Ministerium für eh alles

besetztes Audimax an der Uni Wien 2009

2009 brannten die Unis – heute gibt es in Österreich kein Wissenschaftsministerium mehr

Österreich hat nach langen Koalitionsverhandlungen seit gestern wieder eine schwarz-rote Regierung. Obwohl so gut wie alles gleich bleibt, was bisher schon still stand, gibt es eine bedeutende Neuerung: Das Wissenschaftsministerium abgeschafft und der Bereich dem Wirtschaftsministerium untergeordnet.

Ist es zynisch, das „konsequent“ zu nennen? Es liegt der österreichischen Regierung nichts an freier Forschung und Bildung – sie sieht in den Universitäten nur ein wirtschaftliches Potential. Mir tun die Kunstunis und die Geisteswissenschaften (wobei die Annahme, aus diesen Wissenschaften ließe sich kein wirtschaftlicher Nutzen generieren, auch Unsinn ist) besonders Leid, aber auch für alle Arten der Grundlagenforschung ist das ein schlimmes Omen. Dazu kurz der Physiknobelpreisträger Peter Higgs:

It‘s difficult to imagine how I would ever have enough peace and quiet in the present sort of climate to do what I did in 1964. (x)

Higgs bezieht sich hier auf den Veröffentlichungsdruck, den vor allem junge Akademiker_innen spüren – neben ihren Pflichten in der Lehre und Gremien. Es ist nicht zu erwarten, dass die Situation von jungen Forscher_innen in den nächsten Jahren besser werden wird. Die Universitäten sind so unterfinanziert, dass so etwas scheinbar einfaches wie ein Universitätswechsel beim Bachelor/Master-Umstieg wochenlang dauert und viele Studierende vor unlösbare Probleme stellt, weil sie ihren Status verlieren und z.B.auf einmal nicht mehr versichert sind.

Den kleineren administrativen Problemen, die durch bessere Finanzierung und Organisation gelöst werden könnten, stehen die großen ideologischen Fragen gegenüber: Wo will die österreichische Gesellschaft hin? Sollen Universitäten in Zukunft nur noch wirtschaftsgeleitet forschen und Studierende an die Bedürfnisse dieser ausgebildet – statt gebildet – werden? Die Probleme, denen sich die Menschheit in Zukunft stellen muss, werden zunehmend komplexer. Die Augen davor zu verschließen und für die heutigen wirtschaftlichen Bedürfnisse, die in zehn Jahren vielleicht gar nicht mehr so bestehen, auszubilden ist, um es gelinde auszudrücken, nicht sehr nachhaltig. Dazu kommt, dass Wissenschaft für viele Österreicher_innen nichts wichtiges oder erstrebenswertes zu sein scheint. Ich weiß nicht, von welchem Wissenschaftsbegriff die verlinkte Studie ausgegangen ist, für mich sollte aber ein grundlegendes Wertschätzen aller/der meisten Wissenschaftsbereiche selbstverständlich sein.

Mittlerweile sind vier Jahre seit den #unibrennt-Protesten vergangen, die Situation an den Universitäten hat sich seitdem aber nicht verbessert. Im Gegenteil. Da darf eins sich auch ruhig die Frage stellen, ob diese Entwicklung wirklich nur an den beiden regierenden Parteien und ihrer Wähler_innenschaft liegt, oder ob die Probleme nicht viel tiefgreifender Natur sind. Eine erste Demonstration hat sich schon angekündigt.

Links dazu:
Peter Illetschko: Zukunft ist anderswo
ÖH zur neuen Regierung: „Stillstand für weitere fünf Jahre“
ÖH: Resolution „Hochschulpolitik ernst nehmen“
Facebook: Für die Einführung des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung
Ö1-Mittagsjournal: Aufschrei der Wissenschaft
Universitätenkonferenz: Keine Angelobung der Regierung ohne Wissenschaftsminister/in
Christoph Schwarz: Lasst uns die Unis irgendwo verräumen

Foto: cc-by Neo_II

Ein Kommentar zu “Ministerium für eh alles

  1. Pingback: Fünf Jahre brennende Unis | enjoying the postapocalypse

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