_

long gone day

Isn‘t it so strange
How far away we all are now
Am I the only one who remembers that summer

Ich erinnere mich an eine Sommernacht an einer Bushaltestelle in Oberschlesien. Wie verwirrt ich war, obwohl eigentlich alles ganz klar war. Ein guter Abend, zuckersüß im Sonnenuntergang der Erinnerung.

Und sehr gut, ein Blog zu haben, um die Erinnerung an solche Tage zurückzurufen. Ich sollte viel mehr aufschreiben, alles am Besten, jeden Tag. Auch wenn ich die Stunden, die ich vor der Maschine darauf verwende, nie wieder kriege, so ist das besser, als andere anderen nicht wieder erleben zu können.

Wo sind die Tage hin? Wo die Menschen? Kommen bessere? Kommen schlechtere?
Ich glorifiziere Jahre, in denen es mir nicht besser ging als jetzt, in denen ich ein sehr viel weniger umgänglicher Mensch war als ich es heute bin. Und es fällt mir heute kaum noch auf, wie ich damals war, wie schwierig Dinge waren, die mir heute selbstverständlich erscheinen.

Und dennoch vermisse ich diese Zeit.

In den richtig schwierigen Situationen, den tiefen Löchern, in die ich an manchen Tagen stolpere, denke ich zurück, weil ich mich wieder so fühle wie damals. Wusste ich damals, was ich tun musste, um es besser zu machen. Wusste ich, was ich tun konnte, um die Gedanken in meinem Kopf weniger laut werden zu lassen?

Damals hab ich mich hingesetzt und einen Text geschrieben. Scheint, als würde ich das heute ebenso machen.

Es kommt ein neuer Sommer und mit ihm laue Abende und Nächte an Bushaltestellen, auf Balkonen und an Seeufern. Vielleicht verbringe ich sie mit Menschen, die ich lange nicht gesehen habe. Ich darf nur nicht vergessen, sie in irgendeiner Art und Weise zu verschriftlichen.

Die Zeilen in kursiv sind Teile der Lyrics des hier verlinkten Liedes „Long Gone Day“ der Band Mad Season. Geschrieben und komponiert wurde das Lied von Martin, McCready, Staley, Lanegan.

Johann Wolfgang von Goethe – Die Leiden des jungen Werther

Mein erster Goethe. Ich bin einerseits froh, das Buch nicht als von unerwiderter Liebe gebeutelter Teenager zu lesen, andererseits wäre es vielleicht gerade in so einer Situation an der Zeit gewesen, Sturm und Drang aus erster Hand zu erlesen. Vielleicht sollte ich nochmal lesen, was ich damals, in „ähnlichen“ Situationen wie Werther, so gedacht und geschrieben habe.

Die Postmoderne straft mich beim „ersten Eindruck“ mal wieder: In der Schule haben wir „Die neuen Leiden des jungen W.“ gelesen, das natürlich nicht an den guten alten Johann Wolfgang von herankommen kann und zumindest in meiner Erinnerung auch eher ein Klamaukstück war. Ich finde, da könnten Lehrer_innen durchaus mehr Rücksicht nehmen und eventuelle erste Leseerlebnisse nicht zerstören.

Es ist gut, dass es Reclamhefte gibt, die in die Jackentasche passen. So habe ich den Werther vor allem in der Straßenbahn und im Park gelesen. Ich bin auf jeden Fall begeistert davon, was und wie viel ich bisher versäumt habe. Ein bisschen verwundert haben mich die Reaktionen von Menschen, denen ich erzählt habe, dass ich den Werther gerade lese: „Bei dem schönen Wetter?“ oder „Ist dir das nicht zu depressiv?“ waren die häufigsten Fragen. Und dabei ist doch gerade der erste Teil sehr lebensbejahend.

Bild von Daniel Chodowiecki, gemeinfrei.

1001 x Silent Running

Radio ARA, der freie Radiosender in Luxemburg, bei dem ich jeden Montag meine Sendung Crumble sende, wird im Dezember 2012 zwanzig Jahre alt. Einige Sendungen, die von Anfang an bestanden, gibt es noch immer, so z.B. die Electronica-Sendung Silent Running von Gast. Über 1000 Sendungen von Silent Running wurden schon ausgestrahlt. Die 1001. wurde von Gasts Sohn gefilmt:

So sieht das übrigens nicht während den seltenen Gelegenheiten, zu denen ich Livesendungen fahre, aus. Ich brauche wohl noch mindestens dreizehn Jahre, bis ich so cool und gelassen hinter dem Mischpult sitze.

Daria

Ich schreibe gerade an einem längeren Post über Umwelt- und Naturschutz, der sozusagen der Auftakt einer Serie über Umweltthemen darstellen soll. Da ich aber gerade nicht so wirklich vorankomme – überwältigendes Lebensgefühl gerade – will ich euch auf eine Perle des Zeichentricks hinweisen: Daria.

Daria ist Siebzehn, lebt in Lawndale und geht dort zur Schule. Wer Beavis and Butt-head gesehen hat, wird sich eventuell an Daria erinnern. Und Kinder 1990er kennen die Serie wahrscheinlich eh besser. Ich habe sie erst vor kurzem entdeckt. Auf soup.io sind öfters Screenshots von Daria zu sehen gewesen, ich konnte das aber nur so weit einordnen, als dass das Mädchen mit den zynischen Sprüchen wohl irgendetwas mit Beavis and Butt-head zu tun hätte. Irgendwie bin ich dann drauf gekommen, dass MTV auf ihrer Streaming-Webseite Liquid Television, der alternative to reality, alle Daria-Folgen im Stream anbietet. Allerdings sind es die Versionen, die auch auf DVD veröffentlicht wurden – im Fernsehen ist die Serie mit zeitgenössischer Musik gelaufen, deren Lizenzierung für die DVD-Veröffentlichung (und Stream) zu teuer gewesen wäre. Das ist auch etwas, was eins sich mal auf der Zunge zergehen lassen muss: MTV hat nicht genug Geld für Musiklizenzierung.

Ich mag Daria. Sie ist sarkastisch, sie liest gerne Bücher und kümmert sich nicht um Aussehen. Sie schreibt gerne, ihre beste (und einzige) Freundin Jane malt gerne. Was wären das für Rollenbilder für mich gewesen! Ich wünsche mir wirklich, ich hätte Daria als Teenager gekannt. Vielleicht hätte ich keine so große Faszination für Neon Genesis Evangelion entwickelt, aber ich wäre vielleicht früher auf den Geschmack von Grunge gekommen – und das kann ja nun mal nichts schlechtes sein. Vielleicht mag ich die Serie aber auch so sehr, weil mich Daria schon ziemlich an mich erinnert (Die Kontaktlinsendiskussion!) und ich von dieser 1990er-Subkultur ziemlich angetan bin. Warum auch immer. Vor ein paar Jahren hätte ich auf die Frage noch geantwortet: Weil es zu meiner Jugend keine „Bewegung“, keine „Subkultur“ gab oder gibt und Grunge das letzte war, bevor es nichts mehr gab. Aber ich weiß nicht mal, ob das stimmt. Wahrscheinlich nicht.

Schaut euch Daria an! Oder: Schaut euch Daria nochmal an. In Zeiten, in denen Jugendliche halbseidenen NGOs hinterherhecheln, können wir ein paar Darias gebrauchen, die uns erden.

(Und als ich auf twitter nach Jahren mich wieder einmal selbst fragte, ob eins sich in Zeichentrickfiguren verlieben könnte, passierten merkwürdige Dinge.)

photo cc by-sa Daniel Schwenn. Und ja, das ist Seattle, weil mir nichts kreativeres eingefallen ist. Aber hey, nichts sagt so sehr Neunziger wie die Stadt!