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In den Brunnen

Gespräche in der Dunkelheit. Bis beide weinen. Einsamkeit hängt nicht davon ab, wie viele Menschen um dich rum sind. Diese Dunkelheit schützt vor nichts. Es ist nicht so dunkel, weil es Nacht ist, sondern weil wir in den Brunnen gestiegen sind, so tief, dass kein Licht der Welt uns mehr erreicht. Ich habe schon lange keine so lange Reise mehr unternommen. War ich überhaupt schon einmal so tief? Es tut weh. Ich stelle mir vor die Schmerzen seien wie Blutegel, die Wunden reinigen. Jeder Satz hallt in mir nach, lange noch. Wahrscheinlich werde ich mich Jahre später noch an diese Gespräche erinnern, so wie immer, so wie damals, als wir über pochierte Eier und Harry Potter redeten. Ohne zu weinen.

Ich träume von Reptilienmenschen und Zügen, in denen zusammengewürfelte Sofalandschaften stehen. Der Zugführer erklärt mir den neusten lokalpolitischen Skandal.
Bald beginnt die Uni wieder und ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll. Treffe viele Menschen wieder. Das fühlt sich gut an.

Und es ist noch ein wenig Herzesbrecherkäse im Kühlschrank. So schlimm kann es also gar nicht sein.
« C‘est tellement mysterieux, ce pays de larmes. »

Und plötzlich weiß ich, welches Lied ich jetzt hören muss.

Photo: Kunstschatten in de Sint Pietersberg

Mondschein

Der Mond ist so hell in letzter Zeit. Ein milchiges Glasauge, das auf die Erde starrt. Tröstendes, melancholisches Licht in langen Nächten.

Ich stehe im Gang und suche mit der Hand nach dem Lichtschalter. Einen Moment lang ist es völlig dunkel um mich herum. Ich erlaube meinen Augen nicht, sich anzupassen. Genieße die Dunkelheit. Pitch black. Fast wie meine Träume.

Der Mond regt meinen Kopf an. Ich stehe auf dem Balkon, auf dem bereits der Herbst wie ein düsterer Lehnsherr mit Knochenzepter herrscht. Die Wolken um unseren natürlichen Satelliten sind gefärbt. Gelb und violett. Vielleicht bilde ich mir das nur ein. Sieht ein wenig aus wie das Cover von „Dark Side Of the Moon“, nur nicht ganz so bunt. Die Wirklichkeit bietet weniger als der Traum.

Ich mag die Dunkelheit. Langsam gewöhnen sich meine Augen doch an sie. Das Badezimmerlicht blitzt auf, flackert, noch während ich mein Wasserglas fülle. Ich schaue meinen Kopf an, der im Spiegel viel zu groß wirkt. Ich schneide Grimassen. Hilft nichts, mein Kopf bleibt zu groß, wie bei einer dieser Karikaturen, die Leute in Tourismusorten in einer Viertelstunde auf der Straße von jemanden malen. Vielleicht ist das eine Metapher.

Letztes Jahr hat der Herbst viele Hoffnungen gesät. Und ich habe Sturm geerntet, der wie ein gigantisches Ungeheuer über das Land zog und die Ernte vernichtete. Der Mond greift nicht in kosmische Geschicke ein. Ein neutraler Gesteinshaufen, um die Erde torkelnd. Sein Licht ist nicht wertend. Er ist ein zutiefst demokratischer Fels.

Er hört nicht hin, wenn die Spaßguerilla mit ernster Mine verkündet: „Wir müssen dafür sorgen, die Albedo der Erde nicht noch weiter herabzusetzen. Mach mit, spucke deinen Kaugummi auf den schwarzen Asphalt oder verschütte einen Eimer weiße Farbe. Besonders jetzt, im Sommer!“ Er kümmert sich nicht einmal. Denn er weiß: seine Einsamkeit trifft alle. Der kalte Wind scheint direkt aus seiner Umlaufbahn zu kommen.

Es ist egal, ob es die Kühle des Herbstes oder die Traurigkeit des Mondes ist, die diese resignierten Erwartungen bei mir aufrufen. Oder ob das alles nur Annahmen sind. In der Dunkelheit ist es angenehmer als im Licht. Sie schützt mich vor Dingen, die ich nicht sehen will. Und, wie ich es mir einbilde, vor Geräuschen, die ich nicht hören will. Zumindest für den kurzen Moment, bevor ich den Lichtschalter gefunden habe.

in aller Demut

Ich weiß nicht genau, seit wann ich ben_s Blog Anmut und Demut lese. Vielleicht drei, allerhöchstens vier Jahre. Das ist nicht so lange, denn Anmut und Demut wird heute zehn Jahre alt. Damit haben ben_ und ich was gemeinsam: wir haben 2001 mit bloggen angefangen. Denn auch die ältesten Posts in diesem meinem (nicht immer so ganz bescheidenen) Blog werden dieses Jahr zehn Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch, ben_! Ich habe bei Anmut und Demut viel gelernt. Über das Internet, über Literatur, über mich selbst. Darüber, wie ich bloggen will. Ich weiß auch ncht, wie ich auf anmut und demut gestoßen bin. Vielleicht über wirres, vielleicht auch ganz anders. ben_ schafft es, die Dinge, die ihn interessieren, die er in den Weiten des schäumenden Ozeans den wir Internet nennen, findet, so zu präsentieren, dass ich mich sofort heimisch fühle in dem kleinen anmutigen Garten, den er angelegt hat.
Danke dafür!

Und alle, die anmut und demut noch nicht lesen: Schaut euch das Blog an, klickt euch durch! Kein anderes Blog ist so darauf angelegt, durchgestöbert zu werden. Wie ein schönes Antiquariat: du ziehst ein Buch heraus und entdeckst wieder drei neue, die du auch noch lesen willst.

photo cc by Yves Cosentino

Fuckfurt am Main

Gestrandet in Frankfurt. Wir sitzen auf dem Boden des Bahnhofsvorplatzes und überlegen, was wir tun sollen. Den Zug nach Wien haben wir gerade davonfahren sehen, es war der letzte an diesem Tag. Eine andere Möglichkeit gäbe es nicht mehr, meinte die freundliche Dame am Schalter, über unser Unglück bestürzt. Mitfahrgelegenheiten gibt es, zumindest auf die Schnelle, keine. Der Schalter der eurolines-Buslinien hat nicht einmal einen Fahrplan.

Ich denke laut über die Möglichkeit nach, ein Auto zu mieten. Und stelle mir vor, wie wir durch die Nacht nach Wien brausen, wie die Kilometerzahl auf den Schildern immer kleiner wird. Das Radio würde laufen, weil natürlich niemand CDs dabei hat. Ich würde mir vorkommen wie damals, in dieser Oktobernacht, als ich umgezogen bin. Wien hat mich damals mit leichtem Schneefall begrüßt. Ich stelle mir vor, wie wir erst aufgeregt reden und uns über die Landschaft und die zu sehenden Gebäude an beiden Seiten der Autobahn freuen würden, dann immer müder würden. Es würde still werden im Auto, bis ich schließlich mit dem Kopf gegen der Scheibe einschlafen würde, das Dröhnen des Motors im Hinterkopf, die sanfte Vibration des Fensters als Einschlafhilfe.
Es riecht nach Abenteuer, aber so wirklich begeistert die Idee niemanden.

Am Serviceschalter haben wir unglaubliches Glück. Der Bahnbedienstete drückt laut eigener Aussage durch „alle Hühneraugen zu“ und macht uns einen Stempel auf die Tickets. Kostenlose Weiterfahrt am nächsten Tag. Bei den Touristeninformationen ein Zettel mit Hostels. Ohne Stadtplan schwierig, denke ich, als uns jemand anspricht. Ob das Luxemburgisch sei, was wir da reden würden. Wir bejahen.

Er ist mit einem Sohn, Skateboardfahrer und begeistert von Hochhäusern, unterwegs. Sie sind aus Düsseldorf, fahren umsonst und brauchten nur eine Stunde nach Frankfurt, deshalb spontan ein Ausflug. Wir erzählen unsere Geschichte. Eigentlich erzählen A. und M. unsere Geschichte, ich bleibe bis auf ein paar Lacher still, entdecke während dem Gespräch das Plakat eines Hostels gleich gegenüber vom Bahnhof.

Der Aufzug ist das einzige fahrbare Spiegelkabinett Europas. Ich sehe tausende müde Gesichter. Das Hostel ist nicht zu teuer für eine Nacht, wir nehmen ein Dreibettzimmer, erholen uns kurz und beschließen nach einem kurzen Blick ins Internet, Frankfurt auf eigene Faust unsicher zu machen.

Wir gehen die Straße entlang, lachen über die Namen der Sexshops und wundern uns über die Hochhäuser. Der Skateboardervater und sein Sohn kommen uns mit einem Eis entgegen und erzählen uns, dass sie auf einem Hochhaus waren. Dort wird jetzt der Wetterbericht gedreht. Die Ampel, die wir überqueren wollen, wird dreimal grün, ehe wir schlussendlich gehen.

Irgendwann stehen wir vor der europäischen Zentralbank. Ein hässliches Eurozeichen aus blauem Kunststoff steht davor. Mit gelben Sternchen. Während dem späteren Verlauf der Reise wird öfters die Frage aufkommen, warum sich reiche Menschen oft schrecklich hässlich kleiden oder schmücken. Ich wage zu behaupten, dass in Banken ganz oft ein bis zwei Menschen mit Geschmack und Sinn für Kunst sitzen, die sich relativ geschmackvolle Werke vor oder in das Bankgebäude stellen. Das blaue Eurozeichen scheint nur für Symbolbilder in den Massenmedien gedacht zu sein. Eurozeichnen vor blauem Himmel. Eurozeichen vor grauem Himmel. An diesem Tag wäre wohl ob der wirtschaftlichen Lage am passendsten: Eurozeichnen wird vom Blitz getroffen, im Hintergrund regnet es Blut.

Wir machen trotzdem Fotos von dem Eurozeichen und der Zentralbank, so etwas kann man immer gebrauchen. Und sei es nur für eine drittklassige Fotomontage, die man in einem sozialen Netzwerk postet.

Wir suchen ein Restaurant und finden den wohl besten Döner der Stadt. Wir essen und reden über Wien, versuchen zu planen, was wir uns so ansehen wollen. Der Inhaber fragt, ob er sich zu uns setzen kann. Wir trinken den Tee, den es freundlicherweise umsonst gibt, rauchen und sprechen Luxemburgisch, was den Mann sichtlich verwirrt. Immer, wenn ein Wort Deutsch klingt, sieht er uns verwirrt an – zu fragen traut er sich aber offensichtlich nicht.

Richtung Main, irgendeine Brücke, Harndrang. Am anderen Ufer eine Kirmes.
Ein Feuerwerk wird aufgebaut, wir können nicht mehr direkt am Wasser gehen. Also wechseln wir wieder das Ufer, gehen über die Kirmes, die uns nicht interessiert, die uns nichts angeht. Merkwürdiger Anblick: eine bunte Saftbar hinter einem halb abgerissenen Haus. Wir drehen uns um und sehen die Altstadt von Frankfurt. Das, was noch davon übrig ist. Die sprichwörtlichen 180 Grad also.

Wir kaufen uns ein Eis. Im Eisladen gibt es riesige Plasmafernsehschirme, auf denen eine Dokumentation über Luxemburg läuft. Ironie des Schicksals oder nur schlechtes Fernsehprogramm? Aber wir sind ja wegen dem Eis dort. Also, eigentlich sind wir nur dort, weil wir den Zug verpasst haben und jetzt Beschäftigung brauchen, aber jetzt noch der Geschichte herum zureiten bringt ja auch nichts.

Das Maggie-Kochstudio. Oder ein Laden, der das zumindest vorgibt. Ich verstehe das nicht, aber ich verstehe diese merkwürdigen halbfertig-Pulverkochbeutel auch nicht. Manchmal muss es halt schnell gehen. Und im Nobelrestaurant dauert es immer so lange. Wer will das schon, nach einem anstrengenden Börsentag?

In den Sexshops rund um den Bahnhof kennt niemand einen bestimmten Pornodarsteller, nach dem meine Begleiterin sucht. Wir werden an den „King of Porn“ verwiesen. Er stellt sich als sportlich gekleideter junger Typ mit Baseballcap heraus. Der Name sagt ihm aber auch nichts. Ersatzbeschäftigung: Wir schauen uns Dildos an. Und Plastikvaginas. Es gibt merklich weniger Plastikvaginas als Dildos und Vibratoren. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, welchen Grund es dafür geben könnte. Würde nur in merkwürdigen Klischees enden. Wie in dem Aufklärungsbuch. „Jungs können viel besser zielen.“ -„Mädchen können dafür besser zielen“. Hab ich nie verstanden. Der Sexshop steht direkt neben unserem Hostel. Dennoch rauchen wir noch eine, ehe wir wieder in den psychedelischen Aufzug steigen müssen.

Noch ein Bier in der Bar des Hostels. Es ist voll mit lauten, jungen Menschen. Was machen die in Frankfurt? So viele Leute können doch gar nicht ihre Züge verpassen. Englische Metalfans mit Wacken-Tshirts breiten sich auf dem Raucherbalkon neben uns aus. Wir führen Tagebuch, ich unterschreibe mit „Mr. Mietzekatze“.

Auf dem freien Balkon reden wir über Prostituierte. Es regnet. Macht die Stadt auch nicht schöner. Neben uns steht eine junge Frau. Ich frage mich, ob sie uns versteht. Sie lächelt nicht wirklich, aber unsympathisch sieht sie auch nicht aus. Vielleicht hätte sie gerne mit uns geredet. Über Prostituierte.

Im dunklen Zimmer wird ein Text über den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg vorgelesen. Ich reise in Gedanken schon nach Wien, als der Schlaf mich überfällt.