Fünf Jahre brennende Unis

Das vollbesetzte Audimax der Uni Wien während der Besetzung 2009. cc-by-nc Martin Juen

Zur Feier des Tages möchte ich einen gigantischen Käseblock mit einem Flammenwerfer schmelzen. Heute vor fünf Jahren wurde das Audimax der Uni Wien besetzt, damit bekam die längste Besetzung eines Hörsaals in der Geschichte Österreichs und die Protestbewegung, die zwei Tage zuvor mit einer Besetzung in der Akademie der Bildenden Künste begonnen hatte, ihr Epizentrum, Hauptquartier und Symbol: „Audimaxismus“ wurde 2009 zum österreichischen Wort des Jahres.

Vor fünf Jahren hatte ich gerade mein Studium begonnen, kannte keinen Menschen an der Uni Wien und traute mich erst mal nicht ins besetzte Audixmax. Nach dem Wochenende, das ich nochmal in Luxemburg verbrachte, kamen Menschen der „Arbeitsgruppe BOKU“ in den Kinosaal, der für uns Erstsemestrigen als Hörsaal fungierte und verteilten Flyer. Die Person, die mir einen Flyer in die Hand drückte, war sehr begeistert, als ich fragte, wie ich mitmachen könnte. Und so fing es an: Ich ging am gleichen Nachmittag zum ersten Plenum, teilte daraufhin Flyer aus, half mit, eine Hörer_innenversammlung (theoretisch eine Versammlung aller Studierenden einer Uni) zu organisieren.

Zur Einweihung eines neuen Unigebäudes (mit vielen Labors, die nach fünf Jahren immer noch nicht alle an Startups vermietet sind und trotz akutem Platzmangel nur zwei winzigen Seminarräumen) begrüßten wir den damaligen Hochschulminister Hahn mit dem Eindruck eines übervollen Hörsaals in der Aula. Um seine Rede halten zu können, musste er über die Studis, die gefesselt am Boden saßen, drübersteigen, was natürlich sehr schönes Bildmaterial lieferte. Wir begleiteten die Wahl eines neuen Rektors mit einem kleinen Theaterstück, vernetzten uns mit anderen Protestgruppen, bildeten Unterarbeitsgruppen, trafen uns mit Lehrenden (deren Situation in vielen Fällen ebenfalls beschissen ist und war), organisierten Demozüge, hielten Reden, mobilisierten, jammerten der Uni Räume ab (die sie uns bereitwillig gab, weil sie nicht auch noch eine Besetzung wollte) und freuten uns über das Lauffeuer der Besetzungen, das sich über Europa ausbreitete. Irgendwo gibt es wohl ein Video einer Besetzung in den USA, in der eine_r der Besetzer_innen sagt: „Let‘s do it Vienna Style!“. Ich freue mich immer noch ein wenig, wenn ich daran denke.

Ich war vor allem an der BOKU aktiv, besuchte das Audimax aber natürlich auch immer mal wieder und hatte dort jedes mal das Gefühl, an einem wichtigen Ort zu sein, im Zentrum der Bewegung. Ein Jahr später war ich durch Zufall auf einer dieser Diashow-Veranstaltungen. Da war nichts mehr von der Magie zu spüren. Das mag auch daran liegen, dass die lange Besetzung eine Renovierung nach sich zog, aber überrascht hat es mich damals doch.

Audimaxismus cc-by-nc sliceoflife

Die #unibrennt-Bewegung hat eigentlich fast keines ihrer Ziele oder Forderungen erreicht. Natürlich wurden enorm viele Menschen politisiert und die Medienlandschaft bearbeitet das Thema (Hochschul)bildung öfters und mehr als davor, aber sehr vieles von dem, was „wir“ damals verhindern wollten, wovor wir gewarnt haben, wurde umgesetzt: eine verschärfte Studieneingangs- und Orientierungsphase, die in vielen Studiengängen dazu benutzt wird, Neulinge rauszuprüfen, Studiengebühren (zum Teil wieder zurückgenommen, für sogenannte „Drittstaatenangehörige“ allerdings verdoppelt!) und Zugangsbeschränkungen. Von den maroden Unibudgets, von zu kleinen Gebäuden, von mieser Lehre im Massenbetrieb und oft fehlenden Wahlmöglichkeiten will ich lieber nicht anfangen, denn sonst wird dieser Post niemals enden. Ah, und nachdem sich in kurzer Folge drei Minister_innen mit #unibrennt und den Nachfolgerinnen herumschlagen mussten, wurde das Wissenschaftsministerium vor etwas weniger als einem Jahr ganz abgeschafft.

Eine der beiden Bedeutungen des zweideutigen Bewegungsnamens, nämlich jene, dass an den Universitäten und Hochschulen in Österreich „der Hut brennt“, stimmt immer noch. Wir – und alle, die nach uns mit einem Studium angefangen haben – haben uns halt daran gewöhnt. Einen Moment lang hatte ich das Gefühl, dass wir überhaupt nicht verlieren könnten, dass unsere Argumente zu gut wären, dass wir zu viele wären, die eine gewaltige Maschinerie auf die Beine gestellt hatten, um nicht gehört zu werden. Letzten Endes ging #unibrennt den Weg jeder Protestbewegung: Die Leute wurden müde, mussten wieder studieren und arbeiten und irgendwann zerfranste alles. Auch an der BOKU, wo wir es doch geschafft hatten, mit dem „Haus der Studierenden“ einen dauerhaften Ort für studentische Selbstbestimmung zu schaffen, floss bald mehr Energie in die Erhaltung des Raumes als in andere Aktionen. Immer mehr Menschen verloren das Interesse und der Raum wurde kaum noch genutzt. Genauso muss festgehalten werden, dass #unibrennt auch an den eigenen Ansprüchen gescheitert ist – über Sexismus und Rassismus wurde (soweit ich es mitbekommen habe) wenig reflektiert. An einige „diese Feminist_innen machen unsere Bewegung kaputt!11“-Aussagen kann ich mich leider schon noch erinnern.

Ich habe für mich persönlich enorm viel mitgenommen: als allererstes natürlich viele gute Freund_innen, dann kam ich durch meine Mitarbeit in der Presse-Arbeitgruppe von #bokubrennt irgendwann in das Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der ÖH BOKU (die gesetzliche Studierendenvertretung an meiner Uni), wurde 2011 Chefredakteur des dortigen ÖH_Magazins und landete 2013 beim progress. Ohne #unibrennt wäre das nicht passiert, ohne #unibrennt wäre ich im ersten Semester wahrscheinlich ziemlich verzweifelt zwischen Vorlesungen in Kinosälen und Mitstudierenden, die sich nur darüber unterhielten, wie welche Prüfungen möglichst schnell zu erledigen seien (Hey, in der zweiten Uniwoche hätte ich gerne mehr Enthusiasmus gehabt!). Ich wäre nicht dort, wo ich jetzt bin, ich wäre nicht der Mensch, der ich bin, hätte es diese Protestbewegung nie gegeben. Ich bin immer noch sehr froh darüber, dass ich mein erstes Semester auch damit verbracht habe, über Fragen wie „Was ist Bildung? Wer hat Zugang zu Hochschulbildung? Wer wird ausgeschlossen? Wie und wieso wollen wir überhaupt lernen?“ nachzudenken. Ich hätte letztes Jahr sicherlich auch nicht so viel Energie in die Protestbewegung gegen die Reform der luxemburgischen Studienbeihilfen (#streik6670) gesteckt, hätte ich nicht bei #unibrennt erfahren, dass sich solche Proteste auch dann lohnen können, wenn sie ihr nominelles Ziel nicht erreichen.

Die Unis und Hochschulen brennen weiter. Die Frage ist nur: Wie hoch muss der Leidensdruck bis zur nächsten Protestbewegung werden?

photos: cc-by-nc Martin Juen & cc-by-nc sliceoflife

2 Kommentare “Fünf Jahre brennende Unis

  1. Pingback: Zweitausendvierzehn | enjoying the postapocalypse

  2. Pingback: Hallo wort.lu-Leser_innen! | enjoying the postapocalypse

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *