In Treatment

intreatmentVor ein paar Jahren versuchte ich schon einmal, In Treatment zu schauen und nach zwei Episoden wieder aufgegeben, weil ich damals dachte, ich hätte genug Menschen in meinem Leben, die mir von ihren Problemen erzählen und müsste mir nicht auch noch eine Serie anschauen, in der kaum etwas anderes passiert. Nach einem Gespräch über Serien in der progress-Chef_innenredaktion war ich wieder anderer Meinung und versuchte es nochmal.

Die Serie zeigt an jedem Wochentag die Sitzung von Therapeuten Paul Weston und jeweils eine_n andere_n Patient_in, bzw. Freitags seine Supervisionsstunde mit seiner Mentorin Gina. Das Format, in meinen Augen ein Weg, um die Zuschauer_innen an das Medium TV und seine fixen Ausstrahlungszeiten zu binden, stammt nicht aus den USA, sondern aus Israel. 2005 bis 2008 liefen zwei Staffeln von BeTipul, das in über zwölf Ländern lokal adaptiert wurde. Das etwas komplizierte Sendekonzept erklärt die deutschsprachige Wikipedia ganz gut.

Ich weiß nicht, ob In Treatment Therapie realitätsnah zeigt, dazu fehlt mir ganz einfach die Therapieerfahrung. Einige Therapeut_innen sehen das zumindest so, und ich bin geneigt, ihnen zu glauben. Ich fand die Annahme, dass sich so gut wie alle von Pauls Patient_innen in irgendeiner Form gegen die Therapie wehren, seine Methoden in Frage stellen oder grundsätzlich das Gegenteil von dem tun, was Paul vorschlägt, beim Sehen etwas merkwürdig. Das ist wahrscheinlich aber nicht ganz aus der Luft gegriffen, denn besonders die jüngeren Patient_innen sind oft nicht aus freien Stücken in Therapie.

Da sitzen sich also eine halbe Stunde lang zwei Menschen gegenüber und reden. Paul sagt meistens wenig, hält sich zurück und stellt Fragen. Das klingt nach der langweiligsten Fernsehserie der Welt, höchstens noch übertroffen von prähistorischen Formaten. In Treatment schafft es aber, nicht zu langweilen, konzentriert sich auf die Entwicklung seiner Charaktere, die an der Therapie wachsen (oder zerbrechen). Die Serie spart dabei schmerzhafte Erfahrungen nicht aus. Ich konnte mir, ganz anders als bei vielen anderen Serien, kaum mehrere In Treatment-Episoden nacheinander anschauen, weil ich viele Folgen erst verdauen musste.

Ich mochte die zweite Staffel am Meisten, besonders Alison Pill (Milk, Scott Pilgrim, The Newsroom) als krebskranke Architekturstudentin. Generell gefielen mir die jungen Patient_innen mehr als die älteren (Paartherapie ist wohl genau so ätzend, wie ich mir das vorgestellt hatte).

Pauls Privatleben wird in seinen Supervisionsgesprächen erwähnt und in kurzen Sequenzen vor oder nach den Therapiesitzungen gezeigt. Und doch wuchs mir Paul, von dem ich nie ganz wusste, ob er gerade mal wieder ein kompletter Hornochse ist oder „nur einen Job machte“, ans Herz. Nach 106 Episoden fiel mir die Trennung schwerer, als ich gedacht hätte. Das mag aber auch an der etwas schnellen und unbefriedigen Auflösung der letzten Staffel liegen.

Die meisten Frauen in In Treatment sind Patient_innen oder spielen Nebenrollen wie Pauls Ehefrau – umso wichtiger, dass Pauls Mentorin oder Supervisorin eine starke und wichtige Rolle spielt, die Pauls Rolle des weisen Therapeuten aufbricht. Wenige von Pauls Patient_innen sind PoC oder queer – aber immerhin kommen sie vor.

Mich wundert es, dass der ORF sich noch nicht an dem Format versucht hat. Eine Serie wie In Treatment braucht kein gigantisches Budget für Actionszenen oder Kulissen, sondern „nur“ gute Drehbuchautor_innen. Das Geburstsland (bzw. die Geburstsstadt) der Psychotherapie drängt sich als Schauplatz doch geradezu auf!

In Treatment
HBO 2008 – 2010
3 Staffeln, 106 Episoden

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