Wanderungen (II)


Samstag, irgendwann am frühen Vormittag im späten Februar.
Ich trage rosa Plüschhasenohren und eine Jogginghose. Ich genieße die verwirrten Blicke der Menschen im Supermarkt, die mich in der Schlange vor sich lassen, weil ich nur eine Packung Eier und ein Glas Oliven kaufe. Es scheint sich niemand zu trauen, mich zu fragen, warum ich diesen dann doch etwas eigenwilligen Kopfschmuck trage. Vielleicht interessiert es auch niemanden. Ich werde auch sonst merkwürdig angeschaut, wenn ich merkwürdige Zusammenstellungen auf das Kassenband lege. Muss an meinem allgemeinen Erscheinungsbild liegen, ob mit oder ohne Hasenohren.

Die Nacht, die hinter mir liegt, ist voller Verwirrungen, die mit einer Flasche Aperol angefangen haben. Die Tragweite der Ereignisse werde ich erst viel später begreifen, falls ich sie überhaupt je begreifen werde.

Mein erster Gedanke war also die Flucht. Zurückblickend ist das wenig verwunderlich, aber jetzt weiß ich das noch nicht, jetzt stehe ich an der Supermarktkasse und krame nach Münzen, um den Betrag gleich richtig zu zahlen und nicht noch mehr Kleingeld mit mir herumschleppen zu müssen. Und ich stehe hier, weil ich Eier und Oliven kaufen will. Denke ich auf jeden Fall. Warum ich wirklich aus meiner eigenen Wohnung geflohen bin, daran wage ich nicht zu denken. Deshalb denke ich nur an die Eier und das Glas Oliven, nicht an die Gründe meiner Flucht, die sich in kalten Betten herumwälzen, in denen ich keinen Schlaf mehr finde.

Als ich den Supermarkt verlasse und die nächste Person mich merkwürdig anschaut, frage ich mich, ob ich nicht etwas vergessen habe. Vielleicht noch eine Flasche Alkohol, die wieder alles egal macht, die Mattheit in Müdigkeit verwandelt und traumlose Alpträume beschert.

Als ob es am Alkohol gelegen hätte.

Ich gehe zurück zu meiner Wohnung – aber nur, weil ich nicht weiß, wohin ich sonst soll, mit den Eiern und dem Glas Oliven unter dem Arm. Ein Gefühl, das ich noch viel zu oft erleben werde. Aber das weiß ich jetzt noch nicht und gehe deshalb frohen Mutes nach Hause, ohne mich über den bitteren Geschmack, der mir im Rachen sitzt, zu kümmern. Ich kümmere mich nicht. Noch schauen mich alle nur so an, weil ich Hasenohren trage.

photo cc by D‘Arcy Norman

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