Katerfrühstück.

NB: Das hier habe ich eigentlich für „Camp NaNoWriMo“ geschrieben. Wie auch letzten November bin ich mal wieder kläglich gescheitert, nachdem es ein paar Tage gut gelaufen ist. In Luxemburg hat das Sozialleben einfach mehr Spaß gemacht. Und irgendwer muss ja in hippen Kaffeehäusern sitzen und sich gut unterhalten.
Das hier ist wohl sehr offensichtlich von Daria und der Erkenntnis, dass Uni genauso schlimm wie sekundäre Schulen sein können, inspiriert. Bei Gefallen veröffentliche ich gerne mehr.

„Willst du alleine wohnen?“
Reba sah von ihrem Kaffee auf. Ihr Kopf schmerzte immer noch. Das starke Pochen, das sie am „Morgen“ verspürt hatte, war schon verschwunden, aber ihr Gehirn war offenbar immer noch zu groß für ihren Schädel. So, genau so nämlich, fühlte es sich an.
„Hmpf.“
„Bitte?“
Ihr bester Freund – und ihr einziger, was die Sache nicht unbedingt einfacherer machte – sah sie verständnislos an. Er hatte viel mehr getrunken als sie und trotzdem wirkte er frisch und munter. Seine Augenringe waren fast nicht sichtbar, während Rebas selbst unter ihrer großen Hornbrille sichtbar waren. Sie war keine sehr geübte Trinkerin, aber auf ihrer Abitur-Abschlussfeier hatte sie trinken müssen. Einerseits, um die Leute zu ertragen, die sie die letzten sieben Jahre ertragen hatte müssen und andererseits hatte sie ihren Erfolg feiern wollen. Sie fühlte sich zwar nicht so, als ob sie wirklich etwas geleistet hätte, aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie dieses eine Mal einen Sieg gegen das Universum errungen hatte. Nach all den Jahren der demütigen und unwürdigen Prozeduren, die offenbar gewissen Menschen als sinnvolle Art und Weise der Ausbildung vorschwebten, stand sie endlich am Ende und konnte selbst über ihr Leben bestimmen. Wenn Tri sie ließ, hieß das.
„Weißnich.“
„Weil du es noch nicht wissen willst, die Wohnungssuche so lange herauszögern willst, bis du du dich für irgendetwas entscheiden musst und deine Wohnsituation immer damit rechtfertigen kannst?“

„Kann sein. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass mein Kopf gerade wichtigere Dinge zu tun hat. Zum Beispiel sich von akuten Vergiftungserscheinungen zu erholen.“
Reba ließ ihren Schädel auf die Tischplatte fallen. Sie hob ihn wieder, rieb sich die schmerzende Stirn, murmelte „Nein, Ablenkung macht es nicht besser.“ und legte den Kopf wieder auf den Tisch, diesmal allerdings auf ihre Arme.
„Ich fürchte ich muss diese Stück Papier, das sie uns gestern gegeben haben, damit wir nicht wiederkommen, wieder abgeben.“
„Na komm. Wir ziehen beide in die gleiche Stadt und ich kriege im ersten Jahr einen Platz im Wohnheim. Ich wäre blöd, das nicht zu nehmen.“
„Weil du bei all dem Getier dort gleich noch Biologie als Nebenstudium machen kannst?“
Reba hob den Kopf wieder, nahm einen Schluck Kaffee und wartete auf eine Antwort.
Es kam keine. Tri – er hieß in Wirklichkeit Tristan, aber Tri klang seiner Meinung nach viel cooler und außerdem hätte er jeden Menschen unter 45 umgebracht, der ihn mit seinem vollen Namen angesprochen hätte. Zumindest hatte Reba diese Vorstellung, seit Tri mal so eine ähnliche Bemerkung gemacht hatte. Er war offenbar vertieft in etwas, was sich auf dem Bildschirm seines Laptops abspielte und hatte ihre Bemerkung nicht einmal wahrgenommen. Dabei war die echt gut gewesen.
„Stalkst du deine Mitbewohnerinnen jetzt schon?“
Wieder keine Reaktion.

Reba wusste wirklich nicht, ob sie alleine wohnen wollte oder in eine Wohngemeinschaft. Sie hatte mal einen Freund in einem Studierendenwohnheim besucht und nach den zweieinhalb Tagen, die sie dort verbracht hatte beschlossen, dass dies genug Zeit in Wohnheimen für ihr restliches Leben sei. Eine Wohngemeinschaft klang abenteuerlich und ökonomisch konnte es sicherlich auch nicht so schlecht sein, sich ein paar Räume und eventuell auch die Milch zu teilen. Und mit den richtigen Leuten wäre es sicher auch interessant. Aber „die richtigen Leute“ waren eher das Problem. Sie hatte Tri, und selbst mit Tri hatte sie ihre Schwierigkeiten gehabt – oder er mit ihr. Sonst hatte sie nicht wirklich Freunde. Sie wusste, dass es wahrscheinlich nicht einfacher wurde, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, wenn sie ihr Studienleben alleine in ihrer Wohnung verbrachte. Sie mochte ihr Dasein als Einzelgänger, aber sie wusste auch, dass sie drunter litt und öfters Menschen verletzte, als ihr lieb war, nur weil sie sie nicht zu nahe an sich dran wollte. Aber welche WG würde sie schon nehmen, wenn sie ein Vorstellungsgespräch absolvieren musste? Sie würde doch nichts über sich zu sagen wissen.

„Hast du etwas gesagt?“
„Ich habe gesagt: ‚Ich fahre jetzt zum Studium, gieße bitte meine Pflanzen, während ich weg bin. Fröhliche Weihnachten!'“
„Hast du Kekse mitgebracht?“
„Ja, aber ich würde sie nicht mehr essen. Es ist jetzt schon Sommer. Während du deine Mitbewohnerinnen gestalkt hast, habe ich zwei Semester studiert und mir außerdem einen hervorragenden Bandnamen ausgedacht!“
Tri klappte seinen Rechner zu und sah Reba ernst an.
„Bist du gestern eigentlich auf den Kopf gefallen oder sowas? Ich weiß nicht mehr alles, ab den Schnäpsen von Frau Laesch ist meine Erinnerung ein bisschen verschwommen.“
„Unsere ehemalige Englischlehrerin hat Schnaps mit uns getrunken?“
Wieder ließ Reba ihren Kopf auf ihre Arme fallen, schloß ihre Augen und machte mitleidserregende Geräusche. Zumindest hoffte sie, dass sie bei Tri Mitleid erregten und er aufhören würde, sie mit seinen Fragen über ihre zukünftige Wohnsituation zu martern. Oder überhaupt, ihr Fragen zu stellen. Mit ihr zu Sprechen. Laute von sich zu geben.
„Bitte was?“
„Ich habe mit dem Tisch geredet. Er findet auch, dass du viel zu viele Fragen zu dieser frühen Morgenstunde stellst.“
„Es ist Vier Uhr am Nachmittag.“
„Der Tisch ist aus Tropenholz und ein unheimliches Gewohnheitstier.“
Tri grinste, legte eine Hand auf ihre Schulter. Dann merkte er, auf wessen Schulter seine Hand lag und zog sie schnell wieder weg, als wäre Rebas Schulterblatt eine Herdplatte. Sie mochte Berührungen nicht besonders. Immerhin konnte sie sich mittlerweile dazu durchringen, sich von Tri zur Begrüßung umarmen zu lassen. Wenn jemand ihr Begrüßungsküsschen geben wollte, sagte sie so ernst wie möglich, sie habe eine ruhende Form von Ebola und jeder Körperkontakt könnte für die andere Person mit blutenden Ekzemen und einem sich selbst verdauenden Magen enden. Meistens meinten die Menschen, dass sie so sicher nie krank würde. Das fast schon unausweichliche Austauschen von Krankheiten war ein weiterer Grund gegen eine Wohngemeinschaft. Sollte sie sich auf jeden Fall merken, eventuell würde sie mit Tri um jeden Pro- und Kontrapunkt streiten müssen und dann war es gut, ein paar schwächere, aber valide Argumente vorbringen zu können, um ihn aus dem Konzept zu bringen. Sie wusste nämlich nicht, ob „Ich könnte in eine Falle von Reptilienwesen aus dem All tappen, die meine inneren Organe entfernen und auf dem Weltraumorganschwarzmarkt verkaufen wollen“ Tri in einer Diskussion stoppen konnte.
„Willst du etwas essen? Ich könnte uns Frühstück machen.“
„Wenn du mit ‚Frühstück machen‘ meinst, dass du Cornflakes in eine Schüssel schüttest und mir Milch gibst, weil du ja nicht weißt, wie ich das Mischungsverhältnis haben möchte, verzichte ich. Außerdem muss ich erst meinen Kaffee austrinken, bevor ich etwas essen kann.“
Tri seufzte und machte wieder eine Bewegung, als wolle er sie anfassen.
„Nein, du kannst meine linke Niere nicht haben, die brauche ich noch!“
„Was hältst du denn von einem Omelett? Mit Käse und Tomaten und so Zeug drin.“
„Ganz besonders freue ich mich auf das Zeug. Solange es kein Fleischzeug ist.“
Reba war Vegetarierin, gehörte aber nicht den „Zeugen Vegetarias“ an, die die frohe Botschaft ihrer neu gewählten Religion an alle verkünden mussten. Dazu hatte sie nicht den nötigen Charme, geschweige denn die sehr hohe Schmerzgrenze. Sie aß kein Fleisch, konnte ihre Entscheidung in einer ruhigen Diskussion verteidigen und sprach sonst lieber nicht während dem Essen. Manchen Menschen fiel in heftigen Diskussionen das Essen wieder aus dem Mund und Reba hatte Angst, dass sie auch irgendwann dazu gehören könnte.

Tri stand auf und suchte mit fahrigen Bewegungen eine Pfanne und plünderte den Kühlschrank. Reba zog den Laptop zu sich, klappte ihn auf und starrte auf den Bildschirm. Ihr bester Freund hatte sich offenbar eines dieser Videos angesehen, bei dem eine lustige Szene aus einem Film stundenlang zu repetitiver Technomusik geloopt wurde. Sie wusste nicht, was sie mehr erschreckte: Dass er sich so etwas ansah, während sie versuchte, schwierige Zukunftsfragen zu beantworten oder dass er es sich ohne Ton ansah. Immerhin hatte er nicht jetzt schon versucht, die peinlichen Partyfotos seiner zukünftigen Mitbewohnerinnen zu finden.
„Das Video? Das hat mir eine aus dem Wohnheim geschickt. Sie wollte wissen, ob ich es künstlerisch wertvoll finde.“
„Hast du ihr gesagt, dass ihr erst so reden dürft, wenn ihr mindestens eine Vorlesung besucht habt?“
„Ich weiß nicht. Ich finde die Idee, dass auch Laien Kunst schaffen können, obwohl sie nur etwas profanes machen, weil sie es tun können, reizvoll.“
„Niemand hat daran gedacht, dass die unendlich vielen Affen auch gefüttert werden müssen. Weißt du, wie viele unendlich viele Bananen alleine an einem Tag kosten?“
Tri konzentrierte sich wieder auf das Frühstück, das mittlerweile einen etwas merkwürdigen Geruch verbreitete. Reba schaute nicht hin. Es hätte sie zu viel Kraft gekostet, den Kopf in seine Richtung zu drehen. Es war zum Glück nicht ihr Haus, falls Tri es schaffen würde, die Küche in Brand zu setzen. Seine Eltern waren nicht da, was aber nicht wirklich selten war. Sie arbeiteten für irgendeine gesichtslose Finanzinstitution, die es trotz Klima-, Wirtschaftskrise und dem Zeitalter der Videokonferenzen offensichtlich für nötig hielt, sie um die halbe Welt zu schicken. Angeblich hatten sie sich auch genau so kennengelernt, nämlich durch Zufall auf einem Flughafen, um später herauszufinden, dass sie eigentlich beide ein Büro in dem gleichen Gebäude hatten und für die gleiche Firma arbeiteten. Reba war sich aber nicht sicher, ob Tri das nicht einfach erfunden hatte. Den Teil, der meistens folgte, nämlich die angebliche Hochzeit im Flugzeug, war nämlich sicherlich erfunden. Oder aus irgendeiner von diesen merkwürdigen Serien, die er sich spät abends ansah, während er Dinge mit Leinwänden und Farbe tat, die Reba nicht beschreiben konnte.
So hatten sie das Haus für sich alleine und konnten ihrem Hangover frönen, ohne von besorgten oder vorwurfsvollen Blicken gestört zu werden. Reba schätzte ihre kleinen Ausflüge zu Tri, dessen Lebensstil ihr enorm befreit vorkam. Allerdings hatte er öfters gemeint, dass ein bisschen mehr Aufsicht seinen Noten in früheren Jahren sicherlich nicht geschadet hätten. Mehr Sorgen machte Reba sein Schlafrhythmus, aber sie hatte wenig Hoffnung, dass er je wieder aus dieser Zeitzone im Pazifik, in der er sich augenscheinlich befand, rauskommen würde. Sie kannte niemanden, der mehr Unterricht verschlafen hatte als Tri und auch niemanden, der dies besser verstecken konnte als er. Sie hatte mindestens vier verschiedene Methoden beobachtet. Insgeheim glaubte sie, dass er gelernt hatte, mit offenen Augen zu schlafen und so keine einzige Stunde Mathematikunterricht aktiv mitbekommen hatte.

„Das riecht nicht gut. Muss ich mir Sorgen machen?“
„Es ist ein bisschen knusprig geworden, aber essbar. Hey, auch ich habe diesen merkwürdigen Schnaps trinken müssen.“
Reba konnte sich nicht an Schnaps erinnern, zumindest nicht aktiv. Ihr Körper reagierte trotzdem so, als hätte sie eine halbe Flasche geleert. Ihr wurde übel. Schon wieder.
„Essen ist fertig!“
Tri machte sich Mühe, die Pfanne kunstvoll auf den Tisch zu stellen und es so aussehen zu lassen, als ob dieses schnell zusammengeworfene Omelett ein Festmahl sei. Aber alle seine akrobatischen Verrenkungen konnten nicht verbergen, dass ihr „Frühstück“ etwas zu lange in der Pfanne gelegen hatte. Noch dazu war es ihm beim Wenden auseinandergefallen, so dass es mehr einer sehr misslungenen Eierspeise mit Tomaten und angebranntem Käse glich.
„Mir ist schlecht.“
„Ach komm. So schlimm sieht es nun auch wieder nicht aus! Das wichtigste ist der Geschmack. Außerdem ist Omelett die ideale Katerspeise. Viel Eiweiß, viel Fett und Salz.“
Widerwillig nahm Reba einen Bissen. Vielleicht konnte sie damit diese Schnaps-Übelkeit vertreiben. Und sich vielleicht endlich wirklich Gedanken um ihre zukünftige Wohnsituation machen. Dabei hatte sie sich eigentlich vorgenommen, erst einmal ein oder zwei Wochen lang überhaupt nichts zu tun. Vielleicht etwas Fernsehen, um sich vom Lesen zu entspannen. Ihre Hängematte im Schatten der zwei Bäume, die im Garten ihrer Eltern standen hatte sie sich als Platz für ihre wohlverdiente Auszeit auserwählt. Ein Stapel Bücher hatte sich angesammelt, während sie für ihre Abiturprüfungen gelernt hatte. Ihre Eltern würden vielleicht einwerfen, dass zwischen ihrer letzten Prüfung und der Feier von gestern nach zwei Wochen vergangen waren, in denen sie außer ihrer Unibewerbung rein gar nichts gemacht hatte. Das war technisch vielleicht richtig, aber die Warterei auf die Noten und nach der Bekanntgabe der Noten auf die Feier waren doch sehr anstrengend gewesen. Zumindest würde sie das ihren Eltern sagen. Und Tri, wenn der weiterhin so scharf auf diese Wohnungssuche war. Wahrscheinlich war er insgeheim ein bisschen enttäuscht, dass seine Kunstuniversität den Studierenden im ersten Jahr ein sehr günstiges Zimmer mit Atelierzugang anbot. Er hätte wohl Spaß dabei gehabt, WG-Anzeigen zu lesen, Wohnungen zu besichtigen und mit seinen potentiellen Mitbewohnerinnen über seine Kunst zu reden. Reba dagegen hatte vor solchen Situationen eher Angst. Sie verriet sehr wenigen Menschen, dass sie schrieb, denn sie sprach ungern darüber. Vieles von dem, was sie niedergeschrieben hatte, waren Gedanken, die nicht für andere Menschen bestimmt waren. Und die Sachen, die sie anderen zu lesen gab, hatten die meistens so erschüttert, dass sie nicht weiter nachfragten. Tri bildete eine löbliche Ausnahme, aber alles durfte er auch nicht lesen.
„Du isst ja gar nichts! Ist dir wirklich schlecht?“, schmatzte er besorgt.
„Nein. Ja. Ich weiß es nicht.“
„Der Schnaps?“
„Phantomschnapskater. Ich kann mich nicht erinnern, welchen getrunken zu haben. Ich kann es auch kaum glauben, dass unsere ehemalige Englischlehrerin Schnaps mit uns getrunken haben sollte.“
„Hat sie aber. Nach ein paar Bier sind doch alle ziemlich ausgetickt. Glaub ich. Ich zumindest.“
„Wem hast du diesmal angeboten, Aktbilder von ihr zu malen?“
Reba schluckte den letzten Bissen des Omeletts runter. Tri hatte Recht gehabt. Sie fühlte sich jetzt tatsächlich besser. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass Tri sie mit seinem bestürzten Gesichtsausdruck als Antwort auf ihre letzte Frage abgelenkt hatte.
„Hast du das wirklich getan?“
Tri nickte. Seine Ohrläppchen nahmen ein flammendes Rot an.
„Wen?“
Ihre Stimme überschlug sich fast.
„Ich weiß nicht, ob du sie kennst. Sie hat sowieso nicht ja gesagt.“
Reba grinste. Das kam nicht oft vor, selbst wenn sie mit Tri scherzte.
„Du hast Katherina gefragt, ob sie sich von dir nackt malen lassen will? Die unnahbare Gothic-Emo-Model-Katherina, die gut aussieht UND die richtigen Bands hört?“
„Bin ich so vorhersehbar?“
„Ich stand daneben, mein Lieber. Nur weil ich mich nicht an Schnaps erinnere, den ich eventuell getrunken habe, möglicherweise aber nicht, weil ich betrunken von Menschengruppe zu Menschengruppe trottete, in der Hoffnung, eine Person zu finden, die nicht den heißen Wunsch in mir hervorrief, ein Meteorit möge den Turnsaal treffen, heißt das noch lange nicht, dass ich unter Amnesie leide. Auch wenn ich das für diese spezielle Situation durchaus begrüßen würde.“
„Also gehöre ich auch zu den Meteoritenmenschen?“
Reba seufzte. Tri benahm sich manchmal dämlich, besonders wenn er betrunken war. Aber das tat sie auch und Tri war immerhin noch erträglich. Wobei sie oft nicht wusste, ob sie sich nicht einfach nur im Laufe der Zeit an seine Dämlichkeiten gewöhnt hatte oder ob er wirklich anders war als den Rest der Menschheit, von dem sie sich beide fern hielten.
Mittlerweile war auch Tris Nasenspitze feuerrot.
„Nein, du bist kein Meteroritenmensch. Was nicht heißt, dass ich dich nicht trotzdem für einen Außerirdischen halte. Du und deine Leute, ihr wollt uns sicher versklaven, damit wir riesige Pyramiden aus Gold für euch bauen!“
Tri strahlte.
„Ich sollte das zeichnen!“
Er stand auf und öffnete scheinbar wahllos einige paar Schränke. Er kramte mit einer Bestimmtheit darin herum, aus der Reba schloss, dass er etwas wichtiges suchte, von dem er ganz genau wusste, dass es sich in der Küche befand. Vielleicht räumten seine Eltern auch alle paar Monate die Küche komplett um und die wirklich wichtigen Werkzeuge wie der Eierschneider oder der Nussknacker verschwanden zwischen der unbenutzten Brotbackmaschine und der immer noch nicht ausgepackten Eismaschine. Allerdings sah das sich ihr offenbarende Chaos ganz nach dem Gegenteil aus. Tri ließ sich nicht beirren und suchte und suchte weiter.
„Hast du da irgendwo eine Leinwand versteckt, die du für Katherina verwenden willst? Der ‚Oh schau, ich hab noch Kondome gefunden, die laufen bald ab!‘-Trick?“
Plötzlich griff Tri zu einer Tüte mit Kaffeebohnen. Triumphierend schüttete er sie in eine altertümlich wirkende Kaffeemühle, die mit einer Handkurbel bedient wurde.
„Ich wusste doch, dass der Kaffee hier irgendwo steht.“
„Und es gibt Menschen, die würden dich chaotisch nennen. Wie die nur auf so etwas kommen.“
Tri stellte die Kaffeemaschine auf den Herd, schaltete ihn ein und setzte sich.
„Hab ich eigentlich noch etwas peinliches getan, das ich wieder halb vergessen habe?“
„Ich kann mich an nichts erinnern.“ Reba leerte ihre Kaffeetasse, um Platz für den neuen zu machen, den Tri aufgesetzt hatte. Sie hatte nicht unbedingt vor, an diesem Tag noch besonders wach zu werden, aber irgendwie würde sie die fünfzehn Minuten Fußweg zwischen Tris und ihrem Zuhause überstehen müssen. Gerade fühlte sie sich so, als sei ihre Müdigkeit so grenzenlos, dass sie selbst auf dem Weg zum Klo einschlafen würde. Sie trank viel zu viel, wenn sie unter vielen Menschen war, die sie nicht interessierten, weil sie immer wieder der Hoffnung erlag, die betrunkenen Gespräche würden sich betrunken besser anhören. Aber die Menschen, mit denen sie gestern gemeinsam ein Papier erhalten hatte, das sie zum Studium an einer Hochschule berechtigte, führten zum größten Teil nicht einmal nüchtern besonders interessante oder gar kluge Gespräche. Sie hielt die Menschen nicht für dumm. Sie hatten immerhin bewiesen, dass sie innerhalb der Regeln dieses merkwürdigen Schulsystems gute Noten erhalten konnten, aber sie hatten offenbar ganz andere Interessen als Reba. War es gerechtfertigt, sie deswegen zu verurteilen? Immerhin würde es an der Universität anders sein, da sich die Leute ja wirklich nach ihren Interessen einschreiben und sie mit einem Haufen Gleichgesinnten zusammen in der Vorlesung sitzen würde. Hoffe sie zumindest, auch wenn eine dunkle Ahnung und Andeutungen von manchen Studierenden, die sie kannte, anderes vermuten ließen. Schlimmer als das Gymnasium konnte es auf keinen Fall werden.

Das Zischen der Kaffeekanne ließ Tri aufspringen. Er stand einen Moment kerzengerade da, als hätte eine komplizierte Turnübung bei den olympischen Spielen absolviert und wartete nun mit eisernem Blick auf die Wertung der Jury (und seine Goldmedaille). So elegant sein Sprung gewirkt hatte, so fahrig und unnötig kompliziert wirkten seine Bewegungen beim Kaffeeausschütten.
„Sollte ich es je schaffen, Kaffee aus dieser Kanne zu schütten, ohne zu kleckern, kann ich mir sicher sein, dass ich in einer anderen Dimension bin. Und wenn du es beobachtest, dann kannst du dir sicher sein, dass sie mich entführt haben. Ich gebe dir das Recht“, er stockte einen Moment und Reba war nicht klar, ob es wegen dem verschütteten Kaffee oder dem Pathos war, „Nein, die heilige Pflicht, mein Alter Ego zu foltern, um herauszufinden, wo ich bin.“
„Ich freue mich schon auf die Szene, wo ihr gegeneinander catcht und ich nicht weiß, wen von euch beiden ich erschießen soll. Vielleicht solltest du immer eine kleine Kaffeemaschine mit dir herumtragen, damit ich dich im Notfall erkennen kann!“
„Womit willst du mich erschießen?“
„Daran kennst du MEIN Alter-Ego. Ich würde natürlich meinen gefürchteten Todesgriff anweden.“
„Glaubst du, es gibt wirklich ein böses Paralleluniversum, in dem unsere bösen Zwillinge jetzt hangover sitzen und ihre Dimensionseroberungspläne diskutieren?“
Endlich servierte Tri den Kaffee. Er hatte sich sogar die Mühe gemacht, Milchschaum aufzuschäumen. Reba hatte das Geräusch zwar gehört, aber nicht wirklich geglaubt, dass Tri es in seinem Zustand schaffen würde, Milch dazu zu bewegen, Milchschaum zu werden.
„Ich bin der festen Überzeugung dass es nur Teenager sein können, die gerade ihre Schule abgeschlossen haben, die den Wagemut, die Entschlossenheit und den Wahnsinn besitzen, der nötig ist, um eine andere Dimension zu erobern. Wir sollten aufpassen, dass wir es nicht sind, die fremde Universen invasieren!“
Den letzten Halbsatz gähnte sie.
„Heute Abitur, morgen die ganze Milchstraße!“
Reba genoss den Kaffee und die Blödeleien. Tri hatte einen ähnlichen Humor, und auch wenn er öfters viel begeisterter von ihren Blödeleien war als sie selbst, schätzte sie das sehr an ihm. Sie konnte sich aber nicht vorstellen, mit ihm zusammen zu wohnen. Zum Glück stellte sich die Frage nicht. Und dennoch war sie irgendwie gekränkt gewesen, als er ihr erzählt hatte, dass er in diesem Wohnheim unterkommen würde, ohne sie davor zu fragen, ob das für sie in Ordnung wäre. Es war sein gutes Recht, solche Entscheidungen ohne Rücksprache mit ihr zu fällen, immerhin ging es um sein Leben und sein Studium. Sie hätte ihm wahrscheinlich sogar geraten, das Zimmer zu nehmen, da einfach alles dafür sprach. Und trotzdem war etwas in ihr geknickt, dass er offenbar nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet hatte, dass sie vielleicht mit ihm zusammenziehen hätte wollen.

„Soll ich dir helfen, Wohnungen zu finden? Bevor ich die Zusage für das Heim bekommen habe, habe ich ein bisschen im Netz gestöbert.“ Tri öffnete seinen Laptop und klickte herum, dann drehte er das Gerät zu Reba. Sie sah eine Wohnungsanzeige. Ihr Blick glit von den Fotos der leeren Räume, die immer etwas trist aussahen, zu dem Preis, der viel zu hoch für sie war. Aber es war auch eine Dreizimmerwohnung, wie sie verwirrt feststellte.
„Meinst du, ich soll mir erst eine Wohnung zulegen und mir dann Mitbewohner suchen? Das wäre doch irgendwie riskant, oder?“
Tri grinste, offenbar fand er ihre Verwirrung lustig.
„Reba, die Wohnung wäre für uns zwei gewesen. Mit Wohnzimmer, und sogar bezahlbar.“
Sie spürte, wie ihre Wangen heiß und sicherlich auch rot wurden. Ihre merkwürdige Enttäuschung war völlig umsonst gewesen, Tri hatte natürlich darüber nachgedacht, mit ihr zusammen zu ziehen. Und dass er ihr die Wohnung jetzt zeigte, konnte nur heißen, dass er noch nicht wirklich entschlossen war, in das Heim zu gehen.
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Heim die beste Lösung für mich ist, vor allem, weil ich dadurch auch in der Nacht Zugang zu den Atelierräumen habe. Aber wenn du willst könnten wir das mit der WG versuchen. Ich meine, das Wohnzimmer ist sicher auch hell genug für ein improvisiertes Atelier.“
Reba öffnete den Mund. Und schloss ihn dann langsam wieder, ohne etwas zu sagen. Sie war zu müde und fertig und durcheinander, um etwas entgegnen zu können.
„Aber du willst alleine wohnen, oder? Ich kann verstehen, dass du deine Festung des Chaos alleine aufbauen willst, aber bitte versprich mir, dass du mich manchmal zum Kaffee einlädst, ja?“
„Ich weiß es nicht.“ Um ihre Müdigkeit zu unterstreichen gähnte Reba herzhaft. „Ich glaube, dass eine WG mit neuen Menschen einen Versuch wert wäre.“
„Du hasst andere Menschen.“
„Gerade weil ich nicht so gut mit anderen Menschen kann, sollte ich es doch mal versuchen, oder? Es wird nicht besser werden, wenn ich mich in einer dunklen Hinterhofwohnung verkrieche und nur Sonntags meinen besten Freund zum Kaffee einlade, damit ich gezwungen bin, einmal in der Woche zu putzen.“
„Jetzt bist du es, die klingt, als sei sie von einem Außerirdischen ersetzt worden!“

Reba nahm den letzten Schluck Kaffee, seufzte laut und legte den Kopf wieder auf den Tisch, diesmal jedoch so, dass sie Tri ansehen konnte. Sie wusste wirklich nicht, was besser sein würde. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie viel sie mit Leuten in einer WG zu tun haben müsste – oder gar wollte. Irgendetwas in ihr vermutete, dass sie Spaß daran haben könnte, mit anderen Menschen zu diskutieren, wenn sie etwas Mühe gab. Und die betreffenden Personen klar denkende Menschen waren, die ihren Zynismus zumindest nachvollziehen konnten.
„Du darfst mir gerne helfen, auch wenn ich glaube, die Wunder dieses weltweiten Weltennetztes mittlerweile ganz gut bedienen zu können. Viel wichtiger wäre es, wenn du mir hilfst, herauszufinden, was ich will. Und um das tun zu können, muss ich wacher sein, als ich es heute bin, fürchte ich.“
„Du fürchtest dich vor dem Wachsein?“
„Oh Hypnos, hab Erbarmen mit mir, lege deinen schweren Mantel auf mich!“, lamentierte Reba.
„Ich kann dir gerne noch einen Kaffee kochen!“ Tris Angebot wirkte nicht so, als denke er, dass es ihr helfen würde. Er musste sich selbst wohl ziemlich kaputt fühlen. Erstaunlich, wie gut gelaunt er dennoch aussah.

„Ich will schlafen. Ich werde heute nicht wacher, tut mir Leid.“
Tri sah etwas erstaunt aus. Er hob die Augenbrauen, was den Eindruck noch verstärkte.
„Du musst ja gar nicht wach werden. Du kannst dich auch gerne auf die Couch legen oder so. Ich finde nur, dass dieses Wohnungsding wichtig ist und du es nicht verschleppen solltest. Sonst bleibt dir am Ende doch nur eine WG mit merkwürdigen Reptilienwesen aus dem All.“
Reba grinste und hob damit Tris Augenbrauen noch etwas höher. Obwohl er wahrscheinlich der Mensch war, der sie am öftesten lächeln oder grinsen sah, passierte es nicht oft, dass sie es so lange tat. Das musste wohl am Restalkohol und an ihrer Müdigkeit liegen. Sie konnte sich in diesem Zustand schlecht konzentrieren.
„Das ist nett von dir. Aber bevor ich anfangen kann, zu suchen, muss ich mir erst ganz klar werden, was ich will. Denn zwei verschiedene Dinge zu suchen macht auch wenig Sinn, oder? Ich will diese Entscheidung nicht damit treffen, was als erstes von einer Suchmaschine ausgespuckt wird.“
„Verstehe.“ Tri leerte seinen eigenen Kaffee und räumte den Tisch ab, mit Bewegungen, die nach einem Küchenunfall in spe aussahen. Reba überlegte sich, ob sie etwas sagen sollte. Aber bisher hatte er die zwei Teller in die Spülmaschine eingeräumt, die Tassen standen auch schon fast und das Besteck konnte wohl nicht mehr gefährlich werden. Wenn sie jetzt etwas sagen würde, würde Tri nervös werden und sich mittelschwer an einem Teelöffel verletzten. Das wollte sie nicht verantworten. Langsam hob sie ihren Kopf, streckte sich, gähnte herzhaft und meinte dann:
„Ich werde jetzt wohl nach Hause gehen. Und schlafen. Und dann, morgen früh, werde ich über die Fragen, die uns das Leben stellt, meditieren und in zwei bis drei Monaten können Sie dann unsere Antwort erwarten!“
„Ich sage es dir nur ungern, aber mit dem Tonfall wirst du es nie in den Homeshoppingkanal schaffen!“
Reba erwiderte so trocken es ging: „Es reicht. Das muss ich mir nicht länger anhören. Ich gehe!“

photo cc by Ace Abendale Rothschild-Faber

3 Kommentare “Katerfrühstück.

  1. I Like (und es erinnert mich an Daria, strange, ne? :D)
    Schade, dass nicht mehr draus wurde! Aus den Dialogen zwischen den beiden hättste was machen können :)

    Das Naru, auch mal wieder da (ok, ich bin Schwarzleser, aber ich bin da!! Dein Link zu meinem alten xanga-Blog ist übrigens uralt bzw. das ist schon ewig stillgelegt und fristet auf livejournal ein unregelmässig gepflegtes Dasein…)

  2. Pingback: Wohnungssuche. | enjoying the postapocalypse

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