_

Was bleibt.


Was bleibt am Ende des Tages? Am Endes des Gespräches? Viele Worte, Witze, Sorgen, sinnvolles, sinnloses, unsinniges. Die Sorgen bleiben hängen. Als wären sie noch nass und müssten zum Trocknen aufgehängt werden. Ich hab nicht umsonst so viel Hoffnung in den Keller geschaufelt, als dass ich sie jetzt zum Heizen verwenden könnte. Ich habe nicht umsonst so viel Tee eingelagert, da kann der Winter nicht einfach ausbleiben. Alles wird gut werden. Ich glaube daran. Mir bleibt nichts anderes übrig. Ich kann nicht davon ausgehen, dass die Welt in Zukunft ein Trümmerhaufen sein wird und ich im Epizentrum einer Wasserstoffbombenexplosion stehen werde, wenn ich dort ankomme, dann kann ich mich auch von meinem sicherlich zu niedrigen Balkon schmeißen. Ich muss optimistisch bleiben. Und selbst wenn alles in Trümmern aufgeht, so werde ich mir beim Wiederaufbau halt die Hände aufreißen und Narben davontragen. Aber letzten Endes wird es gut ausgehen. Drei kleine Vögel werden singen, und wenn sie die letzten auf Erden sind.

Vor meinem inneren Auge bauen sich düstere Visionen auf. Rote Meere, der letzte Mensch im Universum, eingesperrt in eine ewige Maschine. Radioaktivität. Ich kann sie nicht glauben.
Und was bleibt? Der Vorsatz, sich weniger Gedanken zu machen.
Oder mehr?

Yogaübung


Auf meiner Teepackung ist die Anleitung zu einer Yogaübung aufgedruckt. Man sitzt dabei im Schneidersitz und steckt sich abwechselnd Finger in die Nasenlöcher. Klein und kursiv gedruckt steht am Rand der Packung, ich solle seinen Arzt fragen, ob die Übung für mich geeignet sei. Ich gehe also mit der Teepackung zu meinem Arzt und frage ihn, ob ich im Schneidersitz sitzen und mir abwechselnd Finger in die Nasenlöcher stecken darf. Er sieht mich nur irritiert an und antwortet nicht, bis ich aus lauter Verlegenheit fluchtartig seine Praxis verlasse und beschließe, nie wieder zu diesem Arzt zu gehen. Im Treppenhaus bedauere ich dies kurz, denn der Arzt war stets freundlich und wirkt kompetent.

Ich werde nie wieder zu ihm gehen können. Nicht nur aus Scham, sondern vielmehr, weil das Haus, in dem sich seine Praxis befindet, einstürzt, als ich es verlasse. Vor mir versinkt ein ganzer Häuserblock in den Boden. Ich ziehe meine Thermokanne aus meiner Tasche. Der Teebeutel schwimmt noch drin. Ein grauer, mit Kräutern gefüllter Schwamm. An der kleinen Papierfahne ist kein Logo zu sehen, sondern es steht ein Spruch drauf. Der Tee ist nämlich, wie bei Tees auf deren Packungen Yogaübungen drauf gedruckt sind zu erwarten, ein ausgesprochener Hippietee. Drauf steht: „Liebe ist ohne Schmerzen. Sie ist Blühen. Sie ist Segen.“

Wie gut, dass ich niemanden liebe und mich nur unglücklich, voller schmerzen und weder sehr segens- noch blütenreich durch die Weltgeschichte ficke. Während der Häuserblock vor mir einstürzt und/oder im Boden versinkt, das kann ich durch meine beschlagene Brille nicht erkennen, trinke ich meinen esoterischen Hippietee und höre James Blunt auf meinem iPod. Und ich habe nur noch so wenig Schamgefühl, dass einfach nicht mehr genug davon da ist, um mich dafür zu schämen. Nicht für den iPod, der von suizidgefährdeten chinesischen Arbeitern in lagerähnlichen Montagewerken zusammengeschraubt wurde und schon gar nicht für James Blunt, der schmalzig von Kindern im Kosovo plärrt. Zumindest scheint sein Schmerz, oder den Schmerz den er von den traurig dreinschauenden Kindern im Kosovo antizipiert hat, größer zu sein als meiner. Denn bei mir ist eigentlich alles Okay. Gut, ich habe mich gerade vor meinem Arzt, zu dem ich jetzt nicht mehr gehen kann, weil sein Haus eingestürzt ist, hochgradig lächerlich gemacht, aber …

„Aber …“ denke ich und weiß nicht mehr weiter. Dort wo der Häuserblock war, ist jetzt der Blick auf ein rotes Meer. Ich kenne dieses Meer. Ich hasse dieses Meer. Nicht wegen dem Sand, der sich an meinen Körper klebt oder sich in alle möglichen und unmöglichen Körperöffnungen presst, sondern weil es halt dieses rote Meer des Verderbens ist, an dem ich schon so oft stand, an dem ich schon viel zu oft stand.

Und ich bin alleine hier. In der Ferne glaube ich Ruth über der See schweben zu sehen. Als sei sie ein mythologisches Wesen, als könne sie schweben! Ich bin alleine mit meinen Gedanken und wäre gerne alleiner.
Die Einsamkeit hingegen halte ich kaum aus. Ich weiß nicht, was ich will.
Ich weiß nicht einmal, ob ich gerne etwas wollen würde. Was würde Kazuyoshi Funaki in dieser Situation tun?

Ich möchte schreien, vor allem Leute an. Ich habe etwas Tee verschüttet. Es ist ziemlich schwer, mit dieser alten Thermokanne so zu schütten, dass der Tee nur in die Tasse kommt. Normalerweise fließt er nämlich überall hin, allem voran natürlich glühend heiß über die Finger, nur nicht in die Tasse. Ich habe übrigens eine Tasse aus Porzellan bei mir. Falls moderne Tassen überhaupt noch aus Porzellan sind. Vielleicht ist das längst irgendein Kunststoff, der sich bloß so anfühlt wie Porzellan. Auf jeden Fall ist sie schwer und lässt sich gut in der Hand halten, während ich vor dem Abgrund stehe, wo vor einigen Minuten ein Häuserblock eingestürzt ist und unter dem sich jetzt ein tosendes, rotes Meer steht. Der heiße Tee auf meiner Hand brennt und versichert mich, nicht zu träumen. Das wäre ja noch schlimmer. So eine tolle Geschichte und dann müsste ich nach der Erzählung immer sagen: „Und dann bin ich aufgewacht.“

Ich will mich in das Meer stürzen und in meiner Verzweiflung ertrinken. Eine Stimme hält mich davon ab. Buchstaben werden zu Menschen, das Meer aber nicht wieder zu einem Häuserblock. Wäre dies hier ein Traum, was wäre das alles für eine wunderbare Metapher! Freud, der alte perverse Sack hätte seine helle Freude daran und würde sich wohl erst die Unterhose wechseln müssen, bevor ich weitererzählen könnte.

Der Tee schmeckt nicht. Oder zumindest nicht so, wie er schmecken sollte. Ich gehe auf und ab, setze mich an den Rand der Klippe, stehe wieder auf, gehe wieder zwei, drei Meter, fühle mich wie an der belgischen Küste, drehe wieder um, setze mich auf den Asphalt, stehe wieder auf, gehe zu meinem Ausgangspunkt zurück. Der Tee schmeckt nicht so wie früher. Ich frage mich, ob das alles real ist, an was ich mich da zu erinnern glaube. Oder ob ich nicht einfach seit Anbeginn der Zeit vor diesem Bildschirm vor der weißen Wand saß und getippt habe. Ich traue mich nicht, nachzuschauen, wie lang der Text schon ist. Auch in meinen Augen würde James Blunt, der übrigens immer noch singt, keinen Mut entdecken.

Was ich mit diesem Text sagen will? Allgemeine Ratlosigkeit unter Germanist_innen in hundert Jahren. Die Orientierungslosigkeit im anfangenden einundzwanzigsten Jahrhundert. Wie immer! Als habe ich nur ein Thema, über das ich schreiben würde! Jetzt, wo ich mich noch aufregen kann, rege ich mich auf, als Nachhall durch die vierte Wand, die längst abgerissen wurde, genauso untergegangen mit dem Häuserblock, in dem einst mein Arzt wohnte. Ich knie nieder und bete, als mir einfällt, dass es keinen Gott gibt, an den ich glaube.

Ich blicke gen Himmel.


Über mir schwebt ein Zeppelin.