Dieses Reden

Preacher Draws Lunchtime Crowd in Lower Manhattan's Battery Park 05/1973

Dieses euer Reden über Hosen, über Politik, über Politiksendungen, über Politiker – so gut wie nie über Politikerinnen, über Fußballstadien, über vermeintlich schlechte Musik und lustige Bilder, Videos, Sprüche, die wir alle schon mindestens dreitausendmal gehört haben, über böse -ismen (immer die -ismen der anderen), über das Wetter, über Dinge, die „man“ gelesen, gehört, gesehen, getan haben muss, über Mobiltelefone und Kleinstprogramme, über Menschen, über Schwarzweißdenken, das immer nur die anderen haben, über Liebe, über die Mode der anderen, die euch nicht gefällt, über Nagellack, über Autos, über das Wetter, über Menschen, die zu viel reden, über Menschen, die nicht genug reden, über die PC-Polizei, die nie da ist, wenn ich sie brauche, euch aber immer nervt, über die Medien, die ihr einschaltet, über Menschen, die das und jenes getan oder gesagt haben und dann habt ihr drei Stunden im Internet damit verbracht, alles von ihnen zu lesen und euch schrecklich darüber aufzuregen, über das Reden – ich kann es nicht mehr hören und gleichzeitig höre und sage ich den ganzen Tag auch nichts anderes.

Es gibt keine Flucht vom Politischen ins Private und alles ist Text, deswegen bringt es auch nichts, nur noch Lesen und Schreiben und Musikhören zu wollen in einem Elfenbeinturm, an dem sowieso nach zwei Tagen Antispeziesist_innen, die Pflanzen nicht für Lebewesen halten oder das Wort Spezies mit vollem Bewusstsein falsch verwenden, was offenbar auch nur ich beklage, während ich gleichzeitig auch Wörter wie „biologisch“ völlig aus dem ursprünglichen Kontext gerissen verwende, protestieren würden, weil die armen Wale und Elefanten und Einhörner. (Lese so einen Satz von einem anderen Mensch als mir, ich müsste wahrscheinlich kotzen.) Der Rückzug ist nie auf Dauer und er würde die Welt auch nicht ändern oder gar verbessern und eigentlich ist das ja genau das, was ich will, die Welt ein ganz kleines Stück besser machen, oder zumindest nach meinem Bild formen. Mir sagte mal jemand, er wolle etwas erreichen, etwas bewegen, und nicht nur den Garten umgraben. Vielleicht ist das einzige, was wir wirklich tun können: den Garten umgraben und hoffen, nicht auf eine Fliegerbombe zu stoßen.

(Nennen wir es „Quarter-Life-Crisis“, das passt so gut in die ganzen Krisen, die passieren, während ich versuche, erwachsen zu werden und mich frage, ob ich das nicht schon viel zu lange bin.)

photo: Preacher Draws Lunchtime Crowd in Lower Manhattan‘s Battery Park 05/1973 by Wil Blanche, U.S. National Archives.

3 Kommentare “Dieses Reden

  1. okay, das lass sich jetzt wie Foster Wallace. musste ich echt zweimal lesen um was zu verstehen. finde ich aber gut.

  2. Pingback: beeindruckend unbeeindruckend. | enjoying the postapocalypse

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