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Kriegsschiff auf rauer See
„Das also ist mein Leben.“, denke ich, „rauchend süßen Kaffee mit viel zu viel Milch zu trinken“. In meinem Kopf rennen Landschaften vor meinem inneren Auge davon. „Will ich mich verlieben? Will ich ein Mann sein? Eine Frau? Was heißt das? Wo ist Ruth in dem Ganzen? Schmeck‘s Krapferl!“ Wie sollte ein Zeppelin in diesen Stürmen Kurs halten können? Wie sollte ich wissen, dass die See über dem hypertheoretischen Dänemark so rau-h ist?

Ich sollte mehr Texte über das Leben in Wien schreiben.

Ein Güterzug fährt durch. Wenn ich geradeaus blicke, flasht mich der Anblick der bunt bedruckten Container total. Werden Container bedruckt? Ich versuche über diese Frage nachzudenken, muss unwillkürlich einen Schritt zurück gehen, merke dabei nicht, dass ich schon gegen dem Betonblock, der glücklicherweise im Weg steht und meinem Rücken ergonomischen Halt bietet, laufe, weil mich der Anblick so in seinen Bann zieht, dass mir schwindlig wird. Wenn ich meinen Blick etwas abwende und schräg auf den schnell fahrenden Zug schaue, kann ich die Werbeaufdrucke lesen und dieses fiese flüssigkeitsgefüllte Organ in meinem Innenohr sendet keine verwirrenden Signale an mein sowieso schon verwirrtes Gehirn. Vestibularapparat. Allein das Wort schon. Vestibularapparat. Ist es überhaupt ein richtiger Apparat?
Gegen den Betonblock gepresst blicke ich wieder nach vorne und lasse den brachialen Eindruck auf mich einwirken. In diesem Moment scheint es das visuelle Äquivalent zu „Vom Zug überfahren werden“ zu sein. (Das stimmt nicht. Der Gedanke ist mir jetzt, beim Schreiben gekommen. Aber was heißt denn „in diesem Moment?„, frage ich euch, durch die vierte Wand hindurch!)

Ich suche auf Amateurvideopornoseiten nach bekannten Gesichtern. Ungute Vorahnungen, im Nachhinein betrachtet. Als hätten verwackelte Handyvideos irgendetwas mit der Realität zu tun. Die Realität ist, wie wir alle wissen, völlig haarlos, schönheitsoperiert, mit glänzendem Öl gefettet und von der ersten Berührung an laut stöhnend in HD gefilmt. (Zu viel Porno? Fickt euch, hahaha!) Ich kann nichts dafür, aber es ist meine Schuld.

Zeppelin über Bergen

Das Zeppelin droht, abzustürzen. Zum Glück ist das Steuer kein Rad, sondern eine goldene Schreibmaschine mit tausend goldenen Hebeln. Ich sitze – nicht unbedingt vor Fachkenntnis strotzend – vor dieser Apparatur, aber der Quecksilberstreif am Horizont leuchtet schon golden in einer sich öffnenden Wolkengasse.

Mit einem Male stehe ich wieder am Strand des Meeres der Verzweiflung. Ein trauriger, unheimlicher Ort, den ich nicht selbst erfunden habe und dessen Existenz ich beinahe vergessen hätte. Ein zufällig gelesener Kommentar bringt mich darauf, dass eine geheime Botschaft hinter diesen Filmen stecken könnte, die mich wieder einmal völlig flashen. Ich könnte auch sagen, sie hätte mein Gehirn total gefickt, aber ich schreibe ja zu viel über Sex, wenn ich mich auf die Meinung derjenigen, die es sich trauen, das auszusprechen, vertrauen kann. Die schweigende Mehrheit sagt selbstverständlich naturgemäß nie etwas dazu.
Rotes Meerwasser umspielt meine Knöchel. Ein guter Pirat … Ich versuche, all diese schrecklichen Gedanken mit „Blub“ zu vertreiben. Manchmal schreibe ich auch „BLUB“ auf meinen Notizblock oder sonstiges Papier, wenn ich nicht laut reden kann oder will. Oft funktioniert das. Fragt sich nur, ob die Luftblasen, die ich dazu denke, über die Oberfläche steigen oder ob die Gedanken nur sinken wie leckgeschlagene Erdöltransporter und am Grund verbleiben wie Seeminen, aus denen man später Möbeln bauen wird, falls sie entgegen aller Erwartungen nicht detonieren und mich – zumindest metaphorisch – in Stücke reißen. Oder hässliche Flecken auf Textilien hinterlassen.

Der Baron von Luxemburg

Der Baron von Luxemburg

Vor der Bim-Haltestelle stehen Betrunkene mit fettigen Haaren, singen zuerst, reden dann über Zeitalter, sie das dritte Bier wegen dem dritten Jahrtausend, in dem wir uns befinden, er schon das Zwölfte. Die Zukunft hat schon begonnen. Unnötig zu sagen, dass sie beide betrunken sind, aber wie auf anderen Drogen wirken, oder zumindest wirkt das, was sie sagen, so. Nach dem kurzen Ausflug in die komplizierte Geometrie der vierten Dimension geht das Gespräch über historische Figuren. Ich kann meinen eigenen Gedanken derweil nicht folgen und erzähle wie automatisch von Ruth, die anscheinend mal wieder in der Stadt ist. Iwan der Schreckliche war kein Gläubiger, war Atheist. Ein Perverser war er! Hat dem Groszkni mit dem Florett den Damm aufgeschnitten. „Einmal ließ er einen Fürsten in ein Bärenfell einnähen und auf das Eis bringen. Als seine großen Hunde den vermeintlichen Bären in Stücke rissen, belustigte der Zar sich so sehr, dass er vor Freude nicht wusste, auf welchem Bein er stehen sollte!“ Katherina die Große war da ganz anders, die war gottesfürchtig und steht heute noch im Ruf, sexbesessen und machtgierig gewesen zu sein. Sie lallen, aber ich, ich will auf die Bank springen, mit wehendem Umhang, will schreien:“ICH BIN DER BARON VON LUXEMBURG! ICH WOHNE DORT OBEN AUF DEM BERG UND SPIELE MERKWÜRDIGE SPIELE MIT PENDELN! SUPERDOPE! NIEMAND SOLL MICH DARAN HINDERN ZU SCHREIBEN, DENN FÜRWAHR ICH BIN DER ADELIGE, DEN MAN DEN BARON VON LUXEMBURG NENNT!
Ruth würde darüber nur lachen. Mein Basilikum ist verdorrt. Und mein neuer Freund, Persea gratissima, voll mit hoch-giftigem Persin, versucht mir zu entwachsen. Das an meinem Daumen scheint nur Farbe zu sein.

Ich überlege schon länger, mir Tee zu kochen. Beschließe immer wieder, es zu tun, vergesse es aber dann direkt wieder. Wenn es mir wieder einfällt, muss ich aufs Klo und vergesse es auf dem Rückweg wieder. Ein Teufelskreis, den zu durchbrechen ich nicht die Kraft habe.

Gänsehaut an meinen Knöcheln. Ich zittere, das rote Wasser ist kalt. Die Zigarette (obwohl ich ja überhaupt nicht rauche!) verformt sich zwischen meinen Fingern. Ruth. Ich spüre ihre Anwesenheit, ich weiß instinktiv, dass sie mein Revier betreten hat. Nur zu gerne würde ich mit ihr treffen und sie zum Duell auf Leben und blaue Flecken mit diesen Versandrollen, in denen man Poster verschickt, auffordern. Aber eigentlich bin ich nicht wegen ihr nervös. „Eigentlich“, sage ich mir, „sollte ich überhaupt nicht nervös sein! Ich sollte aufrecht, mutig und voller Tatendrang sein, ein kraftvoller Bursche in seinen besten Jahren!“.

Mein Bett ist groß und leer. Aber immerhin bequem.

Durch mein Hirn kriechen garstige Insekten aus dem Weltraum, in sauerstoffangereichterter Umgebung hochgezüchtet auf unglaubliche Größen. Ersticken können sie, dank Tracheenatmung, nur schwerlich. Ich suche verzweifelt nach einer Tube Bauschaum. Ich müsste mir einen extra langen, dünnen Aufsatz bauen, den ich in meine Nase, denn durch das Ohr geht es wegen übermäßiger Liebe zu meinem Trommelfell nicht, schieben könnte und mit dem ich den Viechern dann Baumschaum in ihre Atemorgane spritzen könnte, so dass sie ersticken und mich nicht länger belästigen würden!

Schiff im Sturm

Zum Abschluss spielt Mozarts Requiem (KV 626). Das große Finale findet nicht statt.

Von der Türkenschanze zum Küniglberg

Ein Skelett als Studierender der Zukunft

Ein Skelett als Studierender der Zukunft vor der Vollversammlung der Universität für Bodenkultur – Foto von Clemens Troschl

Letzten Dienstag war in Österreich ein großer Tag für Bildungspolitik. Ein paar Tage vor dem Jahrestag der Audimaxbesetzung 2009 unter dem Schlagwort „#Unibrennt“ gab es an nahezu allen Universitäten des Landes Vollversammlungen. Grund dafür sind die Budgetkürzungen, die soweit gehen, dass manche Unis den laufenden Betrieb nicht ohne große Einschnitte fortführen können. Die Universität für Bodenkultur (BOKU), an der ich studiere, müsste z.B. ein Drittel ihrer Mitarbeiter_innen entlassen, um überhaupt überleben zu können. Was das für die Forschung und die Lehrveranstaltungen bedeuten würde, muss ich wohl nicht ausführen. Wenn bereits heute kein Geld für große Hörsäle oder genügend Übungsplätze vorhanden ist, würden verschiedene Pflichtlehrveranstaltungen wohl nur noch alle zwei Jahre (nicht Semester) abgehalten. Ein reichhaltiges Programm an Wahllehrveranstaltungen wäre wohl nicht mehr denkbar. Die BOKU ist die einzige Universität in Österreich, die sich umfassend mit den Themengebieten Umwelt und Lebensmittelerzeugung befasst. Kann eine Gesellschaft es verantworten, eine solche Universität aus hungern zu lassen?

Kann es eine Gesellschaft eines Landes mit einer der niedrigsten Akademiker_innenquoten innerhalb der OECD es sich angesichts der Wahlerfolge einer FPÖ leisten, weniger in Bildung zu investieren?

2009 ging es um mehr Plätze in Hörsälen, um Bachelor-Master, um Bologna, um widrige Zustände, die das Studieren unerträglich machen. Der Wissenschaftsminister Johannes „Gio“ Hahn wurde bereits während den Protesten nach Brüssel geschickt und durch die Bildungsabbauministerin Beatrix Karl ersetzt. Als diese sich dem Gespräch mit den Studierenden stellte und plötzlich anfing, von Zugangsbeschränken und Studiengebühren zu reden, als habe es #Unibrennt nie gegeben, stellte eine Person aus dem Publikum die wohl nicht ganz unberechtigte Frage:“Frau Karl, sind sie DUMM?“. Wenige Monate danach verkündete das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung die Kürzung der Unibudgets. Die BOKU wurde im vorauseilenden Gehorsam in einer satirischen Aktion gepfändet.

2010 geht es um die Rettung der Universitäten in ihrer jetzigen Form. An der Vollversammlung der BOKU nahmen über 1000 Personen teil. Bei 10.000 Studierenden kann also nicht von mangelnder Unterstützung die Rede sein, vor allem waren nicht wenige durch unverrückbare Übungen in völlig überbuchten Labors gebunden. Mitglieder aller Vertretungs- und Leitungsgremien der Universität waren vertreten und berichteten noch einmal von der desaströsen Lage. Bereits heute gibt es Lehrende, die auf ihre Bezahlung verzichten, unter ihnen die Vizerektorin Hinterstoisser.

Vollversammlung an der BOKU - Foto von Christoph Reiterich

Vollversammlung an der BOKU - Foto von Christoph Reiterich

Tausend Personen! Ich war überwältigt. So viele waren 2009 nie bei Studierendenversammlungen oder Demonstrationen an der BOKU gezählt worden. Nach der Vollversammlung begann die Demonstration, die am Parlament vorbei zum Ballhausplatz führte. Das sind von der Türkenschanze runde sieben Kilometer. Und es war die schrägste und lustigste Demonstration, an der ich bis jetzt teilgenommen hatte. Der BOKU-Block wurde angeführt von einem Traktor, auf dem „Bildungsabbaubekämpfungsmaschine“ stand. Die BOKU-Blasmusikkapelle und SambAttac spielten abwechselnd. Wäre ich nur ein klein wenig cooler, ich würde das Adjektiv „episch“ benutzen. Grünschnitt wurde verteilt und neben Transparenten und Schildern in die Höhe gehalten, was einige Beobachter_innen zu der Aussage brachte, es habe ausgesehen, als seien die Ents vom Berg gekommen.

Demonstration und Traktor mit der Auffschrift Bildungsabbaubekämpfungsmaschine

Die Ents und die Bildungsabbaubkämpfungsmaschine – Foto von Clemens Troschl

Am Ballhausplatz dann die viel zu kleine Bühne, auf der Flo, Mira und ich für die BOKU ein paar Dinge sagen. Mira berichtet von der Situation an der BOKU und der frohen Nachricht, dass endlich alle Universitätsmitlieder_innen (Das Rektorat hat öffentlich zur Teilnahme an der Demonstration aufgerufen.) sich dem Protest angeschlossen haben, Flo deutet den Begriff der Massenuniversitäten ins Positive um und ich brülle was vom „Traum der freien Bildung“ ins Mikrofon und fordere alle dazu auf, geschlossen für die Bildungsmilliarde und freie Bildung zu kämpfen.

Euphorisch und völlig ermüdet von dem langen Tag, der bereits um Neun mit Workshops zur momentanen Lage angefangen hatte stand ich hinter der Bühne, wo Mira von einigen Personen überredet wurde, zur ZIB24 zu gehen. ZIB steht für Zeit im Bild, das Nachrichtenmagazin des ORFs und 24 steht für die Uhrzeit, zu der es ausgestrahlt wird. Bereits um 13 Uhr hatte es eine Liveschaltung von der Vollversammlung an der Boku gegeben. Nach kurzem Überlegen willigte Mira ein. Und fragte mich, ob ich als seelische Unterstützung mit zum ORF kommen würde. Ich musste nicht lange überlegen. Alle anderen Pläne mussten dann halt verschoben oder aufgegeben werden.

Abschluss der Demonstration am Ballhausplatz

Abschluss am Ballhausplatz – Foto von Clemens Troschl

Ein kurzer Besuch in der Universität Wien, wo gerade Hörsaal 7 und dann das Audimax „besetzt“ wurden, später, trafen einige Boku-Leute sich in einem Lokal, aßen etwas und sammelten Argumente, bis das Taxi kam und uns zum ORF-Zentrum auf dem Küniglberg fuhr. Dort ging Mira mit Christoph und mir noch einmal die Standpunkte und Argumente durch, die wir gesammelt hatten. Alle Müdigkeit war vergessen. Lustigerweise durfte ich während der Fahrt Telefonzentrale spielen, da die Telefone der anderen platte Akkus hatten.

Während Mira geschminkt wird, essen Christoph und ich Viennale-Jellybeans und versuchen herauszufinden, was für Fragen kommen werden. Besonders den Mitdiskutanten Josef Broukal können wir schlecht einschätzen, da er sich in einem Buch für die Einführung von Studiengebühren ausgesprochen hat und als ehemaliger Nachrichtensprecher ein Medienprofi ist.

Das Interview verläuft super, Mira bringt überzeugend die Standpunkte der Bewegung rüber. Anschauen lässt sich die Sendung noch bis Dienstag hier.

Ein Taxi bringt uns nach Hause. Im Mund noch immer der Geschmack der ORF-After Eights. Ich bin total euphorisiert. Und voller Hoffnung, dass es endlich etwas gebracht hat. Dass es etwas gebracht hat, dass sich 20.000 oder mehr Menschen auf die Straßen Wiens gemacht haben und sich für freie Bildung und mehr Geld für die Universitäten in Österreich stark gemacht haben.

Samstag. Das Budget ist fixiert. Die Regierung ist stolz auf sich selbst und grinst in die Kamera. 80 Millionen mehr für Unis und FHs, die selbst bei sparsamer Verwendung der Mittel 600 Millionen Euro bräuchten. Das Geld gibt es aber nur im Austausch gegen die verhassten Zugangsbeschränkungen. Und das Geld für die Mittel schröpft man die Studierenden: die Familienbeihilfe wird zukünftig nur noch bis 24 Jahre ausgezahlt statt bisher bis 26. Kaum jemand kann dann noch mit staatlicher Beihilfe einen Master studieren. Genauere Erklärungen zu den Auswirkungen gibt es von der Österreichischen HochschülerInnenschaft(Achtung, pdf!).

Heute (24.10) Abend um 21:30 gibt es eine spontane Demonstration gegen die geplanten Kürzungen am Stephansplatz im Herzen von Wien. Ich möchte alle meiner Wiener Blogleser_innen auffordern, zu kommen!

Traktor, Demonstration

Die Bildungsabbaubekämpfungsmaschine muss weiter rollen! – Foto von Christoph Reiterich

Danke an Christoph und Clemens für die Fotos. Mehr von ihren Fotos kann man sich hier (Vollversammlung) und hier (Demo) ansehen.

Analsex mit fremden Menschen

Wir sitzen im Hörsaal und warten darauf, dass die Vorlesung beginnt. Unsere Gedanken drehen sich derweil nicht um Umweltrecht, sondern um Analsex mit fremden Menschen.

Ich laufe durch den großen Park und rieche den Kuchenbaum, der seinen betörenden Duft ausströmt, der Baum, der einst Ina und Zoë betörte, und ich frage mich, wieso ich ihn immer nur rieche, wenn ich alleine bin, ob er mich erkennt und weiß, wie ich ihn schätze, gar heilige. Ich hetze, um Tseh zu erreichen, denn ich weiß, oder glaube zumindest, nur ich kann ihr helfen. Hat sie nur mich? Ich komme mir vor wie ein mythischer Krieger mit einem heiligen Schwert, ein Bote von Entropia, höheres Wesen des Chaos, gekommen um die Dunkelheit aus den Herzen zu vertreiben.
Entweder hat Spieltheorie eine berauschende Wirkung auf mich, oder ich bin einfach schon so voll von Sorge, dass auch ich durchdrehe.

Ich brauche jemanden zum Reden, denke ich, als ich in letzter Sekunde die S-Bahn erreiche, die mich um den äußeren Kreis der Stadt, vorbei an Straßen großer Traurigkeit, nach Hause bringt, wo Fi mit Tee und Geduld wartet. Im Zug nur Menschen, die aussehen wie Menschen, die aussehen wie Menschen, die ich kenne. Fast will ich sie ansprechen, die eine Frau.
„Sind Sie nicht Frau Prof. …“ –“Na, san se deppat?“
Die Antwort, die an den Innenseiten meines Schädels widerhallt, schreckt mich ab.
„Sechs schaff ich fix bis Mittag!“
Er meint leider Zigaretten, nicht Orgasmen. Interessante Gespräche finden nicht auf dieser Strecke statt. Ich überlege, wo ich aussteige, entscheide mich dann für den bekannteren Weg. Ihre weißen Schuhe irritieren mich. Die Botschaft des Barons von Luxemburg, der flötend „Ech sinn de groussen Hexemeeschter“ singt. Man sieht sie nicht, weil der Zug durch einen langweiligen Tunnel fährt. SUPER-DOPE! Wirre Wortfetzen wabbern aus wirren Menschen in wirre Wollmützenohren.

Ich verkündige lauthals, ich habe Geburtstag, zur Feier des Tages.
Es ist der letzte Tag ohne Nebel, zur Feier des Tages.
Wir zünden eine Kerze an, die der Wind gleich aus bläst, zur Feier des Tages.
Retten wir den Urwald, saufen wir uns zu Tode, zur Feier des Tages!

Hat das alles irgendetwas gebracht? Bringt überhaupt irgendetwas, was wir hier veranstalten, etwas? Ich bin unsicher ob meines Wirkens sowie meiner Wirkung. War ich nicht einst auch einer von den großen Kriegern, die da zum Angriff geblasen haben? Ich sehe mich alleine unter dem Pendel stehen, einziger Fixpunkt einer unsteten Welt, ordnendes Element der Entropie. Ich sehe mich niederknien.
Hat das einen Sinn? Hatte das einen Sinn? Ich versuche mich nicht daran zu erinnern.

level up

You are victorious!
You finished stage 2009/2010.
Time played: 8401 days.

Results:
Achievements gained:
– posted 4330 tweets (+5 procrastination)
– visited 4 countries (+3 savoir-vivre)
– learnt strange austrian expressions
  (+2 useless language skills, +1 savoir-vivre)
– recorded 15 episodes of Angscht a Schrecken zu Lëtzebuerg
  (+7 gonzo, +2 writing)
– participated in student protests (+24 leftist intellectual)
– flattred 31,08 euro (+2 karma)
– got an awesome haircut (+2 attractiveness, +4 weirdness)
– fought heteronormativity (+4 queerness, +2 self-esteem)
– introduced fictive character into blog (+3 writing)

Special Items found:
– fortress of chaos [with balcony] (+50 protection)
– potion of rooibos and lemongras (+6 resistance against cold)
– magical netbook device (+10 nerdyness, +2 mobility)
– typewriter (+3 hipsterism)
– 140*200 bed (+5 comfort, +1 attractiveness)
Ocimum basilicum (+1 cooking, +2 company)
– Studierendenticket (+5 mobility)
– pink sleeping bag (+5 warmth at night, +3 good memories)
– 47 ECTS (+47 ECTS)

you are now a level 23 human-sofa-hybrid.

(Konzept dreist kopiert und geklaut vom zebramädchen. Icons cc-by-sa)

Einzug

Umzug heißt auch immer Einziehen.
Ein großer, leerer Raum, nur gefüllt mit Kisten und Tüten, in denen deine wenigen Halbseligkeiten stecken. Dazu ein paar Möbel, die du in mühevoller Klein- und Überzeugungsarbeit an dich gerissen hast. Noch steht da das alte, ungemütliche Bett, noch steht alles Kreuz und Quer, als sei dieser neue Raum ein Lager und kein Zimmer.

Auftritt: der Baron von LuxemburgAuftritt: der Baron von Luxemburg (3. v. l.)

Erschöpft baust du den Computer zusammen, checkst deine Emails, twitter, facebook, Nachrichten. Nichts bedeutendes.
Nichts bedeutendes bedeutet auch: Keine schlechten Nachrichten. k. geht es gut, das war wichtig, zu wissen.
Die erste Nacht in der neuen Wohnung ist wichtig. Besser gesagt: die Träume in der ersten Nacht sind wichtig. Du bewegst dich mit den Worten von Max Frisch zum Schlafen. Ärgerst dich, bevor dir die Augen zufallen, ein wenig über die Misogynie in Homo faber.

Schnitt. An deine Träume kannst du dich nicht mehr erinnern. Du bist dir jedoch sicher, dass du welche gehabt hast. Nicht, weil du weißt, dass „man immer träumt, sich nur nicht immer daran erinnert“, sondern weil du weißt, dass du dich daran erinnert hast, für einen kurzen Moment. Wahrscheinlich vergisst du viel zu oft, die Träume kurz nach dem Aufwachen zu fixieren, wie bei der Entwicklung von Fotos. Geschäftig scheinen sie dir gewesen zu sein. Wahrscheinlich kann das wieder alles oder nichts heißen. Gerne würdest du mal träumen, du würdest träumen.

Schnitt. Ein Ausflug an das Ende von Wien, irgendwo in der Pampa ein Lattenrost und eine Matratze kaufen. Das läuft alles viel zu glatt, so dass ihr entscheidet, auch noch mindestens eine Badematte und Bettwäsche zu kaufen. Sogar die Zahlung mit Karte funktioniert, obwohl der Kreditrahmen eigentlich längst gesprengt sein sollte. Das grün der Karte steht wohl doch nicht für „jugendlich“, sondern für „Smaragd“. Als könntest du die Karte ziehen, laut mit einem übertriebenem groß-kaiserlich-pikiertem-österreichischen Akzent „ICH BIN DER BARON VON LUXEMBURG“ rufen und all deine Probleme lösten sich in Luft auf!
(Akzeptieren wir für einen kleinen Moment, dass es für Außenstehende zumindest manchmal so aussehen muss. Obwohl das leben weitaus komplizierter ist. So gibt es zum Beispiel überhaupt keinen Baron von …)

Schnitt. Ein riesiger Topf Kürbisrisotto. Viel zu viel für drei Personen, sogar für die vier, die schlussendlich davon essen. Letzten Endes isst man nur noch, weil es gut schmeckt, obwohl man eigentlich überhaupt keinen Hunger mehr hat. Gemütliches Zusammensitzen. Der Raum ist so weit eingerichtet. Es hängen sogar einige dekorative Elemente an der Wand. Du freust dich. Die Schränke in der Küche sind voll mit Tee.

Aus dem leeren Raum ist ein Zimmer geworden. Mit Balkon. Will noch jemand etwas Risotto?

Auszug

Umziehen bedeutet auch immer Ausziehen. Ausziehen bedeutet auch immer viele letzte Male.
Das letzte Mal aus dem Fenster gelehnt Musik hören und die Stadt anschauen, wie sie an dir vorbeizieht, Autos vorbei rasen, Menschen unter einem gehen und dabei Musik voller Schmerz und Schwere hören, weil du dich selbst so anfühlst, so voller emotionalen Blei, dass deine Glieder schmerzen. Wobei das auch vom Kistenschleppen kommen kann.
Das letzte Mal alles so sehen, wie es zusammen gehört, in Regalen und auf Oberflächen, aufgebaut und ordentlich hingestellt.
Das letzte Mal den kleinen Haufen Besitztümer sehen, der dein Leben ausmacht. (ben_ wäre stolz auf mich!)
Das letzte Mal in den Raum treten und ihn putzen.

ein leerer Raum

Der Raum, der knapp ein Jahr mein Raum war, in dem ich so viele wunderbare Dinge getan und erlebt habe, ist nun leer und hallt bei jedem Schritt. Er wirkt so fremd ohne Möbel, die Wände so viel zu weiß ohne das einzige Poster an der Wand. Ich putze und kontempliere über all jene Erinnerungen, die mit dem Raum zusammen hängen. Er war gut zu mir. Ich mochte die Lage an der großen Straße, auch wenn die die großen Straßenlampen, die über ihr hingen und in mein Zimmer hinein schienen, nicht mochte. Und der Lärm der Straße, war halt Straßenlärm einer stark befahrenen Straße.
Ich bin müde vom Ausziehen und hier, wo ich einst zu Hause war, wo es sich noch natürlich anfühlt, zur Tür hinein zu kommen ist jetzt alles kalt und leer. Fast so wie damals, an jenem verhängnisvollen Oktobernachmittag, als ich eingezogen bin. Damals hat es geschneit. Jetzt fühlt sich die Herbstkälte schon nach beißend nach Winter an. Am Fensterbrett muss ich kurz an k. denken, die es liebte, dort zu sitzen und zu rauchen. Überhaupt, k. und meine Geschichte hat viel mit diesem Raum, nun leer, zu tun. Was würde Ruth wohl sagen, wenn sie wüsste, dass ich ausziehe? Ausgezogen bin. Vielleicht wäre es ihr egal, so wie ihr immer alles egal ist, wenn sie mich nur „haben“ kann. (Niemand kann mich haben, ich bin meins ganz allein.)

Fast will ich nicht gehen, will nicht fertig werden mit staubsaugen, um länger hier bleiben zu können, diesen Ort für einen weiteren Moment besetzen, ein magisches X auf meine innere Landkarte zu zeichnen. Fast möchte ich mich auf den nackten, nun sauberen Boden setzen und alles, was während diesem Jahr in den Raum passierte, nachzeichnen. Da stand mein provisorischer Schreibtisch aus zwei Ikea-Beistelltischen, da das schreckliche Klappbett, dort habe ich mir unzählige Serien angesehen, dort Texte geschrieben und Zwerge angeführt, dort Sex gehabt und dort habe ich mit L. und B. herrumgealbert. Und hier ist meine Teekanne, die genau eine Woche in Wien überlebt hat, zu Bruch gegangen. Als ob ich mir dieses Jahr in Ultra-Zeitraffer ansehen würde.

Zum Glück heißt Umzug auch immer Einziehen.

Auf dem Weg raus, das letzte Mal durch den schönen, grünen Innenhof, begegnet mir ein Dachs, Lieblingstier meiner Kindheit. Ein Dachs, mitten in Wien.

Photo: CC-BY
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