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Write Out Loud

Als Joshi mich vergangenen Sommer am Rande einer Lesung fragte, was ich von der Idee eines Hörbuches mit Texten luxemburgischer Autor_innen hielt, muss ich wohl erst einmal die Stirn gerunzelt haben. Die Idee, auf CD veröffentlicht zu werden, erschien mir etwas unrealistisch. Natürlich habe ich trotzdem nicht Nein gesagt, sondern Texte zusammen gesucht und die lange, beschwere Reise in den wilden Osten Luxemburgs, mystisches Land von Blogger_innen und Schnapsbrenner_innen zum brainfood-Studio auf mich genommen. Und nun sind wir, dank Joshis unermüdlichem Einsatz auf CD bei op der lay veröffentlicht worden. Write out loud heißt das Projekt, es sind Werke von Joshi Gottlieb, Claudine Muno, Laetitia Kaiser, Sarah Pepin, Vanessa Wujanz, Jacques Schiltz, Thierry Heles (edit: Da ich die Namensliste von seinem Blogpost geheguttenkopiert habe, stand er ursprünglich nicht hier. Tschuldigung!) und meiner Wenigkeit zu hören. Ich kann es immer noch kaum fassen.

Die CD kostet 8 € und lässt sich hier bestellen. Menschen, die momentan in Wien wohnen oder einen Besuch planen, melden sich am Besten gleich bei mir, dann sparen wir uns den Versand und können eventuell auch noch einen Kaffee zusammen trinken!

Kälteeinbruch

„Ich habe unglaubliche Lust auf Kamillentee.“, sagt sie.
Zum Glück versteckt sich in meinem Schrank eine Tüte mit getrockneten Bio-Kamillenblüten, die einen wirklich wunderbaren Tee ergeben. Ich setze Wasser auf, putze meine Brille, während der schäbige Wasserkocher vor sich hin brodelt.

Kamillentee

„Eigentlich wäre es schön“, meine ich, „wirklich Wasser aufzusetzen. In einer Teekanne, die auf den Herd kommt und lustig pfeift, wenn das Wasser fertig ist.“
Sie nickt, sagt nichts. Leider ist das energetisch wohl ziemlich ineffizient. Ich bin nicht der Meinung, dass alles immer möglichst effizient sein sollte, aber Energie sparen ist mir wichtig.

Die Katastrophe, in die wir uns und unseren Planeten stürzen, mag nicht so plötzlich kommen wie beispielsweise ein Atomkrieg, und wahrscheinlich ist genau das ihr Problem – sehenden Auges laufen wir in den Abgrund, weil er gar nicht so tief aussieht – aber verheerend wird sie trotzdem sein. Vielleicht hätte sie sogar das Potential, den eben genannten atomaren Konflikt auszulösen. Ich erzähle ihr das. Nein, ich halte eher eine Rede. Meine eigenen Worte regen mich auf, während dem Sprechen stellen sich mir die Nackenhaare auf, mein Rücken eine einzige Gänsehaut. Zu viel Pathos in meiner Stimme.
Sie hat Gänsehaut auf den Armen und schaut mich schockiert an. Vielleicht ist das einer dieser Momente, die das Leben verändern. Vielleicht ändert sich ihre Sicht auf alles im Leben, weil ich so gefangen von meinen eigenen Worten war, als ich meinen Monolog gehalten habe.
Der atomare Winter, die Gänsehaut: Ironie des Schicksals.

Nachdem sie am Tee genippt hat, öffnet sie den Mund, als ob sie was sagen wollte, schließt ihn wieder.
Dann, endlich: „Ich fühle mich manchmal unglaublich einsam.“
Ihre Stimme ist eiskalt.
Ich frage sie, ob sie darüber reden will.
„Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem es sich nicht mehr lohnt, darüber zu reden, weil es nichts mehr zu reden gibt.“
Ob es ihr helfe, wenn ich sie umarmte. Ich bin so. Ich stelle solche Fragen genau so dumm und gerade heraus, weil ich Angst habe, etwas Falsches zu tun. Magie des Augenblicks: esoterischer Humbug.
„Irgendwann bringt auch jede noch so freundschaftlich gemeinte Umarmung nichts mehr, weil sie nur den Schmerz aus einem heraus presst. Diese Momente kommen und gehen. Sie tun weh, aber sie sind nicht dauerhaft. Die Frage ist nur, wann diese Momente keine Löcher mehr sind, aus denen ich raus krabbeln kann, sondern ein Abgrund.“
Wieder ein Monolog, diesmal von ihr. Mich fröstelt es überall.

Die Probleme im Großen und im Kleinen ähneln sich.

photo CC BY 2.0 derya