Natur schützen?

Nationalpark Hohe Tauern, public domainNationalpark Hohe Tauern, public domain

Ich habe versprochen, mehr zu bloggen. Bisher ist es noch nicht wirklich dazu gekommen. Und ehe ich über die fast zwölftägige Interrailreise im Februar berichte, möchte ich dazu noch Fotos haben, und dazu muss der analoge Film voll werden, und ich mag es nicht, Fotos zu verschwenden. Das sind zumindest in meinem Kopf gute Entschuldigen dafür, nicht mit etwas anzufangen, das Arbeit bedeutet.
Ich habe auch versprochen, mehr über Umweltthemen zu bloggen. Immerhin studiere ich was mit Umwelt und bilde mir deshalb ein, meine „fachliche“ Meinung in die Welt posaunen zu müssen.

Und wenn ich über Umwelt- oder Naturschutz rede, dann sollten wir doch mal ganz klassisch mit einer Begriffsbestimmung anfangen. Wovon reden wir denn da alle eigentlich ständig?

Umweltschutz. Oder Naturschutz. Scheint austauschbar zu sein. Was will denn da geschützt werden?

Was ist Umwelt?
Umwelt erklärt sich ziemlich von selbst: die Welt um uns herum. Es braucht aber für die Umwelt immer ein Subjekt, um das die Umwelt herum ist. Das kann die Menschheit oder ein ganz bestimmtes Tier sein. Der Begriff ist ziemlich schwammig und wurde von mehren Wissenschaften mit eigener Bedeutung aufgeladen. Genaugenomen wäre die Stadt für viele Menschen ihre Umwelt. Asphalt, Häuser und Autos sind aber nicht unbedingt das, war wir schützen wollen, wenn wir von Umweltschutz reden.

Was ist Natur?
Natur stammt aus dem Lateinischen Wort natura, von nasci „entstehen, geboren werden“ und wird meistens als „alles, was nicht von Menschen gemacht wurde“ bezeichnet. Zumindest in West- und Mitteleuropa gibt es kaum noch Gebiete, die frei von menschlichem Einfluss wären. Das allermeiste, was wir um uns herum sehen, ist Kulturlandschaft. Natürlich entsteht nicht jeder Baum, weil er von Menschen gepflanzt wird. Wenn Natur im Gegensatz zur Kultur steht, dann gibt es nur noch sehr wenige Natur. Ich werde jetzt ab jetzt in diesem Artikel „Kultur“ immer als Begriff des Menschengemachten, nicht-Natürlichen verwenden. Kultur stammt ja aus dem lateinischen cultura „Bearbeitung, Pflege, Ackerbau“.
Wir können aber auch noch ein anderes Fass aufmachen und Wildnis zu dem sagen, was ich bis jetzt Natur genannt habe. Die Unterteilung zwischen Natur und Kultur(landschaft) bleibt zwar schwammig, aber wir können eine Reihung machen:
WildnisNaturKultur
UrwaldWaldStadt

Elakala WaterfallsElakala Waterfalls cc by Forest Wander

Mit dem Wald habe ich es mir jetzt sehr leicht getan, denn Urwälder sind das klassische Beispiel für Wildnis. (Die an ihren Grenzen allerdings auch nicht vom Menschen unbeeinflusst ist. Und dass sie heute noch Wildnis ist und das wohl auch bleibt, ist ja auch eine Einflussnahme.) Vielleicht hätte ich statt „Stadt“ auch „Plantage“ als eine klar zu erkennende Kulturlandschaft setzen können, die nur durch menschliche Aktivität so besteht, während der Wald, obwohl je nach Nutzungsform mehr oder weniger stark beeinflusst, mehr oder weniger so bleibt, auch wenn es keine menschlichen Aktivitäten mehr gibt. Wobei er ja dann nach x Zeit wieder als „Urwald“ begriffen würde. (Die Plantage übrigens auch.)

Vielleicht könnte ich Natur dadurch von „Kultur“ abgrenzen, indem ich behaupte, dass Kultur immer menschliche Aktivität braucht, um so zu bleiben, wie sie ist. Nur: das ist eine blöde Definition, wenn es um Naturschutz geht. Manche Biotope bleiben ohne menschliche Aktivität nicht so, wie wir das wollen. Trockenrasen zum Beispiel brauchen oft eine gewisse Art und Weise der Pflege. Zum Beispiel eine extensive Beweidung durch gewisse Schafrassen. Wildnis ist das auf keinen Fall, Natur – nach der von mir aufgestellten Definition – auch nicht so wirklich, auch nicht, als Kultur würden die meisten Menschen es wohl auch nicht bezeichnen. So eine Beweidung wird oft als Umwelt- oder Naturschutzmaßnahme gefördert. Kompliziert.

Ich könnte auch versuchen, das Problem von der anderen Seite aufzurollen: Je nach dem, wie anthropozentrisch an den Umwelt (oder auch Natur)-Begriff herangegangen wird, werden Menschen als Teil der Natur gesehen (Stichwort Deep Ecology). Was dann wieder die Frage aufwirft, warum es überhaupt so etwas wie Kultur gibt. Und ob z.B. ein Biberdamm nicht auch so etwas wie ein Kulturbau ist. Der Biber verändert seine „natürliche Umwelt“, um einen Vorteil für sich zu gewinnen, was wir durchaus als Kultur ansehen könnten.
Es gilt also: Auch wenn wir uns als Teil der Natur sehen können, so ist unser Naturbegriff meistens ein Abgrenzungsbegriff. Kultur war erst einmal ein Schutz gegen die Wildnis, bevor wir die Wildnis zähmten, zerstörten und irgendwann drauf kamen, dass wir sie vielleicht dann doch schützen sollten.

Bei meinem Biberbeispiel habe ich die Zusammenlegung beider Begriffe schon verwendet: natürliche Umwelt. Ist das für mich schon der Türkenschanzpark oder erst der Wienerwald? Ironischerweise bin ich ja selbst „Technicien de l´environnement naturel“.

Wir können festhalten: Sowohl der Natur- als auch der Umweltbegriff sind schwammig. Oder zumindest an den Rändern ausgefranst: Zwar ist meistens klar, was wir mit Natur oder Umwelt meinen, aber klar definiert sind die Begriffe nicht. Und was schützen wir dann?

Die Frage lässt sich bessere für einzelne Schutzprojekte (oder Vorhaben) klären und hat oft mit dem „Warum“ zu tun.

Biber schwimmt durch einen SeeBiber schwimmt durch einen See im Quebec cc by Declic

Warum Naturschutz?
Es gibt einige Beweggründe, Natur zu schützen. Ich werde im Folgenden versuchen, einige aufzuzählen, will aber vorausschicken, dass es oft auch diffuse Mischungen sind, die nicht unbedingt zu trennen sind. Und natürlich gibt es auch Menschen oder Organisationen, die den einen Beweggrund angeben, aber einen andere Motivation als treibende Kraft haben.

Romantik
Eine romantische Naturvorstellung geht oft von einer „unberührten, wilden“ Natur aus, die als Wildniss zu schützen ist. Die Schönheit der Natur reicht als Bewegunggrund zum Schutz. Menschen werden nicht als Teil der Natur gesehen, sondern als hauptsächlich zerstörende Kraft. So eine Motivation führt oft zu einer konservativistischen Haltung. Da die Natur möglichst rein und unberührt bleiben soll, muss sie vor jedem menschlichen Zugriff geschützt werden. Glaskugeln gibt es in ausreichender Größe zum Glück nicht, deshalb steht um Gebiete, die mit so einer Haltung geschützt werden, oft ein Maschendrahtzaun. Ich bin mir selbst nicht sicher, wie sehr diese Form der Schutzgebiete tatsächlich „unberührten“ Gebieten wie Regen(ur)wälder oder die Antarktis nicht doch zu Gute kommen. In der Praxis kann es sogar dazu kommen, dass der oben schon erwähnte Trockenrasen verbuscht und die Pflanzen, die eigentlich geschützt werden sollten, nach einigen Jahren oder Jahrzehnten gar nicht mehr vorkommen. Nicht trotz, sondern gerade wegen dem Zaun drum. Das hat aber dann auch damit zu tun, dass ein Trockenrasen in dem Fall eben eine selten gewordene Kulturlandschaftsform ist, die wegen ihrer Schönheit als schützenswert gilt.
Es stellt sich auch die Frage, wessen Schönheitsbegriff angewendet wird, wer diese Gebiete betreten kann und darf, zB. für Erholungszwecke oder für Jagd und Fischerei.

Mitgefühl
Naturschutz aus Mitgefühl kann, muss den Menschen aber nicht in den Naturbegriff einbeziehen. Die Motivation zum Naturschutz ist ähnlich wie sie oft beim Vegetarismus oder Veganismus geäußert wird: Leiden soll vermeidet werden. Welche Handlungsperspektiven das für Naturschutz gibt, finde ich persönlich schwierig zu bewerten, da sich durch menschliche Aktionen immer Leiden an anderen Lebewesen ergibt und manchmal eine Hierarchie erstellt wird, auf der süße oder intelligente Tiere oft ganz oben sind. Mit Steinen hat niemand Mitgefühl, die sind aber auch Teil unserer Umwelt und können sogenannte „Naturdenkmale“ bilden. Naturschutzorganisationen nutzen Mitgefühl und die erwähnten süßen Tiere oft aus, um ihre Ziel zu erreichen: der WWF hat sogar eins als Logo. Symboltiere haben durchaus einen Sinn, aber es geht halt auch nicht immer um Fischotter, Wale oder sonstige flauschige Gesellen. Außerdem können andere Gebiete oder Arten, die durchaus auch als „schützenswert“ gelten, aber keinen Flausch-Bonus haben, in Vergessenheit geraten oder weniger Geld bekommen. Mitgefühl kann also durchaus ein zweischneidiges Schwert sein.

SchleiereuleSchleiereule © (CC BY-SA 3.0) by Luc Viatour

Ressourcen
Die Natur als Lager von Ressourcen zu sehen, die es zu möglichst effizient zu nützen gilt, ist ein sehr technischer Ansatz. Die Forstwirtschaft ist ja besonders stolz darauf, den Begriff Nachhaltigkeit, der in letzter Zeit so unglaublich oft benutzt wird, erfunden zu haben. Der Ansatz, dass nachwachsende Rohstoffe auch noch für kommende Generationen vorhanden sein sollen, ereicht spätestens an dem Punkt, an dem die Spekulationen über die Bedürfnisse und Beschaffenheit der kommenden Generationen, enorme Schwierigkeiten. Was nicht heißt, dass der Versuch nicht lobenswert ist. Ich will jedoch Zweifel anmelden, ob es immer möglich sein wird, oder ob die Verfügbarkeit für spätere Generationen die einzige Zielfunktion in einer solchen Rechnung sein sollte. Denn jede Ressource ist endlich und auch nachwachsende Ressourcen können nicht ins Unendliche wachsen.
Der Ressourcenansatz ist natürlich meistens sehr anthropozentrisch und kann zu einfach wirkenden technischen (oder marktorientierte monetäre) Lösungen für sehr komplexe Probleme führen. Wer Artenvielfalt als Ressource erhalten will, kann auch zum dem Schluss kommen, dass es reicht, Erbmaterial von den entsprechenden Arten zu sammeln und zu erhalten, vergisst aber vielleicht dass genetische Vielfalt ebenso wichtig sein kann. Außerdem ist es ziemlich unmöglich abzusehen, was einmal als Ressource wichtig sein könnte. Hierarchiebildungen sind aber schon deshalb problematisch, weil einzelne Arten oder Gebiete niemals getrennt von übergeordneten Ökosystemebenen betrachtet werden können.

Überleben
Momentan gibt es in den internationalen Verhandlungen zu einem neuen Klimaabkommen à la Kyoto das Hauptziel, die Klimaerwärmung nicht 2°C im Weltjahresmittel überschreiten zu lassen, da die Folgen davon möglicherweise katastrophal wären und positive Feedbacks auslösen könnten, die die Erwärmung (und ihre Probleme) noch verstärken würden. Das ist ein typisches Beispiel für die Überlebensmotivation. Hier geht es im Diskurs wohl eher um „Umweltschutz“ oder „Klimaschutz“, grundsätzlich lässt sich das aber auch auf „Natur“ runterbrechen. Auch hier gilt das, was ich bei den Ressourcen zu technischen und monetären Lösungen gesagt habe.
Interessanterweise ist die „Überleben“-Motivation für Naturschutz relativ neu, eine ganz lange Zeit während der westlichen Kulturgeschichte galt die Natur als feindlich. hic sunt dracones usw. Was ja durchaus in manchen Bereichen die Quelle des heutigen Problems und wohl auch mit-Auslöser des „Menschen sind schlecht für die Natur“-Gedankens im romantischen Naturschutzgedanken sind. (Ich würde dem christlichen Konzept der Erbsünde auch Mitschuld an solchen Gedanken geben, aber ich bin kein Psychologe.)
Auch hier gilt wieder: Um wessen Überleben geht es? Die Frage bezieht sich einerseits auf die Menschen, gleichermaßen aber auch für alle anderen Lebewesen. Sehr oft ist mit „die Welt retten“ ja eher „die Menschheit im globalen Norden“ gemeint. Den Planeten oder auch „nur“ alles Leben völlig zu zerstören ist auch sehr schwer, es geht meistens um das Überleben der Menschheit.

Lactarius indigoLactarius indigo cc by Dan Molter

Intakte Ökosysteme
Der Wunsch nach intakten Ökosystemen scheint auf den Erkenntnissen der Ökologie zu fußen und wirkt dementsprechend wissenschaftlich. Wie die Schutzhandlungen hier aussehen, hängt ganz davon ab, wie intakte Ökosysteme verstanden werden. Es gibt (ganz grob) zwei unterschiedliche Theorien, die oft an einem Flugzeug-Beispiel erklärt werden. Das Flugzeug hat eine_n Pilot_in, wenn diese_r stirbt, dann ist das Flugzeug dem Untergang geweiht und stürzt ab. Hier wird davon ausgegangen, dass es in Ökosystem besonders wichtige Arten gibt, ohne die es nicht funktionieren kann. Die andere Idee geht von einem Zusammenspiel aus, in dem die einzelnen Arten als Nieten, die das Flugzeug zusammenhalten, verstanden werden. Löst sich eine Niete, so passiert erst einmal nichts, die Sicherheit ist dennoch gefährdet, es können sich mehr Nieten lösen und das Flugzeug fällt auseinander. (Das Bild hinkt eventuell ein bisschen, ich kenne mich nicht sonderlich gut mit Flugzeugen aus.)
Wahrscheinlich liegt die „Wahrheit“ für viele Ökosysteme irgendwo dazwischen und ist wesentlich komplexer. Ökosysteme sind immer komplex (oder eher „chaotisch“), was den Versuch, sie als mechanische oder kybernetische Maschine zu betrachten, abwegig macht. Was ist überhaupt ein intaktes Ökosystem? Wer bestimmt das und wie lässt sich das feststellen? Manchmal spielen Faktoren eine Rolle, die wir gar nicht kennen, bevor sie nicht mehr vorhanden sind und das System zusammenbricht (oder eher: sich verändert). Ein interessanter Aspekt, wie komplex die Materie ist, bietet auch die SLOSS-Debatte.

Und jetzt?
„Is eh ois Wurscht?“ mag sich da die eine oder der andere fragen. Die Gründe, Natur (oder Umwelt) zu schützen, sind eher diffus, gründen auf Bauchgefühl oder sind ziemlich schwierig zu bestimmen. Das färbt auf die Handlungsmöglichkeiten ab. Von der Glasglocke bis zum touristischen Ausflugsziel ist so ziemlich jede Abstufung drin. Ich finde es wichtig, die konkreten die Gründe für Naturschutzprojekte jeweils zu hinterfragen, denn es wäre mir lieber, wenn die Debatte anders geführt werden würde. Nämlich mit weniger flauschigen Tieren und vielleicht etwas mehr Ethik. Vor allem aber ist mir das Bewusstsein, dass es fast ausschließlich Kulturlandschaft ist, was wir da schützen wollen. „Natürlichkeit“ muss gar nicht gegen Gestaltungsfreiheit ausgespielt werden. „Naturnah“ scheint das Schlagwort zu sein, in Verbindung mit Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Bewirtschaftung, Herstellung, Joghurt. Im nächsten Satz folgt meistens „Nachhaltigkeit“.

Der Diskurs um Naturschutz sollte sachlicher und mit der menschlichen Gestaltungsfreiheit im Hinterkopf geführt werden. Wir haben die Landschaft gestaltet und sind fähig, das weiterhin zu tun. Wir sollten uns nur klar werden, wie sie aussehen soll. Insgesamt, nicht nur in ein paar Schutzgebieten. (Wobei Schutzgebiete durchaus eine wichtige Rolle spielen können, Korridore aber mindestens genauso wichtig sind, wenn es zB. um eine großflächige Erhaltung einer Art geht.) Dabei sollten wir auch die Natur in menschlichen Lebensräumen, z.B. in Städten bedenken. Eine der wichtigsten Lektionen meines Studiums war für mich bisher, dass es für Umweltprobleme keine Einheitslösungen gibt.

Back scattering crepuscular raysBack-scattering crepuscular rays cc by Dr. Andrew T. Young

10 Kommentare “Natur schützen?

  1. Ein interessanter, differenzierter Beitrag! Ergänzend würde ich sagen, dass das Verständnis von Natur und Umwelt nicht statisch ist, sondern sich stetig verändert. So muss man sich bewusst werden, dass der Begriff “Umwelt” im Deutschen oder “environnement” im Französischen erst ab Beginn der 1970er Jahre im heutigen Sinne verwendet wird. Auch das Bild des Ökosystems ist relativ rezent. Wörter und Konzepte haben einen sehr großen Einfluss auf unser Handeln.

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