a.synchron

photo cc by Alex Barth

Kopfschmerzen.
Die Tür der Bahn schloss sich hinter Greg. Er lächelte innerlich darüber, dass die „Untergrundbahn“ auf dieser Strecke in Wirklichkeit über den Dächern der niedrigen Althäuser fuhr. „2 Stationen, dann umsteigen“, projizierte ihm sein Retinadisplay auf die Netzhaut. Noch hatte sich sein Körper nicht auf den Takt der Stadt eingestellt. Alles hier schien fremd, in ungewohnter Geschwindigkeit. Obwohl die städtischen Taktgeber ständig Signale abgaben, würde er mindestens noch einen halben Tag brauchen, um sich wieder intuitiv durch die Transportsysteme zu bewegen. Sein Herzschlag war noch zu schnell, seine Atmung zu langsam.
Ob die ständig geringer werdende Asynchronität jemandem auffallen würde?

Er selbst hatte schon Menschen beobachtet, die tagelang den Synchronisationsschock in einer fremden Stadt nicht verkraftet hatten. Schlechte Hardware und möglicherweise Restalkohol im Blut ließen diese traurigen Gestalten ihre Antennen ständig neu ausrichtend durch dunkle Gassen torkeln, ohne je den Puls der Stadt zu fühlen. Er wusste, dass die Baummenschen, die Hunderte von Jahren in den Wäldern lebten und sie pflegten, in der Stadt kaum zu Recht kamen, vor allem nicht in den schnellen Städten Südostasiens. Zu sehr waren sie an ihre hölzernen Gefährten gewohnt, deren Lebensrhythmus sie imitierten, um sie versorgen zu können. Er erinnerte sich an einen grünhäutigen, bärtigen Mann, der unglaublich klare und wohl formulierte Worte gesprochen hatte, es aber nie geschafft hatte, auch sich auch nur ansatzweise dem Stadtpuls zu nähern.

Verwirrt starrte er auf die graue Stadt, die an ihm vorbei zog. Klare Gedanken fassen war schwer, vor allem in seinem Zustand. Die Müdigkeit noch im Endoskelett, Giftstoffe abbauend – und als wäre das noch nicht genug kam auch noch dazu, dass er bewusst darauf achten musste, rechtzeitig aus zu steigen und die richtigen Wege zu gehen.

Er fasste sich an den Kopf. Als ob das die Kopfschmerzen irgendwie lindern würde. Seine linke Hand glitt währenddessen in seine Hosentasche. Bis auf einen Fetzen Papier, der wohl mit gewaschen worden war, war sie leer. Außerdem hatte sie ein Loch. Genau wie seine Unterhose, wie er peinlich bemerkte, als sein Finger seinen Hoden berührte.

Der pochende Schmerz hinter seiner Stirn schien langsam den Takt der Stadt anzunehmen, als er, so gerade nicht stolpernd auf den Bahnsteig ins Freie stieg.

Ein Kommentar zu “a.synchron

  1. Hi!
    Wollte nur mal reinschneien und verkuenden, dass ich ab heute wieder regelmaessiger blogge. :o) Und da Du einer meiner treuesten Leser bist, sollst Du’s auch als erster wissen.

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