Mischkonsum

Dies ist ein neuer Teil der Kuchenbaum-Geschichte. Der Artikel hat ein eigenes Layout, deshalb nicht erschrecken, wenn die Seite erst einmal ungewohnt aussieht. Besondere Geschichten haben auch eine besondere Präsentation verdient.

Mischkonsum
Dies ist ein Teil der Geschichte Kuchenbaum um ein Mädchen namens Ina, ihren Exfreund, ihre Freundin, Zoë, und deren Exfreundin, Aline.
Was bisher geschah lässt sich hier nachlesen.
Fünfunddreissig Leute sangen „Happy Birthday“, wobei die meisten halbherzig jede zweite Silbe betonten und jene, die das Lied inbrünstig intonierten, nur jeden zweiten Ton trafen. Aber war nicht genau das die Botschaft jenes Liedes? „Wir wünschen dir einen schönen Geburtstag und sind uns nicht zu Schade, dafür unseren schlechten Gesang zu offenbaren.“

Die etwas mehr als Zwanzig Kerzen waren rasch ausgeblasen und mit dem Licht kamen auch Teller und Löffel. Irgendjemand – Zoë sah nicht, von wo der Witz kam, fragte – ob „da was drin sei“. Zoë grinste. Sie schmeckte allerdings nichts. Solche Aktionen waren sowieso zu gefährlich, um sie in so einer offenen Runde auszuprobieren. Drogenkonsum sollte immer bewusst passieren, so jedenfalls ihre Meinung.

Ein wenig später, sie hatte gerade wieder zum Bier gewechselt und die Dose geleert, tippte ihr jemand auf die Schulter. Das Geburtagskind.
„Komm mal!“, meinte er. Er sah ernst aus.
Was wollte er?
Zoë hatte schon immer Angst davor gehabt, Leuten einen Korb geben zu müssen. Besonders Männern. Es hatte da einige unangenehme Erfahrungen gegeben. Nicht jeder kam so gut mit Homosexualität klar, wie er es sich selbst wünschte. Vor allem dann nicht, wenn die große Liebe einen aus diesem Grund ablehnte. Aber auch rein menschlich war es immer schwierig, „Nein“ zu jemanden sagen zu müssen, egal aus welchen Gründen. Vor allem dann, wenn man die Person mochte.
Ob er wirklich der Mensch wäre, der einem die Liebe in einem Nebenzimmer auf einer lauten Party gestünde?
All dies ging ihr während der wenigen Sekunden, die es dauerte, vom Sofa aufzustehen und das Zimmer zu verlassen, durch den Kopf.

Wortlos führte er sie in die Küche, in der ein heilloses Durcheinander herrschte. Ein halb aufgegessener Kuchen, drei verschiedene angeschnittene Brote, schmutzige Kaffeetassen, Krümel.
„Sehr morantisch.“, dachte Zoë und hoffte inständig, ihre Vorahnung würde nicht erfüllt werden.
„Ich dachte …“, begann er und zog etwas aus seiner Tasche, „… du würdest vielleicht gerne mitrauchen?“
Er hielt ihr ein Tütchen Gras vors Gesicht.

„Klar.“, grinste sie ihm entgegen.
Er kannte sie offenbar schon besser als sie ihn. Und ihre eigene kleine romantische Traumwelt, in der sie alle paar Tage eine Liebeserklärung gemacht bekam, hatte sich wohl als fehlerhaft erwiesen. Zum Glück.
Sie setzte sich auf einen ungemütlichen Klappstuhl und sah zu, wie der Joint gebaut wurde. Sie bewunderte immer wieder die Fingerfertigkeit von Menschen, die es auch unter widrigsten Bedingungen — oft war der eigene Rausch daran nicht unschuldig — innerhalb weniger Minuten kleine Kunstwerke aus Papier rollten.
Immer mal schaute irgendjemand in die Küche, ohne sich groß um den angehenden Drogenkonsum zu kümmern. Zoë fühlte sich nicht ganz gut dabei. Bisher war Drogenkonsum für sie etwas gewesen, was sich immer im Verborgenen, in einem eingeweihten, geheimen Kreis abspielte. Die Erfahrung, dass es jemanden ganz egal war, dass andere Menschen ihre Bewusstsein mit illegalen Mitteln erweiterten, war neu für sie. Sie schluckte kurz. Hatte sie sich nicht oft gewünscht, dass es genau so normal sein sollte, einen Joint zu rauchen, wie eine Flasche Wein zu trinken?
Bald war alles vorbereitet. Mittlerweile war die Runde auf sechs Personen angewachsen. Zoë versuchte, sich an die Namen zu erinnern. Nur Alex‘ Name, der sie mit der merkwürdigen Geste begrüßt hatte, fiel ihr noch ein. Meistens vergaß sie Namen bereits dann wieder, wenn sie die Hand, die sie gerade geschüttelt hatte, los ließ. Langsam bewegte sich die Gruppe lachend vor die Tür.
Das Geburtstagskind mahnte zur Ruhe.
„Es wäre wohl ziemlich unangenehm, von den Nachbarn beim Kiffen erwischt zu werden, weil wir denen zu laut sind.“
Schweigende, nickende Zustimmung. Zoë wurde der Joint gereicht. Sie konnte das.
Joint in den Mund, Hand in die Tasche, Feuerzeug rauskramen. Feuerzeug an, kräftig ziehen, Feuerzeug in die Tasche, Joint aus dem Mund, Rauchwolke ausatmen. Bloß nicht husten.
Es klappte. Sie nahm noch ein paar tiefe Züge, versuchte den Rauch so lange wie möglich in ihren Lungen zu halten, bis ihr vor Sauerstoffmangel fast schlecht wurde, atmete wieder aus, wobei kaum Rauch aus ihren Lungen kam, dann gab sie den Joint weiter.

Ein roter Lichtpunkt beschrieb langsam einen Kreis im Halbdunkel des Treppenhauses.
Zoë, die ihren Zustand vor einigen Minuten höchstens als „angeheitert“ beschrieben hätte, war überrascht vom heftigen Effekt. Ihr Gehirn versuchte mit den falschen Informationen, die die Droge ihm übermittelte, fertig zu werden. Ihr wurde etwas schwindelig, sie fühlte sich gut, wenn auch sehr verwirrt ob der Tatsache, dass ein paar Züge sie so verwirrten. Das war irgendwie keine besonders logische Feststellung. Oder? Gebannt starrte sie auf die glühende Spitze des Joints, der immer näher kam. Genüsslich sog sie die rauchgeschwängerte Luft ein.
Ein paar weitere kurze, aber tiefe Züge. Diesmal hatte sie das Gefühl, die Wirkung stelle sich sofort ein. Einen verwirrten Moment lang starrte sie den schon sehr kleinen, glühenden Stummel in ihren Hand an und überlegte, was sie zu tun hatte. Ein letzter, langer Zug.
Sie drückte den Joint in einem großen Aschenbecher aus dünnem, grünen Porzellan aus. GRASHOPPER AMSTERDAM stand drauf. Was waren das für Menschen, die sich aus Amsterdam einen Aschenbecher mitbrachten?
Durst. Ein Blick in das Badezimmer verriet, dass das Bier, das in der Badewanne gelagert hatte, ausgetrunken war. In Zoë war das Bedürfnis gewachsen, sich hin zu setzen und eventuell noch ein kleines Stück Kuchen zu essen. Nur so, um die nun empfindlicheren Geschmacksnerven ein wenig zu stimulieren.
Sie bemerkte, dass sie einige Zeit ganz still vor der leeren Badewanne gestanden und in das eiskalte Wasser, das ohne Bier seltsam zwecklos wirkte, gestarrt hatte. Noch immer war sie dabei ihren Handrücken mit zwei Fingern zu streicheln. Das fühlte sich gut an. Fast so, als würde jemand anderes sie streicheln. Oder als würde sie jemand anderen streicheln.
Es schien niemanden zu kümmern.

Noah wachte unter einer fremden Zimmerdecke auf. Er wusste nicht, wo er war. Die Decke lag immer noch schwer auf ihm. Er bewegte sich nicht, sondern verharrte regungslos im Bett. Der Schleier der Müdigkeit, nebelhaft und watteballförmig hatte sich über sein Gesicht gelegt und war noch nicht verschwunden. Er schloss die Augen.
„Na, bist du aufgewacht?“

Als Noah die Augen wieder öffnete, saß Zoë auf dem Ende seines Bettes. Sie hatte immer noch nur seine Shorts und ein lockeres T-Shirt an. Ihre Brüste schienen ihm jetzt, aus dieser merkwürdigen Perspektive – er schaute mit nur leicht erhobenem Kopf zu ihr – noch größer, ihre sportlichen Beine unglaublich begehrenswert. Er konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden.

„Du hast Ina vermisst, nicht wahr?“

Die Augen fielen ihm zu, als er nickte.
Zoë strich die Decke glatte, berührte dabei seine Beine. Das fühlte sich gut an. Da war eine Zärtlichkeit in ihren Bewegungen, die Noah bisher noch bei niemandem erlebt hatte.
„Ich will, dass du dich hier bei uns wohl fühlst. Du bist mir sympathisch. Auch wenn du Inas Ex bist und ich jetzt ihre Freundin, das sollte nicht zwischen uns stehen. Gibt es etwas, was ich für dich tun kann, damit du dich besser fühlst?“
Ihre Stimme klang dumpf, als spräche sie durch einen dicken Teppich. Wieder strich sie über seine Beine, diesmal auch über die Oberschenkel. Obwohl kaum zu spüren, elektrisierte ihn diese Berührung. Er versuchte, seine schweren Augenlider wieder zu öffnen, um zu sehen, was sie genau machte, welche magischen Bewegungen sie vollführte, die ihm so den Atem raubten. Als er sie ansah, zog sie gerade ihr T-Shirt aus. Langsam wurde zuerst ihr Bauch, nicht zu dünn, dann ihr Oberkörper sichtbar. Sie war tätowiert. In der Leiste ein Schriftzug, den er nicht lesen konnte und vom Rücken her eine Pflanze, die sich bis unter ihre Brüste wandte. Ihre Haut war blass, gesprenkelt mit kleinen hell braunen Muttermalen und Sommersprossen. Sie zog das T-Shirt langsam über ihre Brüste, als wüsste sie, dass er sie beobachtete. Der Anblick überwältigte ihn. Fast so, als sähe er zum ersten Mal seit in seinem postpubertärem Leben Brüste.

Zoës große Nippel standen.

Wieder streichelte sie über seine Beine, massierte seine Oberschenkel.
„Fühlst du dich besser so?“
Die Müdigkeit überrannte ihn wieder. Seine Augen fielen zu und er konnte nur noch „Hmmm“ antworten. Mit einem Ruck zog sie die Decke weg. Es dauerte nicht lange, da streichelte sie wieder seine Oberschenkel. Er berührte ihren Rücken, fuhr mit zwei Fingern über ihre Wirbelsäule, während sie sich immer tiefer über ihn beugte. Sie drückte ihr Becken gegen eins. Seine Hände verharrten auf ihrem Rücken, er traute sich nicht, ihre Bewegungen zu stören.

Zoë küsste ihn auf die Stirn, strich über seine Wangen bis zu seinem Hals. Einen Moment lang hielt sie seinen Hals so, als wolle sie ihn würgen.
Wieder riss er die Augen auf, sah Zoë über sich, durch die Perspektive verzerrt, lächelnd. Er bewegte seine Hände zu ihren Brüsten, aber sie entzog sich ihm, wandte sich seinen Schenkeln zu, schob ihre Hand in seine Boxershorts und umklammerte sein Glied. Er atmete tief ein und schloss die Augen.

~

Eine fremde Zimmerdecke.
„Ina darf nie etwas davon erfahren.“ Wie in einem Film, wenn ein Traum dargestellt werden soll, hallte dieser Satz durch seinen Kopf, jetzt frei von jeder Watte, eine leere gotische Kathedrale, in der dieser eine Satz wieder und wieder von jeder Wand reflektiert wurde.
Schmerzhaft klebte sein Glied an seinen Shorts. Zoë musste ihn wieder zugedeckt haben, denn die Decke, obwohl jetzt leicht und luftig, lag glatt über ihm.

Das Licht drang nur gedämpft durch das schneebedeckte Fenster.

photos cc-by:
smoker by Morgacito
smoke by geishaboy500
snow by recursion_see_recursion

4 Kommentare “Mischkonsum

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