Von Piraten und Papageien – die Geschichte der Piratensender in Luxemburg

Diesen Artikel habe ich vor einigen Jahren für die Zeitschrift Queesch geschrieben. Da Radio ARA dieses Jahr 20 Jahre feiert, ist es wohl angemessen, ihn nochmal hier zu veröffentlichen. Da ich ARA sehr nahe bin, kann es gut sein, dass ich manches glorifiziert habe und anderes weggelassen habe. Da der Artikel in einem Wiki stand, wurde der Abschnitt über Radio Organique auf eine Beanstandung hin geändert. Sollte irgendeine der hier erwähnten Personen mit der Nennung ihres Namens Probleme haben: Ich kann das gerne ändern, allerdings habe ich nur im Internet recherchiert und die Dinge, die ich hier wiedergebe, so gefunden.

Ein Schiff vor den Gewässern Großbritanniens. An Bord: Junge Menschen und viel Rockmusik. Die wurde Anfang der 1960er Jahre von der BBC nämlich fast überhaupt nicht gespielt. Und von dem Schiff, das außerhalb der Hoheitsgewässer des Vereinigten Königreiches fuhr, konnte die Musik ungestraft gesendet werden. Radiowellen lassen sich nämlich schlecht an den Landesgrenzen aufhalten.

Das ist das Setting des Filmes „The Boat That Rocked“, der von dem fiktiven „Radio Rock“ erzählt, dessen Moderator_innen zwischen Drogenexzessen, Fanbesuch und den Angriffen der englischen Regierung ein chaotisches Radioprogramm auf die Beine setzen. Aber so ganz aus der Luft gegriffen ist die Geschichte nicht, denn für „Radio Rock“ gab es ein reales Vorbild: Radio Caroline.

Am 28. März 1964 wurde von der „MV Fredericia“ der Titel „Not Fade Away“ der Rolling Stones gespielt und die Geschichte des bekanntesten Piratensenders begann. Auf hoher See, unter panamesischer Flagge, drei Meilen vor Essex. Nachdem die Schiffe mehrmals gesunken sind, staatliche Repressalien dem Sender kurzweilig ein Ende bereiteten, hat Radio Caroline seit Mitte der 1990er Jahre eine offizielle Sendelizenz und sendet heute über Satellit und Webradio.

So romantisch die Vorstellung vom wilden Radiopirat_innenleben auf hoher See auch klingt: Caroline war durchaus ein kommerzielles Projekt, gestartet von einem Musikproduzenten, der seine Bands nicht bei der BBC oder Radio Luxemburg unterbringen konnte. Nichtsdestotrotz bleibt ein wenig anarchistischer Charme bei der Namensgebung: Benannt wurde der Sender nach der Tochter von J.F. Kennedy, nachdem Ronan O‘Rahilly ein Bild gesehen hat, bei der die Tochter den Präsidenten im Oval Office störte. Radio Caroline sollte also die Regierung stören.

Wie sah die Situation in Luxemburg aus? Immerhin konnten sich aufgrund geographischer Begebenheiten keine Sender im Meer verstecken.

Radio Luxemburg, aus dem das heutige RTL entstehen sollte, genoss von Anfang an das Vertrauen der Regierung. Ein wenig ironisch, da es in den Nachbarländern oft eine Alternative zum staatlichen Rundfunk darstellte und deshalb auch heute noch in vielen Ländern einen guten Ruf hat, den der Sender mittlerweile aber immer weiter zerstört hat. Bis zum Jahre 1992 gab es deshalb keine Möglichkeit, legal ein anderes Radioprogramm als RTL zu senden. Was natürlich nicht heißt, dass es nicht trotzdem getan wurde.

1981 begann die Ära der Piratensender auch in Luxemburg. Oder, besser gesagt, in der Nähe von Luxemburg. Auf Feldern und Wiesen rund um Arlon in Belgien wurde mit einer mobilen Sendeanlage das Programm mit dem Namen „Radio Grénge Fluesfénkelchen“ (Grünfink) gesendet. Einige Zeit später wurde, genauso illegal, in einer Kirche auf der „Aarëler Knippchen“ (bekannt aus dem Volkslied, in dem es vor allem um Saufen und Ficken geht) gesendet. Übrigens mit göttlichem Beistand: der Pfarrer sperrte den Radiopirat_innen die Sakristei auf, damit sie zum Kirchturm gelangen konnten, wo das aufgenommene Programm von Kassette abgespielt wurde, stilecht mit 2 Minuten Pause in der Mitte der Sendung, da die Kassette umgedreht werden musste. Einige Radiomachenden von damals behaupten übrigens heute noch, vom Geheimdienst verfolgt und abgehört worden zu sein. Mit Hilfe des Lokalsenders „Atelier Radio Arlon“ (ARA!) aus Arlon (Belgien) war es möglich, zumindest halb-legal und mit größerer Reichweite zu senden.

Zu den Pionieren des „Fluesfénkelchen“ gehörten unter anderem Jupp Weber, Raymond Bisdorf, Georgette Muller, Danièle Grosbusch und Mr. Kulturjahr 2007 Robert „Roga“ Garcia, der 2003 der Woxx in einem Interview erzählte, er habe mit den Radiosendungen bei „Fluesfénkelchen“ angefangen, weil er bei der Zeitschrift „perspektiv“ und bei Amnesty International aktiv war – beides Vereinigungen, die Sendung bei „Fluesfénkelchen“ machten. Es ging anscheinend aber nicht immer nur rein um die Sendung: „Natürlich war‘s auch eine gesellige Angelegenheit. Da ich kein Auto hatte, nahmen mich Raym Bisdorf und Jupp Weber in ihrer Karre mit nach Arlon. […] Nach zwei Stunden Sendung wechselten wir dann in die Kneipe gegenüber vom Arloner Bahnhof, um uns auf Duvel mit Käse oder auch Fritten zu stürzen.“ (Woxx 680/03)

Drei Jahre später wird der Verein „Radio-Atelier UKaWeechelchen“ gegründet, der die Sendungen von „Fluesfénkelchen“ übernimmt. Von Anfang an sind die Inhalte des Senders geprägt von einer alternativen Gegenkultur und Musik, die damals nicht auf RTL gespielt wurde: Blues, Jazz, Worldmusic, Hiphop, Hardrock, Metal, usw. Natürlich gab es auch kritische Kommentare zu politischen Ereignissen in Luxemburg. Damals war die Medienlandschaft noch nicht so divers wie heute und die (grüne) Gegenkultur litt sehr darunter, dass sie z.B. vom „Luxemburger Wort“ zensiert wurde. Nicht zuletzt deshalb war der Wunsch nach einem eigenen Medium eine der antreibenden Kräfte hinter den Piratensendern.

Im Jahre 1984 wurden mit dem sogenannten Genfer Vertrag Luxemburg weitere FM-Frequenzen zugestanden, was es erlaubt hätte, weitere Sendestationen und damit neue Radiosender einzurichten. Im Hinblick darauf erlebte die Piratensenderszene einen großen Boom. Es wurde nicht mehr nur aus Belgien gesendet, sondern auch in Luxemburg selbst. Radio Organique, dessen Programmschema sich nach dem Tagesablauf der Zuhörer_innen, bzw. nach dem, was Gründer Guy Felten dafür hielt, orientierte, sendete zum Beispiel in Luxemburg-Stadt. Dies passierte sehr öffentlich und obwohl der Standort des Senders bekannt war, gab es keine Beschlagnahmungen oder sonstige Aktionen gegen den Sender. Der Betreiber behauptete, dass der Sender damals der meistgehörte Sender war – Belege dafür werden wohl schwer zu finden sein.

In Mondercange wurde vom Radiomacher Edy Krier das Radio 104 auf die Beine gestellt. Da Edy Krier Raumfahrt-begeistert ist, wurden hier auch Raketenstarts live übertragen und kommentiert. Der Sender M103 in Medernach hatte weniger Glück, denn durch das Bestreben eines übereifrigen Gendarms, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, den lokalen Piratensender zu schließen, wurde 1989 die Sendeanlage beschlagnahmt. Ironischerweise wurde genau diese Sendeanlage bei Radio ROM, der 1992 eine offizielle Sendelizenz bekam, während den ersten Jahren wiederverwendet.

Ansonsten gab es noch eine ganze Reihe von Piratensendern, von denen einige danach legale Sender, meist Lokalsender wurden. So wurde aus Radio Stereo Aire 2000 Radio Gudd Laun, aus Radio Power Station wurde Radio LRB, aus Radio RFM Howald wurde Radio Wacky.

Doch zurück zu UKaWeechelchen. Ende 1985/Anfang 1986 beschlossen die Moderator_innen und Vereinigungen, welche an dem Sender beteiligt waren, dass es Zeit sei, aus dem belgischen Exil nach Luxemburg zu kommen und dort einen Piratensender zu starten. In einer Garage im Stadteil Kirchberg enstand somit „RadAU Lëtzebuerg“. Der Name enstand als Abkürzung zu „Radio Atelier UKWeechelchen“. Später sendete „RadAU“ aus einem Hinterhof in Zolver, wobei es eine Relaistation in Luxemburg-Stadt gab. Aus dieser Zeit werden oft spannende Geschichten erzählt: Ein ehemaliger Radiomacher, nennen wir ihn mal „Dr. Monto“, erzählt öfters, dass er mitten in der Nacht in einem Rohbau Sendung gemacht hätte. Durch die merkwürdige Industrialmusik und die Geräusche von Nagetieren in den Zwischenwänden hätte er soviel Angst bekommen, dass er die Flucht ergriffen hätte.

Der Sendebetrieb erfolgte bis 1991, als die Ausschreibungen für die Kandidaturen für eine Sendelizenz anfingen. „RadAU“ wollte eine der begehrten vier nationalen Sendefrequenzen. Anfang 1992 wurde das Projekt „Radio ARA“ („Atelier Radio Alter Echos“) gegründet. Um den Anforderungen für eine nationale Sendelizenz zu genügen, wurde eine Firma (S.A.) gegründet. Zu den Partnern und Geldgebern gehörten eine ganze Reihe von Vereinigungen wie Mouvement Ecologique, ASTM, LNVL, Jazz Club, Folk Club sowie einige ARA-interne Organisationen, die „Holding“-Vereine für das Geld von Privatpersonen, z.B. Moderator_innen verwalteten. Das Konzept und die Anfrage für die Lizenz wurden von Jean Krips und Robert Garcia geschrieben. Im Juli 1992 wurde bekannt, dass das Konzept aufgegangen war und Radio ARA neben DNR, Eldoradio und Radio Latina eine nationale Sendelizenz erhalten wurde. Am 6. Dezember 1992 wurde aus dem Piraten- ein Papageiensender.

Radio ARA ist heute immer noch ein „Mitmachradio“ und bietet jedem die Möglichkeit, mitzumachen und Sendungen zu gestalten. Speziell für Jugendliche gibt es die Sendungsreihe „Graffiti“, die von zwei Sozialpädagoginnen betreut wird. Bei meiner Recherche bin ich übrigens über ein lustiges Dokument gestoßen. Eine offizielle Brochüre mit dem Titel „About… Popular Music in Luxembourg“. Dort werden die Piratensender als Wegbereiter der Popmusik (im weitesten Sinne) in Luxemburg dargestellt. Vielleicht gibt es ja bald eine Fortsetzung des oben genannten Filmes mit dem Titel „The church that rocked“.

Quellen:
http://www.radiolnw.eu/
http://radauletzebuerg.org/
http://www.edykrierproductions.lu/
http://www.ara.lu
Photo: cc by Jean-Pol GRANDMONT

3 Kommentare “Von Piraten und Papageien – die Geschichte der Piratensender in Luxemburg

  1. Interessanter Beitrag über die Luxemburger Piratenradioszene. Der größte unter den Luxemburger Piratensendern, nämlich RFM, wird hingegen nur beiläufig erwähnt. Ich erlaube mir mal, auf einen Videoblog hinzuweisen, in dem ein ehemaliger Moderator von RFM ausführlich über seine damalige Piratenzeit spricht. Aufnahmen aus dem Studio gibt es darin ebenfalls zu sehen.

    http://www.youtube.com/watch?v=Fc05AdhnTvk

  2. Johannes: Danke für den Tipp! Als ARA-Moderator habe ich den Artikel natürlich mit dessen “Vorläufern” im Blick geschrieben.

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