nicht in der Lage sind “mit offenen Karten” zu spielen – sei es auf Angst, falschen Hoffnungen etc. aber das Konzept der polyamourösen Beziehung(en) basiert – zumindest für mich – auf Ehrlichkeit und gegenseitigem Respekt. Es nützt nichts, wenn alles im Geheimen abläuft … das “Geheime” in Form von Seitensprüngen (ob kurz- oder langfristig angelegt) gibt es in vielen monogamen Beziehungen … und als gesund für die Beziehung erweist es sich kaum.

    Warum sollten Menschen in polyamourösen Beziehungen keine Familie gründen? Welche Gründe würden dagegen sprechen? Sicherlich, das Konzept der Polyamory ist gesellschaftlich kaum akzeptiert, aber die praktizierenden Menschen sind nicht schlechter oder besser als andere. Warum sollten sie ihren Kindern kein liebevolles Zuhause bieten können? Polyamory muss nicht bedeuten, dass man ständig wechselnde Partner hat – es kann sich um eine feste Gruppe handeln. Und selbst wenn es eine offenere Gruppe ist, heißt das nicht, dass den Kindern das Trauma ihres Lebens verpasst wird. Es gilt auch hier wieder ein respektvoller und ehrlicher Umgang mit den Kindern zu pflegen und mit den Partnern Vereinbarungen zum Umgang mit den Kindern zu machen.

    Was zufrieden macht und was nicht, ist wohl eine individuelle Fragestellung …

  4. Grommel:

    Menschen in Zweier-Beziehungen die ohne Kinder glücklich sind genügen sich selbst und verpassen somit keine für sie wichtigen Erfahrungen. Ich kenne selbst solche Menschen, sie sind übrigens in meinem Alter (um die 40).

    Weiterhin kenne ich Singles in meinem Alter die ich als zufriedene Menschen einschätze, womit ich nicht gesagt haben will, dass ich der Meinung bin, dass sie nicht glücklich wären. Es ist bloß so, dass ich mit ihnen eigentlich nie ausgiebig über diese persönlichen Dinge gesprochen habe, außerdem schließt ihr Single-Dasein ja nicht aus, dass sie Sex-Beziehungen haben wie Joël sie in diesem Post angesprochen hat, wodurch sie dann auf sexueller Ebene nicht auf für sie wichtige Erfahrungen verzichten müssten.

    Allerdings: Beziehungen die der Heteronormativität entsprechen können durchaus komplizierter sein um glücklich zu werden/sein/bleiben als diese eben genannten Lebenswirklichkeiten. Wenn solche Beziehungen sich mittels Kinderwunsch zu Familien entwickeln bedeutet das dann ebenfalls nicht, dass das Beziehungsleben durch die Kinder einfacher wird. Das Gegenteil ist meistens der Fall. Und was passiert dann? Emanzipation und Individualisierung sei Dank denken in einer Beziehungskrise gelandete Partner in den allermeisten Fällen zuerst an sich bzw. suchen den Fehler beim Partner, ziehen sich entweder aus der Partnerschaft zurück (die Beziehung stumpft ab, sexuelle Frustration) oder flüchten sich in andere Beziehungen (Fremdgehen, Trennung). Ein möglicher Lösungsansatz wäre jedoch mal über sich selbst nachzudenken. Ohne professionnelle Hilfe ist das allerdings sehr schwer, weil man sich selbst eben nicht so einfach auf die Meta-Ebene heben kann, wenn man die ganze Beziehung lang fast ständig auf der Beziehungs-Ebene miteinander kommuniziert hat.

    Eine monogame Beziehung (deren in der Zeit begrenzte Verliebtheitsphase abgeschlossen ist) lange aufrecht zu erhalten, so dass sie von beiden Partnern auch noch nach Jahren als Liebesbeziehung und nicht bloß als Zweckbeziehung empfunden wird, ist eine Herausforderung der sich viele Paare heutzutage scheinbar nicht mehr stellen wollen, wenn man mal die Scheidungsstatistiken unserer Gesellschaft in Betracht zieht. Die Kinder die sie haben werden jedoch auch von den Trennungen ihrer Eltern geprägt. Und vielleicht sind es ja gerade diese wie es scheint immer häufiger in der Jugend gesammelten Erfahrungen, die es der Gesellschaft ermöglichen werden, in Zukunft mehr Akzeptanz für nicht heterosexuelle Beziehungen aufzubringen.

  5. LOL … jetzt fickt die eiserne Jungfrau alles was ihr über den Weg läuft und versucht anhand von einem verwirrenden Blogeintrag Promiskuität salonfähig zu machen und zu legitimieren.
    Weiter so, viel Spass mit den kommenden STD’s … moron!

  6. …und was soll an Promiskuität per se denn illegitim sein? STD, etwa noch nie was von Kondomen gehört?

  7. Immer wieder lustig. Da postet man einen Link auf Facebook und ein paar Stunden später hat man einen anonymen, beleidigenden Trollkommentar auf dem Blog. Ich finds sehr lustig, dass Menschen, die mich offenbar nicht leiden können und nicht kennen, sich einbilden, Einblick in mein Sexualleben zu haben. Sehr amüsant. Fragt sich nur, welche Person noch nicht auf der “block”-Liste bei Facebook steht. Aber melden wird sie sich ja kaum, dafür sind Trolle meist zu feige.

  8. @ Thierry:
    Ich habe gerade einen Text über Homophobie im Fußball gelesen – und finde, der eine Absatz passt ganz gut zu dem, was du angesprochen hast:
    “In den weiteren Ausführungen von Nina Degele ging es um die Alltagsübertragbarkeit dieser öffentlichen Körperlichkeit bei Fußballspielen und stellte fest, dass dies nicht möglich sei. Fußball diene hier als Schutzraum, um Körper, Geschlecht und Sexualität zu inszenieren, ohne sich dabei permanent an normativen Geschlechterrollen zu orientieren. Es finde emotionale Körpernähe statt, die nicht sexuell gedeutet oder angenommen wird; Trikots markieren hierbei diesen Schutzraum, unter der Dusche wäre dann also Schluss mit knuddeln. Hier besteht also Angst vor einer Kontextverschiebung, deshalb lässt man die Gefühle und die Körperlichkeit lieber auf dem Platz.”
    http://missy-magazine.de/2010/06/14/homophobie-im-fusball-alles-eine-frage-von-geschlechterinszenierungen/#more-4063

    Es gibt also irgendwie Räume (und wie gesagt: Ich denke, das sind auch kulturelle Räume), in denen mehr an Körperkontakt geht ohne dass dieser sexuell gedeutet wird.

  9. Pingback: i heart digital life » Links vom 15. Mai bis 24. Juni 2010

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